... in die Jahre gekommen

Wohnhöfe in Offenau

Sie erhielten Lob und Anerkennung von allen Seiten, heimsten hoch dotierte Preise ein und schafften es sogar auf den Titel der größten Bausparkassenzeitschrift (»Das Wohnparadies für Kinder«). Nur Nachfolger fanden sie hierzulande trotzdem lange keine. In Österreich hat der Architekt Fritz Matzinger dagegen seit 1974 schon etwa zwanzig Wohnhöfe realisiert (s. db 11/1977 und 5/1983). Heute sind die Wohnhöfe in Offenau mit ihren Bewohnern in Würde gealtert. Demografischer Wandel und die Krise der Sozialsysteme machen die kommunikative Hof-Idee wieder aktuell.

  • Architekten: Klaus Holfelder; Fritz Matzinger
  • Text: Christoph Gunßer Fotos: Klaus Holfelder, Fritz Matzinger, Christoph Gunßer
Wohnhäuser um einen Hof zu gruppieren, der als gemeinsame Erschließung, aber auch als Spiel-, Arbeits- und Begegnungsraum dient, ist eine alte Raumfigur, vielleicht die älteste der Welt. Fritz Matzinger hat sie in mannigfacher Ausprägung bei indigenen Völkern gefunden und dokumentiert. In heutige Typolgie und Bautechnik übersetzt, bilden mindestens vier Doppelhäuser diesen zumeist zweigeschossigen, im Grundriss etwa quadratischen Hof. Die Hauseingänge sowie die gemeinschaftlich genutzten Nebenräume liegen in der Regel in den Ecken. Dieses kompakte Muster hat Matzinger immer wieder variiert. Er plante die Innenhöfe zumeist temperierbar, mit einem Schiebedach. In den Anlagen der siebziger Jahren waren die Häuser zunächst aus Raumzellen (Fertiggaragen) zusammengesetzt, später kehrte er zu konventionellen Bauweisen zurück, experimentierte und optimierte jedoch ständig weiter.
Die Stärke des Typus Wohnhof ist: Es handelt sich um ein direktes Abbild der Gemeinschaft, die in ihm – im Idealfall – lebendig ist, er ist ein gebautes Diagramm. Ein Kreis von Menschen, die sich an den Händen halten. Auch wer in isolierten Einfamilienhäusern oder Großsiedlungen aufgewachsen ist, spürt das Potenzial an Geborgenheit darin. – Doch selbst so wohnen? Von Matzingers Annoncen wurden vor allem junge Familien angesprochen. Sie schätzten das soziale Netz, in dem Kinder gefahrlos aufwachsen und von Nachbarn mit behütet werden können.
»Hier werden wir gemeinsam alt«
Die Wohnhöfe in Offenau (in der Höfeliste tragen sie die Nr. 10) gehen auf die Initiative des Architekten Klaus Holfelder zurück. Ihn hatten die frühen österreichischen Wohnhöfe während seines Studiums in Karlsruhe begeistert. Er lernte einige Zeit bei Matzinger in Linz. Zehn Jahre jünger als der Meister, entwickelte er die Ideen weiter. Im Jahr 1984 wurde der neue Bürgermeister von Offenau am Neckar auf ihn aufmerksam. Er wollte im Umfeld des gerade sanierten Ortskerns junge Familien ansiedeln und dabei, als SPDler, einiges anders machen als sein Vorgänger von der CDU. Nachdem er den Gemeinderat auf einer Exkursion nach Österreich überzeugt hatte, dass da keine Kommune entstehen würde, bekam der Architekt eine Zusage für das Gelände der ehemaligen Saline, gleich hinter dem neuen Rathaus der Gemeinde. Nun mussten für das ungewöhnliche Projekt aber erst einmal Interessenten gewonnen werden: Acht Parteien pro Hof, sechzehn ›
› Familien insgesamt – das erwies sich im eher konservativen Schwabenland als mühsames Unterfangen. Am Ende musste der Rohbau für drei Einheiten vorfinanziert werden, weil noch immer Bauherren fehlten. Noch heute erzählen die Kämpfer der ersten Stunde, wie sich der Bau des zweiten Hofes so verzögerte, dass das gesamte Bauholz den Winter über nass und schwarz wurde. Gemeinsam schliffen sie es im Frühjahr ab. Da die Holzskelettbauten einen hohen Anteil an Eigenleistung erlaubten, konnte der Gesamtpreis von damals 250 000 DM pro Einheit eingehalten werden.
Bauen verbindet. Das bestätigen die engagierten Erstbewohner, von denen viele heute noch hier leben. Über zwei Jahre lang hätten sie alles »ausgekämpft«, aber dann habe die Gemeinschaft funktioniert. Jedes Haus ist anders. Die Nordhäuser überragen die im Süden, damit sie genügend Sonne bekommen. Zum Garten hin gibt es Erker, Wintergärten, Dachterrassen. Und natürlich hält der 150 Quadratmeter große Innenhof mit seinen Baum-stützen, Balustraden und dem lichten Dach die Anlage zusammen. Ländlich-rustikal, ohne gestalterischen Schnickschnack, zeitlos.
Heute sind die meisten Kinder aus dem Haus, fast alle Frauen wieder berufstätig. So wurden die Nachmittage sehr viel ruhiger, die abendlichen Treffen seltener. Wie früher werden aber immer noch große Feste gefeiert. So gelang es von Anfang an, der Skepsis im Dorf – Offenau hat 2500 Einwohner – zu begegnen. Die Höfe gelten schon lange als gut integriert. Eine formelle Hausordnung gibt es noch immer nicht. Ost- und Westhof gehen zuweilen eigene Wege: Raucher müssen im Westhof vor die Tür, im Osthof dürfen sie im Hof »qualmen«.
Die Tendenz, den Hof als Abstellraum zu benutzen, ist sichtbar, stört aber nicht sehr. Klaus Holfelder, der bis 1996 mit seiner Familie hier wohnte, dann aber aus beruflichen Gründen fortzog, beschreibt als eine Funktion der Laubengänge das »kommunikative Bügeln«. Bauschäden sind offenbar keine nennenswerten aufgetreten. Vor zwei Jahren wurde eine effizientere Heizung eingebaut. Eine Photovoltaikanlage leistete man sich schon 1996 mit dem Preisgeld der Karl-Kübel-Stiftung, immerhin 100 000 DM. Was bei der Anpassung an die neuen Verhältnisse stört, ist vor allem der fehlende Schallschutz zwischen den Geschossen. Durch die Galerie haben alle Häuser einen zweiten Eingang im ersten Obergeschoss. Die Holzkonstruktion macht ein Verkleinern der Haushalte und zumindest eine Fremdvermietung schwierig.
Der Tenor der Kommentare ist heute aber durchweg positiv. Familie Rabe schleust immer noch willig Besuchergruppen durch Haus und Hof und tischt dann sogar Kuchen auf. Was einmal im Alter sein wird, ist momentan noch kein Thema. Ein behinderter Mitbewohner führt jedoch schon vor, dass es sich um den Hof herum auch im Rollstuhl leben lässt. Andere hatten schon ihre betagten Eltern bei sich einquartiert. Die Prognose aus der Anfangszeit »Hier werden wir gemeinsam alt«, sie gilt wohl für die meisten weiter.
Das Gewerbegebiet an der nahen Bundesstraße ist inzwischen zwar sehr nahe gerückt. Das Grün der Gärten blendet die Ödnis aber zumindest optisch aus. Die Wohnhöfe, übrigens weiterhin nie verschlossen, wirken so noch mehr wie eine Oase im Siedlungsbrei. ›
Klimapuffer – das war und ist die bauphysikalische Funktion des Innenhofs, sofern er, wie die meisten, ein Dach hat. Seitdem die meisten Kinder aus dem Haus sind, nutzen viele Hofbewohner den Raum daher für üppige Grünkulturen. Waren diese bislang durch Ballspiel in Gefahr, wuchern sie nun in Ruhe. Im allerersten Wohnhof in Leonding wächst gar ein echter Mangrovenbaum, nach denen hatte Fritz Matzinger seine Idee ursprünglich benannt : Les Palétuviers.
Aktualität gewinnt der Bautyp natürlich auch unter dem Aspekt der Oberflächenminimierung: Kein Siedlungsbaustein dürfte ein so günstiges Verhältnis von Außenwandfläche zu Volumen aufweisen. Schwierig kann es dagegen sein, die Rundlinge städtebaulich einzufügen, »schwimmen« die frühen Höfe doch meist ohne rechte Richtung im Grünraum. Doch schon Matzingers Projekt in Berlin-Britz (1990–92) ordnete sich in ein städtisches Straßennetz, und auch Klaus Holfelder gelangen in Eningen bei Reutlingen sowie in Heidelberg solch kompaktere Anlagen. Er hat in den letzten Jahren besonders Seniorenwohnanlagen nach dem Wohnhofmodell realisiert, sieht aber auch ein wachsendes Interesse an Mehrgenerationenhäusern. Unlängst bekam er im badischen Wiesloch den Auftrag, einen von mehreren Wohnhöfen zu planen. Der Bürgermeister zur Begründung: »Wir können doch nicht immer nur Reihenhäuser bauen.«
Die WohnHöfe in Österreich: ein Erfolgsrezept
Dass die Wohnhöfe in Österreich besser gedeihen, liegt auch daran, dass gemeinnützige Genossenschaften sich ihrer angenommen haben. So erhalten die Bauherren von ihnen organisatorische Unterstützung und kommen in den Genuss der Wohnbauförderung. In Deutschland erweist sich die Organisation, das Finden und Vorfinanzieren geeigneter Bauplätze immer wieder als ein Haupthindernis für die Realisierung von Wohnhöfen. In einer umfangreichen Studie wies der österreichische Wohnbund schon vor zehn Jahren nach, dass die überwiegende Zahl der Höfe gut funktioniert. Durchgängig glänzen die Wohnhofprojekte mit großzügigen Extras: Saunen, Schwimmbädern, Wintergärten, Gemeinschafts- und Freiräumen. Die Synergie-Effekte des Modells sind eigentlich unschlagbar. In ihrer architektonischen Verschiedenheit zeigen sie zudem die große Robustheit der zugrunde liegenden Idee: Der Charme der Siebziger in den Pionierbauten genießt längst Kultstatus. Flachdächer und Fertigbäder mögen bauphysikalisch gelegentlich Ärger bereiten, doch Wandgemälde, Bullaugen und Stromliniendesign faszinieren. Als vorläufig letztes Großprojekt landete Fritz Matzinger in seiner Heimatstadt Linz einen Coup: »Guglmugl« heißt die Ende 2000 fertig gestellte Wohnanlage an einem zentral gelegenen Nordhang. Wieder sind es eigentlich Reihenhäuser, die sich hier nicht um einen Hof, sondern um eine zentrale, 65 x 8 Meter messende Arkade gruppieren. Was äußerlich eher nach banaler Terrassensiedlung aussieht, verfügt innen über luxuriöse Gemeinschaftsangebote, darunter ein Stollen mit Party- und Theaterräumen für 32 Wohneinheiten. Der Architekt plädiert heute dafür, eher größere Gruppen zu bilden, um mehr Möglichkeiten zu haben. Viel geehrt und weithin anerkannt, ließ der 67-Jährige sein Credo am Guglmugl verewigen: »Die Suche nach gesellschaftlicher Harmonie und besseren zwischenmenschlichen Beziehungen war vorrangiger und alles entscheidender Grundsatz des Entwurfs dieser Wohnanlage.« Das gilt für alle Wohnhöfe und ist in Zeiten, da Architektur und Wohnungswirtschaft wenig neue Antworten auf drängende soziale Fragen haben, sicher bedenkenswert. •