Energiekonzepte für den Sport

SPORTLICH

Abriss, Sanierung oder Neubau – vor dieser Frage stehen derzeit viele Kommunen, wenn sie auf ihre Sport- und Mehrzweckhallen schauen. Bedarfsanalysen bilden die Basis für belastbare Entscheidungen – auch unter energetischen Aspekten.

Text: Armin Scharf; Fotos: Sport Concept

Mit einem durchschnittlichen Primärenergiebedarf von jährlich über 200 kWh / m² gehören Sporthallen nicht gerade zu den Energiezwergen. Verantwortlich für diesen Wert ist weniger der Energieeinsatz für die Raumheizung oder Wassererwärmung, weit größere Bedeutung haben die Faktoren Beleuchtung und Lüftung. Damit steht bei energetischen Sanierungen und auch Neubauten weniger die Energieeffizienz der Gebäudehülle im Vordergrund, sondern die Haustechnik. Deren Dimensionierung wiederum leitet sich aus dem Betriebskonzept der Halle ab. Ist also der Passivhaus-Standard für Sporthallen kein Thema? »Um Energie zu sparen, steht ein schlüssiges und exakt abgestimmtes Haustechnikkonzept an erster Stelle«, so Cathrin Dietz. »Einige Leuchtturm-Projekte sind als Passivhäuser umgesetzt, aber die kommunalen Vorgaben bewegen sich meist auf dem Niveau des Niedrigenergiehauses.« Gemeinsam mit Thorismuth Gaiser leitet Cathrin Dietz die Sport Concept GmbH; das Büro mit Sitz in Reutlingen und Stuttgart hat sich auf die Sanierung, Erweiterung sowie Neuplanung von Sport- und Mehrzweckhallen spezialisiert und arbeitet dabei eng mit den Sportverbänden auf Landesebene zusammen – auch, um die Bedarfsanalysen zu fokussieren sowie beim Thema Fördergelder auf dem aktuellen Stand zu sein.
Bedarfsanalyse vor Planung
Vor Planungsbeginn, ja bereits vor der Entscheidung einer Kommune oder eines Vereins über Sanierung oder Neubau einer Sporthalle überhaupt, steht die Abklärung der anvisierten Nutzungen, der Häufigkeit von Publikumsveranstaltungen, der verfügbaren Mittel für den Bau und den späteren Betrieb sowie natürlich auch die Prognosen der demografischen Entwicklung vor Ort. Eine drängende Vergrößerung der Hallenkapazitäten etwa kann mittelfristig obsolet werden, wenn die Bevölkerung schrumpft. Gerade der Wirtschaftlichkeit im Betrieb wird offenbar nach wie vor zu wenig Gewicht beigemessen, in der Folge wird zu groß gebaut oder die Haustechnik überdimensioniert. Nur die frühzeitige Diskussion der Rahmenbedingungen führt zur individuell passenden Lösung. »Dann kann aus dem Wunsch der Vereine nach einer neuen Dreifeld-Halle etwas ganz anderes werden – z. B. die Sanierung des bestehenden Baus plus Anbau einer neuen Sporthalle«, sagt Cathrin Dietz. Im süddeutschen Aitrach kam es zu dieser Lösung – nachdem in Arbeitskreisen realistische und zukunftstaugliche Eckwerte fixiert worden waren. »Wir moderieren diese Prozesse und weisen auf die Auswirkungen von Entscheidungen bzw. auf Alternativen hin«, so Dietz. Erst dann startet die eigentliche Planung des Vorhabens, was Konzeptionsschleifen, später kaum noch mögliche Anpassungen oder schlichtweg bedarfsferne Lösungen verhindere.
Licht und Luft
Der energetische Status ist primär eine Frage der Haustechnik-Auslegung. Zwar gibt die DIN 18032 eine Lufttemperatur für die Hallen von 20 °C vor, je nach Konzept reichen aber auch 18 °C aus. Damit wirken sich Wärmeverluste über die Gebäudehülle weniger aus als im Wohnbau. Für die Beheizung selbst bedient man sich heute nicht mehr der früher üblichen Luftheizungen, sondern setzt auf Fußbodenheizung und Deckenheizsysteme. Mehr Relevanz für die Effizienz haben die Sportflächen-Beleuchtung sowie die Lüftungsanlage. Bei beiden kommt es auf die Auslegungen an: Wird die Lüftungsanlage entsprechend dem Bedarf bei Publikumsveranstaltungen berechnet, diese aber lediglich bei einzelnen Events tatsächlich abgerufen, arbeitet sie die meiste Zeit unwirtschaftlich. Besser, so Dietz mit ihrem Team, nutze man den Normalbetrieb als Basis, »Veranstaltungen sind dann Ausnahmesituationen, die über andere Optionen beherrschbar sind«. Und der Beleuchtungsanteil? »Reduziert sich durch natürliche Belichtung, ideal ist blendfreies Nordlicht«. Andere Planer empfehlen, die Beleuchtungsstärke auf dem Spielfeld auf 300 Lux herunterzufahren, wenn keine Wettkämpfe stattfinden – gleichermaßen reduzierend auf den Stromverbrauch wirkt sich die Ausstattung mit LED-Retrofits oder genuinen LED-Leuchten aus. Allerdings bedeutet der nur bedingt sukzessiv durchführbare Wechsel ein nicht unerhebliches Investment, weshalb diese Maßnahme mit anderen Optimierungen abgeglichen werden sollte. Fazit: Die LED findet ihren Weg in die Hallen noch zögerlich. ›
Handlungsbedarf Brandschutz
Vielfach aber drängt ein ganz anderes Thema zur Sanierung bzw. zum Neubau: der Brandschutz. Denn oft ist der Betrieb gemäß Versammlungsstättenverordnung nur noch per Ausnahmegenehmigung aufrecht zu erhalten, v. a. gehe es hier um die Anzahl und Dimensionierung der Fluchtwege, während die Verrauchung der Sporthalle dank der Höhe und des großen Volumens weniger problembehaftet sei. Im Zuge der Beseitigung des immensen Haftungsrisikos lassen sich dann auch gleich die anderen Probleme angehen – von den legionellenverdächtigen Sanitärnetzen über die Akustik, schneelastgestresste Dachkonstruktionen bis zur Energiebilanz.
Saniert und erweitert
Die Situation in Aitrach, unweit von Memmingen, dürfte sich vielerorts wiederfinden. Die 1968 erbaute Mehrzweckhalle der Gemeinde stieß immer stärker an ihre Kapazitätsgrenzen, weshalb man den Ersatz durch eine neue Dreifeldhalle anstrebte. Die Bedarfsanalyse spielte verschiedene Lösungswege durch und erbrachte schließlich eine kombinierte Variante als beste Option: Die Sanierung des Bestands und die Erweiterung mit einer neuen Einfeldhalle. Weil im ersten Abschnitt die neue Halle entstand, konnte der Betrieb im Bestand wie gewohnt weitergehen. Erst nach Fertigstellung der Erweiterung stand die alte Mehrzweckhalle an – im Vordergrund standen dabei die bauliche Ertüchtigung und die energetische Sanierung, ergänzt durch die Vergrößerung der Nebenräume und der Bühne sowie der Küchenmodernisierung. Die Gebäudehülle wurde den Vorgaben der EnEV angepasst, die bestehende Heizkesselanlage ließ sich in das neue Konzept integrieren, die Lüftung arbeitet mit Wärmerückgewinnung und bedarfsgerechter Steuerung. Der Neubau wiederum bietet Umkleideräume im OG sowie für den Außensport weitere Umkleiden und sanitäre Einrichtungen im UG. Nach außen hin bilden beide Hallen eine visuelle Einheit, verantwortlich dafür ist das alles überspannende Dach, ein Holztragwerk, das vor dem transparenten Foyer auf schlanken Stützen lagert und Platz für die Photovoltaik bietet.
Komplett neu
Die komplett neu erstellte Rosensteinhalle in Heubach ist eine reine Sporthalle mit drei teilbaren Feldern – sie ersetzt die alte Mehrzweckhalle des Rosenstein-Gymnasiums und bietet ausreichend Raum für die starke Nachfrage seitens der benachbarten Schule, des örtlichen Handball-, Judo- sowie Turnvereins. Um Fördergelder besser nutzen zu können, trainieren die Judoka in einem eigenen, eingeschossigen Raum. Zwar dem eigentlichen Baukörper vorgelagert, dockt der Übungsraum formal an den überdachten Eingangsbereich und damit unmittelbar an die zweigeschossige Dreifeldhalle an. Ihr OG bietet Umkleideräume und eine zur Halle orientierte Galerie mit durchgehendem Oberlichtband. Die Spielfelder selbst werden über die Ostfassade natürlich belichtet. Gleiches gilt für das offene und barrierefrei zugängliche Foyer. Während die Halle natürlich belüftet wird, versorgt eine mechanische Lüftung die Nebenräume mit Frischluft. Die notwendige Wärme erzeugt ein kleines Blockheizkraftwerk sowie ein Gas-Niedrigtemperaturkessel – nach dem Durchspielen zahlreicher Varianten erwies sich dies als effizienteste Lösung.
Holzschindeln und BHKW
Dornstetten bei Freudenstadt im Schwarzwald scheint eine besonders sportbegeisterte Gemeinde zu sein, allein der TV Dornstetten zählt über 1 000 Vereinsmitglieder. 2008 waren die Kapazitäten der insgesamt vier kommunalen Mehrzweck- und Sporthallen durch den Schul- und Vereinssport endgültig ausgeschöpft, sodass nach einer neuen Lösung gesucht wurde. Die Bedarfs- und Standortanalyse in Arbeitskreisen mit Stadtverwaltung, Schulen und Vereinen sowie dem Gemeinderat ließen schließlich eine neue Halle in der Nähe zum Schulzentrum sinnvoll erscheinen. Auch künftige Erweiterungen lassen sich so realisieren, inklusive eines neuen Hallenbads. Die Dreifeld-Sporthalle mit 27 x 45 m setzt die Topografie nach innen fort, teilt die Halle in den erschließbaren Zuschauerbereich mit 199 Plätzen und den tiefer liegenden Sportbereich. Beide Ebenen sind barrierefrei zugänglich.
Großen Wert legte die Planung auf eine kompakte Bauform, der Reduzierung des zu beheizenden Volumens und auf nachhaltige Materialien. So besteht die Fassadenbekleidung aus regional typischen Holzschindeln. Die aus Weißtanne in Handarbeit gespaltenen dreilagigen Schindeln sind langlebig und ermöglichen die einfache Revision. Das Energiekonzept basiert auf einem Blockheizkraftwerk mit Brennwerttechnik, das neben der neuen Riedsteighalle eine benachbarte Halle sowie das Schulzentrum mit Wärme versorgt. Rund 66 % des jährlichen Gesamtwärmebedarfs des Ensembles deckt das BHKW ab. Nebenbei produziert es 275 000 kWh Strom für den lokalen Stromverbund, an dessen Trafostation die Schulen und Sporthallen direkt angeschlossen sind. Zusammen mit der Photovoltaikanlage auf dem Dach sinkt der Strombezug aus dem öffentlichen Netz so auf 43 000 kWh pro Jahr. Be- und Entlüftung der Halle erfolgt weitgehend auf natürliche Weise per Fassadenöffnungen, lediglich Umkleiden und Duschen werden mechanisch inklusive Wärmerückgewinnung belüftet.
Platz für Bürger-PV
Die 2012 in Betrieb genommene Reutlinger Dietweghalle unterschreitet die Vorgaben der EnEV 2009 rechnerisch um 15 % – und dient zudem als Standort für die erste lokale genossenschaftlich betriebene PV-Anlage. Auf dem Dach der Dreifeld-Sporthalle mit integrierter Kleinsporthalle befinden sich 500 PV-Module mit einer jährlichen Gesamtleistung von 115 000 kWh, betrieben wird das 240 000 Euro schwere Investment von der Erneuerbare Energien Neckar-Alb eG, einer bürgerschaftlich getragenen Initiative mit offener Beteiligungsstruktur. Hervorzuheben sind die horizontalen Lamellen an der weitgehend verglasten Südseite der Halle: Um ihre Längsachse drehbar, ermöglichen sie sowohl die Verschattung als auch die gezielte und blendfreie Lenkung des Tageslichts in die Halle. ›
  • Mehrzweckhalle Aitrach: Bauherr: Gemeinde Aitrach Projektentwicklung, Generalplanung: Sport Concept GmbH, Stuttgart Tragwerksplanung: Büro für Baukonstruktion VBI, Leutkirch Haustechnik HLS: Planungsbüro Burr, Leutkirch Elektroplanung: Planungsbüro Straub, Leutkirch BGF Mehrzweckhalle: 1 670 m² BGF Sporthalle: 950 m² BRI Mehrzweckhalle: 9 109 m³ BRI Sporthalle: 5 323 m³ Gesamtkosten: 3,7 Mio. Euro Bauzeit: 2010-12
  • Rosensteinhalle Heubach: Bauherr: Stadt Heubach Projektentwicklung: Sport Concept, Stuttgart Objektplanung: Kubus360 GmbH, Stuttgart Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Reichert, Schwäbisch Gmünd Haustechnik HLS: Ingenieurgesellschaft Hetzel und Renz, Schwäbisch Gmünd Elektroplanung: Ingenieurbüro Kummich & Weißkopf, Bopfingen BGF: 2 537 m² BRI: 17 757 m³ Gesamtkosten: 4,6 Mio. Euro Bauzeit: 2009-11
  • Riedsteighalle Dornstetten: Bauherr: Stadt Dornstetten Projektentwicklung, Generalplanung: Sport Concept, Reutlingen Tragwerksplanung: Bugenings & Eisenbeis – Ingenieure, Freudenstadt Haustechnik HLS: Wienand Ingenieurbüro für Versorgungstechnik, Reutlingen Elektroplanung: Heusel+Siess Ingenieurbüro für Elektrotechnik, Reutlingen BGF: 2 870 m² BRI: 18 680 m³ Gesamtkosten: 5,3 Mio. Euro Bauzeit: 2012-13
  • Dietweghalle Reutlingen: Bauherr: Stadt Reutlingen Projektentwicklung: Sport Concept, Reutlingen Objektplanung: Riehle + Assoziierte Architekten und Stadtplaner, Reutlingen Tragwerksplanung: Löffler Ingenieur Consult, Reutlingen Haustechnik HLS: ebök Planung und Entwicklung, Tübingen Elektroplanung: Ingenieurbüro Zeeb + Frisch, Kirchentellinsfurt BGF: 3 000 m² BRI: 20 555 m³ Gesamtkosten: 5,7 Mio. Euro Bauzeit: 2010-12

  • Energie (S. 62)
    Armin Scharf
    1963 geboren. Studium Farbe (Chemie) an der FH Druck in Stuttgart. Anschließend Redakteur und bis 1996 Chefredakteur der Fachzeitschrift Malerblatt; seit 1997 freier Fachautor. 2009 Start des Online-Magazins zwomp.de zu Industriedesign und Innovation.