Innerstädtische Uferbereiche als öffentlicher Raum neu entdeckt

Wie an einer Perlenkette

Im Zuge des Niedergangs traditioneller Industrie und des Wegfalls typischer Hafennutzungen beschloss die Stadt Kopenhagen, die quer durch den Stadtorganismus verlaufende Hauptwasserstraße – allgemein »Hafen« genannt – neu zu ordnen. Die Wasserqualität wurde stark verbessert, die Uferbereiche nicht nur als öffentlicher Raum entdeckt, sondern auch mit prominenten Kulturbauten besetzt. Damit stieg der Wert der bis dahin brachliegenden Flächen, und das Hafengebiet entwickelt sich zu einem sozialen und kulturellen Zentrum.

Stadtwanderer: Klaus Englert

Kopenhagen hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Die Boomjahre, die durch die Brücke nach Schweden begünstigt wurden und großen Einfluss auf die Entwicklungszone zwischen historischer City und Flughafen hatten, sind mittlerweile abgeflaut, und so lohnt es sich, den ›
› Blick wieder auf das innerstädtische Hafengebiet zu lenken, wo binnen kurzer Zeit einige aufsehenerregende Kulturbauten entstanden.
Zu ihnen gehört das Königliche Schauspielhaus [4], das Lundgaard & Tranberg überzeugend zwischen Stadtraum und Hafen setzten. Das neue Theater ist über eine lange hölzerne Rampe erreichbar, die es mit dem Sankt Annæ Platz am populären Nyhavn-Kanal verbindet. Zunächst fällt das Gebäude kaum auf, da es sich mit seinen Klinkerfassaden und geringer Höhe harmonisch in die traditionelle Bebauungsstruktur der umgebenden fünfgeschossigen Wohnhäuser einfügt. Dennoch wirkt der mehrfach geschichtete Baukörper beim näheren Hinsehen fremdartig. Während der mit Kupfer bekleidete Kulissenturm die Hafensilhouette prägt, kragt das auf Stelzen gestützte Künstlergeschoss deutlich über den Hafensaum aus. Damit erweiterten die Architekten den städtischen Raum ins Wasser hinein. Deutlich profitiert davon die im Parterre untergebrachte Gastronomie, die an drei Seiten von Wasser umgeben ist, sowie die neu erschlossene Promenade, die den städtischen Raum des Inderhavn als Bellevue-Panorama erleben lässt.
Zu diesem Panorama gehört das jenseits des Inderhavn in Christianshavn gelegene Opernhaus [2], das Henning Larsen 2005 vollendete. Beide Kulturgebäude entsprechen dem Regierungsvorhaben, das innerstädtische Kopenhagen vor allem auch für den internationalen Tourismus attraktiver zu machen. Die Oper, deren weit auskragendes Dach an Jean Nouvels Luzerner Kultur- und Kongresszentrum erinnert, ist allerdings nur umständlich über mehrere trennende Wasserstraßen hinweg zu erreichen. Larsen hatte sich damals den abgelegenen Standort ausgesucht, weil er damit die Sichtachse zu ›
› Schloss Amalienborg, der Stadtresidenz der dänischen Königin, und weiter zur Frederikskirche betonen wollte. Deswegen müssen Besucher, die die Oper vom Stadtzentrum aus erreichen wollen, mit einer kleinen Bootstour übers Hafenbecken vorliebnehmen. Die verdrießliche Lage wird sich erst dann ändern, wenn die Stadtregierung den Plan absegnen wird, die seit langem fällige Fußgängerbrücke von der Havnegade [9] nach Christiansholm und weiter zum Opernhaus zu bauen.
Weiter südlich auf Christianshavn baute Larsen die Unibank Headquarters. Die Gestalt der Kammstruktur mit sechs zum Wasser orientierten Flügeln soll an die früheren Werftbauten erinnern. Hafeneinwärts errichtete Larsen die Riegel als Stahl-Glas-Konstruktionen, während er für die rückwärtige Seite, die unmittelbar an den historischen Bestand anschließt, eine helle Betonfassade wählte. Diese sechs markanten Riegel machen ebenso unverwechselbar die Silhouette des Inderhavn aus wie der auf der innerstädtischen Hafenseite errichtete Erweiterungsbau für die Königliche Bibliothek [1]. Schmidt Hammer Lassen erweiterten das auf rechteckigem Grundriss errichtete alte Bibliotheksgebäude (das auch Libeskinds Jüdisches Museum beherbergt, siehe db 7/2005) durch einen schwarzen, schräg gestellten Quader – von den Kopenhagenern einfach »Schwarzer Diamant« genannt. Der zweiteilige Anbau verbindet auf intelligente Weise die historische Stadt mit der durch die Uferstraße Christians Brygge abgetrennten Hafenfront. Alt- und Neubau diesseits und jenseits der Straße wurden durch Brückenelemente über die Straße hinweg zusammengeführt und bilden nun zusammen eine Front des Søren-Kierkegaard-Platzes. Dieser wirkt sehr offen und großzügig. Seine Beliebtheit ist von der stark frequentierten Bibliothek bestimmt. Eine ins Wasser führende Freitreppe aus Holzplanken unterstreicht den Hafencharakter.
Den Hafen als öffentlichen Stadtraum zu entdecken und zu gestalten, gilt als eine der zentralen Richtlinien der Kopenhagener Politik und endet nicht bei den innenstadtnahen Bereichen. Ganz offensichtlich waren die dänischen Politiker von der Rückgewinnung der »hollandse waterstad« angetan, die seit Ende der neunziger Jahre in Amsterdams östlichem Hafengebiet von Adriaan Geuze (West 8) und Sjoerd Soeters betrieben wurde. Und so bat man den ›
› Rotterdamer Geuze, einen Masterplan für den Nordhafen [11] und den Amerika Plads zu entwickeln. Das wenig bevölkerte Gebiet am Übergang zum Øresund ist geprägt durch die offene See und große Schiffe – die Fähren nach Oslo und Swinemünde legen hier an. Geuze realisierte höchst unterschiedliche Bautypen, ließ als »landmarks« wirkende Hochhäuser errichten, wandelte Speichergebäude in Bürobauten um und setzte sich für höchst differenziert gestaltete Wohnblocks ein. Es ist eine kluge Entscheidung der Stadtregierung, die historische Innenstadt mit ihrer typischen Kirchturm-Silhouette von Hochhäusern freizuhalten, diese aber im nördlichen und südlichen Hafengebiet zu akzeptieren. Allerdings ist das »LM Projekt« – Steven Holls Planung, die Hafeneinfahrt zwischen den Pieren Langelinie und UNICEF-Plads durch zwei wahrhaft spektakuläre, 65 Meter hohe Turmbauten [12], die eine Brücke miteinander verbindet, zu bekrönen – angesichts der herrschenden wirtschaftlichen Verhältnisse kaum mehr als schönes Wunschdenken.
Der Südhafen bietet ein ganz anderes Ambiente. Auch hier gibt es umgenutzte Industriebauten, abgesehen von einer Mall herrscht aber Wohnungsbau vor und wird mehr Wert auf gut gestalteten öffentlichen Raum gelegt. Die Stadtregierung fördert Experimente im Wohnungsbau: Derzeit bauen Lundgaard und Tranberg am Sydhavnen einen höchst expressiven Apartment-Komplex, dem nicht nur eine breite Promenade, sondern auch drei Hafen-Schwimmbecken vorgelagert sind, die an den Erfolg des weiter nördlich gelegenen Havnebadet [5] anknüpfen. Vor allem die Planung von West 8 verspricht große Aufmerksamkeit. Das anspruchsvolle städtebauliche Projekt heißt Islands Brygge Syd, ist unweit der Silo-Apartments [7] »Gemini Residence« von MVRDV gelegen und soll zum aufregendsten Hafenviertel avancieren. An einer Gracht sollen dichte Wohnblocks entstehen, die von dynamischen Bauformen und differenziert gestalteten Hochhäusern abgelöst werden. Zweifellos steht das ehedem mit PLOT gestartete dänisch-holländische Gemeinschaftsprojekt für den vielversprechenden Erneuerungswillen in der Kopenhagener Baupolitik. •