Nachbericht zum Webkongress »WDVS – schon alles gesagt?«

Zwischen Poesie und Sparzwang

Auch in diesem Herbst veranstaltete die db in Kooperation mit Saint-Gobain Weber einen Webkongress zum Thema Wärmedämmverbundsysteme. Von den rund 50 Mio. m2 Fassaden, die derzeit jährlich gedämmt werden, besteht der Löwenanteil aus diesen umstrittenen Systemen. In einem Interview und einer Podiumsdiskussion ging es daher an zwei Tagen um Polemik, Positionen und Potenziale im Zusammenhang mit WDVS.

Text: Christopf Gunßer
Fotos: Michael Heinrich, Katrina James

WDVS sind insbesondere bei Architekten häufig nicht die erste Wahl, wenn es um die energetische Ertüchtigung von Gebäuden geht. Dies zeigte bereits der erste Webkongress zum Thema »Architekten und WDVS – eine Hassliebe?« (Nachbericht s. db 1/2012, S. 64 ff.). Für Andreas Hild von Hild und K Architekten aus München sind WDVS in Zeiten des Klimawandels allerdings »eine wichtige Option«. In Bayern erlaube es die Bauordnung, dass ganze Straßenzüge ohne die Beteiligung von Ämtern und Architekten unter Wärmedämmsystemen verschwinden. Hild: »Was so breit angewendet wird, darüber muss man reden.« Sonst werde die Energieeinsparverordnung zum »größten Städtebauvernichtungsprogramm«. Schließlich ist es unrealistisch und naiv, dass Architekten die unter Kostengesichtspunkten unschlagbaren Wärmedämmverbundsysteme ignorieren. In der Ausbildung würde man jedoch »nicht für dieses Material erzogen«.
Architekten und Wahrheit
Die schwierige Beziehung der Gestalter zu WDVS resultiert laut Hild in der architektonischen Sozialisation, die davon ausgeht, dass nur echte Materialien gute Materialien seien. Schönheit gelte hier als der »Abglanz der Wahrheit«, und diesen hehren Anspruch können die nur scheinbar massiven Putzfassaden aus WDVS nur enttäuschen. Unverständlich ist für ihn die Unterscheidung und Grenze, die Architekten zwischen vorgehängten und WDVS-Fassaden ziehen, schließlich werde beim WDVS doch nur der Luftspalt eingespart. Also sei es Zeit für Kompromisse oder »intelligente Antworten«, wie Hild es nennt. Sogar die soliden Schweizer hätten inzwischen eine »Lösung« für das unschöne Hohlklingen der Dämmkonstruktionen gefunden, indem sie beispielsweise die Sockel massiv gestalten und WDVS nur weiter oben verwenden, »wo man dann nicht mehr hinklopfen kann«.
Entsprechend der Bürotradition von Hild und K Architekten, nämlich Nischen und »Poesien an Stellen zu finden, wo nicht alle hinschauen«, hat das Büro in den letzten Jahren auch für das Material WDVS offensiv nach Antworten gesucht. Denn bemüht, seine Entwürfe auf den direkten Kontext zu beziehen, fand er in seinem Wirkungskreis Bayern nicht viele Alternativen zum Putz. Er entdeckte jedoch, dass vieles »eine Frage der Gliederung« ist: »Wie sehen die Gliederungen im Putz aus und wie in WDVS?«
Wiederkehr des Reliefs
So wagte Hild im Rahmen des regional geprägten »Vereinbarungsgefüges« der Stadt einen neuen Blick auf das Relief der Fassaden: Profil, Dekor, Versetzstuck als »klassische Themen des Verputzes« interpretiert er vor dem Hintergrund von WDVS neu, da dieses in horizontaler Ausführung, etwa durch Vorsprünge, auf denen sich Wasser ansammelt, empfindlich reagiert. Folglich verlegte er beim Hotel Louis in München das Relief in die Fensterlaibung. Am Geschäftshaus Welfenstraße wählte er dagegen eine überhängende Schuppenstruktur – in Putz schwer möglich, in WDVS indes kein Problem. Neuartig sind auch die changierenden silbernen Farbtöne, die das Relief unterstreichen.
WDVS inszenieren
Einen weniger manieristischen Weg ging das Büro beim Sportwissenschaftlichen Institut BFTS der TU München. Enormer Kostendruck zwang hier von vornherein zu einem günstigen WDVS, verursachte den Architekten aber Bauchschmerzen: »Wir konnten nicht einfach so tun, als wäre es ein Putzbau. Wir haben also nach einem Thema gesucht, wie wir das WDVS inszenieren können.« So umhüllt ein fugenloser, extrem glatter Putz das lang gestreckte Gebäude. Im WDVS wegen im Streiflicht sichtbarer Unregelmäßigkeiten eigentlich unüblich, erweckt diese lediglich lasierte »dünne Haut« den Eindruck von Gewebe, von Stoff, »wie ein Trikot, das man nach einer Weile auch wieder wechseln kann«. Bislang ist die Haltbarkeit aber kein Problem: Auch nach acht Jahren stehe das Gebäude gut da, betont Hild.
Dass seine WDVS-Lösungen nicht für die 80 Euro/m² der Standardanbieter zu haben sind, leugnet der Architekt nicht. Doch im Vergleich etwa zu einer »billigen Natursteinfassade mit irgendeinem chinesischen Stein«, wie sie oft in Standard-Kostenberechnungen vorab preislich berücksichtigt werde, ergebe sich eine Preisdifferenz und folglich auch ein gewisser Spielraum für ihn.
Dunkle Farbtöne, wie sie viele Architekten derzeit wünschten, seien inzwischen offenbar auch möglich, auch wenn sie für seine WDVS-Fassaden bislang nicht infrage kommen.
Rückkehr zur Handwerklichkeit?
Aus Hilds Erfahrung ist es nicht sinnvoll, »schlauer als die Handwerker oder Systemhersteller« sein zu wollen, er geht daher lieber vom Angebot der Hersteller aus.
Ein Problem der Hersteller mit den Architekten (und umgekehrt) sieht Hild darin, dass sich die Systeme inzwischen sehr weit von der handwerklichen Beeinflussung entfernt hätten. »Wenn ich einen Steinboden möchte, kommt die Firma und es entwickelt sich ein Diskussionsprozess.« Bei den allermeisten Anbietern von WDVS sei dieses Vorgehen extrem mühsam oder gar nicht möglich: »Die Hersteller kommen über den Maler.«
In der gemeinsamen Entwicklung von Anwendungen sieht Andreas Hild aber schließlich eine Chance für die Hersteller, die Akzeptanz der Architekten zu gewinnen. Gefragt, wie er denn in anderen Regionen kontextbezogene Lösungen mit WDVS finden würde, nennt er die bei Architekten lange tabuisierten Flachverblender als eine Möglichkeit für norddeutsche Standorte. Entwicklungspotenzial sieht er zudem in frei modulierbaren Formen mit WDVS.
Provokantes Podium
Skeptischer geriet der Tenor am zweiten Tag des Kongresses, an dem vier Fachleute aufeinandertrafen: Die Architekten Stefan Forster aus Frankfurt a. M. und Herwig Spiegl von AllesWirdGut aus Wien, der Bausachverständige Heribert Oberhaus sowie Marketingdirektor Christian Poprawa von Saint-Gobain Weber diskutierten über die Vor- und Nachteile, Gefahren und Perspektiven der Dämmsysteme.
Beide Architekten gestanden zu, dass das preisgünstige WDVS unter dem enormen Kostendruck heute gerade im Wohnungsbau fast alternativlos sei. Um überhaupt noch soziale Wohnungen in Städten realisieren zu können, müssten die stark gestiegenen Grundstückspreise durch immer niedrigere Baukosten ausgeglichen werden. Die Baukultur bleibe da auf der Strecke, beklagte Forster. Das mit öffentlichen Mitteln geförderte »Zukleben« von Fassaden zerstöre Historie. Viele Bauten der Nachkriegszeit gehörten wegen nicht mehr zeitgemäßer Grundrisse und auch aus städtebaulicher Sicht eher abgerissen als mit viel Förderung aufgepäppelt. Beim großflächigen Stadtumbau Ost seien 80 % der Plattenbauten aufwendig mithilfe WDVS saniert worden, um nun vielerorts leer zu stehen oder sogar wieder abgerissen zu werden.
Für Forster sind WDVS allenfalls eine Zwischenlösung, bis bessere handwerkliche Lösungen gefunden seien. Angesichts des Status quo gebe es unter Architekten wie Handwerkern eine extreme Unruhe.
Plädoyer für integrierte Ansätze
Wie auch schon Andreas Hild plädierten die Architekten auf dem Podium anstelle des derzeitigen »Dämmwahns« für integrierte Ansätze, welche alle Möglichkeiten der Energieeinsparung, beispielsweise regenerative Energieerzeugung durch Blockheizkraftwerke (BHKW), betrachten. Die Dämmsysteme seien zu 90 % erdölbasiert, wie auch der Bausachverständige in der Runde bestätigte.
So wurden am zweiten Tag auch nur einzelne WDVS-Beispiele gezeigt. »Wir präferieren Klinker«, meinte Forster lakonisch. Spiegl schwärmte vom Kupfer für Dach und Wand – womit die Runde beim Thema Unterhalt und Lebensdauer der Fassaden war. Für langfristig denkende Wohnungsbaugesellschaften spiele es sehr wohl eine Rolle, ob eine Fassade nach 10-15 oder erst nach 25 Jahren überholt werden müsse, hieß es; einem Investor, der Eigentumswohnungen gleich verkauft, könne dies egal sein – »der macht sich vom Acker« (Forster). Eine WDVS-Fassade wie am Berliner Bundeskanzleramt, die bereits nach zehn Jahren abrissreif aussehe, ist für Forster »eine Schande«. Wenn dann der hässlichen Veralgung mit Bioziden begegnet wird, die bald im Grundwasser wieder auftauchen, sei der Irrsinn komplett. Der Sachverständige Oberhaus führte das zunehmende Problem des mikrobiellen Wachstums an Fassaden auf die immer sauberere Luft zurück. Früher hat offenbar der »saure Regen« Algen verhindert. Industrievertreter Poprawa empfiehlt hier als Lösung hydrophile Oberflächen, welche die Tauwasserproblematik dämpfen.
»Wie lange sollen Gebäude überleben?«, fragte Herwig Spiegl schließlich. Die Unterhaltungskosten seien eines der wenigen Argumente, um WDVS abzuwehren. Kurzfristig gesehen seien WDVS aber unschlagbar.
Überarbeitung durch Aufdopplung?
Um der begrenzten Lebensdauer von WDVS kreativ zu begegnen, schlug Oberhaus die Aufdopplung der Fassaden vor. Nach 40 Jahren könne sich ja auch die Nutzung eines Gebäudes ändern. So sei eine »Überarbeitung« des Äußeren ohnehin sinnvoll.
Beim Recycling von WDVS tut sich nämlich noch immer nichts. Eine sortenreine Trennung etwa durch Fräsen oder Strippen ist zwar technisch möglich, offenbar aber zu teuer, wie auch Christian Poprawa bestätigte (»Wir arbeiten daran.«). So landen abgebrochene WDVS weiter im Sondermüll. Auch Poprawa möchte gern intelligenteren Dämmsystemen, die es gibt (Vakuumisolationspaneele in Kombination mit EPS etwa, die bei gleichem Dämmwert nur halb so dick sind), zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Bislang sind sie, wie die hydrophilen Putze, deutlich teurer, also vom Massenmarkt quasi ausgeschlossen.
WDVS als »Brandfallen«
Von diesem Massenmarkt ausgeschlossen sind auch die nicht brennbaren Varianten des WDVS, etwa Mineralwolle. Sie führen bislang ein Schattendasein, wenngleich das Thema »WDVS als Brandfalle« in den Medien immer wieder hochkocht und eine Abkehr vom Polystyrol daher sinnvoll erscheinen würde. Ein Brandüberschlag könne jedoch bei keiner Fassade verhindert werden, betonte der Bausachverständige etwas sophistisch, nur die weitere Ausbreitung eines Brandes sei bei WDVS ein Problem. Die zuletzt entstandenen Brände etwa in Delmenhorst oder in Frankfurt a. M., mit »deutlich erhöhten Brandlasten« im Umfeld, sollten außerdem nicht verallgemeinert werden. Und um WDVS-Fassaden mit schwer entflammbaren Materialien (anstelle nicht brennbaren) konstruktiv zu verbessern, könne man natürlich auch über jedem Geschoss einen Brandriegel einbauen. Forster dagegen sieht im Brandschutz in der Praxis ein »Riesenproblem«, stellenweise regelrechte Panik, die zudem in jedem Bundesland zu anderen Auflagen führe. Er weise inzwischen seine Bauherren schriftlich auf die Implikationen des Fassadenmaterials hin, um am Ende nicht selbst »in der Falle« zu sitzen.
Zertifizierte Abschreibungsobjekte
Letztlich blieb aber die Lebensdauer der Knackpunkt der Debatte. Bürogebäude ohne DGNB-Zertifizierung ließen sich zwar kaum mehr vermarkten, aber Langlebigkeit spiele dabei so gut wie keine Rolle, beklagte Forster. An der Wegwerfmentalität mit Abschreibungszyklen von höchstens 30-40 Jahren habe sich nichts geändert. Ob aber ein »permanentes Stadtbild als Teil der Kultur« (Forster) jemals wieder erreichbar ist? Derzeit sieht es nicht danach aus. Die auf diese Weise ganz und gar nicht »oberflächliche« Runde blieb auch hier am Ende etwas ratlos. •