Maritimer Campus in Elsfleth

Wissens-Werft

In einem geglückten Zusammenspiel von Hochschule, Kultusministerium und Reederei wurde im niedersächsischen Elsfleth ein neuartiges Zentrum quasi aus dem Boden gestampft, um die Aus- und Weiterbildung des maritimen Nachwuchses sicherzustellen. Darüber hinaus wird hier zu Zukunftsfragen der Seefahrt geforscht, die sich durch Klimawandel, Rohstoffknappheit und Umweltschutz stellen. Für diesen dynamischen Ort entwickelte eins der beteiligten Architektbüros nahezu »aus dem Handgelenk« einen tragfähigen Rahmenplan, der dafür sorgt, dass die ersten drei Bauten nun schon wahrnehmbar einen Campus bilden.

  • Architekten: HS-Architekten, petersen pörksen partner, Angelis + Partner Tragwerksplanung: Prof. Bellmer Ingenieurgruppe, Horn + Horn, Gruppe Ingenieurbau
  • Kritik: Dagmar Ruhnau Fotos: Hinrich Franck, Stephan Baumann, Anja Wippich, Werner Huthmacher
Während Binnenlandbewohner wie wir Redakteure Elsfleth erst im Atlas suchen müssen, bevor wir es westlich der Weser zwischen Bremen und Bremerhaven lokalisieren können, ist der 9 000-Einwohner-Ort für Seeleute eine feste Größe. Seit 1832 werden dort Schiffsjungen, -kapitäne und -ingenieure ausgebildet. Die renommierte Navigationsschule wandelte sich über die Jahre zum Fachbereich Seefahrt der FH Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth (FH OOW), der hier vier Standorte hat. Während es früher zahlreiche Reedereien, Werften und einen großen Hafen gab, sind heute noch ein Schiffbauunternehmen und einige Reedereien übrig – und eben die Ausbildungsstätten für Seeleute. Seit Herbst 2007 wächst am Ende des Ortes, auf dem Gelände einer ehemaligen Schnapsbrennerei, der Maritime Campus. Der Seeverkehr gilt trotz Finanzkrise als Zukunftsmarkt, der bis 2008 sogar regelrecht boomte. Nach Änderungen im Steuerrecht fahren wieder mehr Schiffe unter deutscher Flagge, aber viele deutsche Kapitäne gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand, und die Dominanz rein filipinischer Besatzungen auf Containerschiffen ist keineswegs nur ein Klischee. Darüber hinaus wachsen die Anforderungen an die Abwicklung der Transporte enorm. In Elsfleth ist es nun möglich, an einem Ort vom Hauptschüler bis zum Doktoranden alle Ausbildungsgrade angemessen aus- und weiterzubilden und zu vernetzen. Bis jetzt sind vier Bauten entstanden: eine studentische Wohnanlage, eine Berufsschule, ein Bau für die FH Oldenburg und ein Forschungszentrum. Nördlich und südlich sind noch Baufelder frei, aber das Ensemble funktioniert bereits jetzt als Einheit: durch seine Lage auf ›
› einer Landspitze, die nah beieinander stehenden Bauten und die alltäglichen Verbindungen untereinander.
am anfang: handgestrickte unterlagen
Anfang 2005 entschied die niedersächsische Landesregierung in Hannover, den Hochschulstandort Leer, an dem man ebenfalls Nautik studieren kann, auszubauen und dafür ihr Engagement in Elsfleth herunterzufahren. »Heilung eines Kranken auf Kosten eines Gesunden« nannte dies in einem Brief an das niedersächsische Kultusministerium der geschäftsführende Gesellschafter der erfolgreichen Reederei Beluga Shipping und Absolvent der FH in Elsfleth, auf dessen Initiative die Entstehung des Maritimen Campus größtenteils zurückzuführen ist. Gemeinsam mit dem Dekan des Fachbereichs Seefahrt entwickelte er die Grundidee für den Campus als Public-Private-Partnership und kümmerte sich um Unterstützung von Unternehmen, Banken und wissenschaftlichen Institutionen. Ab Oktober 2005 begannen regelmäßige Beratungen über die konkrete Ausgestaltung unter anderem mit dem Kultusministerium, der Stadt und dem Oldenburger Architekten Alexis Angelis. Dessen Büro hatte bereits mehrere Bauten für das Land realisiert. Nun steuerte er den Entwurf für einen Rahmenplan zur Diskussion bei, der die Prinzipien des später per Wettbewerb ermittelten Masterplans vorwegnahm: eine zentrale Erschließung, die das Grundstück in drei Bereiche teilt, einen großen zentralen Platz und Durchlässigkeit, um allen Baukörpern die Orientierung zum Wasser zu ermöglichen. »So konnten wir unsere Vorstellung qualitätvoller Architektur einbauen«, äußert sich Angelis zufrieden zu diesem eher ungewöhnlichen, dabei aber effektiven – und in diesem Fall sehr gelungenen – Ablauf. Seine Ideen für den Rahmenplan konnte Angelis später beim Entwurf für den FH-Bau vertiefen .
Studentisches Wohnen
Den Anfang der Bebauung bildete die studentische Wohnanlage zusammen mit der Berufsschule. Sie wurde von HS-Architekten aus Hamburg geplant – die auch mit dem Maritimen Forschungszentrum beauftragt wurden – und befindet sich außerhalb des eigentlichen Campus. Gegenwärtig umfasst der Fachbereich 700 Studenten, das Studentenwerk bietet aber nur 32 Wohnplätze an. Viele Studenten wohnen in Privatzimmern oder kommen täglich von außerhalb. Die 86 Wohnheimplätze teilen sich in 1-, 2– und 4-Zimmer-Wohnungen auf, die in drei dreigeschossigen Baukörpern untergebracht sind. Sie bilden ein Ensemble, das Privatheit und Offenheit zugleich entstehen lässt, und sind so positioniert, dass jedes Zimmer viel Tageslicht bekommt. Ein kleiner Platz und ein hölzernes Aussichtspodest öffnen das Ensemble zum Liene-Kanal. Gegenwärtig geht der Platz in eine baumbestandene Rasenfläche über, auf der ein vierter Baukörper vorgesehen ist.
berufsschule
Das Schiffsmechanikerzentrum bietet Platz für 100 Berufsschüler, die hier ihren dreimonatigen Blockunterricht absolvieren, außerdem können sich im Beruf stehende Schiffsmechaniker hier weiterbilden. Nach einer öffentlichen Ausschreibung erhielt das Lübecker Büro petersen pörksen partner, das auch den Masterplan entwickelte, den Auftrag für den Neubau.
Das EG der Berufsschule besteht aus klinkerverkleidetem Stahlbeton und beinhaltet im einen Trakt die Unterrichtsräume für die theoretischen Fächer, im anderen die Werkstätten. Es bildet ein U um einen nach Westen offenen Innenhof. Die Erschließung für einen dritten Trakt ist bereits angelegt. Über dem flachen, soliden Rumpf liegen containerartig zwei Geschosse mit insgesamt 40 Internatszimmern für jeweils zwei Schüler. Die rote Aluminiumverkleidung auf einer Holzrahmenkonstruktion, von einer horizontalen Weißaluminiumblende unterbrochen, unterstreicht das Bild des Containers. Diese dreigeschossige Kante bildet einen städtebaulichen Rücken für die zentrale Straße.
Durchlässigkeit bietet das introvertierte Gebäude durch den komplett auf beiden Seiten verglasten Speisesaal. Auch im Ausbau unterscheiden sich Schule und Internat deutlich voneinander: Während im EG Stein, Metall, Fliesen und Klinker dominieren – mit einzelnen Farbtupfern –, ist der Wohnbereich bunt und freundlich mit farbigem Linoleum und Putz sowie Einrichtungsgegenständen aus Multiplex-Platten ausgestattet. Der ehemalige Geschäftsführer der Berufsschule, der den Bau begleitet hat, stellt zufrieden fest, dass sein schönes neues Gebäude hohen Zulauf verzeichnet. Momentan sind 96 Schüler vor Ort – und einige davon mussten in die studentische Wohnanlage gegenüber einziehen.
Forschen
Das Maritime Forschungszentrum entstand als Public-Private-Partnership zwischen Beluga Shipping (51 %) und der FH OOW (49 %). Mittlerweile haben sich dort verschiedene Firmen und Institutionen, u. a. das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, eingemietet. ›
› Ziel ist es, Forschungen und Entwicklungen voranzutreiben, die die Schifffahrt im 21. Jahrhundert benötigt, z. B. neuartig geformte Schiffe, Oberflächen mit weniger Wasserwiderstand oder IT-Entwicklungen für genauere Vorhersagen über die beste Fahrtroute. In diese Kooperationen sollen auch die FH-Studenten ab ihrem Vordiplom mit einbezogen werden. HS-Architekten planten das Gebäude als »Mini-Campus«. In die gläserne Spange als wettergeschützte Straße sind fünf Einzelbauten eingestellt: ein anderthalbgeschossiger, metallverkleideter »Briefing Room«, zwei verputzte Kuben – Vortrags- bzw. Ausstellungsraum und Mehrzweckbau – sowie zwei liegende Quader mit den Büroräumen der Kooperationspartner. Aus dem Materialkanon des Bebauungsplans, der ausdrücklich regionaltypische Materialien wie Stein bzw. Klinker, Glas und Metall festschrieb, wählten die Architekten als prägendes Material Glas, gefolgt von hellem Aluminium, was die optische Abwechslung auf dem kleinen Campus dankenswerterweise erhöht. Der Raum, der durch die Kuben und die Glashülle gebildet wird, wirkt sehr tief, aber dennoch transparent und ›
› einladend. Die nach Süden zurückgestaffelte Ostfassade ermöglicht viel Sonneneinfall und einen guten Blick aus der Cafeteria auf die Hunte, horizontale Siebdruckstreifen dienen als Sonnenschutz. »Ein ausgeklügeltes Energiekonzept gibt es nicht«, meint Projektleiter Axel Helberg. Wie bescheiden: Immerhin gibt es eine Luftwärmepumpe, in der Halle wurde ein Klimaboden eingebaut, der die Temperatur um 3-4 °C absenkt, die Oberlichter sorgen für Wärmeabzug, und in den Büros gibt es eine Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung.
Wie bewertet der Architekt die Arbeit für ein Public-Private-Partnership? »Unkompliziert. Wir konnten auch mal zwei Varianten parallel verfolgen. Besonders angenehm war es, dass der Bauherr nicht die absolute Minimallösung wollte, sondern großzügige, repräsentative Räume für seine Mieter.«
körper und geist
Wie man für einen Bauherrn mit fixen und durchaus auch einschränkenden Vorgaben ein ebenfalls attraktives Gebäude entwickelt, zeigen die Oldenburger Architekten Angelis + Partner. Das Büro plante den Mensa- und Bibliotheksbau der FH. Bei der Bibliothek stellten die Architekten die städtebauliche Funktion des Baus an den Anfang der Überlegungen zur Grundrissgestaltung. Als »das öffentliche Gebäude«, das später einmal den (von arbos Landschaftsarchitekten geplanten) Campus-Platz beleben soll, öffnet es sich mit den großen Glasflächen von Mensa, Bibliothek und Vorlesungsräumen nach Süden. Und es funktioniert jetzt schon: Hier sammeln sich die Studenten, die Nordseite nutzen sie nur zum Erreichen ihrer geparkten Autos. Dennoch wurde diese »Rückseite« bei der Entwicklung der Kubaturen sorgfältig mit berücksichtigt, so dass der Bau wirkt wie gleichmäßig aus einem Block herausgeschnitzt. Damit setzt er, obwohl er wie die dicht daneben stehende Berufsschule dunkel verklinkert ist, dieser etwas völlig anderes entgegen.
Das kopfartige Volumen am Ende des Baus weist zum Wasserlauf der Hunte hin, was die großen Fenster unterstreichen. Diese versorgen die beiden Innenräume – Mensa und Bibliothek – auch an grauen Tagen mit viel Licht und bieten einen weiten Blick auf den Fluss. Insgesamt wirken die Innenräume durch klare Zonierung, gut dimensionierte Raumgrößen und gezielt gesetzte leuchtende Farben sehr großzügig und licht – abgesehen vom Flur im Verwaltungsbereich im 1. OG. Schmal und dunkel bildet er einen auffälligen Kontrast, was den Einschränkungen durch Budget und Vorgaben des Bauherrn geschuldet ist. Besonders kreativ gingen die Architekten mit diesen Beschränkungen bei der Entwicklung der Bibliothek und der Fassade um. Die Raumhöhe der Bibliothek war ursprünglich auf 3 m begrenzt, doch durch Bildung eines »rechnerischen Durchschnitts« beträgt die Höhe in dem Bereich, der unter dem Technikraum liegt (außen als hellgraues Volumen kaum wahrnehmbar), nun 2,60 m, dafür konnten sie entlang der Fenster auf 4 m angehoben werden. Gern hätten die Architekten die Fassade der Verwaltungsräume mehr geöffnet, doch auch dem standen staatliche Vorgaben entgegen. So entwickelten sie eine doppelt lesbare Fassade: einmal als massive Lochfassade mit tief eingeschnittenen Fensteröffnungen und einmal als durchgehendes Fensterband, in dem die farbigen vorgeblendeten Glasscheiben die Fensteröffnungen optisch fortsetzen. Diese verhindern auch, dass der dunkle Bau gar zu spröde wirkt. »Hinterleuchtet sind sie nicht«, sagt die Bibliothekarin, »aber irgendwie leuchten sie im Dunkeln trotzdem.«
gute aussichten
Knapp fünf Jahre nach dem ersten Gedanken an ein maritimes Bildungsnetzwerk ist durch Beharrlichkeit und viel spontanes und informelles Engagement aller Beteiligten in verhältnismäßig kurzer Zeit ein lebendiger Campus entstanden. Er bündelt zahlreiche Funktionen und bildet mit seiner relativ dichten Struktur einen gelungenen Schlusspunkt am Ende des mit vereinzelten Großbauten besetzten Hunteufers. Die unterschiedlich gestalteten Einzelgebäude reflektieren in ihrer Vielfalt die Haltung des jeweiligen Bauherrn: zweckmäßig bzw. bunt die Berufsschule mit dem aufgesetzten Internat, schlicht und dabei liebevoll detailliert die Bibliothek, spielerisch und gleichzeitig repräsentativ das Forschungszentrum. Am 16. November war Elsfleth »Ort des Tages« der Bundesinitiative »Land der Ideen«. Und auch wenn 2009 die deutschen Schiffbauer einen Auftragsrückgang von 90 % hinnehmen mussten, zeigen sich die Nutzer des Campus überzeugt, dass er in den nächsten fünf Jahren vollständig sein wird. •
  • Bauherrin: Elsflether Projektierungs Gesellschaft Architekten: HS-Architekten, Hamburg Tragwerksplanung: Prof. Bellmer Ingenieurgruppe , Bremen BGF: 3 500 m² BRI: 10 600 m³ Bauzeit: Januar bis Oktober 2008
  • Beteiligte Firmen: Generalunternehmer: Freytag & v. d. Linde, Oldenburg Tiefgründung: Jacbo Pfahlgründungen, Schüttorf, www.jacbo.de
  • Bauherr: Maritimes Kompetenzzentrum Elsfleth Architekten: petersen pörksen partner, Lübeck Tragwerksplanung: Horn + Horn, Neumünster Gebäudeenergieberatung: KAplus Ingenieurbüro Vollert, Eckernförde BGF: 3 867 m² Baukosten: 8,1 Mio. Euro Bauzeit: September 2007 bis September 2008
  • Beteiligte Firmen: Pfahlgründung: Schweers Grundbau, Dötlingen Holzbau: Zimmerei und Bautischlerei Munderloh, Elsfleth Werksteinarbeiten: Fliesen Scheiner, Oldenburg
  • Bauherr: Elsflether Zentrum für Maritime Forschung Architekten: HS-Architekten, Hamburg Projektleitung: Axel Helberg, Gianni Meluccio, Holger Schmidt Tragwerksplanung: Prof. Bellmer Ingenieurgruppe , Bremen TGA: Ingenieurbüro für techn. Gebäudeausrüstung, Westoverledingen BRI: 7 300 m³ Bauzeit: April 2008 bis März 2009
  • Beteiligte Firmen: Klimaboden: SCHÜTZ, Selters; www.schuetz.net Glasfassade und Dachverglasung: Esco, Ditzingen; www.schuetz.net Aluminiumfassade: Martin Böcker, Hintersee
  • Bauherr: Staatl. Baumanagement Ems-Weser, Oldenburg Entwurf und Bauleitung: Angelis + Partner, Oldenburg Tragwerksplanung: Gruppe Ingenieurbau, Oldenburg Haustechnik: IGG – Ingenieurgesellschaft für haustechnische Gesamtplanung, Lilienthal BGF: 2 183 m² Baukosten: 4,9 Mio. Euro BRI: 8 970 m³ Bauzeit: März 2008 bis März 2009
  • Beteiligte Firmen: Fassadenverblender: Wittmunder Klinker, Wittmund www.wittmunder-klinker.de Fensterbänder: Sto Verotec, Lauingen, www.wittmunder-klinker.de Boden- und Wandfliesen: Agrob-Buchtal, Alfter-Witterschlick www.wittmunder-klinker.de