… in die Jahre gekommen

Wohnhügel in Marl

Heute denken viele bei dem Begriff »Wohnhügel« eher an erdverbundene Ökohäuser als an ein spektakuläres Wohnbauexperiment der 60er Jahre. Damals versprachen künstliche Landschaften aus noch nie da gewesenen Hausformen Alternativen zu Zersiedlung und Hypermobilität – vergeblich, wie wir heute wissen. Der erste der wenigen realisierten Wohnhügel Europas steht, wohlerhalten und von seiner Bewohnerschaft inzwischen sehr geschätzt, im westfälischen Marl. Ein Besuch bei den »Pyramiden des Ruhrgebiets«.

  • Architekten: Roland Frey, Hermann Schröder
  • Text: Christoph Gunßer Fotos: Hermann Schröder, Jörg Gutzeit, Christoph Gunßer
Pharaonengrab, Toblerone-Riegel, Schafstall – so titulierten die Marler den seltsamen Bau auf der grünen Wiese unweit ihres neuen Rathauses, wo anfangs noch Schafe grasten. Nach einem Wettbewerb hatten die jungen Stuttgarter Architekten Roland Frey und Hermann Schröder 1963 den Marler Bürgermeister überzeugen können, ein Wohnmodell zu realisieren, das sie schon 1959 – in weit größerem Maßstab – für die Frankfurter Nordweststadt entwickelt hatten.
Städtebauliche Utopien lagen in der Luft: Yona Friedman, Kenzo Tange, Walter Jonas und andere entwarfen riesenhafte Gebilde in Trichter-, Gitter- oder Schlangenform, in denen die expandierende Menschheit besser leben sollte. Doch gebaut worden war Anfang der 60er noch nichts davon.
Hermann Schröder, damals Assistent von Günter Wilhelm an der TH Stuttgart, später selbst Professor für Gebäudelehre an der TU München, sagt heute, 83-jährig, den Anstoß zum Wohnhügel habe ein Nurdachhaus gegeben, das sich sein Kollege Frey gerade als Einfamilienhaus plante. »Damals war das Hochhaus als Modell gegen die ›große Landzerstörung‹ im Gespräch. Es gab ungeheuer viele Bausparer, die ihr Häuschen nicht realisieren konnten, weil es kein Land gab, nun wurden die ins Hochhaus gesetzt. Das war für uns keine Alternative. Und so kamen wir auf das terrassierte Haus in der Ebene, bei dem jede Wohnung einen Freiraum unter offenem Himmel hat und das trotzdem eine hohe Dichte erlaubt«, erläutert Schröder rückblickend. »Wir sind so weit gegangen, bei dem Frankfurter Wettbewerb, große zwölfstöckige ›Mutterschiffe‹ zu propagieren, in die wir alles reingesteckt hatten von der Kirche bis zum Kaufhaus.« Auch Biografisches spielte hinein: »Ich bin als Kind auf einem Balkon groß geworden unter freiem Himmel, wo ich meine Aquarienfische hatte, wo ich Tomaten gepflanzt habe und der Komposthaufen war.«
Gemessen an den Frankfurter Planungen blieb der Marler Wohnhügel mit nur 45 Wohnungen auf fünf Etagen überschaubar: Um jeden Eindruck eines Massenwohnungsbaus zu vermeiden, sind die EGs durch 18 vorgelagerte ›
› Bungalows erweitert, die Erschließung der Wohnungen auf sechs Treppenhäuser verteilt, die Dachlandschaft mit Gauben, Loggien und Landhauskaminen im Schindelkleid bestückt worden (die Kamine dienen bis heute nur der Entlüftung der Bäder). Großzügige, durch Pflanztröge uneinsehbare Terrassen bringen Licht in die L-förmig wie ein Winkelhofhaus gruppierten, bis zu 137 m² großen Wohnungen, die sich z. T. über zwei Geschosse erstrecken.
Der Bauherr, die Marler Wohnungsbaugesellschaft Neuma, kannte die Vorbehalte der »Häuslebauer«-Zielgruppe. So war das Experiment von Anfang an als Kompromiss zwischen Geschosswohnung und Einfamilienhaus gedacht. Die Planer rechneten vor, dass selbst eine Reihenhaussiedlung derselben Wohnfläche doppelt so viel Bauland beanspruchen würde. Und die damals immer rascher wachsende Zahl der Autos ließ sich bequem und wohnungsnah im Innern des Hügels unterbringen. Die Baukosten von 800 DM/m² erwiesen sich im Vergleich zu durchschnittlichen 1 200 DM für ein Einfamilienhaus als günstig.
Schwer vermittelbar
Dennoch begegneten die Interessenten dem immerhin 100 m langen und rund 45 m tiefen Hügel mit Skepsis. Zu ungewohnt war dieser Zwitter zwischen Haus und Wohnung, zu schwierig zu möblieren schienen die Räume, obgleich die Dachschrägen »ein wenig Spitzweg-Romantik« ausstrahlten, wie die Vermarkter betonten. Musterwohnungen mussten möbliert, 20 000 Menschen an einem Wochenende durchs Haus geschleust werden.
Bald nach Bezug traten zudem Bauschäden auf. Ein Bewohner der ersten Stunde erinnert sich, dass undichte Terrassen 1972 eine teure Generalsanierung notwendig machten. Da war das benachbarte Folgeprojekt bereits im Bau. Auch dort dauerte es zwei Jahre, bis der fertige Hügel mit Leben erfüllt war. Wohnhügel 3 wurde daher zusätzlich mit einem Schwimmbad ausgestattet, der letzte Wohnhügel 1982 mit Backstein verblendet. Auch wurden die drei späteren, siebengeschossigen Hügel barrierefrei mit Aufzügen erschlossen. Die Pläne für einen fünften Hügel blieben schließlich in der Schublade. In der Folgezeit floss der übliche Siedlungsbrei um die Hügel herum. ›
› Das so gebändigte, von der Fachwelt hochgelobte Experiment überzeugte am Ende auch die Bewohnerschaft, zumal schon früh üppiges, die Akzeptanz förderndes Grün die »Pyramiden« in die Stadtlandschaft einband. Noch heute gehören 20 der 45 Wohnungen ihren Erstbesitzern. Die Substanz ist gut erhalten, und wie man hört, ist der Wiederverkaufswert mit über 1000 Euro/m² für die Gegend hoch. Nirgends sonst in Marl lebe es sich so ruhig, so grün und doch zentral, zudem mit Aussicht! Das »gehobene« Wohnen schätzen Lehrer, leitende Angestellte, Rentner; Kinder bekommt der Besucher dagegen kaum zu Gesicht, der Spielplatz neben dem Hügel wurde verlegt. Die einst erträumte neue Urbanität durch Nutzungsmischung, Treffpunkte, Freizeitangebote sucht man in dieser Monostruktur vergeblich. Der Marler Hügel bleibt Fragment.
In seinem Buch »Ideen für die Umwelt von morgen« von 1968 wagte Architekt Roland Frey daher weiterzudenken: Den Wohnhügel sieht er darin als eine Abfolge freier Plattformen, einem Flugzeugträger ähnlich, auf dessen Decks Häuslebauer, aber auch Dienstleister ihre eigenen Ideen verwirklichen könnten. »Traum am Trog« bespöttelte der »Spiegel« damals diese Utopie, die knapp 20 Jahre später als »Wohnregal« der IBA Berlin blockverträglich wieder auftauchen sollte. Als Entwurf in Form eines Hügels blieb dieses »Häuserhaus« indes Papier. Schon die weiteren Marler Hügelhäuser entwickelten sich zu eher »normalen« Geschosswohnanlagen, deren Pflanztröge brav gestapelt, die Dächer mit Ziegeln gedeckt wurden. Ohne die »Erdung« durch vorgelagerte Bungalows wirkt die drei Stockwerke höhere Bebauung weit massiver als nebenan. Was andernorts noch folgte, ist bekannt: künstliche Gebirge ohne Maß, die nur noch der Verwertungslogik der Bauwirtschaft folgten. Vor diesem monströsen Hintergrund ist die spätere Wende zurück zu kleineren Einheiten und zur europäischen Stadt – zum Gewohnten eben – verständlich. Eine Studie des Bundesministeriums für Städtebau und Wohnungswesen von 1972 zur »städtebaulichen Verdichtung durch terrassierte Bauten in der Ebene« verwissenschaftlicht die Wohnhügel-Idee nach Art der Zeit in schier endlosen Tabellen und Besonnungsdiagrammen. Eine Erklärung, warum die Idee in ihrer ursprünglichen Form kaum weiterverfolgt wurde, liefert sie nicht. Der Wohnhügel teilt damit das Schicksal anderer Typologien wie Gartenhof- oder Patiohäuser.
Hermann Schröder realisierte in den 70er Jahren noch mehrere einseitige, nur auf der Sonnenseite schräg angelegte Hügelhäuser, auch in Kombination mit verdichtetem Flachbau (u. a. in Stuttgart-Neugereut, mit Peter Faller). Er profilierte sich fortan jedoch mit kleinteiligeren Siedlungsmodellen, die stärker das soziale Miteinander fördern. Rückblickend bezeichnete er die Wohnhügel-Planungen als »sozialräumlich falsch, weil sie nur von der Organisation der Wohnungen her entwickelt waren. Der Bezug zum öffentlichen Raum war nicht gegeben … Da entsteht kein Raum und keine Stadt.«
Seit dem Ende der 90er Jahre ist gleichwohl eine Wiederkehr großer geschlossener Wohnanlagen zu beobachten. Ob aber Bauten wie die »Mountain Dwellings« von Big Arkitekter in Kopenhagen (s. db 2/2009), ein elfgeschossiger »Berg« aus Terrassenwohnungen über einem Parkhaus, eine Renaissance auch der abgetreppten Superblocks ankündigen? •
Standort: Kreuzstraße 301-343, 45768 Marl/Westfalen

… in die Jahre gekommen (S. 52)
Christoph Gunßer
1963 geboren. Architekturstudium in Hannover, Stuttgart und den USA. Büropraxis. 1989-92 Assistenz am Institut für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung, Universität Hannover. 1992 -97 in der Redaktion der db. Seit 1998 als freier Fachautor tätig.