Wohnhaus in Tübingen

Tübinger Südwester

Lebensraum für vier Kinder und zwei Erwachsene nennen die Architekten ihr Projekt schlicht und ergreifend. Tatsächlich ist das (in zwei Wohneinheiten teilbare und mit Dachbahnen umhüllte) Einfamilienhaus im Westen Tübingens mehr stimmungsvolles Raumerlebnis als klassisches Wohnhaus. Es verabschiedet sich von bisherigen Sehgewohnheiten und Ansichten und stellt nicht nur herkömmliche Komfortansprüche in Frage, sondern auch die Definition eines Passivhauses.

  • Architekten: martenson und nageltheissen Tragwerksplanung: von Fragstein
  • Kritik: Rüdiger Krisch Fotos: Brigida González
Autarke Häuser sind selten – jedenfalls dann, wenn man den Begriff autark wörtlich nimmt und auf seine technische Bedeutung bezieht. Selbst Passivhäuser kommen zwar häufig ohne eine Heizung im eigentlichen Sinne aus und sind dann zumindest von fossilen Brennstoffen wie Erdgas, Öl und Kohle unabhängig – die wenigsten verzichten aber auf die Zufuhr von elektrischem Strom und Frischwasser oder auf die Entsorgung von Schmutzwasser durch öffentliche Leitungsnetze. Die gestalterische Bedeutung des Worts autark lässt hingegen an Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit denken, die ohne Bezüge auf die Geschichte und Typologie oder das Erscheinungsbild der baulichen Umgebung auskommen.
In einem Wohngebiet im Tübinger Westen, dessen Bebauung von unauffälligen Ein- und Zweifamilienhäusern geprägt ist, steht seit einem Jahr ein Gebilde, das autark sein will – im technischen und gestalterischen Sinn. Zwischen Nachbarhäusern aus dem mittleren 20. Jahrhundert zögert man fast, den kantig schrägen, seltsam asymmetrischen Körper als »Haus« zu verstehen. Unter Ausnutzung der bauordnungsrechtlichen Bestimmungen entstand ein turmartiges Volumen, das die Abstandsflächen genau einhält und dem bergseits angrenzenden Haus (dessen Besitzerin nur unter dieser Bedingung das Grundstück an die Bauherren verkauft hatte) den Blick zum Schloss Hohentübingen freihält. Der Turm bietet nicht nur Wohnraum für eine sechsköpfige Familie, sondern ist zudem ein Passivhaus.
Passivhaus ist nicht gleich Passivhaus
Die Kategorie Passivhaus definiert einen (mit 15 kWh/m2 sehr niedrigen) Jahresenergieverbrauch im Verhältnis zu einer definierten Bezugsfläche. Für die Berechnung dieser Bezugsfläche gibt es verschiedene Methoden, die bei gleichem Wärmebedarf zu recht unterschiedlichen Ergebnissen führen und unter Experten heftig umstritten sind. In die Bilanzierung fließen Wärmeverluste durch Transmission und Lüftung ebenso ein wie Gewinne durch passive und aktive Nutzung von Sonnenenergie sowie durch interne Lasten wie elektrische Geräte und die Bewohner. Schließlich geht auch die Wahl des Heizsystems und des verwendeten Energieträgers mittels Kennzahlen in die Berechnung ein. Die oben erwähnte Diskrepanz zwischen den Rechenwegen führte dazu, dass das hier beschriebene Haus zwar den nach EnEV für ein Passivhaus zulässigen Jahresenergieverbrauch unterschreitet, aber dennoch nicht nach den Kriterien des Darmstädter Passivhaus-Instituts hätte zertifiziert werden können. ›
› Zentraler Inhalt der Planung jedes Passivhauses ist die Minimierung, möglichst sogar Vermeidung von Wärmeverlusten. Dies betrifft zum einen die Geometrie der Gebäudehülle (insbesondere das Verhältnis des umhüllten Volumens zur Hüllfläche) und zum anderen die bauphysikalischen (Dämm-)Qualitäten ihrer Bauteile. So wurde hier neben dreifach verglasten Fenstern eine ca. 30 cm dicke Dämmschicht über die gesamte Oberfläche des Baukörpers angebracht, bestehend aus Mineralwolle (beim Holzbau) bzw. Polystyrol (im Bereich des Betonsockels).
Ein weiterer unverzichtbarer Bestandteil der Verlust-Minimierung ist eine Lüftungsanlage mit zentralem Wärmetauscher, der hier seine Zuluft durch einen 75 m langen Erdkanal erhält. Dieser verläuft unter dem Rasen in Schleifen durch den Garten und trägt dank der in dieser Tiefe relativ konstanten Temperatur des Erdreichs je nach Saison zur Vorwärmung bzw. Vorkühlung der Luft bei. Das Lüftungsgerät ist mangels Keller in einem kleinen Raum gleich neben der Eingangstür untergebracht. Ihm ist ein elektrisches Heizregister zugeordnet, das nur bei Bedarfsspitzen an besonders kalten Tagen zum Einsatz kommt und letztlich eine konventionelle Warmwasser-Heizung mit ihrer komplexen Leitungsführung überflüssig macht. Warmwasser wird somit ausschließlich für den Hausgebrauch in Bad und Küche produziert und gespeichert.
Das Leitungssystem der Lüftungsanlage ist so raffiniert durch doppelte Wände, Fußbodenaufbauten und Schrankzonen geführt, dass es optisch nur in Form dezenter Zuluft-Öffnungen in Erscheinung tritt. Branchenübliche Wickelfalzrohre und die technisch erforderlichen Schalldämpfer hätten sich auch kaum mit der Innenraumästhetik vertragen.
Diese ist geprägt vom konstruktiven System des Hauses, dessen Tragkonstruktion in Massivholz-Bauweise vollständig vorgefertigt und innerhalb weniger Tage auf einem vorab auf dem Grundstück errichteten Stahlbetonsockel zusammengesetzt wurde. Die 136 Bauteile erhielten schon bei ihrer Herstellung die für die Installation erforderlichen Bohrungen und Fräsungen sowie die Falze für die Türen. Dies erhöht zwar die Anforderungen an die Planung, vereinfacht und beschleunigt aber den Innenausbau vor Ort erheblich.
Herausforderung Alltag
Energieoptimierte Hüllflächen halten nicht nur im Winter die Wärme im Haus, vielmehr schützt die Dämmung auch vor Überhitzung im Sommer – sofern die solaren Einträge begrenzt werden können. Die nach Süden ausgerichteten Fenster verfügen über elektrisch betriebene Markisen, die außen auf den schräg stehenden Scheiben angebracht sind. Nur die größte Öffnung, das mehr als 4 m breite, raumhohe Fenster des Koch- und Essbereichs zum Balkon, wird vom überkragenden OG im Sommer verschattet, im Winter kann die flach stehende Sonne ungehindert eindringen und das Haus erwärmen. Auf den Ost- und Westseiten wurde aus Kostengründen auf außenliegenden Sonnenschutz verzichtet. Die dadurch eingefangene Wärme muss im Sommer durch koordinierte Fensterlüftung aus dem Haus »vertrieben« werden.
Dies ist nicht die einzige Anpassungsleistung, die die Bewohner erbringen müssen. So reicht die Kapazität des Warmwasserspeichers nicht aus, um allen sechs in einem kurzen Zeitfenster eine warme Dusche zu ermöglichen. Daher wird in Schichten geduscht – nach Absprache morgens, mittags und abends oder gleich beim Sport. Was wie ein Fehler der Sanitärplanung aussieht, ist vielmehr Ergebnis einer bewussten ökologischen (und ökonomischen) Entscheidung der Bauherrschaft zulasten des Komforts im Alltag. Auch hat sich die Familie beim Umzug von manchen Habseligkeiten getrennt, weil nun für konventionelle Möbel wenig Platz ist. Schränke und Abstellräume gibt es ausschließlich »bauseits« – sie sind entweder Teil des vorgefertigten Tragwerks und/oder nutzen die durch die Geometrie des Baukörpers und die Leitungsschächte entstehenden Winkel.
Die raffinierte Raumökonomie überspielt den Nachteil, dass die Wohnfläche für eine sechsköpfige Familie nach üblichen Standards eher knapp bemessen ist. Die schmalen Flure und kleinen Kammern für die jüngeren Kinder finden angemessenen Ausgleich durch unerwartete Raumangebote (z. B. eine Spielgalerie im Dachspitz) und die erstaunliche räumliche Qualität des EG. Dort erinnern die zwischen Ess- und Wohnbereich stark differenzierten Raumhöhen und die reizvoll integrierte Führung der Erschließungswege an das Raumplan-Konzept von Adolf Loos. Überraschend ist allerdings, dass der Garten nicht vom Wohnbereich über den Südbalkon, sondern nur indirekt durch die Haustür(en) erreichbar ist.
Alle Innenräume wirken hell, sympathisch und funktional. Angenehm proportionierte und sinnvoll gesetzte Öffnungen beziehen die Umgebung in das Wohnen ein. Die Oberflächen der tragenden Massivholzwände wurden zur Erhaltung ihrer Helligkeit geschliffen, gelaugt und geseift, sorgen aber auch nach einem Jahr noch für einen angenehmen Geruch nach Holz, der Assoziationen an Urlaub in der Blockhütte weckt. Die Sanitärräume sind nicht gefliest (was angesichts ihrer schrägen Geometrie auch einigen Aufwand bedeutet hätte), sondern mit Schwimmbadfolie beschichtet und anschließend mit Abdichtungsfarbe in verschiedenen Farben gestrichen. ›
Trotzkopf
Im scharfen Kontrast zum hellen, freundlichen Innern steht das dunkle, abweisende Äußere, das einerseits geprägt ist vom markant schiefen Baukörper, andererseits von Farbe und Textur der Fassadenbekleidung. Oberhalb des Sockels, der mit einem Wärmedämmverbundsystem und horizontal gekämmtem Putz versehen ist, besteht sie aus dunkelgrauen Kautschuk-Dachbahnen, die üblicherweise zur Abdichtung von Flachdächern verwendet werden. Die Bahnen haben eine matt glänzende Oberfläche und müssen aufgrund ihrer begrenzten Breite in Meter-Abständen überlappend verschweißt werden, was sich als horizontale Bänderung auf der Fassade abzeichnet. An Rändern sind breite Abklebungen technisch erforderlich, die hier auf den Gebäudekanten über auskragende Gratbleche gelegt wurden und die plastische Wirkung des schrägen Volumens zusätzlich verstärken.
Die Architekten vergleichen den Baukörper – im Gegensatz zu den umgebenden Häusern, deren Dächer wie Hüte auf Quadern sitzen – mit einem Südwester, einer tief ins Gesicht gezogenen Mütze. Dem Rezensenten kommt eher das Bild eines gummierten Regenmantels in den Sinn. Jedenfalls ist die Oberfläche als Bekleidung eines Hauses ungewohnt, fremd, fast ein wenig befremdlich.
Kein Bau für Biedermeier
So ist dieses Haus gewiss nicht »jedermanns Sache«: Mancher Bewohner hätte Schwierigkeiten, sich auf die Einschränkungen hinsichtlich der Wohnfläche und des Komforts einzulassen, die das Energiekonzept mit sich bringt. Zudem dürfte den meisten schwäbischen Bauherren das Selbstbewusstsein fehlen, etwaige Anfeindungen der Nachbarschaft gegen die gewöhnungsbedürftige Ästhetik auszuhalten. In seinem äußeren Erscheinungsbild findet die weitgehende energetische Autarkie des Hauses einen formalen Ausdruck, der von weniger geneigten Betrachtern als Autismus bezeichnet werden könnte. Dieser Ausdruck trägt – wiederum rein sprachlich betrachtet – einige Wahrheit in sich: Autistisch veranlagte Menschen haben zwar Probleme mit dem Dialog nach außen, sind ansonsten aber häufig hoch begabt. •
  • Standort: Justinus-Kerner-Straße 42, 72070 Tübingen Bauherr: Katrin Martenson und Dominik Bless-Martenson, Tübingen Architekten: martenson und nageltheissen, Aachen/Stuttgart: Björn Martenson, Aachen; Sonja Nagel, Jan Theissen, Stuttgart Tragwerksplanung: Ingenieurbüro von Fragstein, Ramberg Klimaingenieur: Jörg Lammers, Berlin Nutzfläche: 138 m² (81 m² + 57 m²) BGF: 278 m² BRI: 583 m3 Heizwärme-/Heizenergiebedarf: 14,4 kWh/m²a Primärenergiebedarf: Kennwerte mit Bezug auf Energiebezugsfläche: für WW, Heizung, Kühlung, Hilfs- und Haushalts-Strom: 148 kWh/m²a; für WW, Heizung und Hilfsstrom: 44 kWh/m²a Kennwerte mit Bezug auf Nutzfläche nach EnEV: für WW, Heizung und Hilfsstrom: 31 kWh/m²a Baukosten: 330 000 Euro Bauzeit: April 2009 bis Juni 2010 (mit Unterbrechungen)
  • Beteiligte Firmen: Massivholzelemente (Kreuzlagenholz): Finnforest Merk, Aichach, www.finnforest.de Wärmedämmverbundsystem: Sto, Stühlingen, www.finnforest.de Wärmepumpe: drexel und weiss, Wolfurt, www.finnforest.de Fenster (»Alu2Holz«): Optiwin, Ebbs, www.finnforest.de Dachflächenfenster: Fakro Dachfenster, Hannover, www.finnforest.de Schrägverglasung: RAICO Bautechnik, Pfaffenhausen, www.finnforest.de
  • 1 »Tiefhof«/Vorplatz
  • 2 Kältefalle
  • 3 Wohnküche
  • 4 Minibüro
  • 5 Einbauschrank/ Garderobe
  • 6 Hausanschlussraum
  • 7 Einliegereingang
  • 8 Wohnzimmer

Energie (S. 62)
architekten martenson und nageltheissen
Björn Martenson
1966 in Tübingen geboren. Tischlerlehre . 1990-97 Architekturstudium an der RWTH Aachen, Diplom. 1997-2003 Partnerschaft mit Brandlhuber & Kniess + Partner, Köln. Lehrauftrag und wiss. Mitarbeit in Wuppertal, seit 2003 wiss. Mitarbeit in Aachen. Seit 2002 eigenes Büro in Aachen. 2010 Gründung von architekten martenson und nagel·theissen, Stuttgart/Aachen.
Sonja Nagel
1972 in Aalen geboren. 1996-2002 Architektur- und Designstudium an der Kunstakademie Stuttgart. 1999- 2002 Mitarbeit bei DaimlerChrysler, 2003-04 freiberufliche Tätigkeit für Architekten und Werbeagenturen. 2004 Gründung des atelier nagel·theissen, Stuttgart. 2007 künstl. Assistenz an der Kunstakademie Stuttgart. 2010 Gründung von architekten martenson und nagel·theissen, Stuttgart/Aachen.
Jan Theissen
1972 in Siegburg geboren. 1994-2000 Studium des Produktdesign in Saarbrücken und Eindhoven (NL), Diplom. 2000-03 Architekturstudium am Pratt Institute, New York, und an der Kunstakademie Stuttgart. Diplom. 1999-2004 Mitarbeit bei Büros in Köln, Saarbrücken und New York. 2004 Gründung des atelier nagel·theissen, Stuttgart. 2007-10 akad. Mitarbeit an der Kunstakademie Stuttgart. 2010 Gründung von architekten martenson und nagel·theissen.
Rüdiger Krisch
1966 in Tübingen geboren. Architekturstudium an der Universität Stuttgart (Diplom) und der Columbia University in New York (Master of Architecture). 1993-98 Mitarbeit in Architekturbüros in New York und München. 1998-2003 wiss. Mitarbeiter an der Universität Stuttgart. Seit 1998 eigenes Büro in Tübingen. Seit 1991 publizistische Tätigkeit.