Büroporträt des Architekturbüros Harter + Kanzler aus Freiburg und Haslach

Zwischen Klassik und Tradition

Klassische Vorbilder und Anleihen an die Architekturmoderne, das liest man aus den Arbeiten des Freiburger Büros Harter + Kanzler eher heraus als traditionelle Formen. Doch wer jetzt vermutet, es handle sich um ein Büro, das sich dem Regionalen gänzlich verschließt, der irrt. Ein Besuch im Schwarzwald.

  • Architekten: Harter + Kanzler
  • Kritik: Marc Nagel Fotos: Olaf Herzog
Haslach, zwischen Offenburg und Rottweil – hier vermutet man so schnell kein architektonisches Zeichen der neueren Art. Sehr traditionell scheint es in diesem Ort zuzugehen, der historische Bestand prägt das Stadtbild. Doch dann wird man eines Besseren belehrt. Am Rande der kleinen Stadt an der Kinzig, im Ortsteil Schnellingen, befindet sich ein Gebäude, das so wenig mit traditionellem Bauen zu tun hat wie Dubai mit durchdachter Stadtplanung: der neue Bauhof mit Verwaltung der Firma Hansmann. Doch wie kommt ein solches Gebäude hierher? Wie kommt ein Baukörper mit klaren Linien, strenger Geometrie und klassischen Elementen in eine ländliche Umgebung wie diese? Ringsum befinden sich schließlich neben austauschbaren Gewerbebauten, den typischen Wohnhäusern mit Sattel-, Krüppelwalm- oder Walmdach lediglich Felder, auf denen Obst und Gemüse angebaut werden. Eine Umgebung also, in der ein Bauhof mit Anleihen an die regionale Architektur weitaus unauffälliger gewesen wäre. Doch die Antwort ist: Weil hier ein mutiger Bauherr einen ebenso mutigen Weg mit seinen Architekten gegangen ist. Mutig auch deshalb, weil sich der Bauherr von seinem ursprünglichen Entwurf, der ein Haus mit Walmdach vorsah, abbringen und von der heutigen Form mit Flachdach überzeugen ließ.
Dabei darf man mutig nicht mit unpassend verwechseln. Denn der Bau wirkt keinesfalls wie ein Fremdkörper. Die beigefarbene Fassade aus Wasserstrich-Klinkern fügt sich ebenso gut in die Farbpalette der Landschaft ein wie der Sichtbeton, der für verschiedene Bereiche auf dem Bauhof verwendet wurde. Gerade die bei diesem Massivbau eingesetzten Materialien sind Hinweise auf die Philosophie des Büros Harter + Kanzler. »Denn«, so Ludwig Harter, »für einen Schreiner hätten wir nicht Klinker und Beton als Baumaterialien gewählt, sondern eben Holz«. Dass man bei der Firma Hansmann auf eine Fassade in Mauerwerk und Sichtbetonflächen gesetzt habe, sei ein Hinweis auf das Tätigkeitsfeld dieses Unternehmens. Wie ernst es den Architekten dabei ist, über das Material einen Bezug zum Bauherrn und zur Nutzung ›
› herzustellen, zeigt die Tatsache, dass sowohl der Mauerwerksverbund als auch die Sichtbetonelemente von der Firma selbst hergestellt wurden.
Doch nicht nur wegen der Fassade, sondern auch aufgrund der Baumasse fällt das Gebäude angenehm auf. Die Hauptfassade des Verwaltungsbaus im Nordosten bildet mit ihren zwei Geschossen und der Lochfassade mit bodentiefen Fenstern das Hauptvolumen, das von einem gläsernen Eingangsbereich aufgebrochen wird. Über diesem Volumen befindet sich ein großes Dach in Sichtbeton, das das Gebäude und die Außenanlagen des Bauhofs gut fasst und außerdem eine Torsituation erzeugt. Komplettiert wird die Anlage mit einer Umfriedung, die eine klassische Hofsituation nachbildet und die eigentliche Betriebshalle in die Gesamtanlage integriert. Die zur Umfriedung eingesetzten Betonstelen im Osten dienen dabei als Sichtschutz und verleihen diesem Bereich ein klassisches Aussehen. Komplettiert wird die Anlage durch eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, die hier deutlich besser passt als auf den Dächern der Schwarzwaldhöfe ringsum.
Ausgezogen, um dem regionalen Bauen im Schwarzwald auf die Spur zu kommen, trifft man bei diesem ersten Objekt des Büros Harter + Kanzler also auf ein Gebäude, das mehr von der Moderne als von regionalen Vorbildern geprägt wird. Ist man dann vielleicht bei diesem Büro an der falschen Adresse, wenn es um regionales Bauen geht? »Ja und nein«, gibt Ingolf Kanzler zur Antwort. Denn die erste Gegenfrage, die er stellt, ist: »Was ist das denn genau, dieses regionale Bauen?« Und die selbst gegebene Antwort lautet: »Aus Sicht des Büros ist es ein Bauen, das sich an der Bauaufgabe und am Ort orientiert und nicht um jeden Preis regionale und traditionelle Zitate verwenden muss.« Und so, das sagt Kanzler sehr deutlich, hätte er manches Projekt in der Region auch abgelehnt und verweist auf ein nahe gelegenes Hotel, das nach einem Brand als klassisches Haus mit Krüppelwalmdach und Schnörkelspiel wieder aufgebaut wurde. Denn einen solchen Nachbau würde man nicht machen. Eine Einstellung, die gut und ehrenwert ist, die aber Fragen aufwirft: Ist der Architekt nun Künstler oder Dienstleister? Muss er sich den Wünschen des Kunden anpassen oder der Kunde den Ideen des Architekten? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Die beiden Architekten allerdings tendieren mit der Aussage, man erwarte vom Bauherrn ein hohes Entgegenkommen für die Entwurfsidee, wohl eher zur Seite der Künstler. ›
Es geht auch anders: Einfamilienhaus in Hausach
Wie positiv sich die eben formulierte Einstellung des Büros auswirken kann, zeigt ein zweites Beispiel. Nicht weit entfernt von Haslach liegt Hausach. Ein nicht minder traditionelles Örtchen mit einem kleinen Neubaugebiet, in dem das Wohnhaus einer Familie steht. Dieser Bau von 2010 kann ohne Umschweife als positives Beispiel in einem Umfeld genannt werden, welches jedem Architekturkritiker die Tränen in die Augen treibt. Punkthäuser im Stil einer toskanischen Villa, inklusive Zeltdach, unförmige Wohnhäuser mit Pultdach oder Fassaden, deren Farbgestaltung auf eine Farbblindheit von Architekt, Bauherr oder Malerbetrieb schließen lassen, dominieren das Bild und strafen denjenigen Lügen, der fordert, dass ein Planer auch stärker auf die Wünsche der Bauherren eingehen muss. Und mitten unter diesen buckligen Verwandten steht das von Harter + Kanzler entworfene Einfamilienhaus und hält die Fahne für gute Gestaltung hoch.
Auf einem Sockel aus WU-Beton, in dem sich der Keller befindet, der gleichzeitig aber Grundwasserschutz ist, scheint das Haus mit seiner Holzfassade fast zu schweben. Es wirkt dabei so leicht, dass man nicht vermuten würde, hier einen Mauerwerksbau mit WDVS und vorgehängter Fassade aus vertikal verlaufenden Tanne- und Fichteleisten vor sich zu haben. Allerdings wirkt aber auch dieses Gebäude, so gut gestaltet es auch ist, nicht wie ein Haus, das nicht ebenso gut auch an anderer Stelle stehen könnte. Mit seiner weißen, tatsächlich mit norwegischer Versiegelung versehenen Fassade, könnte es auch irgendwo in Skandinavien stehen.
Also wieder kein Hinweis auf regionale oder traditionelle Neuinterpretationen in den Entwürfen des Büros Harter + Kanzler. Dafür aber viele Hinweise auf die Verbundenheit mit der Moderne, wie man auch im Innern des Hauses sieht. So dient eine Sichtbetonwand als Raumteiler zwischen Eingang und Wohn-/Essbereich und eine wangenlose Treppe, deren Stufen an der Betonwand befestigt sind, betont den modernen Anspruch. Ein Eindruck, der auch durch den gelungenen Eingangsbereich des Hauses in Form eines Stahlkastens sowie durch die dunkle Ziegeleindeckung unterstrichen wird.
Ein Wohnhaus gilt beim Freiburger Büro übrigens als Exot. Denn neben Bauten für Unternehmen und öffentlichen Bauaufgaben widmen sich Harter + Kanzler nur ein bis höchstens drei Wohnhäusern im Jahr. Dass sie es dennoch beherrschen, bewiesen sie in Hausach. ›
Gymnasium in Furtwangen – Also doch regional?
So richtig scheinen diese Architekten also nicht in das Bild und die Vorstellungen einer regionalen Architektur aus dem Schwarzwald zu passen. Weder die beiden vorgestellten Beispiele noch weitere Bauten wie etwa der Umbau und die Erweiterung des Mathematischen Instituts in Wolfach, das insgesamt ein sehr überzeugendes Ensemble darstellt, zeigen Anzeichen von Zitaten oder Rückgriffen auf Bauformen und Bautechniken wie sie im Schwarzwald üblich sind. Dies natürlich nicht ohne Grund: »Würden wir heute ein Walmdach entwerfen, dann wäre das doch Blödsinn. Dieses Dach müsste keine Lagerfläche im oberen Bereich eines Hauses oder den Platz unter der Traufe schützen, sondern würde lediglich viel Licht wegnehmen«, erklärt Ludwig Harter und Ingolf Kanzler fügt hinzu: »Wir denken und entwerfen eben nach vorne gewandt und nicht rückwärts orientiert.« Das schließe aber nicht aus, dass man beim Material, einer Konstruktion oder einer Form nicht auch einmal auf etwas Regionales oder Traditionelles zurückgreifen könne, aber es müsse passen. – Also doch ein Hoffnungsschimmer in Sachen regionales Bauen im Schwarzwald? Zumindest nicht ganz ausgeschlossen ist, dass das dritte Objekt hier eine Spur erkennen lässt. Denn mit der Erweiterung des Otto-Hahn-Gymnasiums in Furtwangen hat das Büro eine Aufgabe übernommen, die aus einem Konkurrenzverfahren der öffentlichen Hand hervorgegangen ist, bei der es eine klare Vorgabe gab: Es musste das für diesen Ort typische Holz als Baustoff verwendet werden. Und so machten sich die Architekten an die Planung und entwarfen einen Erweiterungsbau für das Gymnasium, der tatsächlich, mehr oder weniger konsequent, auf Holz als Baustoff setzt. So wurden Decken, Fenster, Wände und sogar die Tragkonstruktion aus Holz gefertigt und mit Holz-Beton-Verbund-Decken eine Lösung eingesetzt, die neben den hohen Spannweiten auch gute Schallschutzeigenschaften besitzt. Dass bei der Fassade eine Schindelfassade als Variante gewählt wurde, kann dann aber als klares Signal für regionales Bauen verstanden werden. Einziger Wermutstropfen: Beim verwendeten Holz handelt es sich nicht um das für den Schwarzwald bei Schindeln übliche Fichtenholz, sondern um Weißzedernholz, das aus anderen Regionen dieser Welt stammt. Daran sieht man, dass man beim Büro bei der Wahl des Baumaterials auf andere Kriterien und Eigenschaften wie z. B. Haltbarkeit oder Kosten schaut, bevor partout auf ein regionales Produkt gesetzt wird. Immerhin lehnte man bei allen Bauprojekten Kunststoff als Baumaterial ab – etwa bei Fenstern oder Rollläden.
Wenn auch die Materialwahl und die Formensprache nur bedingt einen regionalen Bezug herleiten lassen, so kann man den Gebäuden des Büros im Allgemeinen und diesem Bau im Besonderen eine hohe gestalterische Qualität und gute Funktionalität bescheinigen. Der Anbau des Otto-Hahn-Gymnasiums, eine längliche Box mit Flachdach und offener Fassade, wirkt durchdacht. Im Innern etwa hat man so konsequent zu Ende geplant, dass die Fußböden nicht auch in Holz erstellt wurden, sondern stattdessen einen Hartbeton-Estrich mit Fußboden-Heizung bekamen. Denn in Furtwangen liegt im Schnitt deutlich länger und häufiger Schnee als in anderen Orten dieser Region. Und so sind die Schuhe der Schüler eben oft nass und die ins Haus getragene Feuchtigkeit kann auf dem pflegeleichten Boden besser gehandhabt werden und trocknet dank der Fußbodenheizung schneller ab – eine clevere Lösung.
Regional aber nicht traditionell
Damit ist klar: Das Architekturbüro Harter + Kanzler aus Freiburg und Haslach kann auch regional. Traditionelles Bauen oder ein klares Bekenntnis zu regionalen Eigenheiten in der Architektur sucht man jedoch vergebens. Dass das Büro, sobald es wie in Furtwangen auf ein für den Schwarzwald typisches Element wie die Schindel-Fassade zurückgreift, allerdings nicht so konsequent ist und heimisches Holz verwendet, trübt das Bild ein wenig. Denn die ansonsten klare Linie des Büros wird hier nicht konsequent zu Ende gedacht. Wenn man z. B. Kunststoff-Fenster aus ökologischen Gründen und wegen ihrer unbefriedigenden haptischen und optischen Eigenschaften ablehnt, dann könnte man durchaus denken, es werden nur noch Hölzer eingesetzt, die aus dem Schwarzwald stammen. Denn: Ein klares Bekenntnis zur Architekturmoderne ist in allen Bauten erkennbar, weshalb ein klares Bekenntnis zu regionalen Materialien das Profil des Büros schärfen und die individuelle Anpassung an die Bauaufgabe stärken würde – gerade, weil Harter + Kanzler die meisten Projekte im Schwarzwald verwirklicht hat. •
  • Standort: Schnellinger Straße 55, 77716 Haslach i. K. Bauherr: Ingeborg Hansmann, Haslach i. K. Architekten: Harter + Kanzler Architekten, Freiburg/Haslach i. K. Projektleiter: Armin Stoll Tragwerksplanung: Isenmann + Scherer, Biberach/Baden NGF gesamt: 2 974 m² (Verwaltung 1 136 m², Halle 1 838 m²) BRI: Verwaltung: 17 695 m³, Halle: 9 595 m³ Baukosten: 3,3 Mio. Euro (brutto) Bauzeit Büro: September 2005 bis Juni 2006 Fertigstellung Bauhof: März 2008
  • Beteiligte Firmen: Ziegelfassade: Wienerberger Ziegelindustrie, Hannover, www.wienerberger.de
  • Standort: 77756 Hausach Bauherr: privat Architekt/Generalplaner: Harter + Kanzler Architekten, Freiburg/Haslach i. K. Projektarchitekt /Bauleitung: Michael Welle, Willi Vollmer Tragwerksplanung: Sum-Stehle Ingenieurbüro, Hausach BGF: 330 m² BRI: 950 m³ Baukosten: keine Angaben Bauzeit: Februar 2009 bis Februar 2010
  • Beteiligte Firmen: Dachziegel: Dachziegelwerke Nelskamp, Schermbeck, www.nelskamp.de. Holzfenster: Gegg Fensterbau, Haslach, www.nelskamp.de
  • Standort: Colnestraße 6, 78120 Furtwangen Bauherr: Stadt Furtwangen Architekt/ Generalplaner: Harter + Kanzler Architekten, Freiburg/Haslach i. K. Projektarchitekt: Bendix Pallesen-Mustikay Tragwerksplanung: Theobald + Partner Ingenieure, Kirchzarten Haustechnik : PGT, Freiburg Elektroplanung: Neher Butz, Konstanz Lichtplanung: Stromlinie Mahler, Konstanz BGF: 1 800 m² BRI: 7 220 m³ Baukosten: 3,3 Mio. Euro (brutto) Bauzeit: Februar 2009 bis Februar 2010
  • Beteiligte Firmen: Holzelemente: Lignotrend, Weilheim, www.lignotrend.com

  • Büroporträt Harter + Kanzler (S. 40)

    Harter + Kanzler
    Ludwig Harter
    1951 geboren. 1980-84 Studium der Architektur an der FH Konstanz. 1984-85 Mitarbeit im Büro Rolf Disch, Freiburg . Seit 1986 freier Architekt, seit 1987 Büropartnerschaft mit Ingolf Kanzler.
    Ingolf Kanzler
    1956 geboren. 1981-85 Studium der Architektur an der FH Konstanz. 1985-86 Mitarbeit im Büro Prof. Morlock, Freiburg. Seit 1987 Büropartnerschaft mit
    Ludwig Harter.
    Marc Nagel
    1974 in Stuttgart geboren. 1997-2002 Studium Werbung und Marktkommunikation an der Medienhochschule in Stuttgart, Diplom. 2002-04 Berufstätigkeit. 2004-09 Studium der Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart, Diplom. Seit 2009 freier Journalist und Autor mit Schwerpunkt Design, Architektur, Stadtplanung.