Aus Intelligenz und Luft gebaut

Centre Civic Cristalleries Planell in Barcelona (E)

Die Architekten von HARQUITECTES haben die Überreste einer einstigen Glasfabrik in Barcelona zu einem durch seine Biothermik und seine rohe Schlichtheit faszinierenden Bürgerzentrum ausgebaut. Natürlich hat die kompromisslose Lösung auch ein paar fragwürdige Aspekte.

Architekten: HARQUITECTES
Tragwerksplanung: DSM arquitectes

Kritik: Markus Jakob
Fotos: Adrià Goula

Im Jahr 1925 wurde in einer der größten Glasfabriken Europas, im Viertel Les Corts im Westen Barcelonas, ein Streik ausgerufen. Ungewöhnlich daran war, dass hier Kinder, die in den Cristalerías Planell grausam ausgebeutet wurden, den Aufstand übten. Ihr Anführer, Francesc Pedrá, war damals gerade elf Jahre alt. Als Anarchosyndikalist überlebte er den Spanischen Bürgerkrieg und – in französischen und deutschen Lagern – auch den Zweiten Weltkrieg. Er starb erst 2000, fast ein halbes Jahrhundert nach seinem ersten Widersacher, dem Glasfabrikanten Planell. Beide Namen sind hier heute präsent – dem Sozialaktivisten ist eine Straße gewidmet und das neue Bürgerzentrum wird nun katalanisch Cristalleries Planell genannt, inmitten eines Viertels, das alle Widersprüche eines einst vorstädtischen, längst im Stadtmoloch aufgegangenen Dorfs in sich vereint.

Der Name Les Corts bezieht sich nicht, wie man annehmen könnte, auf einen höfischen Ursprung; gemeint sind vielmehr die Bauerngüter, von denen nur wenige die stürmische urbanistische Entwicklung der Franco-Jahre überlebt haben. Dazu gehören das Camp Nou des FC Barcelona, die Verlängerung von Cerdás Diagonale mit der Zona Universitaria, und schließlich L’Illa, das von Rafael Moneo quergelegte Rockefeller Center Barcelonas, das in seinem Innern den Carrer Anglesona fortsetzt, an dem die Hauptfassade der Fabrik liegt.

Die Glasfabrik war 1910 in unmittelbarer Nähe der um 1850 erbauten Kirche eröffnet worden. Sie wuchs nordwärts Richtung Diagonal, beschäftigte in den 40er Jahren über 500 Arbeiter und schloss 1956 kurz nach dem Tod ihres Gründers. Seither zerfiel das Gebäude, und mit der Verlängerung des Carrer Europa wurde es bis auf zwei Außenmauern abgerissen. Übrig blieben zwei spitzwinklig dreieckige, spiegelsymmetrisch von der neuen Straße durchtrennte, schier unmöglich zu bebauende Grundstücke. Mit seinen knapp 500 m2 nimmt das Centre Civic nun kaum ein Zehntel des einstigen Fabrikgeländes ein.

Das Herzeigen der Materialität

Kritiker haben bemängelt, dass die beiden Dreiecke, obwohl mit Gemeindebauten bebaut, keinerlei Dialog eingehen. Zum einen entstand ein Kindergarten, äußerlich durch seine farbige, durchlöcherte Blechfassade charakterisiert, zum anderen das Centre Civic. Die Straßenräume rundherum sind, der hoch entwickelten urbanen Grammatik Barcelonas entsprechend, vorbildlich verkehrsberuhigt; hier allerdings mit für örtliche Standards eher plump wirkenden Straßenleuchten verunziert.

Via Wettbewerb erlangten die seit 2000 zusammenarbeitenden vier Partner von Harquitectes 2010 den Auftrag für das Centre Civic. Ihr in der Vorstadt Sabadell angesiedeltes Büro ist bis heute eng mit der dortigen Architekturschule verbunden. Von der Fabrikanlage blieben lediglich zwei denkmalgeschützte, zweigeschossige Ziegelfassaden erhalten. Das Bauprogramm erforderte eine Aufstockung auf vier Geschosse. Unterzubringen waren eine Erwachsenenschule, ein Geschoss für die übliche katalanische Sprachförderung sowie ein weiteres für Co-Working-Projekte.

Schon von außen gibt sich der Bau möglichst schlicht. Die alten Mauern wurden über zwei Ecken durch eine zweigeschossige Glasbausteinmauer aufgestockt – transluzid und im Gegenlicht recht spektakulär. Ebenso charakteristisch bleiben die ellipsoiden Fenster und die Ausbauchung über dem alten Portal. Der neue Haupteingang wurde indessen diskret auf die schmale Westseite verlegt.

Die frisch errichtete Nordseite gegenüber dem wellblechernen Kindergarten ist – von einigen Sichtbetonbändern abgesehen – gleichfalls ziegelgemauert, darin eben eingelassen fünf rechteckige Fenster. Die beiden neu gebauten Ecken sind mit etwas zu neckisch versetzten Backsteinen ausgebildet, und die Punktierungen in Teilen des neuen Mauerwerks erschienen bei der an den Tag gelegten gestalterischen Zurückhaltung fast schon frivol, würde man später nicht entdecken, dass sie eine Menge Licht ins Gebäudeinnere filtern. So wie natürlich die vier durchscheinenden Solarkamine, die den Bau von außen am klarsten definieren. Gut sichtbar sind sie trotz ihrer Höhe indessen nur von der Nordseite her.

Man betritt das Gebäude durch einen gedeckten Patio, der das verzwickte Grundstück en miniature wiedergibt (eine Matroschka sozusagen). Offensichtlich wird unmittelbar, dass das Raue, das roh Belassene von den Architekten auch als Stilmittel verwendet wird. Die Funktion wird nie hinter dubiosen ästhetischen Absichten verborgen. Der Verzicht auf Beschichtungen und Bekleidungen, die Atmung unbehandelter Materialien hat praktische Gründe. Die Energieeffizienz wird jedoch zugleich als radikale Ästhetik inszeniert. Man glaubt sich im einzigen Treppenhaus und dem zentralen Flur in einem Rohbau; alles wirkt unfertig. Fugen bleiben offen, sämtlichen Installateuren wurde freie Bahn gelassen. Selbst die Ziegelwände der Hörsäle sind lediglich weiß gestrichen, die Möblierung – Tische und Stühle – ebenso wolkenartig weiß. Im Ergebnis hat das Centre Civic die Anmutung eines gipsernen Architekturmodells. Das ist natürlich auch kostengünstig, aber die Architekten führen ein erstaunliches weiteres Argument für dieses Vorgehen an: Das Gedächtnis des Baus beginnt schon vor seiner Nutzung, in seiner Bauzeit, und nicht erst durch die Abnutzung anfangs aseptisch wirkender Oberflächen. »Wir bekleiden grundsätzlich nichts. Manche Kunden nehmen daher gleich Reißaus.«

Keine Theorie ohne Praxis

Indem das Projekt das Grundstück in drei Streifen schneidet sowie mit dem einzigen Treppenhaus und den Mittelgängen, meistert es die Tücken des Bauplatzes, zu denen hier die obligatorische, heute oft zu selbstverständliche Bewahrung der Fassaden-Reste gehörte. Entstanden ist ein wiewohl hybrides, so doch leicht lesbares Gebäude in einem urbanistisch vertrackten Viertel. In den Worten der Architekten: Komplexität ja, Komplizierung nein.

Das Raumprogramm – Hörsäle und Büros – wurde so generell gelöst, dass es jederzeit auch anderen Zwecken dienen kann. Hauptsache war für die Architekten von Anfang an die natürliche Klimatisierung. Erst im Innern wird man gewahr, dass zwischen den alten Außen- und den neuen Innenmauern annähernd 2 m breite Höfe, genauer: Schächte entstanden sind. Trotz dieser Verdoppelung der Mauern fällt durch die Oberlichter und die diversen seitlichen Öffnungen reichlich Tageslicht ein. V. a. aber gewährt dieser Luftraum, ergänzt durch ein kleines UG und die Solarkamine auf dem Dach, den klimatischen Metabolismus des Gebäudes. Im Winter erzeugen die bis zu 60 cm dicken ursprünglichen Mauern und ihre Aufstockung aus Glasbausteinen einen Treibhauseffekt (auch die neuen Ziegel wurden entsprechend mihrer Porösität gewählt). Die inneren Schachtwände, die in den Kaminen münden, sind eigentlich Schornsteine. Die Düsen schließlich, an den Spitzen der Kamine, erzeugen den Venturi-Effekt, der im Sommer für natürliche Kühlung sorgt. Im Winter so dicht, im Sommer so durchlässig wie möglich. Die Cristalleries Planell sollen nur 30 % der für vergleichbare Bauten aufzuwendenden Energie verbrauchen. Schade ist bloß, dass die vier sie kennzeichnenden Kamine unter der Dachhaut im Innern unsichtbar bleiben. In der Praxis blieb die Theorie der natürlichen Belüftung hier in einer vielleicht zu radikalen Ästhetik stecken.


  • Standort: Carrer del Dr. Ibáñez, 38, E-08014 Barcelona

Bauherr: BIMSA (Barcelona d’Infraestructures Municipals)
Architekten: HARQUITECTES (David Lorente, Josep Ricart, Xavier Ros, Roger Tudó)
Mitarbeiter: Blai Cabrero Bosch, Montse Fornés Guàrdia, Toni Jiménez Anglès, Berta Romeo, Carla Piñol, Xavier Mallorquí, Andrei Mihalache
Tragwerksplanung: DSM arquitectes, Vic
HLS-Planung: TDI enginyers, Barcelona
BGF: 1 694 m²
BRI: 6 818 m³
Baukosten: 1,94 Mio. Euro
Bauzeit: November 2014 bis November 2016

  • Beteiligte Firmen:

Rohbau, Maurerarbeiten: Construcciones Deco, Barcelona, www.decosa.net
HLS: Mercadomótika, Barcelona, www.mercadomotika.com
Gebäudetechnik: Controlli Delta Spain, Barcelona, www.controlli.es
Luftkissen: IASO, Lleida, www.iasoglobal.com
Metalbau: Transmetal, Lliçà de Val, www.transmetalsa.com
Aufzug: Orona, www.orona-group.com
Holzbau außen: Carinbisa, Esplús, www.carinbisa.com
Holzbau innen: Decoval, Barberà del Vallès
Fensterantrieb: Geze Iberia, www.geze.es


Unser Kritiker Markus Jakob war auf Anhieb fasziniert und die kritische Auseinandersetzung mit dem ungewöhnlichen Bau und Konzept reizte ihn, sodass er, trotz seines knappen Zeit-Budgets, uns den Artikel begeistert zusagte.

Markus Jakob
1954 in Bern geboren. Lebt seit 1984 in Barcelona. Berufstätigkeit als freier Journalist, lange Jahre vornehmlich für die Beilagen und das Feuilleton der NZZ. Schwerpunkte Städtebau und Architektur. Heute hauptsächlich wieder als literarischer Übersetzer tätig.

HARQUITECTES

David Lorente Ibáñez

Studium an der ETSA Vallès, 2000 Diplom. Seit 2000 gemeinsames Büro HARQUITECTES mit Josep Ricart Ulldemolins, Xavi Ros Majó und Roger Tudó Galí.

Josep Ricart Ulldemolins

Studium an der ETSA Vallès, 1999 Diplom. Seit 2000 HARQUITECTES. Lehraufträge an verschiedenen spanischen Universitäten, 2015 an der University of Texas, Austin (USA).

Xavi Ros Majó

Studium an der ETSA Vallès, 1999 Diplom.
Seit 2000 HARQUITECTES. Lehraufträge an verschiedenen spanischen Universitäten, 2015 an der
Porto Academy. 2010 Gründung des Architekturblogs Arquitectures234.blogspot.com.

Roger Tudó Galí

Studium an der ETSA Vallès, 1999 Diplom.
Seit 2000 HARQUITECTES. Lehraufträge an verschiedenen spanischen Universitäten, 2013-14 an der Universität Umeå (S), seit 2015 für den Masterstudiengang Architektur an der ETSAV.