Konstruktion im Kontext

Bürogebäude in St. Gallen (CH)

Stützenfrei wünschten sich die Auftraggeber ihre Bürogeschosse, und so entwickelten die Architekten und Ingenieure ein Deckenfaltwerk, das einer konventionellen Flachdecke in vielfacher Hinsicht überlegen ist. Darüber hinaus fügt sich der Neubau auf kongeniale Weise in das um 1900 entstandene Stickereiquartier in St. Gallen ein.

Architekten: Corinna Menn und Mark Ammann
Tragwerksplanung: Ingegneri Pedrazzini Guidotti mit Borgogno Eggenberger

Kritik: Hubertus Adam
Fotos: Roger Frei, Ingegneri Pedrazzini Guidotti

An der Unterstraße in St. Gallen, in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, befindet sich seit 2017 der Sitz des Unternehmens Namics, einer Digitalagentur. 1995 als Start-Up von Absolventen der Hochschule St. Gallen gegründet, gehört es seit 2012 zur japanischen Dentsu Holding und ist deren amerikanischer Tochter Merkle angegliedert.

Das bislang unbebaute städtische Grundstück inmitten des Stickereiquartiers wurde im Erbbaurecht vergeben; die Pensionskasse ASGA finanzierte den Neubau. Dieser entstand nach Entwürfen von Corinna Menn und Mark Ammann aus Zürich, die mit dem Ingenieurbüro Pedrazzini Guidotti aus Lugano zusammenarbeiteten.

Mit seiner schlichten sandfarbenen Klinkerfassade, die durch von Stockwerk zu Stockwerk sich verjüngenden Pfeilervorlagen gegliedert wird, wirkt das Gebäude zurückhaltend, insbesondere, wenn man es mit seinem palastartigen Gegenüber vergleicht, einem kuppelbekrönten ehemaligen Geschäftshaus des Architekturbüros Leuzinger & Niederer aus den Jahren 1912/13.

Exportboom

In der Zeit um 1900 erlebte die Stickereiindustrie in der Ostschweiz ihre größte Blüte. Die Textilproduktion hatte die Region über Jahrhunderte geprägt: seit dem Mittelalter die Leinwandherstellung, seit dem 18. Jahrhundert die Baumwollindustrie. Bis zu 50 % der Arbeitskräfte entfielen im ausgehenden 19. Jahrhundert auf die Stickereiproduktion, deren Volumen durch den zunehmenden Maschineneinsatz ständig wuchs. Stickereiwaren stellten vor dem Ersten Weltkrieg mit 18 % am Gesamtumfang die wichtigste Exportsparte der Schweizer Wirtschaft dar, und das Handelszentrum war St. Gallen.

Südlich des Bahnhofs, am Hang des Bernegg-Hügels und in strategisch günstiger Lage zur Hauptpost und zu den Güterschuppen, entstanden in diesen Jahren monumentale Handelshäuser: aufgrund der flexiblen Unterteilung im Innern als Eisenbetonkonstruktionen erstellte Großbauten mit repräsentativen Fassaden, deren Formensprache zwischen späten Historismus und Jugendstil oder Reformarchitektur oszilliert.

Die auch als »Stickereipaläste« titulierten Firmengebäude dieser Zeit formen ein ganzes Stadtviertel, das hinsichtlich Einheitlichkeit und Eindrücklichkeit dem Kontorhausviertel in Hamburg oder den Messepalästen in Leipzig kaum nachsteht. In den Häusern wurden die Waren veredelt, konfektioniert, den Einkäufern präsentiert und versandfertig gemacht. Wichtigster Absatzmarkt für die St. Galler Strickerei waren zu dieser Zeit die USA, wovon Namen der Handelshäuser wie »Pacific« oder »Chicago« zeugten. Und so ist es auch kein Wunder, dass die Konstruktion der Bauten mit Eisenbetonskelett und vorgehängter Fassade die bautechnischen Innovationen aus der Neuen Welt, namentlich aus Chicago, reflektierten.

Über die Brücke

Der Neubau für Namics schließt auf der Westseite unmittelbar an ein Geschäftshaus von 1912 mit vertikal gegliederter Sandsteinfassade, Mansarddach und Segmentgiebel an, während die stirnseitige Brandwand im Osten einem künftigen Lückenschluss der Häuserzeile herbeizusehnen scheint. Die Unterstraße verläuft parallel zum Hang, der Bauplatz selbst war von einem enormen Gefälle geprägt, wie es auch für die Grundstücke in der Nachbarschaft typisch ist: Das Niveau auf der Rückseite liegt zwei Geschosse tiefer als das auf der Straßenseite. Dies hat zu einer für das Quartier typischen Lösung geführt: Die Straße wird von einer Stützmauer abgefangen, sodass das 1. UG über einen dem Gebäude vorgelagerten Graben belichtet werden kann und nur das 2. UG halb als Keller ausgebildet werden musste. Diese Disposition haben Menn und Ammann aufgegriffen. Man betritt das Gebäude also entweder über einen brückenartigen Übergang auf der Straßenseite – oder auf der Rückseite im 2. UG, das hier dem Bodenniveau entspricht. Ein mittiger Korridor aus Glasbausteinen trennt die zur Fassade hin orientierten, fremdvermieteten Besprechungszimmer von den Nebenräumen im Sockel.

Namics wünschte sich maximale Flexibilität im Innern – also keine zentralen Korridore und auch kein Stützenraster in den Räumen der Geschosse darüber. Um dies bei einer Gebäudetiefe von fast 13 m zu ermöglichen, entwickelten Architekten und Ingenieure eine Faltdeckenkonstruktion aus Spannbeton, deren Last über die Pfeiler der in Ortbeton erstellten und durch Spanngurte im Sturzbereich armierten Längswände abgetragen wird. Da die eingetragene Last von Geschoss zu Geschoss nach oben hin geringer wird, nimmt auch die Breite der Wandpfeiler nach oben hin ab – und umgekehrt die der Holz-Metall-Fenster zu. Die Faltdecken selbst sind zur Mitte hin mit 15 cm dünner ausgebildet als an den Auflagern, wo die Dicke 23 cm beträgt. Die nach oben respektive unten weisenden Spitzen der Decke wurden durch Rippen in Form druck- oder zugbelasteter Gurte verstärkt und mit der Leitungslage einer Bauteilaktivierung zur Raumtemperierung ausgestattet. Die statisch wirksame Höhe der Deckenkonstruktion beträgt insgesamt 66 cm. Die durch die Faltung unterhalb des Fußbodens befindlichen Hohlräume nehmen die sonstige Haustechnik – Lüftung, Wasser und Abwasser sowie Elektro- und Datenleitungen – auf.

Rhythmisiert

Die Betonoberflächen von Decken und Pfeilern zwischen den Fenstern zeigen sich in den Bürogeschossen unverhüllt. Das Deckenfaltwerk rhythmisiert den frei fließenden Raum, der sich zwischen den beiden aussteifenden Erschließungskernen an den Gebäudestirnseiten aufspannt. Im Gegensatz zu einer Flachdecke, die auch ein Mehr an Beton und Armierung erfordert hätte, wird die Büroetage in ihrer Länge durch das sechsfach geknickte, leicht dachartig wirkende Faltwerk subtil gegliedert. Kleine Besprechungsräume sind als separate Boxen, abgelöst von Fassade und Decke, in den Raum eingestellt.

Das oberste Geschoss ist aufgrund baurechtlicher Vorgaben als Staffelgeschoss mit vorgelagerten Dachterrassen ausgebildet. Da es hier nicht möglich war, die Kräfte in die Längswände einzuleiten, musste eine andere konstruktive Lösung gefunden werden. Ein knapp 40 m langer Hohlkastenträger aus Stahl mit tapezoidem Querschnitt bildet sozusagen das Rückgrat des Dachaufbaus und überträgt die Kräfte auf die Wandscheiben an den Gebäudeschmalseiten. Auskragende Stahlrippen tragen das Dach und halten die Glasfassaden der stützenfreien Längswände in Position.

Die konstruktiven Finessen des Baus bleiben von außen mehr oder minder unsichtbar. Die Klinkerbekleidung der Pfeiler, die sich je Geschoss um die Länge eines Backsteins reduziert, zeichnet zwar den Lastverlauf getreu nach, das Faltwerk der Decke aber bleibt verborgen und findet an der Fassade keinen Widerhall. Gewissermaßen gehen Architekten und Ingenieure wie die Entwerfer der Zeit um 1900 vor, welche die eigentliche technische Innovation ihrer Zeit, die Eisenbetonkonstruktion, hinter einer Fassadenbekleidung aus Sandstein verbargen. Beim St. Galler Stickereigeschäftshaus Labhard & Cie. von Pfleghard & Haefeli aus den Jahren 1907/08 beispielsweise wird die Eisenbetonkonstruktion nur partiell an der Hoffassade sichtbar, während sie sich an der vertikal gegliederten Straßenfassade aus Sandstein mit ihrem hohen Fensteranteil nur indirekt ablesen lässt. Menn, Ammann und Pedrazzini gehen vergleichbar vor: Auch hier ermöglicht das Tragsystem eine großzügige, fast raumhohe Verglasung und auch sie wählten eine Fassadengestaltung, die auf die Konstruktion verweist, ohne diese jedoch zu offenbaren. Eine Trennung zwischen repräsentativer Straßen- und schlichter Hoffassade wäre indes nicht mehr zeitgemäß gewesen. Zur Schau getragene Repräsentation ist heute obsolet, und so überzeugt das Äußere mit seiner durch die Pfeilervorlagen zurückhaltend gegliederten Backsteinhaut mit einem eher industriell anmutenden Charakter. Konstruktive Intelligenz paart sich hier mit einer überzeugenden Bezugnahme auf die bauhistorische Tradition: eigenständige Neuinterpretation statt vordergründiger Anbiederung.

Grundriss

Lageplan: Architekten
Längsschnitt: Architekten
Querschnitt

  • Standort: Unterstraße 12, CH-9000 St. Gallen
    Bauherr: ASGA Pensionskasse St. Gallen
    Architekten: Corinna Menn, Chur/Zürich und Mark Ammann, Zürich
    Mitarbeiter: Regula Andriuet, Anne Hangebruch
    Tragwerksplanung: Ingegneri Pedrazzini Guidotti, Lugano mit Borgogno Eggenberger, St. Gallen
    Bauleitung: Gantenbein Partner, St. Gallen
    Generalplaner: Dima Partner, Glarus
    HLKS-Planung, Bauphysik und -akustik: IEP Ingenieure, St. Gallen
    Elektroplanung: Bühler + Scherler, St. Gallen
    Vermessungsplanung: terradata, Gossau
    Brandschutzplanung: PSBauleitung, Abtwil
    BGF: 3 736 m² (SIA 416)
    BRI: 13 360 m³ (SIA 416)
    Baukosten: 12,5 Mio. CHF
    Bauzeit: Oktober 2015 bis Juli 2017

  • Beteiligte Firmen:
  • Fassadenklinker: Milano NF 240/115/71, Röben, Zetel, www.roeben.com
    Fugenmörtel: Fixit 987 KK, Fixit, Holderbank, www.fixit.ch
    Putz Brandwand: Korn 5mm, Hagasit, Haga, Rupperswil, www.haganatur.ch
    Fenster-, Türgriffe: Mega, Gossau, www.mega.ch
    Dreifach-Isolierverglasung: Silverstar Combi 70/35, Glas Trösch, Bützberg, www.glastroesch.ch
    Bodenbelag Staffelgeschoss: Calciumsulfat-gebundener Fließestrich, Kirchhofer-Boden-Systeme, Veltheim, www.kbs-ag.ch
    Textile Deckenbespannung Attikageschoss: Twilight Space, Sattler, https://suntex.sattler.com
    Trennwände: MDF durchgefärbt, Valchromat, Lissabon, www.valchromat.pt
    Feinsteinzeugfliesen: Auriga, Winckelmans, Lomme, www.winckelmans.com
    Teppichbelag: Flatisca SL, Tisca, Bühler, www.tiscatiara.com
    Sauberlaufzone: Porta 20124, naturfarben, Ruckstuhl, www.ruckstuhl.com
    Leuchten: Zero I, LED (Treppenhaus, Randfelder) und Pendelleuchte Sirius, LED (Staffelgeschoss), Lucis, Brno, www.lucis.eu


  • Unseren Kritiker Hubertus Adam fasziniert das St. Galler Stickereiquartier seit Langem. Er versteht den Neubau Unterstraße 12 als adäquate, zeitgemäße und intelligente Fortschreibung in diesem Kontext.


    Corinna Menn

    1994-2000 Architekturstudium an der ETH Zürich und der Harvard University. Mitarbeit bei Herzog &de Meuron, seit 2002 eigenes Architekturbüro in Zürich und Chur.

    Mark Ammann

    1991-98 Architekturstudium an der ETH Zürich. 1999-2005 Mitarbeit im Büro Kollhoff und Timmermann Architekten als Projektleiter. 2005-12 Assistenz an der ETH Zürich. Seit 2005 eigenes Büro. Seit 2018 Lehrauftrag an der FHSG, St. Gallen.

    Ingegneri Pedrazzini Guidotti

    Andrea Pedrazzini

    1990-95 Studium des Bauingenieurwesens an der ETH Zürich. Mitarbeit im Büro Calatrava Vals, Zürich, seit 1997 eigenes Büro. 1998-2004 Assistenz an der Accademia di architettura di Mendrisio. Seit 2000 gemeinsames Ingenieurbüro mit Bruder Eugenio, seit 2012 auch mit Roberto Guidotti. 2012-18 Mitarbeit in der Redaktion von Archi.