... in die Jahre gekommen

Wiederbelebung einer Kriegsruine in Köln

Die Kriegsruine eines großbürgerlichen Jugendstil- hauses erfuhr in den 80er Jahren eine umfassende Instandsetzung und wurde in zeittypischer Formensprache ergänzt. Die Bauherren, die das Projekt als Baugruppenpioniere stemmten, sind ihrem funktionierenden Haus treu geblieben und wohnen bis heute darin.

  • Architekten: dt8 Planungsgruppe heute: Schaller/Theodor
  • Text: Uta Winterhager Fotos: Tomas Riehle, Uta Winterhager
Neun Familien verband das gemeinsame Engagement in der Bürgerinitiative Nördliche Altstadt (BINA) mit dem Ziel der Verbesserung der Wohnqualität im Agnesviertel. Hier wollten sie wohnen; das Budget war zwar knapp, die Überzeugung, dass sich ihre Idee mit persönlichem Einsatz und dem richtigen Objekt realisieren ließe, dafür aber umso größer. Sie kauften 1985 das im Krieg stark zerstörte, denkmalgeschützte Haus in der Hülchrather Straße 3. Auch die noch bewohnbaren Geschosse der Ruine hatten bis dahin zehn Jahre leer gestanden. So bot der insgesamt desolate Zustand einen erheblichen Gestaltungsspielraum bei der Neuorganisation des Hauses und der Aufteilung in verschiedene Wohnungstypen und -größen. Dass sie das teure Innenstadt-Grundstück in Erbpacht von der Kirche erhielten, kam ihnen entgegen, konnten doch dadurch die Einstiegskosten in das Projekt relativ gering gehalten werden.
Das Jugendstil-Haus aus dem Jahr 1907 lässt sich stilistisch dem Kölner Architekten Franz Brantzky zuordnen, es gibt jedoch keinen Nachweis über seine tatsächliche Urheberschaft. Das ehemals benachbarte Eckgebäude wurde im Krieg völlig zerstört, schnell jedoch durch schmucklosen Geschosswohnungsbau ersetzt. Dem viergeschossigen Wohnhaus Hülchrather Straße 3 fehlte das Dach und eine der drei Fensterachsen des Vorderhauses bis zum Hochparterre. Nach dem Krieg war es nur provisorisch instand gesetzt worden, so dass sich Haustechnik und Ausstattung – soweit vorhanden – noch auf Vorkriegsstand befanden. Die Aufgabe der Planungsgruppe dt8 (heute Schaller/Theodor) bestand nun darin, aus den vier Geschossen im Vorder- und Hinterhaus des ruinösen Gebäudes neun angemessen große Familienwohnungen mit jeweils einem eigenen Freibereich zu machen. Außerdem sollten eine Dachterrasse, ein begrünter Hof und weitere Gemeinschaftsräume im Souterrain entstehen. ›
Miteinander und Nebeneinander
Die Planungen und Baumaßnahmen beschreibt Christian Schaller, der von Anfang an als Planer und einer der Bauherren mit dabei war, daher heute als pragmatisch. Soziale und ökonomische Aspekte überwogen in den Diskussionen der Baugruppe, führten jedoch auch zu einer ökologischen Haustechnik und einer kompromisslosen Haltung in Gestaltungsfragen. Viele Arbeiten, z.B. die gesamten Abbruch-, Holz- und Ausbauarbeiten wurden, um Kosten zu sparen, als Eigenleistung ausgeführt. Vergeben wurde nur, was, wie Stahl- und Betonarbeiten, selber nicht zu leisten war.
Die Baugruppe entschied sich, das Haus nicht, wie von der Denkmalpflege zunächst gefordert, wieder originalgetreu zu rekonstruieren – Originalpläne gab es ohnehin nicht – sondern die fehlenden Teile in einer zeitgemäßen Formensprache zu ersetzen. Zum einen sollten die Kriegsschäden nicht einfach wegretuschiert werden und zum anderen waren die Stahl-Glas-Fassade und das zinkblechgedeckte Tonnendach eine kostengünstige Alternative. Die Lösung, die schließlich in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege gefunden wurde, setzte der massiven Jugendstil-Lochfassade eine wesentlich leichtere Ergänzung mit deutlicher Betonung der Vertikalen entgegen. Die Abbruchkante der Ruine wurde nicht versäubert, was die Trennung von Alt und Neu noch einmal sehr nachdrücklich betont.
Auffallend ist, dass der großzügige bürgerliche Charakter der Fassade trotz der modernen Elemente auch heute noch dominiert. In der Straßenflucht fällt das Gebäude erst auf den zweiten Blick auf, denn das Gebäudevolumen folgt dem historischen Bild mit der Betonung der vorgestellten Mittelachse. Der im Sommer bis über die Traufe hinaus wachsende üppige Glyzinienbewuchs der Stahlkonstruktion dient der Verschattung und verwischt den harten Kontrast der Materialcollage. Alterungsspuren an der steinsichtigen Oberfläche der Jugendstilfassade sind kein Manko, sondern ein gewünschter Effekt, die Stahl-Glas-Elemente hingegen altern in der Ansicht eher stilistisch als in ihrer Materialität. Das zinkblechgedeckte Tonnendach verweist auf die 80er Jahre, aber das von dt8 entwickelte Gesamtkonzept der baulichen Ergänzung war seiner Zeit so weit voraus, dass es auch heute noch als beispielhaft angesehen werden kann.
Auch im Innern wurde die Idee des »Nebeneinander« von Alt und Neu umgesetzt, so dass sich der historische Bestand deutlich von den modernen Bauteilen absetzt. Da die Baugruppe ihr Geld lieber für Balkone und Terrassen einsetzte, als den durch Brandbomben teilweise geschwärzten Terrazzo zu ersetzen oder die Marmorverkleidung im Treppenhaus zu ergänzen, ist die Geschichte des Hauses noch an vielen Stellen ablesbar. Der massive Kern des Gebäudes überstand den Krieg, so dass die Stahlträger der Geschossdecken beim Aufbau dort wieder angeschlossen werden konnten. Sie wurden jedoch nicht wie ursprünglich als Ziegeldecken, sondern kostengünstig in Ortbeton ausgeführt.
Aus den ehemals vier Wohnungen sind durch die Baumaßnahmen neun Wohnungen mit jeweils 73-150 m² Wohnfläche entstanden. Jede Wohnung verfügt über einen Balkon zum Innenhof. Ein Teil der Balkone des Vorderhauses kann im Winter als Wintergarten genutzt werden, was angesichts des relativ knappen Raumangebots durchaus sinnvoll ist. Bei den sehr individuell geschnittenen Wohnungen unterschiedlichster Lage im Haus, fand jede Familie der Baugruppe ein Zuhause, das ihren Vorstellungen entsprach.
Durchweg beständig
Nicht bewährt hat sich, so Schaller, einzig die Sparsamkeit bei einigen Bauteilen und Gewerken. So muss derzeit das Dach an einigen Stellen saniert werden, weil die Qualität der handwerklichen Ausführung des günstigsten Anbieters nicht optimal gewesen ist. Auch hätte man rückblickend nicht an der Dicke der Dämmung im Dach und an der Ausführung der thermisch nicht getrennten und zum Teil nicht zu öffnenden Metallfenster sparen sollen. Allerdings rührt die mangelnde Isolierung der straßenseitigen Stahl-Glas-Fassade daher, dass sie ursprünglich als Wintergartenfassade geplant war. Die zwischenzeitlich des Bauens müde gewordenen Bewohner entschieden sich jedoch – auch um Kosten und Raum zu sparen – dagegen, noch eine zweite Fassade dahinter zu setzen. Heute würde das Gebäude deshalb, anders als 1988, wahrscheinlich keinen Nachhaltigkeitspreis mehr bekommen. Damals erhielt es beim Landeswettbewerb »Ökologisches Bauen« für die eingesetzten Energie- und Wassersparsysteme eine Auszeichnung. Die einzige Baumaßnahme, die seit der Fertigstellung des Hauses durchgeführt wurde, war 2001 der Anbau eines Zimmers im Hof, um die kleinste Wohnung zu erweitern.
Mit persönlichem Engagement, Ausdauer, Bodenständigkeit und dem Sachverstand eines Architekten haben sich neun Familien mit insgesamt 20 Kindern eine Kriegsruine in ihrem Wunschviertel angeeignet. Fragt man heute, ob der Modellversuch geglückt sei, gibt die Tatsache, dass nach 23 Jahren immer noch alle Mitglieder der Baugruppe dort wohnen, eine eindeutige Antwort. •
Standort: Hülchrather Straße 3, 50670 Köln

… in die Jahre gekommen (S. 52)
Uta Winterhager
1972 in Bonn geboren. 1992-95 Architekturstudium an der RWTH Aachen. 1995 Diplom und 1999 Master an der Bartlett School in London. 1997-99 Bürotätigkeit in London, seit 2000 freie Autorin für Architektur und Kinderliteratur.