Suffizienz als dritter, unabdingbarer Aspekt der Nachhaltigkeit

Weniger!

Augen auf! Es ist kaum zu bestreiten, ohne ein Weniger, ohne Angemessenheit und Maßhaltigkeit, werden die notwendigen Verminderungen im CO2-Ausstoß zum Klimaschutz in keiner Weise erreicht. Neben unserem technisch-ökologischen Wandel ist auch eine kulturelle Umorientierung hin zu einem nachhaltigen Lebensstil erforderlich, der eingefahrene Muster, bestehende Werte und Verhaltensformen auf den Prüfstand stellt, das Weniger integriert und nicht als Bedrohung verunglimpft. Dies gilt auch für das Bauen, in dem die Suffizienz bislang ebenfalls keine nennenswerte Rolle spielt.

Text: Arne Steffen, Fotos: Christian Gahl, Wolf-Dieter Gericke, Werner Huthmacher, Bruno Klomfar, Arne Steffen,

Der Gebäudebestand wird gedämmt, es werden Nullenergie- oder gar Plusenergiehäuser gebaut, die Energieversorgung mit nachwachsenden Rohstoffen nimmt zu … Und dennoch: Das alles wird nicht genug sein, um die notwendige Verminderung des CO2-Ausstoßes zum Schutz des Klimas zu erreichen. Auch wenn die Menschen in den Industrieländern bisher immer noch denken oder hoffen, dass Nachhaltigkeit ohne Veränderung des eigenen Lebens erreicht werden kann. Sie glauben – sofern sie sich überhaupt der Problematik bewusst sind –, dass es zwei anerkannte Strategien richten werden: die Effizienz und die sogenannte Konsistenz.
Bekannt und akzeptiert auf dem Weg zu den Klimaschutzzielen ist berechtigterweise die Steigerung der Effizienz (gleiches Resultat bei geringerem Ressourceneinsatz). Ein Buchtitel wie »Faktor 5« von Ernst Ulrich von Weizsäcker zeugt von dem Potenzial der Einsparung ohne Ergebnisminderung. Effizienz ist vom Wesen her eine technische und dadurch bequeme Strategie, da sie sich innerhalb der Marktprinzipien einer westlichen Welt umsetzen lässt, ohne vorherrschende Lebensstile und Werte infrage zu stellen.
Gleiches gilt auch für die zweite, weitverbreitete Strategie, die Konsistenz. Damit wird das für die Nachhaltigkeit eines Systems wichtige Wirtschaften im Einklang mit Kreisläufen der Natur beschrieben. Konsistenz kann heute bereits mit kleinem Aufwand »gelebt« werden, etwa durch den Verzehr von Lebensmitteln aus biologischem Anbau, durch Bezug von Ökostrom oder auch durch die Kompensation von CO2-Ausstoß.
Verwandt sind sich die beiden Strategien dadurch, dass deren Umsetzung nur mit Kosten verbunden ist. Denn für viele Verbraucher ist es fast egal, ob der Swimmingpool mittels Gas- oder Pelletheizung oder auch Solarkollektoren erwärmt wird – solange das Wasser warm genug ist.
Besser, schneller, billiger
Wie schön, wenn das reichen würde! Doch Effizienz und Konsistenz können nur ein Teil der Gesamtstrategie auf dem Weg in ein Zeitalter der Nachhaltigkeit sein: In den drei wichtigsten Konsumfeldern Wohnen, Ernährung und Mobilität kommt es, trotz vielfältiger Innovationen in Effizienz und wachsendem Angebot und Absatz konsistenter Produkte, nicht zu der notwendigen Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Der Wohnflächenbedarf in Deutschland steigt laut einer Studie bis 2030 unverändert zwischen 15-25 % an [1]. Ebenso wächst das private Flugaufkommen sowie die Zahl der Haushaltsgeräte, die Motoren der Autos werden immer leistungsfähiger, der Verbrauch von Tiefkühlkost nimmt zu. Der Grund ist u. a., dass mit einer höheren Effizienz oft eine Kostensenkung von Produkten und damit wiederum eine Konsumsteigerung einhergeht. Dieses Phänomen wird Rebound-Effekt genannt. Er zeigt sich auch an Trends wie dem schon weitverbreiteten zweiten Flachbildschirm am Arbeitsplatz oder gar dem dritten Flugurlaub im Jahr.
Gesellschaftliche Aufgabe
Will man das Klimaschutzziel einer globalen Erwärmung von maximal 2 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau [2], wie es die Klimapolitik der europäischen Union vorsieht, tatsächlich noch irgendwann erreichen, muss folglich ein dritter Ansatz parallel verfolgt werden, die sogenannte Suffizienz. Sie bedeutet »Maßhalten, von nichts zu viel wollen, damit für anderes, das man ebenfalls braucht, noch Platz bleibt« [3].Wie das Wuppertal-Institut für Klima, Energie und Umwelt weiter in einer umfassenden Studie [4] 2008 feststellte, müssen sich die Strategien von Effizienz und Konsistenz mit diesem »Weniger« verbinden. Nur mit einer zusätzlichen Verminderung unseres Konsums können die absoluten Ressourcenverbräuche der Industrieländer so weit wie erforderlich reduziert werden, nur so kann eine gerechte Verteilung der Ressourcen auf der Welt gelingen.
Weniger ist jedoch eine große Herausforderung, da bisher große Teile der Gesellschaft nach einem Mehr, nach dem Größer, Besser streben. So klingt das Weniger für jeden Einzelnen und die Volkswirtschaft mindestens ungewohnt, wenn nicht bedrohlich. Folglich traut sich bislang niemand, Verbraucher in der Spaßgesellschaft auf die notwendige Suffizienz einzustimmen. Dabei ist sich die Wissenschaft zwischen Philosophie und Sozialforschung einig, dass das Mehr oder Zuviel, in dessen Genuss die Deutschen in den letzten 40 Jahren gekommen sind, die Menschen nicht glücklicher gemacht hat. Im Gegenteil kann ein Weniger sogar zu mehr Glück und Entspannung führen.
Fragliche Förderpolitik
Auch das Bauen ist ein Themenfeld, das mit Suffizienz bislang kaum konfrontiert wurde. Dabei müsste gerade das Baugewerbe weit in die Zukunft blicken: Häuser werden nicht für fünf oder für zehn, sondern für 50 bis 100 Jahre errichtet. Gleichzeitig erweist sich das Baugewerbe als besonders schwerfälliges Umfeld, für das keine leichten Konzepte existieren. Ein Weniger ist in anderen Themenfeldern unkompliziert zu erproben: Jedes vegetarische Gericht (statt eines Steaks), jeder Urlaub in Deutschland (statt in der Ferne), jedes nicht gekaufte T-Shirt ist ein Schritt zur Suffizienz.
Solange es keine Wertmaßstäbe im Bauen für Suffizienz gibt, kann man eine effizienz- und konsistenzorientierte »Ökovilla« mit einem DGNB-Nachhaltigkeitssiegel schmücken – auch wenn diese nach üblichen Maßstäben vollkommen überdimensioniert ist. Im Vergleich dazu kann eine Klima-Wohnbilanz der Bewohner einer nicht sanierten 60er-Jahre-Sozialwohnung niedriger ausfallen – auch wenn diese nicht den Anforderungen der geltenden EnEV entspricht. Die KfW fördert Wohnhäuser nach eigens dafür definierten Effizienzklassen mit Geldern, die dem Umweltschutz dienen sollen, mit der gleichen Problematik: Man kann damit eine hocheffiziente und regenerativ betriebene, große Villa für zwei Bewohner subventionieren, ohne dass ein Gesamtverbrauch für Erstellung und Betrieb ›
› erfasst wird. Die zu erreichenden Zielwerte beziehen sich auf den Ressourcenverbrauch in Bezug auf die Gebäudefläche.
Die Großplakate des Darmstädter Energieversorgers entega aus dem Jahr 2009 (Abb. 4) zeugen von dem mangelnden Bewusstsein für ein »Weniger« und demonstrieren das Dilemma eines bisher unvollständigen Nachhaltigkeitswissen: Die Anzeige assoziiert, dass man zum nachhaltigen Leben nur ein modernes (in diesem Fall sicherlich höchst effizient und konsistent gebautes und betriebenes) Haus braucht. Wobei die Anzeige nicht den Eindruck erweckt, dass zur tatsächlichen Nachhaltigkeit auch ein Maßhalten gehört. Nachhaltigkeit leben hat eben doch etwas (in Bezug auf die heutigen Konsummaßstäbe) mit Verzicht zu tun.
Andererseits sind die Bewertungskriterien in Bezug auf Suffizienz für Gebäude noch nicht definiert; und es scheint nicht einfach, hierfür Parameter aufzustellen. Es ist anzunehmen, dass sowohl die DGNB als auch die KfW sehr gerne messbare Aspekte eines Weniger berücksichtigen würden, wenn bekannt wäre, wie. Als eine, wie bereits oben festgestellt, nicht-technische Strategie zur Nachhaltigkeit lässt sich Suffizienz nicht messen, nicht berechnen für ein Gebäude. Effizienz kann sehr gut in Verbrauch
pro Fläche gemessen werden. Konsistenz drückt sich u. a. in CO2-Emission pro Einheit aus. Zahlen zum Feststellen einer Suffizienzqualität müssten ins Verhältnis gesetzt werden, etwa aus der Relation einer gebauten Fläche zur Anzahl der Nutzer berechnet werden. Wie schnell jedoch ändert sich die Zahl der Nutzer in Gebäuden? Daher wäre Suffizienz ein Wert, der bei jeder Änderung der Nutzerzahl anzupassen wäre. Langfristige Förderkredite der KfW können nicht auf so ungewissen Grundlagen vergeben werden.
Macht und Verantwortung des Architekten
So muss Suffizienz erst mal als Notwendigkeit anerkannt werden. Wenn es dann ein Bewusstsein für Maßhaltigkeit gibt, kann und muss von allen Beteiligten – vom Endverbraucher, dem Bewohner oder Nutzer eines Gebäudes wie auch vom Planer – versucht werden, grundsätzlich mit »wenig« Gebäude pro Nutzer beziehungsweise Nutzung auszukommen. Da wiederum setzt die Verantwortung von Architekten ein. Was nämlich für die Baukosten gilt, ist auch für den Ressourcenverbrauch von Gebäuden gültig: Am Anfang, im Vorentwurf und Entwurf, spart sich am einfachsten. Architekten sollten daher erstens den Aspekt der Suffizienz den Bauherren kommunizieren, und zweitens helfen, Gebäude so maßhaltig wie möglich zu planen.
Dafür bieten sich die bekannten und eigentlich selbstverständlichen Planungsgrundsätze an: z. B. weniger Fläche, Mehrfach- und Gemeinschaftsnutzungen, hohe Qualität, größtmögliche Flexibilität. Doch das tatsächliche Interesse aller Beteiligten an der Umsetzung dieser Grundsätze ist fraglich: Der Bauherr scheut möglicherweise jeden dieser Suffizienzaspekte, der Architekt vermutlich nur den flächenvermindernden und damit baukostensenkenden. Der Immobilienentwickler fragt sich weiter, ob ein Weniger vermarktbar ist, und die Bauindustrie baut ohnehin lieber mehr als weniger. Für alle muss es Anreize geben.
Beispiel Ferienhaus
Um einen Bauherrn von diesen Werten überzeugen zu können, um wirklich ein Gebäude kleiner (oder aus Suffizienz-Sicht bestenfalls gar nicht) zu planen, müssen die Bedürfnisse der späteren Nutzer sorgfältig verstanden werden. Dabei helfen die in der Betriebswirtschaft oft betrachteten drei Nutzen von Konsum: der Funktionswert, der Symbolwert und der Emotionswert. Eine suffiziente »Behandlung« eines Bauherrn, der sich ein Ferienhaus wünscht, würde also folgendermaßen aussehen:
  • Funktionswert klären: Ein Ferienhaus dient als Schutzraum, in dem Ferien verbracht werden.
  • Symbolwert definieren: »Schaut her, ich kann mir ein Ferienhaus, das ich drei Wochen im Jahr nutze, leisten.«
  • Emotionswert verstehen: Ein eigenes Ferienhaus teilt man mit niemanden, es bleibt ein sehr privater Raum, den man sich nach seinen Vorstellungen einrichten kann.
Dann beginnt die eigentliche »Suffizienzarbeit«:
  • Die Funktion eines Schutzraums für drei Wochen lässt sich auch durch Mieten eines Ferienhauses leicht herstellen.
  • Der Symbolwert kann vermutlich nur von den Bewertern, also von der sozialen Umgebung des Ferienhausnutzers, infrage gestellt werden. Bisher bedarf es viel Einsicht der potenziellen Ferienhausbesitzer, ein Haus zu mieten, denn das eigene Ferienhaus ist in der Bewertungsskala noch (?) viel höher als ein gemietetes.
  • In Bezug auf den meist sehr persönlichen emotionalen Wert ist zu überlegen, wie ein Zuhausegefühl herzustellen ist.
Im suffizientesten Fall wird also gar nicht gebaut. Im mittelsuffizienten Fall wird ein Ferienhaus gebaut, dass zumindest auch von anderen Nutzern gemietet werden kann. Ein Plusenergie-Ferienhaus aus nachwachsenden Rohstoffen ist sehr schön effizient und konsistent, aber leider nicht suffizient.
Weniger heisst auch freier von Verpflichtung
Die Einsparungen durch Effizienz werden in der Gesamtbilanz durch den prognostizierten zusätzlichen Wohnflächenbedarf aufgehoben. Vor diesem Hintergrund bedarf es dringend einer Suffizienz-Offensive:
Erstens ist die Notwendigkeit eines Wenigers zu kommunizieren. Es muss jedermann bekannt sein, dass ein rein auf Effizienz und Konsistenz ausgerichtetes Handeln vor dem Klimawandel nicht ausreichend schützt.
Zweitens sollten wirtschaftliche Anreize geschaffen werden, denn das ökologische Erfordernis wird bei Weitem nicht so motivieren wie mögliche persönliche Vorteile. Auch wenn noch keine Konzepte dazu bekannt sind, sollten suffizienz-fördernde Rahmenbedingungen in Form eines Weniger-Parameters in der EnEV, bei Förderanträgen der KfW oder bei Zertifizierungen der DGNB geschaffen werden .
Drittens sind unbedingt auch die emotionalen Vorteile eines Wenigers herauszustellen. Denn das Weniger (oder auch Kleine) hat in der Regel viele Vorteile: Es ist nicht nur günstiger (zu betreiben, auszunutzen), leichter (zu unterhalten, zu verantworten, zu nutzen) und freier (von Verpflichtung).
Viertens müssen Gebäudekonzepte zum Weniger entwickelt und gefördert, in Wettbewerben gefordert, veröffentlicht und prämiert werden. Auf dass das Weniger bedeutender wird … •
Weitere Informationen:
[1] Mehr zur aktuellen Prognose des Berliner Forschungsinstituts empirica im Auftrag der Landesbausparkassen unter http:// magazin.sparkasse-witten.de/immobilien/pro-kopf-wohnflaeche-betraegt-im-schnitt-47-quadratmeter-weiterer-anstieg-durch-demografischen-wandel/
[2] Die Emissionsreduktion sollte dabei im Laufe der 2010er Jahre einsetzen, ansonsten besteht keine realistische Aussicht auf Einhaltung, s. Sondergutachten vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung: www.wbgu.de/fileadmin/templates/dateien/veroeffentlichungen/sondergutachten/sn2009/wbgu_sn2009.pdf
[3] Manfred Linz u. a., Von nichts zu viel, Wuppertal, Dezember 2002, s. www.wupperinst.org/uploads/tx_wibeitrag/WP125.pdf
[4] Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt, Fischer Taschenbuch Verlag, 2008, s. www.zukunftsfaehiges-deutschland.de/

Energie (S. 62)
Arne Steffen
1961 in Braunschweig geboren. Studium der Architektur an der TU Darmstadt. 1992 Diplom. Verschiedene selbstständige Tätigkeiten. 1995 partnerschaftliche Gründung von werk.um architekten. Engagement im Arbeitskreis Ökologischer Holzbau (AKÖH) und DGNB. Studium Nachhaltigkeitsmanagement an der Leuphana Universität Lüneburg, 2010 MBA-Abschluss.