Suffizienzkriterien in der Architektur

Leistungsphase 0

Wer wirklich nachhaltig leben und bauen will, sollte einmal innehalten und bisherige Seh- und Denkgewohnheiten hinterfragen. Denn wer »nur« energieeffizient und im Sinne des Recyclinggedankens baut, vergisst einen dritten, wesentlichen Aspekt der Nachhaltigkeit: die Suffizienz (lat. sufficere = genügen, ausreichen). Diese Art von Angemessenheit kann zwar negativ verstanden werden, sie ist aber durchaus positiv zu bewerten – und planbar.

{Text: Arne Steffen

»Soviel Du brauchst« – die Losung des diesjährigen Kirchentags in Hamburg thematisierte das Zuviel in der Gesellschaft. In der biblischen Geschichte werden die Menschen von Gott bestraft, die seinen Rat, nur so viel Manna zu sammeln, wie gegen den Hunger benötigt wird, missachten. Doch auch jenseits der kirchlichen Perspektive auf Konsum und Verbrauch von Ressourcen gibt es derzeit eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Weg zur nachhaltigen Gesellschaft. Auf der einen Seite postulieren Vertreter von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien einen segensreichen grünen und nahezu unendlichen Wachstumskurs. Diesen gegenüber wächst die Anzahl derer, die meinen, dass die ökologische Krise zusätzlich die Beschränkung auf ein »rechtes Maß« fordert. Aus gutem Grund: Die bisherigen technischen Fortschritte wie effizientere Heiztechnik und besser gedämmte Häuser haben dazu geführt, dass ein Mehr an Wohnfläche bezahlbar wurde und in Anspruch genommen wird. So hat der als Rebound-Effekt bezeichnete Mehrkonsum (s. db 5/2012, S. 62 [1]) eine erhoffte Energieeinsparung ausgehebelt. Folglich wird nun zusätzlich Suffizienz gefordert, die Orientierung am rechten Maß, was in der westlichen Kultur allerdings beinahe automatisch mit einem Weniger in Bezug gesetzt wird.
Nun wandelt sich zurzeit das Bewusstsein in Bezug auf das nachhaltige Bauen schon insofern, als dass die sogenannte Graue Energie, die Energie, die zur Errichtung eines Gebäude erforderlich ist, zunehmend in den Interessensfokus gerät. Dies ist ein weiterer, theoretisch auch zu bemessender Aspekt, der einen wichtigen Schritt in Richtung einer ganzheitlichen Betrachtung darstellt. Doch die eigentliche Herausforderung stellt die kulturelle, ethisch-philosophische (schon Aristoteles hat das Thema des rechten Maßes in seiner nikomachischen Ethik behandelt) Dimension des Wenigers dar. Denn das rechte Maß ist – entgegen der eigentlichen Wortbedeutung – nicht zu messen. Theoretisch bedeutet für alle, die zu wenig haben, das rechte Maß ein Mehr. Aus der Perspektive eines 7er-BMW-Fahrers ist der Wechsel auf einen 5er-BMW ein Schritt zum Weniger, für andere gilt auch ein 5er-BMW als unerreichbarer Luxus.
Wenn aber Suffizienz den notwendigen Platz im gesellschaftlichen Denken bekommen soll, muss Suffizienz empfunden, gespürt werden – und sie muss assoziiert werden mit Nutzen, Freude, Hoffnung – eben nicht in erster Linie mit Verzicht.
Inne– und Masshalten
Wie also geht »Weniger« im Bereich des Bauens? Und wie lassen sich Ressourcen einsparen? Insbesondere drei Planungsansätze können zum Maßhalten führen:
  • 1. Überprüfung des Bedarfs mit dem Ziel, Flächen und Funktionen zu reduzieren und ggf. gar nicht erst zu bauen.
  • 2. Überprüfung, ob die Nutzung durch Funk- tionsüberlagerungen oder Erhöhung der Nut- zeranzahl intensiviert werden kann.
  • 3. Überprüfung, ob die Nutzungsdauer durch langlebige Konstruktionen und Baustoffe, flexi- ble Grundrisse und zeitlose Gestaltung verlän- gert werden kann.
Um möglichst viel »Weniger« bei den Bauherren anzuregen, sind diese Fragen im Planungsprozess frühzeitig zu stellen; im Büro des Autors werden sie mittlerweile konsequent in einer sogenannten Leistungsphase 0 behandelt. An den drei Anhaltspunkten lässt sich schnell das Potenzial zur Suffizienz überprüfen. Gleiches gilt auch für Wettbewerbsbeiträge: Sobald ein Auslober einmal minimierte, langfristig und intensiv zu nutzende Flächen ausschreibt, kann er oder die Jury die Entwürfe auch entsprechend überprüfen. Dabei ist ein »Weniger« oder »Länger« jedoch schwieriger festzustellen als z. B. die Möglichkeit einer höheren Auslastung der Räume durch eine kluge Erschließung.
Plakativ und attraktiv
Zudem müssen die theoretischen Fragen mit Bildern untermalt werden. Ein abstraktes Weniger macht Angst, ein vorstellbares Weniger macht bestenfalls Lust auf Reduktion, wenn nämlich Kreativität ins Spiel kommt. Gelungene Beispiele regen an und können auf eigene Planungen ›
› übertragen werden. Das suffiziente Gebäude schlechthin gibt es zwar sowieso nicht (denn es würde gar nicht gebaut werden), aber es gibt mittlerweile plakative Beispiele, die verschiedene Ansätze verdeutlichen:
  • Weniger + Dichter + Länger Im Kindergarten »Akazienweg« der Stadt Darmstadt wird die Bewegungsfläche zugleich als Haupterschließungsfläche genutzt. In anderen Kindergärten (s. z. B. [1]) sind bestimmte Bereiche als Mehrzweckräume konzipiert und stehen Dritten außerhalb der Kindergarten-Öffnungszeiten zur Verfügung.
  • Dichter + Länger Das Büro einer niederländischen Werbeagentur kann auch nach Feierabend genutzt werden. Die Schreibtische lassen sich mit allem, was darauf liegt, unter die Decke hochziehen, die als Tischböcke genutzten Rollcontainer kommen in den Abstellraum [2]. So entsteht nach der Arbeitszeit eine 200 m² große, freie Fläche für Yoga-Kurse oder Tanzabende. Und die Kollegen müssen früh(er) nach Hause …
  • Dichter Das Konzept für Wohnanlagen »LivingHub« sieht vor, die üblicherweise veranschlagte private Wohnfläche um ca. 5 % zu reduzieren und damit zusätzliche Raumangebote zu schaffen, die von der Gemeinschaft genutzt werden können. Dadurch stehen den Bewohnern ein Treffpunkt, hochwertige Büros oder Fitnessräume mit Sauna zur Verfügung und selten genutzte Gäste- oder Arbeitszimmer müssen nicht mehr in jeder Wohnung einzeln vorgehalten werden. Noch wurde in Deutschland kein solches Projekt realisiert, stattdessen aber in Wien: Dort errichtet die Wiener Raiffeisen evolution project development seit einigen Jahren erfolgreich Wohnbauprojekte, bei denen ebenfalls ein Teil der Wohnfläche zusätzlichen gemeinschaftlich genutzten Raumangeboten zugute kommt [3].
  • Weniger In New York werden zurzeit Kleinstwohnungen mit 25-28 m² Wohnfläche für ein oder zwei Bewohner geplant [4]. Die eindeutig ökonomisch motivierten Apartments sind aufgrund ihrer Größe umstritten. Um sie errichten zu können, wurde eine Vorschrift außer Kraft gesetzt, nach der Apartments in Neubauten mind. 37 m² groß sein müssen. In San Francisco, wo ebenfalls eine Debatte über Kleinstwohnungen entbrannt ist, leisten Sozialverbände Widerstand: Sie befürchten, dass in die »Schuhschachteln« keine kreativen Singles einziehen, sondern ärmere Großfamilien, die keine Sozialwohnungen finden.
Sinn und Nutzen
Wenn also die Gesellschaft einen Wert im Weniger sehen würde, wenn Architekten sich im Umfeld eines angemessenen Maßes bewegen wollten, dann müssten nur noch die Verbraucher sich des Nutzens (über den Weltrettungsaspekt hinaus) sicher sein. Dieser besteht in:
  • einer Kostenreduktion: Kleinere, von mehreren oder länger genutzte Räume kosten in der Regel weniger Geld. Das entlastet, die gesparten Mittel können anderweitig genutzt werden. Auch vermeidet man so eine nennenswerte Kostensteigerung, die droht, wenn die Ressourcen während des Planungs- und Bauprozesses knapper und damit teurer werden. Dabei handelt es sich dann um eine durchaus relevante Dimension einer ökonomischen Suffizienz.
  • einer Zeitersparnis: Weniger spart Zeit ein, wie man sich angesichts der »Tiny House Movement« in den USA leicht vorstellen kann. Die Bewegung propagiert das Wohnen in »tiny houses« (Minihäusern) und »small houses« (Kleinhäusern) [5] und führt vieler Orten vor, wie man sogar auf nur 15 m² für Küche-Essen-Wohnen-Schlafen leben kann. Einerseits staunt man über die Radikalität der Anhänger, andererseits – spätestens wenn die eigenen großen Wohnräume und vielen Fenster geputzt oder wieder mal renoviert werden müssen – neidet man den so entlasteten Bewohnern ein solches Minihaus.
  • der Kommunikation: Weniger macht Kommunikation notwendig. Man muss sich abstimmen, kommt miteinander ins Gespräch, möglicherweise trifft man sich sogar – ein Phänomen, das bei zunehmender Vereinsamung von Menschen in kleinen Haushalten einen wertvollen Beitrag zur psycho-sozialen Gesundheit leisten kann. Die in den USA bereits große Bewegung des Collaborative Consumption [6] zeigt, wie.
Weniger nutzt und schützt also. Für Architekten bedeutet das: Der Beginn des Wegs geht über eine (nicht in der HOAI erfasste) Leistungsphase 0. Vor dem Hintergrund deutlich geringerer Projektkosten (im Guten für den Bauherren, zum Nachteil für den Architekten) sollte daher erst das Extra-Beratungshonorar vereinbart werden, bevor dann vermutlich die anrechenbaren Baukosten reduziert werden. Überzeugungsarbeit ist also notwendig, trotzdem sollte – frei nach dem Motto »Soviel Du brauchst« – immer gemeinsam mit dem Auftraggeber geprüft werden: Geht weniger? Geht dichter? Geht länger? •
Weitere Informationen:
[1] Arne Steffen, »Weniger!«, Suffizienz als dritter, unabdingbarer Aspekt der Nachhaltigkeit, in: db 5/2012, S. 62
[2] www.faz.net/aktuell/wirtschaft/immobilien/ arbeiten/moderne-bueroarchitektur-3-der-erste-laesst-die-tische-runter-11740631.html?offset=1
[3] Die Wohnbauprojekte gibt es in den drei Konzeptvarianten »Wohn-Base«(smart living), »Eco-Base« (energieeffizient) und »Human-Base« (anpassbar), zu sehen unter: www.raiffeisenevolution.com/de/konzepte/
[4] Zum Pilotprojekt »adAPT NYC« s. z. B.: www.archdaily.com/tag/adapt-nyc/
[5] s. http://de.wikipedia.org/wiki/Small_House_Movement. Man kann der Bewegung folgen auf http://tinyhouseblog.com oder http://rowdykittens.com
[6] s. http://collaborativeconsumption.com

Energie (S. 66)
Arne Steffen
1961 in Braunschweig geboren. Studium der Architektur an der TU Darmstadt. 1992 Diplom. Verschiedene selbstständige Tätigkeiten. 1995 partnerschaftliche Gründung von werk.um architekten. Engagement im Arbeitskreis Ökologischer Holzbau (AKÖH) und DGNB. Studium Nachhaltigkeitsmanagement an der Leuphana Universität Lüneburg, 2010 MBA-Abschluss.