Im Dialog mit der Stadt

Apartmenthaus in Porto (P)

Der Neubau von Pedra Líquida in Portos Altstadt ist kein Manifest des Betonpurismus. Er schlägt vielmehr eine Brücke zwischen den Jahrhunderten und trägt zur Heilung städtebaulicher Wunden bei. Dreh- und Angelpunkt in diesem Zusammenhang sind die Loggien. Sie lassen eine fast 2 m tiefe Raumschicht entstehen, die als feinsinniger Filter zwischen innen und außen vermittelt.

Architekten: Atelier Pedra Líquida
Tragwerksplanung: VHM

Kritik: Roland Pawlitschko
Fotos: João Morgado

Portos Altstadt genießt seit 1996 Weltkulturerbestatus, und innerhalb des hügeligen Stadtgebiets liegt auch der vor gut 100 Jahren eröffnete Bahnhof São Bento. In unmittelbarer Nähe des Gebäudes befindet sich eine große Brachfläche, die recht irritierend wirkt, wenn man bedenkt, dass die UNESCO explizit das »städtische Gefüge« unter Schutz stellte. Doch städtebauliche Brüche haben an diesem Standort Tradition: Dem Bau des Bahnhofs fiel ein Kloster aus dem 16. Jahrhundert zum Opfer, und um eine prächtige Achse zur berühmten Stahlbogenbrücke Ponte Luís I anzulegen, wurde in den 50er Jahren eigens ein ganzes Altstadtviertel abgerissen und eine breite Schneise in den Fels gesprengt. Dieses ambitionierte Projekt verlief freilich ebenso im Sand wie die inzwischen 20 Jahre alten Pläne Álvaro Sizas, das Areal an der Avenida Dom Afonso Henriques wieder zu verdichten. Bis vor Kurzem prägte den nordöstlichen Rand jener felsigen, kaum vernarbten Wunde im Stadtkörper, noch ein unbebautes Grundstück mit der ruinösen Straßenfassade eines Wohnhauses aus dem 18. Jahrhundert.

Durch eine Konstellation, deren Erläuterung hier zu weit führen würde, erhielt ein Investor die Möglichkeit einer Baurechtsprüfung für eben dieses Grundstück. Der von Alexandra Coutinho und Nuno Grande vom Architekturbüro Pedra Líquida hierfür erstellte Vorentwurf eines Wohnhauses wurde zwar nicht umgesetzt, bildete aber den Ausgangspunkt für das von den Architekten stattdessen realisierte Apartmenthotel São Bento Residences. Das Grundstück ist, wie bei Wohnbebauungen in der Altstadt Portos üblich, schmal und lang und war früher mit mehreren Hinterhäusern bebaut. Diese waren bei Planungsbeginn bereits ebenso verschwunden wie die Räume hinter der Fassade und auch die einst westlich direkt angrenzenden Nachbarhäuser, sodass sich die völlige Neuinterpretation des Orts geradezu aufdrängte. Entstanden ist ein Neubau aus zwei optisch eigenständigen, gestalterisch jedoch einheitlichen Bauvolumen, die an einem haushohen Spalt, in dem sich der Hoteleingang befindet, aufeinandertreffen.

Neu interpretiert

Die alte denkmalgeschützte Natursteinfassade musste penibel genau wiederhergestellt werden, und für die Aufstockung um ein leicht rückspringendes DG in Sichtbeton gab es verbindliche Auflagen. Zum einen war ein Dachgesims vorzusehen, das die Fassade analog zu den Nachbargebäuden optisch nach oben abschließt. Dem entsprachen die Architekten mit einer einfachen auskragenden Betonplatte. Zum andern mussten beide Volumen über ein geneigtes Ziegeldach verfügen – dieses Dach verbirgt sich hinter den über den Traufpunkt hochgezogenen Sichtbetonaußenwänden.

Prägnantester Teil des Neubaus ist das große Bauvolumen an der Avenida Dom Afonso Henriques. Was beim Blick auf dessen Sichtbetonfassade sofort auffällt, sind zwei Dinge: Erstens weisen die gleichförmigen Fassadenöffnungen über dem Restaurant im EG jene Vertikalität auf, von der auch alle alten Häuser Portos gekennzeichnet sind. Zweitens erscheint das Haus durch die tiefen Einschnitte sehr massiv und plastisch. Fenster im herkömmlichen Sinn sind nicht zu erkennen – sämtliche Öffnungen sind, außer im Restaurant im EG, als Loggien ausgebildet. Aus der Entfernung mag diese »Massivität« vielleicht ein wenig unnahbar anmuten. Beim Näherkommen wirkt der mit Stockhämmern großflächig aufgeraute Sichtbeton jedoch angenehm vertraut. Nicht zuletzt deshalb, weil durch die Oberflächenbearbeitung ein wichtiger Zuschlagstoff freigelegt wurde: eine lebhafte Mischung von Körnern verschiedener Granitsorten. Und Granit ist in Porto allgegenwärtig – in Kopfsteinpflastern und Hausfassaden ebenso wie im freigelegten Felsen neben dem Neubau.

Geheimnisvolle Nischen

Die mit versetzt offenen und geschlossenen Feldern präzise komponierte Fassade erscheint auf den ersten Blick als neutrale, zurückhaltend elegante Bauskulptur. Was sich in ihrem Innern verbirgt, wird vielen Passanten auch beim zweiten Blick ein Rätsel bleiben – allein anhand des am Eingang angebrachten Schriftzugs »S. Bento Residences« gibt sich das Haus jedenfalls nicht eindeutig als Hotel zu erkennen. Hotelgäste sehen darin wohl eher den Reiz des Geheimnisvollen als einen Nachteil.

Hat man eines der zwölf Apartments mit Loggia gebucht, begibt man sich nach Passieren der kleinen Lobby (weitere öffentliche Bereiche gibt es nicht) nach oben. Wie aber sehen die Räume hinter der massiven Außenwand aus, insbesondere der Übergang zu den Loggien? Wie fühlen sich die Loggien an? Wie viel Licht fällt durch sie in die Innenräume? Von dieser Neugier getrieben, zieht es einen zuallererst in Richtung Straßenfassade. Auf dem Weg dorthin fällt auf, wie wunderbar asketisch die Räume mit nur wenigen Materialien definiert wurden: Betonestrich, Sichtbetondecken und -außenwände, Fensterrahmen aus Kambala-Holz und Messinggeländer. Wirkt die Loggienfassade von außen monolithisch und ruhig, so erscheint sie von innen feingliedrig und bewegt. Die Abfolge aus unterschiedlich dimensionierten Nischen spiegelt im Innern nicht das gleiche Regelmaß wider, das noch von außen zu sehen war. Das liegt daran, dass die Seitenwände der Nischen jeweils entweder kurz oder lang, aber nie gleich lang sind, und die Verglasung – von außen kaum erkennbar – stets übereck geführt ist. Dadurch öffnen sich die Loggien zum Raum und es entstehen unerwartete Durchblicke und Spiegelungen.

Die Loggien sind recht klein und für herkömmliche Balkonmöblierungen nicht geeignet. Dennoch sind sie so groß, dass zwei Personen dort entspannt sitzen und den Ausblick genießen können. Zu manchen der für 2-4 Gäste geeigneten Apartments gehört eine Doppelloggia mit zwei Öffnungen. Je nach Größe verfügen die Apartments über zwei oder drei Öffnungen, die – nachdem das Haus zur Rückseite komplett geschlossen ist – zugleich die einzigen Tageslichtquellen bieten. Von räumlicher Enge kann dennoch keine Rede sein, eher von einer kontemplativen Konzentration auf den Innenraum, der durch die tiefen Öffnungen gerahmte Ausblicke in die Altstadt zeigt. Einen besonders geborgenen Rückzugsort bieten die meist als Sitzecken genutzten Nischen, deren Raumhöhe hinter einem breiten Betonunterzug jener des Apartments entspricht. Angeregt vom Raumerlebnis dieses unkonventionellen Raums kommt unwillkürlich die Frage auf, wie das Gebäudetragwerk funktioniert.

Ein Abschnitt des Gebäudeteils mit den Loggien liegt oberhalb der unterirdischen Metrostation São Bento, sodass Stützen nur links und rechts der breiten Glasfront des Restaurants zur Avenida Dom Afonso Henriques möglich waren. Über diesen Stützen spannt in Gebäudelängsrichtung in jedem Geschoss ein langer Unterzug, der die Vertikallasten sowohl aus den Apartments als auch aus den um fast 2 m auskragenden Loggien aufnimmt. Diese Rahmenbedingungen erforderten ein komplexes Tragsystem, bei dem die Scheibenwirkung der straßenseitigen Außenwand ebenso wichtig ist wie die Unterzüge, die betonierten Geschossdecken und das Gewicht der rückseitigen, geschlossenen Betonwand. Im Zusammenspiel entsteht ein dreidimensionales Tragsystem, das lediglich in puncto Wärmebrücken Defizite aufweist. So gibt es zwar kerngedämmte Außenwände und Nischen, doch die Übergänge von Balkon- zu Deckenplatten blieben ungedämmt, weil der Bauherr die Kosten für die thermische Trennung scheute. Bauphysikalisch ist dies weniger brisant als es scheint. Schließlich sinken die Temperaturen in Porto auch im Winter nicht einmal bis in die Nähe des Gefrierpunkts.

Bindeglied zur Altstadt

Es ist eine Binsenweisheit, dass die Außenwände eines Hauses die Innenwände der Stadt bilden. Sie erklärt aber, warum die Loggien nicht wesentlich breiter hätten sein dürfen. In diesem Fall hätten sie den Rahmen gesprengt und den Dialog des Neubaus mit den Häusern der Altstadt zerstört. Ein Gebäude mit vorgehängter Glasfassade hätte hier geradezu obszön gewirkt. Fenster in Fassadenebene kamen für die Architekten schon allein deshalb nicht infrage, weil Denkmalschutzvorgaben dann nach Fenstersprossen verlangt hätten. Zurückgesetzte Fenster, wie jene in den Loggien, sind von dieser Regelung hingegen nicht betroffen.

Wie selbstverständlich sich São Bento Residences in sein urbanes Umfeld einfügt, ist gut vom nur wenige Gehminuten entfernten, 75 m hohen Torre dos Clérigos zu erkennen. Dort zeigt sich auch, dass die leicht verspielt hin und her hüpfenden Loggien nicht wie Fremdkörper wirken. Im Gegenteil, sie machen bewusst, dass die Stadt nicht aus einer, sondern aus vielen verschiedenen steingewordenen Zeitschichten besteht – insofern tritt der dezidiert aus der heutigen Zeit stammende Neubau als Brücke zwischen den Jahrhunderten auf. Mit diesem Bild spielt schließlich auch die um die Ecke geführte Natursteinfassade des »Altbaus«, aus dem der Neubau herauszuwachsen scheint. Würde auch die restliche Brachfläche am Bahnhof São Bento mit der gleichen Sorgfalt neu bebaut werden, wäre diese Wunde in Portos Stadtkörper rasch verheilt.

Skizze: Atelier Pedra Líquida, Porto

  • Standort: Avenida Dom Afonso Henriques 200, P-4000–013 Porto
    Bauherr: Nelson Quintas Imobiliária, Porto
    Architekten: Atelier Pedra Líquida, Porto
    Projektteam: Nuno Grande und Alexandra Coutinho (Leitung), Carlos Campos, Catarina Fernandes, Hugo Amaral, Maria Manuel Barreiros, Inês Ribeiro; Ana Sousa and Filipa Figueiredo (Bauüberwachung)
    Tragwerksplanung: VHM, Lissabon
    Baukosten: keine Angaben
    Fertigstellung: 2019


Nuno Grande (rechts) vom Atelier Pedra Líquida nahm sich viel Zeit, als unser Kritiker Roland Pawlitschko im Juli das Apartmenthotel besuchte. Auf ihrem Rundgang legten sie in der offenen Eckloggia im 4 OG, von der aus sich ein wunderbarer Blick auf die Altstadt von Porto bietet, fürs Foto auch kurz mal ihre Gesichtsmasken ab.


Roland Pawlitschko

Architekturstudium in Karlsruhe und Wien. Architekturtheoretische Arbeiten, Ausstellungen und Architekturführungen. Seit 1999 Architekt und freier Autor in München.


Atelier Pedra Líquida

2006 Gründung des Büros Pedra Líquida (Flüssiger Stein) in Porto durch Alexandra Grande, Daniela Coutinho und Nuno Grande. Büroschwerpunkte: Sanierung von Stadthäusern, neue Wohn- und Hotelkonzepte sowie Ausstellungsdesign.