Köln-Weiden: Rathaus wird Reihenhaus

wohnen in der Amtsstube

Strenge Auflagen der Denkmalpflege verboten es, die äußere Erscheinung des seit Jahren fremdgenutzten Rathauses aus dem Jahr 1954 zu verändern. Der winkelförmige Bau des Architekten Hans Lohmejer wurde deshalb im Kern saniert, nach außen hin aber nur wenig verändert und präsentiert sich jetzt als Raum für acht »Reihenhäuser«. Eine durchaus gelungene »Privatisierung« eines öffentlichen Gebäudes.

  • Architekten: Format Architektur Tragwerksplanung: Patrick Reinecke
  • Kritik: Karl R. Kegler Fotos: Lukas Roth
Der westliche Vorort Weiden ist vielen Kölnern als Standort eines großen Einkaufszentrums bekannt. Dass Weiden bis zur Eingemeindung 1975 Teil einer eigenständigen Umlandgemeinde war, dürften heute aber nur noch wenige wissen. Als Denkmal aus dieser Zeit kommunaler Unabhängigkeit liegt im Zentrum des Villenvororts ein L-förmiger Rathausbau aus den 50er Jahren. Eine Lindenallee führt als städtebauliche Geste von der verkehrsreichen Aachener Straße – Kölns großer Ausfallstraße nach Westen – genau auf diesen zweigeschossigen Bau zu.
Als das Rathaus mit der Eingemeindung seine Funktion verlor, diente es zunächst als Volkshochschule, dann zur Unterbringung von Asylbewerbern. Die geringe Wertschätzung, die dem Bau entgegengebracht wurde, zeigt sich darin, dass die städtebauliche Sichtbeziehung zur Aachener Straße durch die Rampe einer Fußgängerbrücke im Beton-Brutalismus der 70er Jahre verstellt wurde. Sie führt zum neuen kommerziellen Zentrum, der Shopping-Mall Rhein-Center. Gleichwohl blieben die Weidener ihrem alten Rathaus so verbunden, dass sich der Widerstand einer Bürgerinitia- tive regte, als die Raiffeisenbank Frechen-Hürth darüber nachdachte, das große Grundstück mit einer Neubebauung intensiver auszunutzen. Es ist diesem Engagement und der Kölner Denkmalpflege zu verdanken, dass der Bau als Beispiel der Rathausarchitektur der 50er Jahre erhalten geblieben ist.
Außen original, innen hochmodern
Der beliebten und verkehrlich hervorragend angebundenen Lage Köln-Weidens wegen lag nach dem Grundsatzbeschluss, das Objekt zu erhalten, die Umnutzung zu hochwertigem Wohneigentum nahe. »Da die Denkmalpflege strenge Auflagen für die Fassaden formulierte, ergab sich schnell eine allgemeine Leitlinie: außen original, innen hochmodern«, erklärt Architekt Franz Markus Moster, der 2005 mit dem Umbau direkt beauftragt wurde. ›
› Erfahrungen mit anspruchvollen Innenausbauten kamen dem jungen Büro bei der Planung zugute. Im Januar 2007 begannen die Bauarbeiten. Das konstruktive Betonskelett des Gebäudes erlaubte das Herausnehmen von Zwischenwänden, die einen typischen Behördengrundriss mit Mittelflur und seitlichen Büros abgegrenzt hatten. Hohen Aufwand erforderte das Entfernen des gesamten Rohr- und Leitungssystems, um Schall- und Wärmebrücken zu vermeiden. Aus dem Verwaltungsbau wurden nach dem Umbau acht »Reihenhäuser« von unterschiedlichem Zuschnitt. Die separaten Zugänge liegen auf der Nordseite, der bisherigen »Rückseite« des Komplexes. Die innere Erschließung der abgeteilten Einheiten erfolgt über Treppen, die sich im Grundriss genau dort befinden, wo früher der Behördenflur verlief. Sie reichen über vier Ebenen vom UG, das einen direkten Zugang zur angeschlossenen Tiefgarage besitzt, bis zum DG.
Ursprünglich führte der Weg zum Rathaus von Süden her über einen asphaltierten Parkplatz. Das aus dem Baukörper herausgerückte Volumen des alten Ratssaals markiert den früheren Haupteingang. Diese Sonnenseite wurde zu Terrassen und einer großen, gemeinschaftlich genutzten Rasenfläche umgestaltet. Im EG wurden die Öffnungen der verputzten Lochfassade zu bodentiefen Terrassentüren und -fenstern erweitert. Die Innenräume wirken dadurch größer und heller, ein Eindruck, der durch die offenen Grundrisse noch verstärkt wird. Zur Architektursprache der Entstehungszeit gehört, dass die Fenstergewände durch schmale, leicht heraustretende Beton-Faschen akzentuiert sind. Eine Außendämmung, die dieses Detail zum Verschwinden gebracht hätte, verbot sich aus Gründen des Denkmalschutzes. Das gesamte Gebäude wurde deshalb mit einer Innenwanddämmung aus 5 cm dicken Hartschaum-Platten versehen. Die vergrößerten Terrassenfenster im EG sind durch nachgebildete Betonbauteile ergänzt worden, so dass ein authentischer Eindruck gewahrt bleibt. Neue Holzfenster mit Wärmeschutzverglasung vervollständigen die energetische Sanierung. Auch das Dach erforderte eine grundlegende Intervention. Da die originale Konstruktion nicht für einen hochwertigen Ausbau geeignet war, wurde ein komplett neuer Dachstuhl errichtet. Der etwas niedrigere First über dem Seitenflügel wurde bei dieser Gelegenheit angehoben, die nördliche Giebelwand entsprechend aufgemauert. Zur Belichtung genehmigte das Denkmalamt etwas größere Dachfenster. Ansonsten entsprechen Form und Eindeckung dem früheren Vorbild.
Wärmequelle im eigenen Garten
Ein Vorzug der Anlage ist das gemeinschaftlich genutzte Gartengelände von mehr als 5 000 m². Der frühere abgesenkte Betriebshof der Anlage wurde mit einer Betonplatte überdeckelt und in eine Tiefgarage mit 22 Stellplätzen umgewandelt. Darüber wurde in Hochbeeten ein formalistischer Baumgarten angelegt. Wer um diesen Zusammenhang weiß, erkennt in den betonierten Sitzbänken die diskret integrierten Belüftungsöffnungen. Angrenzend markiert auf dem Nordostzipfel des Grundstücks ein freistehender Neubau auf quadratischem Grundriss den Eckpunkt der Anlage. Mit zwei Geschossen plus Staffelgeschoss fügt sich diese »Villa«, in der zwei Wohneinheiten untergebracht sind, maßstäblich in die Umgebung ein. Auf eine weitere Verdichtung wurde verzichtet, so dass der großzügige Charakter, wie er für die Außenanlagen der 50er Jahre typisch ist, gewahrt bleibt. Leider erfordern die Sicherheitsbedürfnisse der Eigentümer einen hohen, aber immerhin transparenten Zaun rund um die Gesamtanlage. ›
› Die Wärmeversorgung des Komplexes gewährleistet eine Erdwärmeanlage deren Anschlussstellen ebenfalls in die Außenanlagen integriert wurden. Als Wärmeträger dient Grundwasser, das aus 20 m Tiefe hochgepumpt, über einen Wärmetauscher geführt und an einer anderen Stelle wieder in den Untergrund zurückgeleitet wird. Die Wohnungen werden durch eine Fußbodenheizung temperiert. Die gewonnene Leistung war in Kombination mit dem hohen Wärmeschutzstandard ausreichend, um die Wohnanlage über den vergangenen strengen Winter zu beheizen. Im Sommer dienen weinrote Fallarm-Markisen als passiver Sonnenschutz.
Der Charme der frühen Jahre
Jener Teil des Baudenkmals, in dem sich die 50er Jahre am eindrucksvollsten und schwungvollsten zeigen, ist zugleich der am schwierigsten zu vermarktende Abschnitt. Zum ehemaligen Ratssaal – heute ein lichtdurchflutetes, mit Parkett ausgelegtes Loft – führt eine schwungvolle Freitreppe mit filigranem Geländer, hinter der ein ornamentales Bleiglasfenster des Bauhauskünstlers Ludwig Gies erstrahlt. Für dieses 315 m² große »Atelierhaus« sucht der Bauherr noch nach einem Interessenten. Für die übrige Anlage hat sich die Vermarktung, die bewusst Bezüge zur Erbauungszeit herstellte, wirtschaftlich erfolgreich gestaltet. Alle Einheiten sind für Preise von 3 200 Euro/m² bereits verkauft. Für das Marketing, das fast ausschließlich über eine Internetseite erfolgte, wurde eigens ein Zeichner engagiert, der Präsentationen im grafischen Stil der Fifties anfertigte. Die modernisierte Aufnahme typischer Motive zeigt sich auch in der Wohnanlage: in der Gartengestaltung, in verwendeten Materialien, in Beschlägen und Beleuchtungsdetails. Original ist auch der Farbton des Außenanstrichs, auf dessen Wiederherstellung die Kölner Denkmalpflege bestand: ein leicht ins Bräunliche gebrochenes Grau. Die Farbfassung ist in mancher Hinsicht authentisch für die Atmosphäre der Nachkriegszeit, taucht in den Präsentationszeichnungen indessen an keiner Stelle auf. Dem gelungenen Umbau tut dies keinen Abbruch. Verwunderlich ist hingegen, dass Kölns Denkmalpflege hier im Detail strikte Vorgaben machte, während sie im Zentrum ihr bedeutendes Schauspielhaus aus dem Jahr 1957 gleich ganz zum Abriss freigibt. •
  • Altbau: Rathaus Weiden (1954) von Hans J. Lohmeyer Bauherr: Raiffeisenbank Frechen-Hürth, Hürth Architekten: Format Architektur, Moster & Hatzfeld Generalplaner, Köln Projektleitung: Markus Moster Mitarbeiter: Thomas Spelten, Adrian Hatzfeld Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Patrick Reinecke, Köln Landschaftsplanung: Calles De Brabant Landschaftsarchitekten, Köln BGF: 2 858 m² BRI: 8 653 m³ Baukosten: keine Angabe Bauzeit: Januar 2007 bis April 2008
  • Beteiligte Firmen: Dachflächenfenster: Velux, Hamburg, www.velux.de Holzfenster: Lucas, Lingen/Ems, www.velux.de Stahl-Denkmalfenster: Schüco, Bielefeld, www.velux.de Fassadenfarbe: Keimfarbe, Diedorf www.velux.de Innenwanddämmung: wedi, Emsdetten www.velux.de Sperrbeton Tiefgarage: Quinting, Ascheberg-Herbern, www.velux.de Haustechnik: M. Baer Sanitär- und Heiztechnik, Hürth, www.velux.de Geothermieanlage: Vaillant, Remscheid, www.velux.de Fußbodenheizung: Uponor, Haßfurt, www.velux.de Estrich: Knauf, Iphofen, www.velux.de Trockenbau: Saint-Gobain Rigips, Düsseldorf, www.velux.de Parkette: Teppich-Direkt, Köln, www.velux.de Videogegensprechanlage: Siedle, Furtwangen, www.velux.de Außenleuchten: Bega, Menden, www.velux.de