Wege aus dem Chaos

Was läuft falsch und wie geht es besser? Das auf drei Jahre ausgelegte Forschungsprojekt »ESysPro – Energieberatung systematisch professionalisieren« analysiert die aktuelle Marktsituation bezüglich der Dienstleistungen im Bereich Energieberatung, untersucht Nutzen und Erfolg der zahlreichen und unterschiedlichen Angebote und erarbeitet einheitliche Standards und Lösungsvorschläge – erste Erkenntnisse und Diskus- sionsgrundlagen ein Jahr vor Abschluss der Studie.

Text: Nikolaus Möllenhoff, Marten F. Brunk

Steigende Energiepreise und die novellierte Energieeinsparverordnung EnEV, zu der auch der inzwischen zur Pflicht gewordene Energieausweis gehört, haben den Bedarf an Energieberatung in Deutschland enorm wachsen lassen. Das bedeutet aber nicht, dass Energieberatung dann auch tatsächlich zu Energieeinsparungen führt. In der Praxis zeigt sich, dass trotz guter Energieeffizienzkonzepte die angestrebten Werte in den Gebäuden nicht erreicht werden. Fehler in der Umsetzung vorgeschlagener Maß- nahmen oder fehlende Einregulierung der Gebäudetechnik verhindern das. Sogar die sogenannten Leuchtturmprojekte erreichen vielfach nicht die konzipierten Werte in Bezug auf Energieeffizienz. Der Grund liegt u. a. in einem unzureichenden Verständnis, welche Leistungen eine erfolgreiche Energieberatung eigentlich umfassen muss; sowohl bei Energieberatern als auch bei Kunden herrscht Unklarheit darüber. Auf dem Markt der Energieberatungsdienstleistungen fehlen aber nicht nur Standards für die Energieberatung, sondern auch für eine gesetzlich geschützte Bezeichnung »Energieberater« und ein systematisches Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebot. Ebenso vielfältig wie die Angebote sind die Preisgestaltung für eine Energieberatung oder der fachliche Hintergrund und die Kompetenz eines Beraters, schließlich können sowohl Berufsgruppen wie Architekten und Ingenieure als auch Handwerker nach entsprechender Zusatzausbildung eine Energieberatung durchführen.
Das seit August 2008 laufende Forschungsprojekt »ESysPro – Energiebe- ratung systematisch professionalisieren« definiert die Aufgaben und Prozesse, die für eine wirksame Energieberatung und Energieeinsparung bei Gebäuden notwendig sind. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Forschungsprogramms »Innovationen mit Dienstleistungen« gefördert. In einem interdisziplinären Verbund von vier Partnern werden, aufgeteilt in acht Arbeitspakete, vielfältige Fragestellungen rund um das Thema Energieberatung erarbeitet. Dabei geht es nicht nur um die Leistungen einer Energieberatung, sondern z. B. auch um Qualitätsmanagement und -kontrolle, Fort- und Weiter- bildung und um die richtige Kommunikation zwischen Berater und Kunde. Von der RWTH Aachen University sind das Institut für Arbeitswissenschaft (IAW), der Lehrstuhl für Baubetrieb und Gebäudetechnik (BGT) sowie das Forschungsinstitut für Rationalisierung e.V. (FIR) an dem Projekt beteiligt. Die Adapton Energiesysteme AG aus Aachen gibt als Industriepartner weiteren fachlichen Input.
Grosse, unübersichtliche Bandbreite
Eine der bereits wesentlichen Erkenntnisse des Projekts ist, dass Energie- beratung in der Regel zu früh aufhört. Der Energieausweis gemäß EnEV, in Form eines Bedarfs- oder Verbrauchsausweis, kann als geringste Form der Energieberatung angesehen werden. Während im Bedarfsausweis der Ist-Zustand des Gebäudes erfasst und dargestellt wird, weist der Verbrauchsausweis lediglich den Energieverbrauch der letzten drei Jahre aus. Ergänzt werden beide durch standardisierte Sanierungsvorschläge. Die Vor-Ort-Beratungen im Wohnungsbau, die durch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) gefördert wird, ist bei den privaten Immobilienbesitzern die weithin bekannteste Energieberatung. Hier existieren Förderrichtlinien und Mindestanforderungen für sogenannte Beratungsberichte. Sie stellen eine Art Leistungskatalog für diese Energieberatung dar. Die Beratung endet jedoch mit der Übergabe des Beratungsberichtes. Beispiele für Energieberatung im Nichtwohnungsbau sind die durch Förderprogramme der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) unterstützten Energieeffizienzberatungen. Hier wird unterschieden zwischen einer Initialberatung zum Aufdecken von Schwachstellen anhand gegebener Datenlage sowie einer Detailberatung als vertiefende Energieanalyse mit konkreter Maßnahmenplanung. Darauf aufbauend besteht die Möglichkeit, die Umsetzung der Maßnahmen durch zinsgünstige Kredite zu finanzieren. Weitere Förderprogramme und Förderrichtlinien unterschiedlicher Einrichtungen wie Verbraucherzentralen oder Institutionen auf regionaler Ebene geben ebenso wiederum unterschiedliche, inhaltliche Vorgaben zum Leistungsumfang von Energieberatungen. Allen Förderrichtlinien gemein ist jedoch die Beschränkung auf den einzelnen Förderungsfall. ›
› Sie sind nicht als allgemein gültige Beschreibung von Energieberatung anzusehen. Vielfach werden die Leistungen entweder nicht eindeutig beschrieben oder sogar gleiche bzw. ähnliche Begriffe von verschiedenen Anbietern mit unterschiedlichen Inhalten belegt. So werden bei einigen Organisationen die Begriffe der Potenzial-, Initial- oder Grobanalyse mit einer überschläglichen Schätzung der Einsparpotenziale gleichgesetzt. Andere wiederum grenzen die Leistungen der Grob- und Feinanalyse dadurch ab, dass bei der Grobanalyse statische Berechnungsverfahren zum Einsatz kommen, bei der Feinanalyse die Bedarfswerte durch Simulation ermittelt werden. Weitere Anbieter vertreten die Auffassung, dass mit einer Grobanalyse eine energetische Analyse des Gesamtgebäudebestands erfolgt. Die Detail- oder Feinanalyse fokussiert jedoch die detaillierte Betrachtung und rechnerische Erfassung eines einzelnen Gewerks. Anbietern nicht geförderter Energie-beratungsleistungen sind bei der kreativen Ausgestaltung von Namen und Inhalten gar keine Grenzen gesetzt.
Was ist eine wirksame Energieberatung?
Um das gesamte Leistungsspektrum einer Gebäude-Energieberatung zu erfassen, sollten Definitionen in Form unterschiedlicher Typen von Energie- beratung erfolgen. Dazu wurden die Leistungsbestandteile verschiedener
Energieberatungen analysiert, abstrahiert und in einem »Aufgabenmodell der Energieberatungsleistungen« (Abb. 1) zusammengefasst. Auf der ersten Ebene gliedert sich das Aufgabenmodell in vier Teilprozesse, deren Notwendigkeit und spezielle Inhalte in Workshops mit Energieberatern konstruktiv diskutiert und validiert wurden. Während die ersten beiden Teilprozesse »Diagnose/Analyse vornehmen« und »Konzeption erstellen« selbstverständlich erscheinen, werden die anderen beiden Aufgaben »Maßnahmen initiieren/Baubegleitung« und »Erfolgskontrolle/Inbetriebnahme-Management (IBM)« selten als Bestandteile der Energieberatung gesehen. Das ist teilweise verständlich, schließlich sind Bauherrn bzw. Kunden oftmals nicht bereit, die (erhöhten) Kosten dafür zu tragen. Es gehört jedoch mit zur Aufgabe eines Energieberaters, seinem Auftraggeber die Wichtigkeit der beiden Maßnahmen zu verdeutlichen. Denn das beste Energie- konzept bewirkt keine Kosten- und CO2-Reduzierung, wenn es schlecht oder falsch umgesetzt wird; eine Erfolgskontrolle der prognostizierten Energieeinsparung ist daher dringend notwendig. Das energetische Einsparungspotenzial durch Optimierung falsch oder gar nicht eingestellter Steuerung und Regelung von Anlagentechnik bestätigt diese Aussage. Eine energetische baubegleitende Betreuung sowie eine Erfolgskontrolle einschließlich IBM z. B. analog der VDI-Richtlinie 6039 Inbetriebnahmemanagement für Gebäude [1] steigert die Energieeffizienz der Objekte.
Typen der Energieberatung
Das Aufgabenmodell stellt allerdings einen Maximalkatalog dar. Nicht bei jeder Energieberatung müssen wirklich alle Aufgaben durchgeführt werden. Deren Notwendigkeit hängt von der erforderlichen Art bzw. dem Typ der beauftragten Energieberatung ab: also ob eine Potenzial-, Grob- oder Feinanalyse, eine energetische Baubegleitung oder Erfolgskontrolle/IBM notwendig oder verlangt wird. All diese Energieberatungstypen können wie ein modulares System beauftragt bzw. zusammengestellt werden. Sie beruhen zwar nicht auf neuen Begriffen, aber die Bezeichnungen variieren, wie oben bereits angedeutet, in ihren Definitionen und dem Volksverständnis. Zur Unterscheidung dieser Typen werden daher augenblicklich drei Merkmale bzw. Abgrenzungskriterien über ihre jeweilige Intensität diskutiert (vgl. Abb. 2):
  • Erstens die Breite der Betrachtung, die die Anzahl der untersuchten Gewerke und Problemstellungen umfasst. Ist das Ziel eine Gesamtübersicht über die energetischen Aspekte des Objekts oder eine detaillierte Analyse eines Teilaspekts?
  • Zweitens die Tiefe der Betrachtung, die zwischen den Detaillierungs- graden der Berechnung unterscheidet. Es wird differenziert zwischen den Methoden und Grundlagen der energetischen Berechnung sowie der Art und Weise der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung. Der Detaillierungsgrad hängt ebenso von der Aufgabenstellung und der Zielvorgabe des Beratungskunden ab. So ist z. B. relevant, ob er das Objekt bereits gekauft hat oder es ihm vorab nur um eine Einschätzung für seine Kaufentscheidung geht und wie hoch sein Investitionsbudget ist.
  • Und drittens dem Umfang der Betrachtung, der sich wiederum mit dem Umfang der vier Teilprozesse aus dem Aufgabenmodell befasst: Sind alle vier Teilprozesse bedeutend oder reichen bei dem gewählten Energieberatungstyp auch nur die ersten beiden? Beispiel Kaufentscheidung: Der Umfang bzw. die Vollständigkeit aller vier Teilbereiche (also inkl. Baubegleitung und Erfolgskontrolle) spielt bei einer Potenzialanalyse zunächst keine Rolle.
Derzeit werden die fünf Energieberatungstypen in Bezug auf ihre Abgrenzungskriterien ausgearbeitet und definiert. Bestandteil jeder dieser Definitionen ist ein ausführlicher Aufgabenkatalog mit inhaltlichen Beschreibungen und Listen, welche Leistungen in welchem Umfang und unter Berücksichtigung welcher Normen und Richtlinien zu erbringen sind. Nach Abschluss der Arbeit sollten sowohl Energieberater wie Kunden profitieren: Die Energieberater wissen, welche Leistungen sie erbringen müssen, die Kunden, welche sie erwarten können. Selbst im Rahmen von öffentlichen Ausschreibungen schaffen verbindliche Definitionen Rechts- und Planungssicherheit. Insgesamt steigen damit Transparenz und Qualität der Energieberatung – und es werden mehr Kilowattstunden eingespart. • [1] VDI 6039: 2010-01, Facility-Management – Inbetriebnahme-
management für Gebäude – Methoden und Vorgehensweisen für
gebäudetechnische Anlagen.
Weitere Informationen unter www.esyspro.de

Energie (S. 62)
Nikolaus Möllenhoff 1973 in Münster geboren. 1994-2003 Studium des Bauingenieurwesens an der TU Hannover. 2003-07 Mitarbeit bei PODUFAL & WIEHOFSKY in Löhne. Seit 2007 wiss. Mitarbeit am Lehrstuhl für Baubetrieb und Gebäudetechnik an der RWTH Aachen.
Marten F. Brunk 1948 geboren. 1972-77 Studium der Heizungs-, Klima- und Lüftungstechnik an der TU Berlin und Chemical Engineering am Georgia Institute of Technology ( USA). 1977-84 wiss. Mitarbeit am Hermann Rietschel Institut der TU Berlin. 1985-03 verschiedene leitende Positionen im Anlagenbau für technische Gebäudesysteme. Seit 2003 Professur für Baubetrieb und Gebäudetechnik an der RWTH Aachen.