Öko- und Umweltsiegel im Bereich Bauen

Den Überblick behalten

Lange galt der Blaue Engel als das einzige seriöse Umweltzeichen Europas, wenn nicht weltweit. Heute haben sich zu diesem Siegel von 1978 viele weitere gesellt. So viele, dass ein Überblick nicht sonderlich einfach ist. Allein im Baubereich reicht die Angebotspalette von staatlichen Siegeln bis zu solchen, die von der Industrie als freiwillige Selbstkontrolle ins Leben gerufen oder aus Marketing- und Werbegründen selbst kreiert wurden. Deshalb stellt sich die Frage: Welche Labels sind wichtig und wofür stehen sie?

Text: Marc Nagel, Foto: Thomas Ebert

Bei Öko- und Umweltsiegeln ist es ähnlich wie bei Bio-Lebensmitteln: Welches Siegel, neudeutsch Label, ist seriös, was wird dabei geprüft und welchen Mehrwert bringt es mir als Verbraucher, Anwender, Planer oder Weiterverarbeiter? Immer mehr Architekten begegnet diese Frage im Arbeitsalltag. Da will etwa eine Bauherrenfamilie für ihr Niedrigenergiehaus nicht nur eine hocheffiziente Haustechnik oder eine perfekte thermische Gebäudehülle, sondern auch Baustoffe, die frei von chemischen Ausdünstungen sind – und schon steht der Planer vor der Frage, welche Baustoffe er einsetzen kann. Oder ein Unternehmen schreibt ein neues Bürogebäude aus und will dieses nach DGNB zertifizieren. Das setzt aber voraus, dass zur Erlangung des DGNB-Siegels Produkte verwendet werden, die beispielsweise in den Bereichen Energieverbrauch, Emission und Entsorgung bzw. Wiederverwertung gute Werte aufweisen. Denn sonst wird es mit der Zertifizierung eventuell schwierig. Auch hier hilft eine klare Orientierung weiter.
Welches Siegel dabei aussagekräftig ist und welche Information man ablesen kann, hängt im Wesentlichen davon ab, was man möchte. Geht es darum, eine Immobilie zu erwerben, in eine solche zu investieren oder selbst als Planer ein Gebäude zu erstellen, das zertifiziert werden soll, dann muss man sich mit anderen Siegeln beschäftigen wie derjenige, der auf der Suche nach einem ökologisch unbedenklichen oder sehr emissionsarmen Teppichboden ist. Daher lassen sich die gängigsten Siegel in drei Gruppen unterteilen: Siegel zur Bewertung und Einordnung der Nachhaltigkeit bei Gebäuden, Labels zur Bewertung und Einordnung von Produkten und Siegel, die ein Material auf seine nachhaltige Herkunft und Erwirtschaftung hin prüfen und kategorisieren.
»Nachhaltige« Materialien
Die erste Gruppe der Siegel ist die der »Material-Siegel«. Die beiden im Moment populärsten sind das FSC-Logo sowie das PEFC-Logo. Bei beiden handelt es sich um Labels, die für Holz und Holzprodukte vergeben werden, die als nachhaltig bezeichnet werden können.
FSC, das »Forest Stewardship Council«, wurde 1993 gegründet, um die Regenwälder unserer Erde, zu Beginn im Speziellen die südamerikanischen Regenwälder, zu schützen und die Nutzung und den Handel mit Tropenholz nachhaltig zu gestalten. Der Gedanke war, die wirtschaftliche Grundlage vieler Menschen in den Tropenholz exportierenden Staaten zu erhalten und gleichzeitig gegen den Raubbau an Natur und Mensch vorzugehen. Entstanden ist eine unabhängige Nicht-Regierungs-Organisation, die Holz als Material zertifiziert – mittlerweile aus Wäldern weltweit. Dabei wird die gesamte Produktkette (chain of custody) geprüft und bewertet. Relevante Kriterien für die Vergabe sind eine nachhaltige Forstwirtschaft, die eine Balance zwischen vertretbarer Abholzung und Wiederaufforstung sichert, ökologisch vertretbare Arbeitsmethoden oder gute und menschenwürdige Arbeitsbedingungen bei der Gewinnung und Verarbeitung der Hölzer.
In eine ähnliche Richtung geht das PEFC-Siegel. Auch hier geht es um die gleichen Grundbewertungen einer nachhaltigen Holzproduktion. Anders als bei FSC lag der Schwerpunkt bisher jedoch auf Europa, was nun aber auch nach und nach ausgeweitet wird. Beiden Siegeln gemeinsam ist jedoch die Tatsache, dass mit ihnen ausgezeichnete Produkte nicht zwangsläufig ökologische oder gesundheitlich unbedenkliche Produkte sind. Die Siegel sagen nur aus, dass die Produktkette auf Basis von Nachhaltigkeitskriterien überprüft und zertifiziert wurde.
Das ganze Produkt zählt
Einen Schritt weiter gehen die Siegel, die für die Zertifizierung von Produkten vergeben werden. Eines dieser Siegel ist das Kork-Logo, das zwischen den bereits vorgestellten Auszeichnungen für Materialien und den klassischen Produktlogos liegt: Auch hier geht es darum, dass ein Produkt – in diesem Fall Korkboden – auf die Nachhaltigkeit seiner Produktionskette hin geprüft wird. Darüber hinaus zeichnet dieses Logo aber auch die hohe Qualität und Güte sowie die positiven chemischen Eigenschaften eines Kork-Produkts aus. Das Siegel wurde vom Deutschen Korkverband e.V. gemeinsam mit dem eco-Institut ins Leben gerufen. Das eco-Institut ist ein unabhängiges Prüfinstitut ›
› mit Sitz in Köln, das Hersteller bei der Zertifizierung ihrer Produkte unterstützt.
Ebenfalls vom eco-Institut kreiert wurde das eco-Label. Es ist eines der strengsten Siegel für die Prüfung von Produkten, die auf dem deutschen Markt zur Verfügung stehen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Produkten aus dem Baubereich. Hier wird nach dem Protokoll des eco-Labels abgeprüft, was auch bei vielen anderen Labels üblich ist: Herkunft des Rohmaterials, chemische und biologische Eigenschaften, Güte und Qualitätskriterien, Zusammensetzung oder Fragen zum Recycling und zur Entsorgung. Wesentlicher Unterschied dieses Labels gegenüber vergleichbaren wie etwa dem Blauen Engel, der nach Kriterien einer unabhängigen Jury vom Umweltbundesamt vergeben wird, ist jedoch die Prüfung der Inhaltsstoffe und der Emission. Während beim Blauen Engel beispielsweise bei Kunststoff-Produkten zwar bereits die Ausdünstung gefährlicher oder gesundheitsgefährdender Stoffe gemessen wird, geht man beim eco-Label noch einen Schritt weiter und untersucht auch, ob bedenkliche und teilweise gefährliche Weichmacher vorhanden sind.
Einen ähnlich strengen Weg wie das eco-Siegel geht bei Produkten rund ums Bauen das nature-plus-Siegel. Es gilt allgemein als eines der aussagekräftigsten Siegel für Produkte und prüft etwa bei den Inhaltsstoffen noch mehr Stoffe und Verbindungen ab.
Zum Blauen Engel ist noch hinzuzufügen, dass dieser etwas in die Kritik geraten ist, da die Prüfkriterien nicht mehr zu den strengsten gehören und so relativ viele Produkte ein solches Siegel erhalten. Aus diesem Grund setzen auch immer mehr Hersteller zusätzlich oder alternativ auf eines der anderen Siegel. Zu diesen zählt auch GEV-EMICODE, ein Label, das insbesondere im Bereich der Emmission von Verlegewerkstoffen und Bauprodukten abprüft und von der Gemeinschaft Emmissionskontrollierter Verlegewerkstoffe, Klebestoffe und Bauprodukte e.V. vergeben wird (s. hierzu auch S. 70).
Nachteil Grenzwerte
Was die besten und strengsten Siegel jedoch nicht leisten können, liegt in der Verpflichtung des Gesetzgebers. Denn nur die von staatlicher oder im Falle der EU von gemeinschaftlicher Seite definierten Grenzwerte und Vorgaben können eine verlässliche Basis und eine Vergleichsebene bilden. Wie schwierig es ohne solche Vorgaben wird, sieht man im Moment an der Diskussion über sogenannte Nano-Partikel. Immer mehr Produkte beinhalten zur Verbesserung der Produkteigenschaften solche Kleinstteile, um etwa bei einem Deo mit Silberzusatz die »Leistung« zu steigern oder bei einem Anstrich einen Lotuseffekt zu erreichen. Dass Nano-Partikel für den Menschen gefährlich sein könnten, wird zwar vermutet, ist im Moment aber noch nicht ausreichend untersucht und somit auch noch nicht mit Grenzwerten oder einer Einschätzung von staatlicher Seite untermauert. So bleibt auch dem strengsten Label keine andere Wahl, als bei der Prüfung den Nano-Bereich auszuklammern.
Die drei grossen Gebäude-Siegel
Während sich die bisher vorgestellten Labels und Siegel nur mit Rohstoffen, Materialien und Produkten beschäftigen, gehen die drei, den meisten Planern wohl bekannten Siegel DGNB, LEED und BREEAM noch einen Schritt weiter. Hier werden ganze Gebäude zertifiziert und auf ihre Nachhaltigkeit hin untersucht. Dabei streiten das deutsche DGNB-Siegel und das amerikanische LEED-Zertifikat um den Vorrang, als strengstes und umfangreichstes Zertifizierungssystem zu gelten. BREEAM als britischer Standard spielt hierbei eine untergeordnete Rolle und reicht auf internationaler Ebene bei Weitem noch nicht an die Stellung von LEED heran. So hat sich die Deutsche Bank beispielsweise dazu entschieden, alle Gebäude des Unternehmens, vornehmlich die Neubauten, sukzessive nach LEED und DGNB zertifizieren zu lassen. LEED wird dabei vom U. S. Green Building Council und das DGNB-Zertifikat von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen vergeben, während BREEAM vom Building Research Establishment (BRE) ins Leben gerufen wurde und zertifiziert wird.
Allen drei Labels und Zertifizierungsverfahren ist jedoch das grundsätzliche Vorgehen gemeinsam. So müssen Gebäude, die eine Auszeichnung erhalten wollen, einen sehr komplexen Anforderunsgkatalog erfüllen. Hierbei werden verschiedenste Kriterien anhand eines Punktesystems bewertet und das Gebäude somit eingeordnet. Aus allen Kategorien und Unterpunkten ergibt sich dann eine Bewertung, die schnell aufzeigen soll, wie nachhaltig das Gebäude ist. So erhält ein Bauwerk nach DGNB Bronze, Silber oder Gold, nach LEED die Stufen Certified, Silver, Gold oder Platinum und bei BREEAM die Bewertung nach Sternen, wobei vier Sterne die höchste Auszeichnung darstellt.
Viel Rauschen im Wald
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich bei allem Rauschen im Wald, also bei all den vielen Labels, Siegeln und Zertifizierungssystemen nach und nach ein Gruppe herauskristallisiert, die als relevant und verlässlich eingestuft werden kann. Einige dieser Labels wurden hier vorgestellt. Alle übrigen Labels, etwa das EU-Ecolabel »Euroblume« (erscheint von den Prüfkriterien dem Blauen Engel ähnlich), das »AgBB-Schema« (Ausschuss zur gesundheitlichen Bewertung der Emissionen flüchtiger organischer Verbindungen wie VOC und SVOC aus Bauprodukten) oder »Greenguard« (californisches Label) haben jeweils ebenfalls ihre Berechtigung, sind meist jedoch auf bestimmte Produkte und Erzeugnisse beschränkt. Allen gemeinsam ist jedoch, dass hier, anders als bei manchem Herstellerlabel, unabhängige Prüfinstitute mit ins Boot geholt wurden und so eine gewisse Objektivität angenommen werden kann. Wie bei den Bio-Siegeln der Lebensmittelindustrie wird sich aber auch hier zeigen, dass nach und nach bestimmte Labels für andere aufgegeben werden und es in den nächsten Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Konsolidierung kommen wird. •
Weitere Hinweise und Quellen:

Energie (S. 66)
Marc Nagel
1974 in Stuttgart geboren. 1997-2002 Studium Werbung und Marktkommunikation an der Medienhochschule in Stuttgart, Diplom. 2002-04 Berufstätigkeit. 2004-09 Studium der Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart, Diplom. Seit 2009 freier Journalist und Autor mit Schwerpunkt Design, Architektur, Stadtplanung.