Die Wucht des Filigranen

Arter Museum für zeitgenössische Kunst, Istanbul

Als eines von drei privaten Museen für zeitgenössische Kunst füllt das Arter Museum ein kunstpolitisches Vakuum in Istanbul. Seine enormen Dimensionen werden von der mehrfach gebrochenen Geometrie gemildert, v. a. aber von der feinen Ornamentik aus rhomboiden Betonelementen. Mit diesen und ihrem Spiel von Licht und Schatten erinnert Grimshaw nicht nur an die bauhistorische Tradition der Stadt, sondern inszeniert auch Themen wie den Gegensatz zwischen offen und geschlossen und die Übergänge dazwischen.

Architekten: Grimshaw, TAM Mimarlık
Tragwerksplanung: Thornton Tomasetti, A-Teknik

Kritik: Hubertus Adam
Fotos: Quintin Lake, Cemal Emden, flufoto

Welche städtebaulichen Vorstellungen Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan verfolgt, lässt sich rund um den Taksim-Platz in Istanbul verfolgen. Wenige Hundert Meter westlich entsteht am Tarlabaşı Boulevard »Taksim 360«, laut Website das größte städtebauliche Erneuerungsprojekt der Türkei. Mit dem Slogan »We have designed the future inspired by the past« werben die Investoren für ihre sterile neotraditionalistische Apartment- und Büro-Architektur, für die ein ganzes Stadtviertel weichen musste. Gentrifizierung hier, Islamisierung dort: Direkt am Taksim-Platz setzt die im Rohbau fertiggestellte Moschee des Architekten Şefik Birkiye, der auch Erdoğans Palast in Ankara entworfen hat, ein unübersehbares Zeichen. Sie stellt gewissermaßen den Gegenpol zum säkularen Atatürk-Kulturzentrum aus den 60er Jahren auf der anderen Platzseite dar, das inzwischen abgerissen wurde. Doch nach Plänen von Murat Tabanlıoğlu, dem Sohn des Architekten des Ursprungsbaus, entsteht das Kulturzentrum neu. Die Moschee in traditioneller Formensprache und das kemalistischem Geist entsprungene Kulturzentrum verkörpern zwei Facetten Istanbuls, zwei Facetten der heutigen Türkei.

Drei Wasserwerfer sind am höchsten Punkt des Taksim-Platzes geparkt, dort wo der Gezi-Park beginnt und wo der beabsichtigte Bau eines Shopping Centers 2013 die bekannten landesweiten Proteste auslöste. Auch das etwa zehn Gehminuten entfernt liegende Arter Museum, die jüngste bauliche Intervention in der Gegend, ist nicht völlig unumstritten. Die vielbefahrene Irmak Cadde in der Talsohle trennt die beiden Teile des Stadtviertels Dolapdere, das vorwiegend von kurdischen Flüchtlingen, Immigranten und Roma bewohnt wird, aber auch von Studierenden und Künstlern. Mit seinen z. T. nur zwei- oder dreigeschossigen Häusern, den steilen und engen Gassen sowie den kleinen Geschäften wirkt das Quartier wie die Antithese zur Glitzerwelt um die İstiklâl Caddesi, der Hauptgeschäftsstraße, welche den Taksim-Platz mit dem Goldenen Horn verbindet.

Förderung zeitgenössischer Kunst

Getragen wird das Arter Museum von der 1969 gegründeten Vehbi Koç Foundation, die in Bildung, Gesundheitswesen und Kultur investiert und zu den größten privaten Stiftungen des Landes zählt. Hinter ihr steht die in Familienbesitz befindliche Koç Holding, die, gegründet 1926, vom ökonomischen Aufschwung der jungen Republik in Zeiten des Kemalismus stark profitierte und heute als Mischkonzern ein fast unüberschaubares Portfolio von Haushaltswaren über Lebensmittel bis Rüstung aufweist. Die Beziehung zum Staatspräsidenten und seiner Partei AKP ist ambivalent: Zwar profitiert die Holding – insbesondere im Rüstungssektor – von Staatsaufträgen, doch steht die seit Anbeginn westlich orientierte Haltung der großen türkischen Konzerne seit jeher im Widerspruch zur nationalistisch-islamistischen AKP. Das wurde nicht zuletzt 2013 deutlich, als die Koç-Familie ein firmeneigenes Hotel für die Teilnehmenden der Gezi-Park-Proteste öffnete und ihnen dort auch medizinische Versorgung zuteil werden ließ.

Im Bereich der Kultur widmete sich die Stiftung zunächst dem historischen Erbe, sammelte archäologische Funde und islamische Arbeiten, wurde dann aber auch zum Hauptsponsor der Istanbul Biennale. Unterstützt vom deutschen Galeristen und Kurator René Block, der 1995 die 4. Ausgabe der Biennale geleitet hatte, begann man 2007 mit dem Aufbau einer hochkarätigen Sammlung zeitgenössischer Kunst, die heute ungefähr 1 300 Arbeiten von 300 Kunstschaffenden umfasst – zur Hälfe aus der Türkei, zur Hälfte aus dem Ausland. Weil der seit 2010 bespielte Projektraum an der İstiklâl nur bescheidene Präsentationen zuließ, entschied man sich zu einem Neubau – zunächst mit der Absicht, alle Sammlungsbestände in einem Kunstcampus zu vereinen.

Da sich die Grundstückssuche als schwierig erwies, kam die kleinere Lösung eines Museums für zeitgenössische Kunst an einem zentrumsnahen Fabrik-Standort der Holding ins Spiel. Ein anfangs avisierter Bestandsumbau erwies sich als unrealistisch, denn ganz so klein hatte man dann doch nicht gedacht: 40 m ragt der Neubau des Museums in die Höhe – und ein ungefähr gleich großes Volumen verbirgt sich unter der Erde.

Entworfen wurde das Museum von Nicholas Grimshaw, von dem auch der riesige neue Flughafen stammt – Teil einer von Erdoğan vorangetriebenen megalomanen Planung für den Westen Istanbuls, zu dem auch das ökologisch katastrophale Projekt eines zweiten Bosporus zählt.

Ob vor diesem Hintergrund die Wahl Grimshaws, der als britischer High-Tech-Pionier eher für Verkehrsinfrastrukturen und kommerzielle Großprojekte bekannt ist, denn für Kunstmuseen, als Akt des Appeasements oder als subversive Volte zu verstehen ist, lässt sich schwer entscheiden.

Der erste Eindruck: Mit seiner Großform und den sachte dekonstruktiven Verwerfungen der Fassade könnte das Museum auch aus den 90ern stammen. Es dominiert die Umgebung, und wie überall ist Kunst Vorbotin der Gentrifizierung. Doch muss man den Museumsleuten hoch anrechnen, dass sie schon im Vorfeld Kontakt mit den umliegenden Bewohnern gesucht haben und mit Workshops und Veranstaltungen (sowie jetzt mit freiem Eintritt) Schwellenängste abgebaut haben und Integration ermöglichen wollen. Aufgrund der Balance von einheimischen und auswärtigen Positionen, die mal subtil, mal aber auch offensichtlicher eine kritische Haltung beziehen, bietet die Sammlung vielfältige Anregungen. Und zwar für das lokale Publikum ebenso wie für Besucher aus dem Ausland, die hier reichhaltige Entdeckungen machen können.

Struktur und Textur

Auf den zweiten Blick verflüchtigt sich auch die Skepsis gegenüber der allzu großen Form. Denn Grimshaw hat weder einen Hangar noch eine überdimensionale Box gebaut, sondern ein Großvolumen, das sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Ausstellungsräume zusammensetzt. Grob betrachtet differenziert sich das Gebäude in eine zurückgesetzte dunkle Sockelzone, ein mit hellen Strukturelementen bekleidetes Hauptvolumen sowie einen attikaähnlichen Aufsatz, der immerhin noch drei Geschosse umfasst. Prägend für die Gesamtwirkung sind die repetitiven, rhomboiden Strukturelemente der Fassaden aus glasfaserverstärktem Beton, die mit kleinen, glasierten Keramik-Parallelogrammen kombiniert wurden. Die Ausführung der einzelnen Elemente unterscheidet sich: Zu geschossübergreifenden Flächen zusammengefasst finden sich prismatisch nach außen gratig vorspringende oder nach innen einknickende Flächen, außerdem gibt es durchbrochene Elemente aus Profilen und Stegen in wechselnder Ausformung – als Filterstruktur vor den großflächigen Verglasungen oder als Brüstungen vor den Terrassen.

Die Oberflächenstruktur differenziert die Fassade, sie generiert Reflexionen und erzeugt ein lebendiges Spiel von Licht und Schatten; Grimshaw selbst spricht von einer Hommage an die keramischen Oberflächen der historischen Bauten Istanbuls. Zu wörtlich darf man das nicht nehmen: Die Iznik-Keramik, deren Verwendung in der Rüstem-Pascha-Moschee des großen Baumeisteres Sinan zu einem Höhepunkt gelangte, besteht aus Fliesen mit kobaltblauer Bemalung, zu der Karminrot und Türkis hinzukommen. Grimshaw hingegen arbeitet monochrom und nicht mit Fliesen, sondern mit plastisch ausgebildeten Strukturelementen. Gibt es Verbindungen, so die Gliederung von Flächen durch Repetition und Iteration kleinerer Einheiten, die Vorliebe für Muster sowie die schillernde Inszenierung der Oberfläche.

Heterogene Raumsituationen

Im Bereich des Eingangs zieht sich die Fassadenbekleidung bis hinein ins Foyer. Dieses wird beherrscht von einem grandiosen Atrium, das sich, umspielt von Treppen und Galerien, über insgesamt sechs Geschosse nach oben und unten entwickelt. Um dieses herum gruppieren sich die unterschiedlich dimensionierten Ausstellungsräume, die als Boxen gestaltet sind, aber auch Zwischenräume, Korridore, Galerien, Treppenkaskaden. Flexiblität war oberstes Prinzip, es existieren klassische White-Cube- oder Black-Box-Situationen, aber auch völlig offene Raumstrukturen, die zu bewusster Aneignung auffordern. Grundsätzlich bestand der Wunsch der Museumsleitung darin, dass alle Flächen je nach Bedarf unterschiedlich bespielt werden. So können die beiden Auditorien in den UGs aufgrund der teleskopartig ausfahrbaren Sitzreihen auch für Performances genutzt werden, und auch die Terrassen lassen sich für Ausstellungen verwenden. Mit seiner Vielzahl an Ebenen und Raumsituationen wirkt das Museum beinahe labyrinthisch, anders ausgedrückt: überaus abwechslungsreich. Da immer mehrere Ausstellungen parallel stattfinden, wird man sich beim Besuch aber auch eher auf einzelne Bereiche konzentrieren und andere gar nicht ansteuern. Ganz bewusst gerät immer wieder durch die großflächigen Verglasungen oder von den Terrassen aus das Stadtquartier in den Blick. Das Museum sucht den Kontakt zu seiner Umgebung, auch optisch. Wie sich das ambivalente Verhältnis entwickelt, das wird sich erst in einigen Jahren beurteilen lassen. Arter will den Stadtkörper Istanbuls bereichern. Arter steht auf Türkisch für Arterie.


Auch im Innern des Museums versuchte unser Kritiker Hubertus Adam, der Herstellungsweise der Ornamente auf die Spur zu kommen, bannte Ansicht um Ansicht auf seinen Fotospeicher, und kam dennoch ebenso wenig weiter wie durch beharrliches Nachfragen im sehr sparsam kommunizierenden Büro Grimshaw.

Hubertus Adam
Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie in Heidelberg. Freier Architekturkritiker. 1996- 98 Redakteur der Bauwelt, 1998-2012 der archithese. 2010-15 Künstlerischer Leiter des S AM in Basel.

Grundriss EG: Grimshaw, London
Grundriss 1. OG: Grimshaw, London
Grundriss 2. OG: Grimshaw, London
Grundriss 4. OG: Grimshaw, London
Schnitt: Grimshaw, London
Schnitt: Grimshaw, London

  • Standort: Irmak Cd. No:13, Yenişehir, TR-34435 Beyoğlu/Istanbul

Bauherr: Vehbi Koç Foundation, Istanbul
Architekten: Grimshaw, London, mit TAM Mimarlık, Istanbul
Tragwerks- + Fassadenplanung: Thornton Tomasetti, London, mit A-Teknik #
Haustechnik-, Lichtplanung: Max Fordham, London
Akustikplanung: Neil Woodger, London
Brandschutzplanung: Etik Mühendislik, Istanbul
Kostenplanung:
Entegre, Istanbul
BGF: 17 050 m²
Baukosten: 50 Mio. USD (45,5 Mio. Euro)
Bauzeit: August 2015 bis September 2019


Grimshaw

Kirsten Lees

Architekturstudium an der University of Glasgow und Mackintosh School of Architecture, Glasgow, 1994 Diplom. Mitarbeit u. a. bei Michael Wilford and Associates, London. Seit 1997 Mitarbeit als Partnerin bei Grimshaw, seit 2018 als geschäftsführende Partnerin.


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