IUCN Conservation Centre in Gland (CH)

Veredelter Rohbau

Bei dem energieeffizienten Ergänzungsbau für das IUCN Conservation Centre am Genfer See verdichten die Architekten die Themen der multifunktionalen Bauteile, des veredelten Rohbaus und der dezentralen Haustechnik zu einem nüchternen, doch in sich stimmigen Bau. Auffallend ist die starke Präsenz von Beton in verschiedenen Facetten und die Haustechnik mit offen geführten technischen Installationen.

  • Architekten: agps architecture
  • Kritik: Matthias Benz Fotos: Alain Bucher, Reinhard Zimmermann
Die IUCN (International Union for Conservation of Nature) ist eine internationale Nichtregierungsorganisation, die sich im Natur- und Artenschutz engagiert. Die 1948 gegründete IUCN vereinigt als Netzwerk mehr als 200 Regierungs- und über 800 Nichtregierungsorganisationen aus 140 Ländern. Sie arbeitet größtenteils im Hintergrund, tritt jedoch jährlich mit der Bekanntgabe der roten Liste gefährdeter Arten an die breite Öffentlichkeit.
Ihr Hauptsitz am Rande der Ortschaft Gland oberhalb des Genfer Sees gelegen war 1992 für 110 Beschäftigte erstellt worden. Das Wachstum der Organisation machte zwischenzeitlich aber eine Erweiterung um 120 Arbeitsplätze nötig. Diese sollte in punkto Nachhaltigkeit vorbildhaft sein, ohne dass die Baukosten höher als bei einem herkömmlichen Verwaltungsgebäude ausfallen. Da sich das siegreiche Projekt eines internationalen Wettbewerbs innerhalb des vorgegebenen Kostenrahmens nicht realisieren ließ, wurde 2006 in einem Studienverfahren nur ein Gebäudekonzept gesucht. Basierend auf dem dann ausgewählten Vorschlag der Züricher Architekten agps wurde ein Totalunternehmer ermittelt, der an der Ausarbeitung und Optimierung des Projekts mitarbeitete und schließlich die Kostengarantie übernahm.
Mehrfachnutzen
Da das bestehende Gebäude keine Aufstockung zuließ, musste eine horizontale Erweiterung erfolgen. Auffallend an der zweigeschossigen Erweiterung ist die umlaufende Balkonschicht. Sie fasst den mäandrierenden, dreifach geknickten Baukörper und die beiden Höfe zu einem Rechteck zusammen. Während der kleinere Hof bis ins UG führt und so Anlieferung und TG belichtet, dient der größere als Terrasse des Personalrestaurants. Da die Balkone Fluchtwege sind, musste das Gebäudeinnere nicht in einzelne Brandschutzabschnitte unterteilt werden, was zur Senkung der Baukosten beitrug. Zugleich dient die Balkonschicht als Beschattungselement und individueller Außenraum der Büros. Dieses Konzept der Multifunktionalität findet sich auch bei anderen Bauteilen wie etwa den Brüstungen entlang der Atrien im Gebäudeinnern, die zugleich Absturzsicherung und Schallabsorber sind.
Mit der Balkonbrüstung aus Fertigteilen beziehen sich die Architekten auf Bauten in der Nachbarschaft, bei denen die starke Präsenz vorfabrizierter Betonelemente auffällt. Die Brüstungen werden hier jedoch durch zwei jeweils gezackte, ineinander verzahnte Fertigteile gebildet, wobei die herstellungsbedingte rauere Oberfläche im oberen Brüstungsbereich nach außen und im unteren nach innen zeigt. Der daraus resultierende farbliche Unterschied zwischen rauer und glatter Oberfläche unterstreicht ihre geometrische Anordnung. Die Form der Fertigteile übernimmt die Geometrie der gezackten Ansicht der PV-Anlage auf dem Dach, wodurch diese überzeugend integriert wird. Zugleich lehnt sich die Betonmischung der Brüstungselemente an die Farbigkeit der mit Travertin bekleideten Fassade des Altbaus an.
Beton statt Holz
Das Gebäudeinnere kann als veredelter Rohbau bezeichnet werden. Für die Primärstruktur erhielt Beton v. a. aufgrund der besseren Speicherkapazität und der niedrigeren Kosten gegenüber Holz den Vorzug. Aus Gründen der Nachhaltigkeit wurde Recyclingbeton von einem Abbruchobjekt in der Nähe und sogenannter CO2-reduzierter Beton verwendet. Die Struktur aus vorfabrizierten Betonstützen und Decken in Ortbeton wurde möglichst roh und sichtbar belassen. Ein flexibles Trennwandsystem erlaubt Nutzungen vom Großraum- bis zum Kleinstbüro. Beim Boden im Innern handelt es sich um einen Anhydritestrich, der abgesäuert und versiegelt wurde. Unterschiedlich hohe Raumzonen – von 2,30 bis 2,70 m – schaffen trotz stellenweise geringen Raumhöhen abwechslungsreiche räumliche Erlebnisse. Einzig die Atrien zwischen den Büros mit den massiven Brüstungen sind aufgrund der Raumoptimierung eng geraten.
Der Idee des veredelten Rohbaus entsprechen auch die silbrig lasierte Dämmbetonwand hinter der Empfangstheke und das weiß lasierte Fichtenholz der Pfosten-Riegel-Konstruktion der Fassade. Bereits früher hatten sich die Architekten mit dem Konzept des »Edelrohbaus« befasst, etwa bei ihrem »Dock E« am Flughafen Zürich-Kloten und der internationalen Schule in Adliswil. Stand bei ersterem das Vermeiden von Brandlasten im Vordergrund, war bei der Schule der Kostendruck für den Verzicht auf das Bekleiden ausschlaggebend.
Vermietbare Denkfabrik
An der Schnittstelle zwischen Alt- und Neubau schwebt als eigenständiger Körper der Think Tank, der über ein separates Treppenhaus direkt vom Empfang her erschlossen wird. Seine Holzständerkonstruktion steht auf dem Treppenhaus und einer Wandscheibe, die, um Wärmebrücken zu vermeiden, jeweils aus Dämmbeton bestehen. Aus dem Think Tank heraus fällt der Blick über die Solaranlage hinweg auf die französischen Alpen an der Seeseite gegenüber. So ist es verständlich, dass die zwei Mehrzweckräume des Think Tank oft an externe Nutzer vermietet werden können, was zusätzliche finanzielle Mittel für die IUCN generiert. ›
Dezentral und multifunktional
Die Haustechnik wird über zwei sichtbare Schächte zu den Büros geführt. Außer in den Räumen mit großer Personenbelegung wie dem Restaurant ist die Lüftung dezentral angeordnet. Vorfabrizierte Deckenpaneele in den Büros nehmen die Heizung, die Kühlung, die Sprinkleranlage, die Grundbeleuchtung und die Abluftöffnung auf. Zugleich wirkt die gelochte Metalluntersicht schallschluckend. Diese Deckenpaneele bestechen aber nicht nur durch ihre Multifunktionalität, sondern auch aufgrund ihrer geringen Bautiefe von 10 cm. Ein im Deckenpaneel integrierter CO2-Sensor registriert die Anwesenheit von Menschen und steuert das Zuschalten der Lüftung bei Bedarf, wodurch die Gesamtanlage kleiner dimensioniert werden konnte. Die Luftzufuhr erfolgt dann in den Büroräumen über 107 »Airboxen« in der Fassade, in der Wärmetauscher sitzen. Sie bringen die Zuluft durch Wärmen bzw. Kühlen nahe an die Raumtemperatur. Eine Abluftwärmepumpe gewährleistet die Wärmerückgewinnung aus dem Lüftungssystem. Da die Betondecke größtenteils offen liegt, eignet sie sich gut als Wärmespeicher, der über die Heiz-und Kühlleitung in den Paneelen aktiviert wird. Die Gebäudeecken werden anstelle der Verglasung durch geschlossene Wandscheiben thermisch »entschärft«, was mithilft, die Haustechnik schlank zu halten.
Aus der langen Abwicklung des Gebäudekörpers resultieren gut belichtete Büroräume von 5 m Tiefe – neben Bewegungsmeldern, Tageslichtsensoren sowie energieeffizienten Leuchten ließ sich so der Energieverbrauch für die Beleuchtung senken. Um die Tageslichtnutzung auch bei flach stehender Sonne zu ermöglichen, werden die außen angebrachten Jalousien von unten nach oben gefahren. In der Mittelzone zwischen den Büroräumen fällt das Tageslicht durch Oberlichter bis ins EG.
Der Bedarf an Heizenergie ist aufgrund der gut gedämmten Gebäudehülle mit Dreifachverglasung und 35 cm dicken hoch gedämmten Außenwänden gering (25 kWh/m2a). Der Fensteranteil von 25 % der Energiebezugsfläche fällt gegenüber herkömmlichen Verwaltungsbauten niedrig aus. Durch eine reversible Wärmepumpe kann die Geothermieanlage mit 15 Erdsonden sowohl zum Kühlen als auch zum Heizen gebraucht werden. 70 % des elektrischen Energiebedarfs wird durch die 1400 m2 große, hauseigene PV-Anlage gedeckt. Die restlichen 30 % stammen aus Wasserkraft.
Wasserlose Urinale, wassersparende Anschlüsse und auch Armaturen mit Bewegungsmeldern halten den Wasserkonsum niedrig. Das Regenwasser wird gesammelt und zur Bewässerung des Gartens und zum Spülen der Toiletten genutzt.
Derzeit läuft noch das zweijährige Monitoring, dessen erste Resultate nach acht Monaten zeigen, dass bei einem derart energieeffizienten Bau das Nutzerverhalten überdurchschnittlich stark ins Gewicht fällt.
Lokal und Global
Um die Anstrengungen in Energiesparsamkeit und Nachhaltigkeit zu kommunizieren, ließ die IUCN das Gebäude zweifach zertifizieren: Zum einen werden die Anforderungen für Minenergie-P-Eco erfüllt, dem »strengsten« Zertifikat am Gebäudestandort, und zum anderen – da die IUCN weltweit tätig ist – die für das Label LEED Platinium, der strengsten Stufe innerhalb des weltweit führenden US-Standards. Obwohl die Anforderungen der beiden Label von den Architekten nicht als einengend wahrgenommen wurden, bedeutete die doppelte Ratifizierung für das Planerteam einen Mehraufwand.
Sinnvolle Regelbrüche
Nur die PV-Anlage kommuniziert architektonisch den ökologischen Vorbildcharakter des Baus. Das Projekt verletzt gar ein Paradigma des energiesparenden Bauens, denn die Büroräume werden nicht zu einem kompakten Baukörper angeordnet. Stattdessen gewichten die Architekten die Arbeitsplatzqualität, den Bezug zum Außenraum und die natürliche Belichtung stärker als die Kompaktheit des Baukörpers. Es sind Regelbrüche dieser Art, welche die gängige Vorstellung von ökologischen Bauten hinterfragen und dem Gebäude den Charakter eines Prototyps geben. •
  • Standort: CH-1196 Gland Bauherr: IUCN – The Word Conservation Union, Gland Architekten: agps architecture, Projektleiter: Hanspeter Oester, Zürich Totalunternehmer: Karl Steiner, Genf Tragwerksplanung: Guscetti & Tournier, Carouge Energiekonzept: Chair of Building Systems, ETH Zürich Gebäudetechnik: Amstein + Walthert, Genf Landschaftsarchitekt: Nipkow Landschaftsarchitektur, Zürich BGF: 7 438 m² BRI: 26 657 m3 Baukosten: ca. 16,73 Mio. Euro Bauzeit: Juni 2008 bis März 2010
  • Beteiligte Firmen: Dämm- und Reyclingbeton: Holcim (Schweiz), Zürich, www.holcim.ch Dezentrale Zuluftgeräte, Deckenpaneele: BS2, Schlieren-Zürich, www.holcim.ch Solarmodule: Kyocera Fineceramics; Esslingen, www.holcim.ch Wärmepumpe CIAT, Culoz, www.holcim.ch Modulare Trennwände und Türen: Lindner Group, Arnstorf, www.holcim.ch Leuchten: Philips, Zürich, www.holcim.ch

  • Energie (S. 64)

    agps architecture
    1982 von Marc Angélil und Sarah Graham in den USA gegründet. Das Büro in Zürich besteht seit 1992 und wird von Manuel Scholl, Reto Pfenninger und Hanspeter Oester (links) geleitet.
    Matthias Benz
    1966 in Zürich geboren. 1991–98 Architekturstudium an der ETH Zürich, dort 2006–08 Master in Geschichte und Theorie der Architektur. Lebt und arbeitet als selbstständiger Architekt und Autor in Zürich.