... in die Jahre gekommen

Altenzentrum St. Hildegard in Düsseldorf-Garath

Das städtebauliche Ensemble aus Altenheim, Kapelle, Kirche und Nebenbauten zählt zu den »Wallfahrtsstätten« für Architekturstudenten. Seine skulpturale Kraft ist ungebrochen, sein Raumkonzept kann mit den stark gestiegenen Ansprüchen an zeitgemäßes Altenwohnen jedoch nicht mehr mithalten. Die Zukunft des Baudenkmals ist völlig ungewiss.

Architekt: Gottfried Böhm
Kritik und Fotos: Reinhart Wustlich

1968–70

Das Altenwohnheim St. Hildegard und die Pfarrkirche St. Matthäus, zwischen 1962 und 1970 im Nebenzentrum Südwest der neuen Großsiedlung Düsseldorf-Garath entstanden, zählen zu der Reihe roter Backstein-Gemeinden, die Gottfried Böhm um betonfaltwerkgekrönte Kirchen versammelte. 1968/69 wurde das Altenwohnheim mit 100 Plätzen in 36 Einzel- und 32 Doppelzimmern eröffnet.

Das Gebäudekonzept entwickelte Böhm aus einer skulpturalen Idee für den Stadtbereich. Er griff Prinzipien der alten, geschlossenen Stadt auf, entwickelte sie zu ausdrucksvollen Raumfolgen – setzte ein Zeichen gegen die Beliebigkeit der Architektur der Nachkriegszeit. Zwar stammte die Planung für die Großsiedlung von Max Guther, der einen durchgrünten »Wohnstadtteil« entwarf, das Nebenzentrum um St. Hildegard und St. Matthäus war im Kontext der Großsiedlung aber eher ein ganz eigenes, ein eigenwilliges Statement.

In den 70er Jahren wurde das Ensemble sogar zum Reibungspunkt für eine bestimmte Richtung kunsthistorisch begründeter Architekturkritik. Heinrich Klotz, später Verfechter der Postmoderne, konstatierte im Werk Gottfried Böhms eine »Überreaktion« auf die »Klischeearchitektur« der ehemaligen BRD, die in »wahren Formprotuberanzen aus der Gleichförmigkeit ausbricht. Das Altersheim in Düsseldorf-Garath gehört – wie ich meine – mit zur deutschen Architekturpathologie. Es ist das Ergebnis einer extremen Reaktion.«

Dabei hatte Böhm, eigenständig wie er war, die Komplexität seiner Bauten kaum als Reaktion auf »Klischeearchitekturen« entwickelt. Eher als Statement, das sich aus der Kombination von Alt und Neu ergab, aus dem sinnlich Unmittelbaren, aus der bildhauerischen Freude am Experiment.

Stadt in der Stadt

Das Ensemble unterscheidet ein städtebaulich Inneres und ein Äußeres. Nach innen: der introvertierte, der gegliederte geschlossene Raum. Nach außen: der Freiraum der Gärten des Altenwohnheims, der nach Westen und Norden in die offenen Räume der Stadtlandschaft Garaths übergeht. Hinter mannshohen Ligusterhecken bieten sich geschützte Zonen zum Verweilen an, durch Bergahorn oder Kastanie akzentuiert.

Das Innere des Ensembles schafft gegenüberliegende Platzwände, fördert Korrespondenzen. Die skulpturale Auffassung bezieht sich nicht nur auf

die Stadträume, sondern ganzheitlich auf die Bauabschnitte und die Pfarrkirche: auf die Fassaden, deren plastisch ausgebildete Bauteile und Konstruktionselemente, Vor- und Rücksprünge, Durchfahrten und Aushöhlungen. Licht und Schatten wandern mit dem Sonnenstand, springen von massiven Brüstungen zu Vordächern im Versatz der Fassaden und Erker. Die frei modellierte St. Hildegardis-Kapelle antwortet auf ihr Gegenüber, das »Gebirge« der Pfarrkirche St. Matthäus. Beide Betonfaltwerke überragen die Stadträume.

Dort, wo die Platzflächen – gänzlich ohne Möblierung, was im Umfeld eines Altenwohnheims verwundert – weit genug angelegt sind, setzen Einzelbäume Akzente. Auf den Platzebenen selbst – die Pflasterung reicht strikt bis an die Hauswände heran – ist das unmittelbare Angrenzen von (halb-)öffentlichem Raum und Privatraum nicht ohne Probleme.

Basis der zweigeschossigen Gebäude sind Backsteinwände – bis hinauf zu den gemauerten Rollschichten der Attiken. Das Rot bietet das Bühnenbild für den Auftritt des schalungsrauen, schartig gestalteten Sichtbetons. Es ist eine Welt der Schwere, der »Körperlichkeit und Bildhaftigkeit der Bauten«, die Wolfgang Pehnt in einer Art Gleichklang zu Le Corbusiers »béton brut« sah, für den er in der Werkbiographie von 1999 bauphysikalische Folgen benannte: »Säurehaltige Emissionen und durchrostende Armierungen sollten (den puren, ungeschützten Beton) den Architekten und Bauherren bald wieder austreiben«.

Freiliegende, exponierte Flächen der Betonfaltwerke, aufwendige Gebäudedetails waren anfällig für Rissbildungen und organische Besiedlung. 1998-99 erfolgte, das Ensemble stand noch nicht unter Denkmalschutz, eine Neugestaltung der Faltwerke, die eine Metallbekleidung erhielten, der ursprünglich geplanten Bleieindeckung entsprechend.

So, wie die Gestaltung des Äußeren die Zeichen einer übergreifenden – wenn auch virtuosen – Ordnung setzte, so erwies sich diese Ordnung als eine alles durchdringende. Auch das Innere hatte diesen Prinzipien zu folgen, in den Aufweitungen und Verengungen von Gängen und Raumfolgen, selbst beim Interieur. Was aber bedeutet ein vollkommen durchgeplantes Ensemble im Massivbau der 60er Jahre für die Nutzung von heute?

Von den Zeitläuften überholt

Das Foyer und die anschließende zweigeschossige Raumfolge der »Schnecke« bilden eine skulpturale Einheit, in der eine gekurvte Rampe, von gemauerten Sitzmuscheln und einer schmalen, gemauerten Stiege begleitet, auf die obere Ebene strebt. Galerien und ein kleiner Restaurantbereich schließen an, gehen in Terrassenbereiche zur Gartenzone über. Eine beeindruckende, begehbare Skulptur ist entstanden, die aber im Alltag des Altenwohnheims allenfalls eingeschränkt nutzbar ist. Für die Bewohner, überwiegend mit Rollatoren und Rollstühlen unterwegs, sind Rampenneigung und Stiege eher gefährlich, folglich gesperrt. Atmosphäre gewinnt diese Raumskulptur jedoch bei besonderen Anlässen, bei Gottesdiensten, Konzerten, festlichen Ereignissen, Weihnachten.

Der kleine Restaurantbereich auf der Galerie wird durch einen zweiten in der EG-Zone ergänzt. Zwischen Küche und den Essbereichen muss ein Wärmewagen für die Essensausgabe eingesetzt werden.

Die Flure des Altenwohnheims wurden als »beiderseits bewohnbare Gassenräume« mit Wänden aus Ziegelmauerwerk verstanden. Neben einer schmalen Fahrspur aus Gussasphalt liegt jeweils ein Pflasterstreifen vor den Wänden. Für die Reinigung bedeutet der Bodenaufbau erheblichen Zusatzaufwand. Die Zugänge zu den klosterähnlich angeordneten Zimmern wurden wie Haustüren ausgebildet. Die Beleuchtung erfolgte durch eigens für das Objekt entworfene, in die Wände eingelassene Leuchten mit Betonkorpus, die heute kaum noch nachrüstbar sind.

Im Rückblick auf die 60er Jahre wird deutlich, dass der Lebenszyklus des Projekts einen Zeitraum umfasst, der noch mit der Bewirtschaftung des Mangels der Nachkriegszeit beginnt und entsprechend knapp geschnittene Wohnflächen zugrunde legt. Für zwei Drittel der Bewohner ist die Unterbringung in Doppelzimmern vorgesehen. Art und Lage der WCs, der vereinzelten Bäder, nur »über den Flur« erreichbar, entsprechen nicht mehr den Anforderungen.

Bis 2018 müssen in NRW 80 % der Unterkünfte als Einzelzimmer angeboten werden – mit direkt zugänglichen bzw. maximal von zwei Zimmern aus erreichbaren Bädern. Schließlich haben Menschen auch im Alter Erwartungen an Zuschnitt und Maß von Wohnflächen. 2014 wies das Statistische Bundesamt einen Durchschnitt von 46,5 m² pro Person aus.

Anerkennung und Respekt vor dem Baudenkmal sind das eine. Doch wie kann der »hochindividualisierte Entwurf« mit den hochindividualisierten Lebensstilen von heute in Einklang gebracht werden, die etwas völlig anderes bedeuten als in der Nachkriegszeit? Und: Wie lassen sich die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals erleichtern? Kaum – was sich z. B. in den Einzelzimmern zeigt: Bei 12,5 bis 13,2 m² Wohnfläche pro Einheit lässt sich die Stellung des Betts nicht variieren, es kann nicht senkrecht zur Wand aufgestellt werden, um für Assistenz und Therapie Zugang von zwei Seiten zu ermöglichen und die Zimmerreinigung zu erleichtern. Der Rollstuhlradius in den Einheiten ist eingeschränkt. Die Balkone, deren Fläche so begrenzt ist, dass Bewohner und

Besucher sich dort kaum zusammen aufhalten können, sind für Gehbehinderte durch die zu schmal bemessenen Türen ohnehin kaum zu erreichen.

Die gegenwärtig 100 Heimbewohner werden von 80 Mitarbeitern betreut. Die Heimleitung geht davon aus, dass die spezifischen organisatorischen Bedingungen des Hauses einen um ein Drittel höheren Aufwand erforderlich machen.

Seit 1996 gibt es Überlegungen, das Altenwohnheim umzubauen. Selbst Pläne einer Aufstockung wurden durch den Kostenträger, den Landschaftsverband Rheinland (LVR), genehmigt. Unter Hinweis auf das Urheberrecht beanspruchte jedoch das Büro Böhm die Federführung der Planung. Mit dem Eintrag in die Denkmalliste der Stadt Düsseldorf (1999) kamen noch konservatorische Anforderungen hinzu.

Bis zum Jahr 2006 waren die Pläne Peter Böhms sehr konkret geworden, trafen jedoch auf einen Kostenvorbehalt des Landschaftsverbands. Die Caritas entschied sich schließlich für einen Neubau in der Nachbarschaft.

In einer Untersuchung für das Stadtplanungsamt Düsseldorf, »Garath 2.0 – Den Wandel gestalten« (Entwurf 2016), steht der Schlüsselsatz, dass der Stadtteil seit der Entstehung »einen fast vollständigen Lebenszyklus durchlaufen hat. Er steht vor einem Generationenwechsel«. Das gilt gleichermaßen für den Lebenszyklus des Altenwohnheims St. Hildegard – wie für Struktur und Belegung des gesamten, unter Druck geratenen Garather Nebenzentrums Südwest, für das die Stadt Düsseldorf, wie sie offiziell verlautbart, »aktuell den größten Handlungsbedarf« sieht.


Die ganzheitliche Gestaltung schuf rund um die St. Hildegardis-Kapelle herum ein Ambiente der Vertrautheit, das zwischen Gebäude und Stadtraum vermittelt, zwischen Innen und Außen. Die weitgehende Fixierung steht allerdings der Wandelbarkeit der Gebäudeteile im Weg

Foto: Reinhart Wustlich, Hennef

  • Standort: Ricarda-Huch-Straße 2, 40595 Düsseldorf

Unser Kritiker Reinhart Wustlich kennt sich mit den Böhms aus, wohnt er doch in Peter Böhms Stadthaus-Quartier in Hennef und kennt Gottfried Böhms Ensemble St. Hildegard und St. Matthäus schon von Exkursionen zu Beginn der 70er Jahre. Nur zu gerne nahm er den Schreibauftrag an, um nachzuschauen, wie es dem »Böhm« aus dieser Periode ergangen ist.


Reinhart Wustlich

Studium der Architektur und Stadtplanung in Aachen und Hannover, Promotion über Planungstheorie im Städtebau. Zahlreiche Buchpublikationen, zuletzt der literarische Reisebericht »Nordische Passagen/Am Saum Europas«. Davor Herausgeber der »Young House«-Reihe. Schreibt für das Feuilleton der Frankfurter Rundschau. Lebt in Hennef.