Die Vinschgaubahn von Meran nach Mals

Bahnhöfe, Baukästen, Buchstaben

Nach 14 Jahren Dornröschenschlaf verkehrt die 1906 in Betrieb genommene »Vinschgerbahn« seit einem Jahr wieder zwischen der Kurstadt Meran (300 m) und dem Bergort Mals (1050 m). Im Zuge der Revitalisierung dieser wichtigen Verkehrsader wurden nicht nur die alten Bahnhöfe denkmalgerecht saniert, sondern es sind auch einige bemerkenswerte neue Stationen sowie ein einheitliches Haltestellensystem von hohem gestalterischen und funktionalen Wert hinzugekommen.

  • Architekten: Walter Dietl; Architekturbüro D3 Tragwerksplanung: Siegfried Pohl; Wolfgang Oberdörfer; BAUTEAM – Ingenieurbüro
  • Text: Ulrike Kunkel Fotos: René Riller; Klaus Röthele
Während vieler Jahrhunderte war Tirol zwar Durchgangsland für die Verbindungen von Norden in den Süden. Die systematische, wenn auch immer noch lückenhafte, Erschließung abgelegenerer Täler begann aber erst mit Eröffnung der Brennerbahn 1867 und der Bahn durch das Pustertal 1871. Für den schwer zugänglichen Alpenraum mit seiner schwachen Agrarstruktur und seinen ungünstigen Bedingungen für die Ansiedelung von Industrie, bot der Fremdenverkehr schon früh eine wichtige Entwicklungschance. Zwingende Voraussetzung hierfür war allerdings ein gutes Schienennetz mit einer zuverlässigen Anbindung an die Nachbarländer. Erste Bemühungen von Deutsch- und Welsch-Südtirol, die Regierung in Wien für ein Bahnprojekt durch den Vinschgau über den Reschenpass oder nach Chur zu gewinnen, scheiterten 1894. Daher ergriffen um 1900 die Städte Bozen und Meran mit kommunalen Mitteln die Initiative; nun beteiligte sich auch der Tiroler Landtag und die 59,8 Kilometer lange Strecke mit 14 Bahnhöfen von Meran nach Mals konnte nach nur zwei jähriger Bauzeit am 1. Juli 1906 feierlich eingeweiht werden. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs gerieten die Planungen für eine Verlängerung der Strecke über den Reschenpass ins Stocken – bis heute sind sie nur Fragment geblieben. Für die Landwirtschaft und den Transport des Laaser Marmors leistete die Bahn, die auf ihrer Fahrt immerhin 689,30 Höhenmeter überwindet, gute Dienste. Und so verbesserten sich die Lebensbedingungen der Bevölkerung und veränderte sich das Landschaftsbild ganz erheblich: Auf den ehemaligen Auenlandschaften wurde der Apfelanbau intensiviert – heute prägen über 13 Mio Apfel- und Birnbäume das Bild des Vinschgaus. Doch auch der Tourismus gewann an Bedeutung; es entstanden Bahnhöfe im Landhausstil, die durch historisierende Fassaden mit Eckrisaliten und Fachwerkgliederung der Giebelfelder die Reisenden in Urlaubsstimmung versetzen sollten. Um eine kurze Bauzeit zu gewährleisten, kamen, je nach Größe der Ortschaft, nur zwei verschiedene Gebäudetypen zum Einsatz, die zum Teil aus vorgefertigten Elementen bestanden. Auch die Farbfassung folgte einem klaren Konzept: hellgraue Fassadenflächen mit gelber Gliederung, von denen die Holzbauteile durch einen roten und grünen Ölanstrich abgesetzt wurden. In den Zwanziger Jahren wurden die Bahnhöfe der Vischgaubahn vom italienischen Staat übernommen und farblich an die der Staatsbahn angepasst. ›
› Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Verkehrsaufkommen deutlich geringer, und schnell verlagerten sich die verkehrspolitischen Interessen von der Schiene auf die Straße bis schließlich, nach Jahrzehnten der systematischen Schwächung, die italienische Staatsbahn FS am 2. Juni 1991 den Betrieb einstellte. Der nachfolgende Verkehrskollaps im Vinschgautal verdeutlichte jedoch sehr schnell, dass es sich um eine Fehlentscheidung gehandelt hatte und bald schon wurden von der Provinz Bozen Pläne für die Revitalisierung der Strecke betrieben. Am 5. Mai 2005 konnte die Vinschgaubahn wieder in Betrieb genommen werden.
Individueller Baukasten
Mit der Neugestaltung fast aller Haltestellen, der denkmalgerechten Sanierung einiger historischer Bahnhofsgebäude sowie der Erweiterung des Endbahnhofs Mals wurde der Architekt Walter Dietl aus Schlanders beauftragt. In einer extrem kurzen Planungs- und Realisierungszeit zwischen August 2004 und Mai 2005 konzipierte er ein modulares Fertigbausystem, bestehend aus einer Tragkonstruktion aus verzinktem Stahl, in die eine Wandausfachung aus unbehandelten Lärchenbrettern eingelegt wird; wahlweise können Sitzbänke, Anschlagtafeln und Papierkörbe eingehängt werden. Die Dachentwässerung erfolgt über in die Tragkonstruktion integrierte Rohre. Dieses Modulsystem verleiht den Haltestellen einerseits eine einheitliche Gestalt, andererseits ermöglicht es, auf die unterschiedlichen Gegebenheiten der einzelnen Stationen flexibel zu reagieren: Letztendlich sieht also keine Haltestelle wie die andere aus.
Zwischenstopp in Plaus
Nach dem ersten Drittel der Fahrt fällt ein besonders gestalteter Bahnhof ins Auge – Plaus. Ein altes Bahnhofsgebäude oder die soeben beschriebene Modul-Haltestelle sucht man hier vergebens, stattdessen wird in zwei Meter hohen Lettern aus Stahl der Ortsname PLAUS gebildet. Da der Bahnhof dieser Gemeinde nicht erhaltenswert war, wurde er bis auf die Grundmauern abgebrochen; auf diesen errichteten die Architekten Katrin Gruber und Richard Veneri (Architekturbüro D3) einen Neubau, der sowohl Haltestelle für die Vinschgaubahn ist, ›
› als auch weiteren Nutzungen dient: Im zweigeschossigen, in den Bahndamm gesetzten Gebäude, befinden sich unten Vereinsräume für die örtlichen Jäger und Fischer und oben ein Jugendzentrum, das aus Sicherheitsüberlegungen einen separaten Zugang erhielt, also nicht vom Bahnsteig aus erschlossen wird. Die Fassaden des Zentrums sind mit weißen und roten kunststoffbeschichteten Platten beplankt, um es von dem mit Stahl und Holz verkleideten Haltestellenbereich deutlich abzusetzen und so die unterschiedlichen Funktionsbereiche auch nach außen sichtbar zu machen. Wie zwei große »C«s stehen beide Gebäudeteile aneinander, so dass die unterschiedlichen Funktionen und Materialien gegeneinander gestellt werden. Die großen, skulptural wirkenden Buchstaben des Bahnhofsteils haben keinerlei statische Funktion, sie werden als separate Elemente behandelt und lediglich unter das Dach der Haltestelle gestellt. Eigentlich sind sie hohl, damit sie allerdings nicht so klingen, wurden sie mit Splitt verfüllt. Mit dem Ortsnamen derart spielerisch umzugehen war nur möglich, weil er sowohl im Italienischen als auch im Deutschen gleich lautet, eine Übersetzung also nicht erforderlich war. Geht man von der Station weiter in den Ort, trifft man auf einen kleinen Infostand, der in Form und Material an den Bahnhof erinnert: der Referenzbau für die Station, geplant vom selben Architekturbüro.
Endstation Mals
Die Fahrt mit der Vinschgaubahn endet in Mals. Ein zweigeschossiges Bahnhofsgebäude, eine Lagerhalle, ein Wasserturm und eine Remise bilden hier ein historisches Ensemble. Die Remise – ein verputzter Bau, rhythmisiert durch flache, farblich abgesetzte Risalite und sieben Fensterachsen – wurde wiederum von Walter Dietl durch einen silbrig glänzenden Ziehharmonika-ähnlichen Bau um weitere sieben Achsen verlängert und beherbergt nun die Serviceeinrichtungen für die dieselbetriebenen Züge. Die außenliegende Tragkonstruktion aus verzinkten Stahlprofilen nimmt den Rhythmus der alten Remise auf, zwei schmale horizontale Fensterbänder gliedern die Fassade des Anbaus. Die Einfahrt für die Züge wird von zwei rot-orangefarbenen Toren markiert. Über den Baukörper hinaus ragt eine Metallschiene an der Beleuchtungskörper hängen. Auf dem von ihnen beleuchten Platz steht, in Verlängerung der Remise, ein auskragender Betonwinkel, der die Farbe der Tore aufnimmt; unter ihm befinden sich Öllager und Zapfsäule. Bis nach Mals sind 75 Minuten vergangen, in denen man zwischen Apfelbaumplantagen entlang der Etsch den Ausblick auf das Bergpanorama und reizvolle, zeitgemäße Bahnarchitekturen genießen konnte. •
  • Mals (Sanierung und Anbau Remise)/Fertigbausystem der Haltestellen: Bauherr: STA – Südtiroler Transportstrukturen AG, Bozen Architekt: Dr. Walter Karl Dietl, Schlanders Mitarbeiter (Mals): Thomas Hickmann, Andreas Kaserer Mitarbeiter (Haltestellen): Thomas Hickmann, Patrik Fössinger, Martin Thoma, Heiko Mehlmann, Monika Siller, Irmgard Platzer Tragwerksplanung (Mals): Dr. Ing. Wolfgang Oberdörfer, Latsch Tragwerksplanung (Haltestellen): Siegfried Pohl, Latsch Lichtplanung: Dr. Walter Karl Dietl Elektro,- Heizungs- und Sanitärplanung : Dr. Klaus Fleischmann & Dr. Gerhard Janser, Latsch
  • Mals: Nutzfläche: 588,24 m² Umbauter Raum: 5 301 m³ Baukosten: ca. 1 065 000 Euro Planungszeit: September 2003 bis Oktober 2003
  • Plaus (Neugestaltung Bahnhofareal, Errichtung eines Jugendraums): Bauherr: Gemeinde Plaus Architekten: Architekturbüro D3, Kathrin Gruber, Richard Veneri Tragwerksplanung: BAUTEAM – Ingenieurbüro, Latsch Ausführung: März 2005 bis März 2006 Baukosten: 381 682 Euro Überbaute Fläche: 257 m² Kubatur oberirdisch: 860 m³
  • Beteiligte Firmen Plaus: Baumeister: BAUMÄNNER GmbH, Kastelbell-Tschars Zimmerer: LUNER EGON & CO. OHG, Plaus Schlosser: FISCHNALLER Friedrich & Co. OHG, Villnöß/Teis Hydrauliker: Blaas, Plaus