Wohn- und Geschäftshaus in Zürich (CH)

Holz im Steinkleid

Eher selten ergibt sich für Planer die Möglichkeit, frei von profitorientierten Investoren Innenstädte zu gestalten. Die Rendite steht meist im Vordergrund und die Nachhaltigkeit der Architektur ist allzu oft, sofern überhaupt berücksichtigt, mehr PR-Schlager als Herzensangelegenheit. Anders bei zwei mitten in Zürich gelegenen sechsstöckigen Büro- und Wohngebäuden, mit denen die Planer eine neue Landmarke der Bauökologie gesetzt haben.

  • Architekten: kämpfen für architektur Tragwerksplanung: Makiol + Wiederkehr, De Vries Engineering
  • Kritik: Carmen Eschrich Fotos: René Rötheli
Seit Jahrzehnten gehörten die beiden zwischenzeitlich baufällig gewordenen Gebäude unmittelbar am Bahnhof Stadelhofen in Zürich zum Besitz privater Bauherren. Der Straßenblock aus der Gründerzeit war offen, die öffentliche und private Zone undefiniert, eine Verdichtung unter Beibehaltung der Bestandsgebäude kaum möglich. Eine Sanierung des Bestands erschien aus städtebaulichen und funktionellen Gründen nicht sinnvoll. So entschied man sich für einen Abbruch und somit einen Neustart: Die Blockrandbebauung zur Mühlebachstraße wurde geschlossen und an der Hufgasse reagiert nun die sanfte Rundung des zweiten Neubaus auf die benachbarte, geschwungene Gebäudezeile aus den 40er Jahren und führt in den halb öffentlichen Innenhof. Beide Neubauten sind nutzungsflexibel gehalten, sodass sie sich sowohl zum Wohnen als auch für Büroräume eignen.
Natürlich hölzern
Wer die Gebäude planen sollte, stand für die Bauherren von Beginn an fest: Durch andere Projekte waren sie vertraut mit der Arbeitsweise des Büros »kämpfen für architektur«: Wie fast immer sollte nun auch hier ressourcenschonend und energieeffizient aus Holz gebaut werden. Das passte zudem zum erklärten Ziel der Stadt Zürich, auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft ein Stück voranzukommen – auch wenn diese bisher nur wenige Bauten dementsprechend umgesetzt hat. Bürogründer Beat Kämpfen hingegen macht sich schon seit Jahrzehnten für eine ökologische Architektur stark und trotzte dabei der geringen gesellschaftlichen Resonanz in seinen Anfangsjahren. Der Durchbruch gelang ihm 2001 mit dem ersten Null-Heizenergie-Mehrfamilienhaus der Schweiz: »Sunny Woods« läutete eine neue Ära im vorfabrizierten Holzbau ein.
Gerade in der engen Innenstadt bietet die Vorfabrikation in Holz eine optimale Lösung: Wie ein Kartenhaus lässt sich der Hochbau innerhalb kürzester Zeit aufrichten und Baulärm auf ein Minimum reduzieren. Dafür ist die Planungsphase länger und von einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Architekten, Ingenieuren und Holzbauern geprägt. Kleinste Details werden in dieser Zeit perfektioniert, vom Tragwerk über Fensterrahmen, Elektroleitungen und Lüftungsrohre bis zur letzten Steckdose wird praktisch alles in das Holzelement eingebaut. Die Holzbauer profitieren durch die Herstellung in der Halle von bester Belichtung und arbeiten witterungsgeschützt – so lassen sich Maßtoleranzen auf gerade einmal 3 mm beschränken. Gerade für das energieeffiziente Bauen ist diese hohe Ausführungsqualität, die eine dichte Gebäudehülle gewährleistet, besonders wichtig. Auf diese Weise konnten die beiden Neubauten leicht den Minergie P-Standard erreichen, was in etwa dem deutschen Passivhausstandard entspricht.
Logistisches Meisterwerk
Ungeachtet aller Vorteile der Vorfabrikation standen Planer und Unternehmer vor einer großen Herausforderung: dem äußerst beengten Raum. Zudem liegt das Grundstück an einem verkehrstechnisch hochfrequentierten Knotenpunkt Zürichs, an dem sich Hunderte Arbeitsplätze und Wohnungen befinden. Mittels Straßensperrungen wurde der Abbruch der bestehenden Gebäude unfallfrei durchgeführt, Aushubarbeiten für die gebäudeübergreifende Tiefgarage folgten. Platz für die eigentliche Baustelle entstand erst, als die Decke des 1. UG – leicht überdimensioniert, um das Gewicht der schweren Transportfahrzeuge tragen zu können – betoniert war. Isoliert ragten auf ihr anfangs die aus Brandschutzgründen ebenfalls betonierten Treppenhäuser gen Himmel. Die Anlieferungen der Holzelemente musste genau auf ›
› die Montagegeschwindigkeit vor Ort abgestimmt werden, da kaum Platz zur Lagerung vorhanden war. Doch dann ging alles sehr schnell, innerhalb weniger Wochen waren die Gebäude aufgestellt und der Rohbau fertig.
Holz in der Stadt
Mittlerweile kann sich der CO2-neutrale Baustoff Holz vermehrt im städtischen MFH-Bau durchsetzen. Seit 2005 erlauben die Schweizer Brandschutzvorschriften auch sechsgeschossige Holzbauten – nicht verwunderlich, denn Holz ist im Brandfall sehr widerstandsfähig: Brennt ein Balken, so verliert er während einer Stunde umlaufend nur rund 4 cm seines Querschnitts, das unversehrte Holz trägt die Last weiter. Die positive Ökologiebilanz des Baustoffs und die damit verbundene Klimafunktion sind unumstritten. Holz zeigt sich zwar auch in extremen Witterungen sehr robust, doch dem stark beanspruchten städtischen Raum mit seinen Abgasen ist es nur bedingt gewachsen und verwittert schnell. Ähnlich sieht es auch Architekt Beat Kämpfen: »In Anlehnung an die benachbarten, denkmalgeschützten Liegenschaften wurde bei der Fassade Stein verwendet, der Holzbau muss nicht zwingend als solcher erkennbar sein.« Man entschied sich, u. a. in Anlehnung an die traditionelle Schweizer Baukultur, für eine Schieferfassade aus Schindeln. In aufwendiger Kleinarbeit wurde jede Schieferplatte einzeln mit speziellen Klammern an der Holzfassade befestigt. Als stimmungsvoller Kontrast treten die in edle Aluzargen gerahmten Fensteröffnungen aus der Fassade hervor. Sie bergen motorbetriebene Schiebeläden in zartem Champagnerton, durch deren perforiertes Blech das Licht schimmert.
Aktive Hülle
Das Wohn- und Bürogebäude an der Mühlebachstraße behält das urbane Geschehen über eine Lochfassade im Blick, wie ein Fels in der Brandung schirmen es die grauen Schieferschindeln gegen Lärm und Einblicke von der Straße ab. Zum Innenhof und somit zur introvertierten Südseite hingegen maximiert eine Glasfassade die solaren Gewinne, cremefarbene Faserzementplatten wechseln sich mit dunklen Flachkollektoren zur Warmwasseraufbereitung ab. So wird die Fassade clever zur Energiegewinnung herangezogen, überraschenderweise »arbeiten« sogar die am wenigsten besonnten Elemente in der untersten Reihe gut mit. Das zeigen Messungen, die nach einem Jahr Betrieb durchgeführt wurden. Sie weisen gegenüber den höher angebrachten Elementen lediglich geringe Ertragseinbußen von ca. 15 % jährlich aus – bei flach einfallender Wintersonne sind die Solarpaneele sogar so effektiv wie die auf der Dachfläche – und widerlegen die bisherige Kritik an aktiven Fassaden, der schlechte Wirkungsgrade nachgesagt wurden. Die Dachflächen beider Neubauten sind »aktiv« – Bauherr und Architekt entschieden sich zusätzlich zur Solarthermie für eine Belegung mit PV-Modulen, die einen jährlichen Ertrag von über 35 000 kWh Strom liefern.
Das Gebäude an der Hufgasse ist ebenfalls in grauen Schiefer gehüllt und bietet sichtgeschützte Balkonsitzplätze, die über den bekiesten Innenhof mit seinen Pflanzinseln kragen.
Energieeffizient und ökologisch
Insgesamt 36 cm dick ist die Dämmschicht aus Steinwolle, die zwischen und – um Wärmbrücken zu entschärfen – außenseitig vor die Holzständer eingebaut wurde. Sie verhilft der Außenhaut zu einem U-Wert von 0,13 W/(m2K). So ist dank Dämmung und Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung nicht viel Energie notwendig, um die Innenräume auf ein angenehmes Temperaturniveau zu bringen. Der Heizwärmebedarf des Gebäudes in der Mühlebachstraße beträgt nur ca. 12 kWh/m2, beim Haus in der Hufgasse sind es rund 17 kWh/m2. Neben den Solarkollektoren unterstützt eine Pelletheizung im Technikkeller die Warmwasseraufbereitung.
Neben dem Minergie P-Standard wurde das Gebäude zusätzlich mit dem »Eco«-Label ausgezeichnet. Bei dieser Zertifizierung dürfen nur wirklich schadstofffreie Materialien verwendet werden, die ökologisch unbedenklich sind und wenig graue Energie beinhalten. Daher kam im schlicht gehaltenen Treppenhaus und in den UGs Recyclingbeton zum Einsatz. Die Wände sind in Pfosten-Riegel-Bauweise mit aussteifenden Zementfaserplatten ›
› konstruiert. Bei den Geschossdecken handelt es sich um eine Holz-Beton-Verbunddecke, bestehend aus 16 cm unverleimten Holzbrettern, auf die 8 cm Beton gegossen wurde. Eine Armierung war nicht notwendig – so konnte die graue Energie gering gehalten werden. Aber eine reine Holzdecke wiederum hätte einen zu hohen Aufbau und wenig latenten Speicher geboten. Außerdem sollten die Anforderungen an einen erhöhten Schallschutz (s. db 6/13, S. 132, Anmerkung der Redaktion) eingehalten sowie großzügige Geschosshöhen verwirklicht werden. Das Endprodukt sind zufriedene Bewohner, auf das Erreichte stolze Bauherren und ein Architekturbüro, das seinem Namen wieder einmal alle Ehre gemacht hat: Kämpfen für Architektur, für eine ökologisch gestaltete Umwelt, die Zeichen setzt, Maßstäbe setzt und bereichert. •
  • Standort: Mühlebachstraße 8, Hufgasse 11, CH 8001 Zürich Bauherr: privat Architekten: kämpfen für architektur, Zürich Entwurf: Beat Kämpfen, Andi Rabara Projektleitung: Beni Knecht, Adrian Bierlein Mitarbeiter: Sigrun Rottensteiner Bauleitung: Daniel Wäckerle Tragwerksplanung: Makiol + Wiederkehr, Beinwil am See (Holzbau); De Vries Engineering, Zürich Bauphysik: Amstein & Walthert, Zürich Elektroplanung: Marcel Wyder, Zürich HKLS: Planforum, Winterthur BGF: 3 370 m² (Mühlebachstr.), 2 150 m2 (Hufgasse) BRI: 11 057 m3 (Mühlebachstr.), 6 520 m2 (Hufgasse) Energiebezugsfläche: 2 630 m2 (Mühlebachstr.), 1 794 m2 (Hufgasse) Heizwärmebedarf: 7,5 kWh/m2 EBF a (Mühlebachstr.), 9,4 kWh/m2 EBF a (Hufgasse) Baukosten: nach Baukostenplan 2 (Gebäudekosten inkl. Honorare) ca. 14,16 Mio. Euro Anzahl Wohnungen: 6 (Mühlebachstr.), 9 (Hufgasse) Anzahl Arbeitsplätze: 42 (Mühlebachstr.), 8 (Hufgasse) Bauzeit: Januar 2010 bis März 2012
  • Beteiligte Firmen: Holzbau: Hector Egger Holzbau, Langenthal, www.hector-egger.ch Naturschiefer: Rathscheck Schiefer und Dach-Systeme, Mayen-Katzenberg, www.hector-egger.ch Faserzementplatten: Eternit Fassadentafel »Swisspearl TYP Carat Bernstein 7082«, Niederurnen, www.hector-egger.ch Fenster: Holz-Metall Fenster »Typ Top-Win Plus«, 1a hunkeler, Ebikon, www.hector-egger.ch Verglasung: Isolierglas Glas Trösch »Silverstar E-Linie«, Bützberg, www.hector-egger.ch Sonnenkollektoren Fassade: »Cobra Evo 2.8V«, SOLTOP Schuppisser, Elgg, www.hector-egger.ch PV-Anlage: monokristalline Solarmodule »CNPV-205M«, CNPV Solar Power, Selzach, www.hector-egger.ch

  • Energie (S. 74)

    kämpfen für architektur
    Beat Kämpfen
    1954 geboren. 1980 Diplom an der ETH Zürich. 1982 Master an der University of California, Berkeley (USA). 1983-85 eigenes Architekturbüro, 1984-85 Entwurfsassistenz an der ETH Zürich. 1986-95 Büro Meister und Kämpfen Architekten, seit 1996 kämpfen für architektur. Referats- und Lehrtätigkeiten, u. a. 2012-13 als Gastdozent an der Kansas State University (USA). Publikationen in Büchern und Fachzeitschriften.
    Carmen Eschrich
    1979 geboren. Architekturstudium an der TU München und der FH Mainz, 2003 Diplom. Mitarbeit in Architekturbüros in den USA, in Südafrika, Mexiko, England und der Schweiz. Studium des Urban Design an der Oxford Brookes University. Freie Architekturjournalistin für Schweizer und deutsche Zeitschriften.