London 2012 – eine einmalige Chance für die Stadtentwicklung

Zwischen Altlast und Vermächtnis

Die Sportstätten und die eigens geschaffene Infrastruktur sollen nach den Spielen nicht sich selbst überlassen werden, sondern Ausgangspunkt einer verträglichen Stadtentwicklung sein. Regierung und Stadtverwaltung schufen dazu eine Stadtplanungsgesellschaft, die für den Olympischen Park und seine Umgebung im räumlich fragmentierten, sozial und wirtschaftlich benachteiligten Londoner Osten ambitionierte Rahmenpläne entwickelt und deren Umsetzung begleitet und überwacht. Durch ihr politisches Gewicht und die Einbeziehung der Anwohner in die Planungen soll sie dem enorm hohen Investorendruck, der auf ganz London lastet, die Stirn bieten können und verhindern, dass die für das nur wenige Wochen dauernde Mega-Event verbauten Millionen verpuffen.

Text: Cordelia Polinna, Francesca Weber-Newth Fotos: Cordelia Polinna

London weist ein für europäische Verhältnisse außerordentlich hohes Bevölkerungswachstum auf; von 7,8 Mio. Einwohnern im Jahr 2011 wird eine Zunahme auf 8,57 Mio. im Jahr 2026 erwartet – zuzüglich der damit einhergehenden neuen Arbeitsplätze, Schulen, Krankenhäuser, Geschäfte etc. Seit dem Jahr 2000 ist es erklärtes Ziel der Londoner Stadtregierung, diese zusätzlichen Bewohner innerhalb der bestehenden städtischen Strukturen aufzunehmen – die Planung konzentriert sich auf Nachverdichtung und Konversion von großen Brachflächen v. a. in den ehemaligen Hafengebieten, z. B. entlang des River Lea, wo jetzt die Olympischen Spiele stattfinden. Auf dem Osten Londons lastet somit ein immenser politischer und wirtschaftlicher Entwicklungsdruck. Gleichzeitig landen viele Quartiere in diesem Gebiet noch immer regelmäßig auf den letzten Plätzen in den Sozialstatistiken Englands. Es besteht dringender Handlungsbedarf – mit oder ohne Olympia.
Städtebauliche Herausforderungen und auf ihre eigene, postindustrielle Weise charmante Räume liegen hier im Lower Lea Valley oft dicht beieinander. Auf der einen Seite genießt es eine gute Verkehrserschließung – etwa durch die Stadtautobahn Eastway aus den 60er Jahren –, gleichzeitig wirken diese Verkehrstrassen jedoch auch als kaum überwindbare Barrieren, die auf lokaler Ebene viele Stadtteile voneinander trennen. East London ist gesprenkelt mit ehemaligen Arbeiterquartieren mit ihrem ganz eigenen Charakter, deren Bewohner jedoch häufig mit Arbeits- und Perspektivlosigkeit zu kämpfen haben. Schrotthändler, Kleingewerbe und Brachen wechseln sich mit neuen Wohnungsbauprojekten und mit Mega-Supermärkten ab. Im Zuge der Olympischen Spiele werden jetzt »Hinterzimmer« Londons zur Eingangstür gemacht – ein radikaler Wandel steht bevor.
In Angriff genommen
Mit der überraschenden Kür Londons zum Austragungsort der Sommerspiele 2012 im Juli 2005 wurde quasi ein Turbo-Antrieb für die Erneuerung des Londoner Ostens gezündet, der sich neben dem Bau der Spielstätten auf eine duale Strategie konzentrierte: Auf der einen Seite wurde die physische Infrastruktur ausgebaut, also die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, sowie neue Fußgänger- und Radwegeverbindungen geschaffen, eingebettet in ein Netz aus Grünflächen und Wasserwegen. Ein Beispiel ist der vom Olympischen Park Richtung West Ham verlaufende »Greenway«, ein einige Meter erhöht auf dem viktorianischen Kanalisationssystem von 1865 liegender linearer Grünraum. Ein 2,3 km langer Abschnitt wurde 2010 nach Plänen von Adams & Sutherland in einen attraktiven Fuß- und Radweg umgestaltet. Für Bodenbeläge und Sitzgelegenheiten wurden Materialien recycelt, die beim ›
› Bau des Olympiageländes angefallen sind. Nach den Spielen soll der Park bis auf 7 km verlängert werden und dann eine wichtige West-Ost-Wegeverbindung bis nach Beckton nördlich der Royal Docks bilden.
Auf der anderen Seite wurden sozial-integrative Programme gestartet, die Benachteiligung und soziale Ungleichheit vermindern sollen, etwa durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze und Ausbildungsinitiativen wie das »Young Leaders«-Programm. So konnten 20 % der Arbeitsplätze auf den Olympia-Baustellen mit Arbeitskräften aus den angrenzenden Bezirken besetzt werden. Auch auf die frühzeitige Beteiligung der Anrainer des Olympiageländes an den Planungen wurde großer Wert gelegt. Größtenteils dürfte sich diese »Beteiligung« jedoch auf eine – durchaus außergewöhnlich transparente und umfangreiche – Information der Betroffenen beschränkt haben, standen doch die zentralen Elemente der Planung nie wirklich zur Debatte.
Diese beiden miteinander verwobenen Ansätze bilden eine spezielle »Londoner Herangehensweise«, die bei der Umsetzung des Großprojekts zum nachhaltigen Vermächtnis der Spiele in sozialer, ökologischer und ökonomischer Weise beitragen soll. Dadurch werden sich – so die Hoffnung – die Lebensverhältnisse im Osten Londons an den Rest der Stadt angleichen. Dieses Ziel ist ehrgeizig, denn in diesem Teil Londons haben die Bewohner immer noch schlechte Chancen, im Bildungssystem oder bei der Arbeitsplatzsuche erfolgreich zu sein. Ja, selbst die Lebenserwartung nimmt drastisch ab, je weiter man sich von London Bridge gen Osten bewegt – entlang der Jubilee Line ist das statistisch ein Jahr pro Station.
Refugien unter Preisdruck
Parallel zur Planung der Sportstätten und des Olympischen Parks wurde von der staatlichen »Olympic Delivery Authority« (ODA), von der strategischen Planungsabteilung des Londoner Bürgermeisters »Design for London«, den beteiligten Bezirken und von weiteren Akteuren gemeinsam mit privaten Planungsbüros der Legacy Masterplan konzipiert, der die Entwicklung des Geländes nach den Spielen steuern soll. Zur Realisierung des ehrgeizigen Legacy-Konzepts wurde im Februar 2012 die »London Legacy Development Corporation« (LLDC) gegründet. Sie besitzt einen Teil der Grundstücke im Gebiet und verfügt – da sie eine Untereinheit der Londoner Stadtverwaltung ist – sogar über die Planungshoheit in den angrenzenden Quartieren. Diese Konstruktion erhöht die Chancen, dass im und am Olympischen Park mit zusätzlichen Grünflächen, einer erweiterten Verkehrsinfrastruktur und neuen Wohnungen wirklich ein neuer Teil Londons entsteht. In den nächsten 20 Jahren sollen die Quartiere Chobham Manor, East Wick, Sweetwater, Marshgate Wharf und Pudding Mill mit zusammen etwa 6 800 Wohnungen fertiggestellt werden. 35 % dieser Wohnungen sollen unterhalb des Marktpreises veräußert und deshalb für finanziell schwächere Schichten »affordable« (erschwinglich) sein. Da die Immobilienpreise in London zu den europaweit höchsten gehören und einer neuen Regelung der konservativen Regierung zufolge Wohnungen bereits als erschwinglich gelten, wenn sie zu 80 % des Marktpreises veräußert werden, dürften die Preise für viele Familien und Geringverdiener dennoch deutlich oberhalb des Machbaren liegen. Errichtet werden diese erschwinglichen Wohnungen zumeist über Gegenfinanzierungsmodelle. Verwaltet werden sie von gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften. Ein Teil des »affordable housing« wird an finanziell schwache Bevölkerungsgruppen vermietet, der andere an Personen mit geringem und mittlerem Einkommen oder an junge Familien verkauft. Im Vorfeld der Spiele hatten Mietzuschüsse, die die an den Olympiapark angrenzenden Bezirke an bedürftige Menschen zahlen, welche auf dem freien Markt Wohnungen mieten, für Aufregung gesorgt. Denn hier, aber auch in anderen Bezirken, überschreiten die Zuschüsse mittlerweile die von der konservativen Regierung gekürzten Budgets, so dass sich die Kommunen gezwungen sehen, über Zwangsumzüge der betroffenen Bewohner in preiswertere Teile des Landes außerhalb Londons nachzudenken.
Ein zentraler Aspekt des Legacy Masterplans ist, die früher eher isoliert liegenden Quartiere am Rand des Parks mit den neu entstehenden Vierteln zu verbinden und dadurch – so die Strategie der LLDC – dem gigantischen Park und den neuen Quartieren Leben einzuhauchen. Gleichzeitig werden durch den neuen Park infrastrukturelle Defizite, etwa in Bezug auf die Versorgung mit Grünflächen oder Kinderspielplätzen, ausgeglichen. Von der Komplexität dieser Aufgabe vermittelt das Quartier Hackney Wick Fish Island einen guten Eindruck. Die von Lagerhäusern, Lachsfabriken aber auch kleinen Einfamilien- und Reihenhäusern geprägte Enklave ist vom Olympiapark durch einen von Hausbooten gesäumten Kanal getrennt. Günstige Mieten ließen hier eine lebendige »Community« der Kreativbranche entstehen, die nun allerdings durch die mit den Spielen assoziierten Preissteigerungen bedroht ist. Das Gebiet verändert sich schnell, und es ist nur sehr schwer abzuschätzen, ab wann die Balance zwischen der durchaus positiv zu wertenden Stärkung der lokalen Ökonomie und den extremen und letztlich in Verdrängung resultierenden Preissteigerungen aus den Fugen gerät.
Eine große Rolle bei dieser Entwicklung spielt, dass im Vorfeld der Wettkämpfe die Anbindung an das Nahverkehrsnetz deutlich verbessert wurde und das Quartier dadurch eine ganz neue Attraktivität erhielt. Zudem wurden Fuß- und Radwege in andere Quartiere, zu wichtigen Grünverbindungen oder etwa zu den 80 (!) Amateurfußballplätzen in den Hackney Marshes attraktiver gestaltet. »Value what’s there« ist das Motto der von muf architecture/art und J+L Gibbons entwickelten Strategie, mit der die lokale Identität gestärkt und die im Gebiet ansässigen Künstler unterstützt werden sollen. Das soll beispielsweise dadurch gelingen, dass unter der Regie von Design for London in den bislang von Lieferverkehr geprägten Straßen neue Aufenthaltsorte und Plätze angelegt werden. Nach Plänen des Nachwuchsarchitekten David Kohn wird gemeinsam mit Exploration Architecture ein historisches Lagerhaus zum Kulturzentrum »White Building« umgebaut. Die direkt am Wasser liegende Einrichtung soll lokalen Künstlern und Jugendlichen aus der Umgebung die Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten zu entdecken und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ob diese Interventionen wirklich dazu beitragen, den Mikrokosmos der »Kreativen« in Hackney Wick wirksam zu schützen, wird sich erst nach den Spielen erweisen. Deutlich wird jedoch, dass diese Konzepte Hand in Hand mit neuen Modellen der ökonomischen Verwertung umgesetzt werden müssen, etwa der Gründung von Stiftungen, die Künstlern preiswerte Wohn- und Atelierräume anbieten. Denn anders wird sich die vom Immobilienmarkt gesteuerte Aufwertung des Quartiers kaum aufhalten lassen.
Dass eine Vielzahl von jungen Architektur- und Landschaftsarchitekturbüros die Möglichkeit erhielt, in den Randgebieten des Olympischen Parks kleine, innovative Projekte zu realisieren, ist v. a. der starken Einbindung der strategischen Planungsabteilung des Londoner Bürgermeisters, Design for London, in die Entwicklung und die Umsetzung des Legacy-Konzepts gemeinsam mit der LLDC zu verdanken.
Konterkariert werden diese sehr spannenden und zukunftsweisenden Ansätze jedoch durch die »Cash Cows«, die auch bei diesen Olympischen Spielen nicht fehlen dürfen. Das Einkaufs- und Erlebniszentrum Westfield Stratford gehört zu den größten seiner Art in Europa. Besucher, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Wettkämpfen anreisen, werden auf dem Weg zum Olympiagelände durch diese Mega-Mall geschleust. Das unmittelbar daneben liegende Einkaufsviertel von Stratford kämpft schon seit Jahrzehnten mit der sinkenden Kaufkraft seiner Bewohner und einigen Bausünden aus den 60er und 70er Jahren. Von einer behutsamen und kleinteiligen Verknüpfung von Olympiapark und Umgebung kann hier nicht die Rede sein.
Um abschätzen zu können, ob die Verknüpfung des Olympiaparks mit den umliegenden Quartieren und damit die Integration des Lower Lea Valley in das städtische Gefüge Londons wirklich gelingt, ist es jetzt noch zu früh. Zumindest gelang es mit dem Legacy-Konzept, Kritikern von Großprojekten und Festivalisierung von Anfang an Wind aus den Segeln zu nehmen. Vorerst werden die Londoner nun die 18-monatige Umbauphase nach den Spielen abwarten müssen, während der der Olympiapark für die Nachnutzung »fit gemacht« wird. Erst dann wird sich herauskristallisieren, ob die kleinteiligen Interventionen an den Rändern des Parks es schaffen, Brücken über Kanäle und Schnellstraße zu schlagen, oder ob nicht doch die großen Megaprojekte die Szenerie und die weitere Entwicklung dominieren. •

Stadtentwicklung Ost-London (S. 34)
Cordelia Polinna
1975 in Berlin geboren. Studium der Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin und am Edinburgh College of Art. 2007 Promotion an der TU Berlin, Thema »Towards a London Renaissance«. Forschungstätigkeit an der TU Berlin, TU München und New York University. Seit 2008 Polinna Hauck Landscape + Urbanism. Seit 2011 Gastprofessur an der TU Berlin.
Francesca Weber-Newth
1984 geboren. 2004-08 Studium der Geschichte und Soziologie an der Universität Edinburgh. Wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeit in London. Masterstudium in Stadtsoziologie am Goldsmiths College, London. Promotion an der Universität Aberdeen; Thema »Urban Regeneration«.