Gemeindezentrum in St. Gerold (a)

Wenn der Vater mit dem Sohne

Klein und fein: Das derzeit jüngste Gemeindezentrum im Walser Tal tritt ökologisch und baubiologisch in die Fußspuren seiner Vorgänger, verblüfft aber mit noch besseren Energiekennwerten, die die Passivhaus- anforderungen sogar unterschreiten. Zudem überrascht es mit vielfältigen, unterschiedlichen Raumnutzungen, die sich in dem kompakten, einfachen Holzkubus befinden.

  • Architekten: cukrowicz nachbaur architekten Tragwerksplanung: M+G Ingenieure
  • Kritik: Manuel Joss Fotos: Hanspeter Schiess
Wer auf der kurvenreichen Straße ins Große Walsertal fährt, schluckt einige Male, um den Druck in den Ohren auszugleichen – und wegen der tiefen Abgründe gleich neben der Straße. Hier, in einem Tal zwischen dem Alpenrhein und dem Arlbergpass, klebt eine Reihe lockerer Straßendörfer an einer steilen und weiten Bergflanke, unterbrochen von Tobeln und um- geben von ausgedehnten Bergwäldern. Das neue Gemeindezentrum steht in dem langgezogenen Straßendorf St. Gerold auf knapp 1 000 m Höhe, dank der Lage in einer Kurve ist es schon von Weitem gut sichtbar. Es erscheint als neuer Mittelpunkt einer losen Gruppe öffentlicher Gebäude mit Schulhaus, Feuerwehrhaus und der Benediktinerpropstei und fügt sich wie selbstverständlich in den lockeren »Häuserrhythmus« seiner Umgebung ein.
Das helle, lichtdurchflutete Haus ist innen und außen ganz aus Holz – bis hin zum Liftschacht. Sorgfältige und schlichte, gekonnt ausgeführte Details lassen das Bild einer begehbaren Schatulle aufkommen, in der es leicht nach Tannenholz riecht. Entstanden ist aber kein Haus mit knarrenden Dielen und verzogenen Wänden, sondern ein komfortables, der modernen Architektursprache Vorarlbergs verpflichtetes Gebäude.
Im Gebäude – von der Größe her entspricht es gerade einmal etwa zwei großen Einfamilienhäusern – sind geschickt verschiedene Funktionen angeordnet, was es zu einem rege benutzten Treffpunkt der Gemeinde macht: Im EG befinden sich ein Lebensmittelladen und ein Mehrzweckraum, im OG die Gemeindeverwaltung und ein Sitzungszimmer und in den beiden UGs Räume für den Kindergarten und eine Kinderspielgruppe. Eine klare Aufteilung durchzieht das ganze Haus. Zwischen der Erschließungszone im Norden und den Aufenthaltsräumen an der Südfassade liegen jeweils Nebenräume. Komplett umgeben von Böden, Wänden und Decken aus Weißtannenholz, wirken alle Räume aufgeräumt und ruhig. Dafür sorgen auch Details wie in die abgehängte Deckenbekleidung integrierte Leuchten, hinter der sich eine Installationsschicht und die Akustikdämmung befinden.
In gewohnter Tradition
Das Haus ist in vielerlei Hinsicht nachhaltig, zudem hält es zwei Rekorde: Es ist das erste, öffentliche Gebäude in Passivhaus-Standard (mit einem Heizenergiebedarf von 10,7 kWh/m2a unterschreitet es den Richtwert deutlich) und zugleich das erste viergeschossige Holzhaus in Vorarlberg. Dass gerade ein nachhaltiges Bauwerk entstand, ist, so Bürgermeister Bruno Summer, kein Zufall: Der Grundstein dazu wurde schon in den 90er Jahren ›
› gelegt. Damals setzten sich die Gemeindeverantwortlichen und die Bevölkerung des Großen Walsertals zusammen, um eine Antwort darauf zu finden, wie sich die drohende Abwanderung aus dem von bäuerlichen Kleinbetrieben geprägten und touristisch nur wenig erschlossenen Tal mit 3 500 Einwohnern verhindern lässt und ein langfristig wirtschaft- liches Fundament gebildet werden kann. Während vielerorts im Alpenraum als Antwort auf diese Frage neue Ferienresorts aus dem Boden schießen, immer mit hohem Verbrauch an Ressourcen und Landschaft, wählten die sechs Gemeinden einen anderen Weg: Seit genau zehn Jahren bilden sie zu- sammen die Klima- und Energie-Modellregion UNESCO-Biosphärenpark Großes Walsertal mit dem Ziel, Mensch, Natur, Wirtschaft und Umwelt in Einklang zu bringen und v. a. den schonenden Umgang mit Energie- ressourcen zu fördern.
Seither hat das Tal mit einer Reihe von Projekten bewiesen, dass Nachhaltigkeit ernsthaft angestrebt wird. Innerhalb Vorarlbergs ist es zugleich eine Modellregion des österreichischen e5-Programms, das die Verbesserung des Energiehaushalts der Gemeinden und Regionen anstrebt. Dabei sind die Mehrheit der öffentlichen Gebäude und über die Hälfte der Haushalte heute an ein Biomasse-Heiznetz angeschlossen (Holzschnitzel aus den umliegenden Wäldern). Auf diese Weise ist das Große Walsertal schon heute beinahe energieautark.
In dieser Tradition steht nun auch das jüngste Beispielprojekt, das Dietmar Lenz vom Umweltverband Dornbirn zusammen mit einem Fachteam schon während der Vorbereitungsphase begleitete. Er erklärt, dass sich zwar bei neuen öffentlichen Bauten in Vorarlberg eine Tendenz zum Passivhaus erkennen lässt, aber dennoch immer die Funktion des Gebäudes, seine Gesamtökobilanz und ein geringer Gehalt an grauer Energie im Vordergrund stehen – letztere Aspekte werden durch die Verwendung heimischen Holzes aus den umliegenden Bergwäldern erfüllt.
Bei dem Gemeindezentrum St. Gerold wurde aber bereits im Wettbewerb die Vorgabe gemacht, den Neubau sowohl in Holz als auch als Passivhaus zu errichten. Gleichzeitig wurde nichts dem Zufall überlassen und das Projekt von Anfang an ökologisch »betreut«: Sämtliche Baustoffe wurden vor dem Einbau auf Primärenergiegehalt, Co2-Emissionen und sogenannte Ver-säuerung untersucht. Wichtiges Instrument für die nachhaltige Planung war die Internetplattform Baubook, die größte Baustoffdatenbank Österreichs für ökologisches und energieeffizientes Bauen. Sie enthält Aus-schreibungstexte und Bedingungen für öffentliche Gebäude und die der Wohnbauförderung.
Ein Dach und ein Notdach
Den Wettbewerb für den Neubau konnten Cukrowicz Nachbaur Architekten mit dem Entwurf eines kompakten Holzkubus für sich entscheiden. Seit der Bürogründung 1996 haben sie schon etliche öffentliche Gebäude errichtet oder erweitert, etwa die Volksschule in Doren oder das Stadtbad in Dornbirn. Zur Zeit planen sie den Neubau des Vorarlberger Landesmuseums mitten in Bregenz, nur ein paar Schritte von ihrem Büro entfernt. Bei vielen ihrer Projekte ist Holz ein wichtiges Baumaterial, einen sägerauen und unbehandelten Riemenboden wie im Gemeindezentrum haben sie schon mehrmals erfolgreich in öffentlichen Gebäuden verlegt. So konnten auch hier die zunächst zögerlichen Behörden und Nutzer überzeugt werden. Der Unterhalt dieser Böden ist erstaunlich gering: Wöchentlich Schmutz saugen und ein bis zwei Mal pro Jahr feucht reinigen; der Fußboden wirkt tatsächlich auch nach knapp einem Jahr Gebrauch wie neu. Schwieriger gestaltete sich hingegen das geplante, von Satteldächern um-gebene Flachdach, das für Diskussionen in der Bevölkerung sorgte. Um den gut 350 Einwohnern von St. Gerold die Angst zu nehmen, wurde es ›
› einfach doppelt ausgeführt; der dadurch entstandene Zwischenraum von 90 cm ist zur Kontrolle bekriechbar und bietet Platz für die Überfahrt des Aufzugs. Auch der Schacht und die Innenwände des Lifts bestehen aus Weißtannenholz – laut Hersteller eine unproblematische Konstruktion, sofern Toleranzwerte eingehalten werden, zumal die Konstruktion des Aufzugs nicht der Aussteifung dient, sondern nur sich selbst trägt. Überhaupt sind die Spannweiten durch die beschränkte Größe des Hauses gering, die vier Ebenen bestehen aus gedübelten Vollholz-Decken, was Vorteile beim Schallschutz und Brandschutz verspricht. Die vertikalen Stützen durchlaufen alle vier Geschosse, auf horizontale Riegel konnte verzichtet werden. Die Trennwände der Aufenthaltsräume sind hingegen nicht tragend und könnten so theoretisch nachträglich verschoben werden – allerdings ist dies von der Fassadenaufteilung her nicht vorgesehen.
Wohltuend
Weil wie die Böden auch alle weiteren Oberflächen im Gemeindezentrum unbehandelt sind, wird eine gute Luftqualität und ein schadstofffreies Innenraumklima erreicht. CO2-Sonden regeln die zentrale Lüftungsanlage, die bei Bedarf die sechs Raumgruppen mit erwärmter Frischluft versorgt. Die Energie dazu stammt von einer Wärmepumpe, die mit einer Erdsonde und der Geräteabwärme aus den Kühlgeräten des Dorfladens »arbeitet«, daneben nutzt sie die passiven Wärmegewinne aus der Sonneneinstrahlung durch die Fenster. Scheint die Sonne einmal zu stark, fahren Lichtsensoren die Stores herunter. »Die Haustechnik entspricht dem aktuellen Stand, enthält aber keine Besonderheiten«, erklärt der Haustechniker Werner Cukrowicz, zugleich der Vater des Architekten. Und fügt hinzu: »Auf den Anschluss an die Biomasseheizung der nahen Propstei wurde allerdings verzichtet, weil der Wärmeverlust der Zuleitung zu groß gewesen wäre«. Die geringe Menge benötigten Warmwassers wird von einem Boiler erzeugt, der die Abwärme der Lüftungsanlage nutzt. Ebenso verzichtet wurde auf Photovoltaik-Elemente, die für die Südfassade vorgesehen waren, doch wegen einer großen PV-Anlage auf dem benachbarten Feuerwehrhaus nicht zwingend notwendig erschienen.
Was die Ausrichtung anbelangt, stellt ein Passivhaus gewisse Anforderungen. Die kompakte Gebäudeform mit der dicken Dämmung lässt sich gut mit moderner Architektur vereinen, an der Nordfassade jedoch sind große Fenster und die dadurch verbundenen Wärmeverluste in der Regel hinderlich für das Erreichen des Passivhausstandards. Beim Gemeindezentrum haben die Architekten diesen Umstand geschickt abgefedert: Die Erschließungszone an der Nordseite darf mit einer Innentemperatur von 18 8 C etwas kälter bleiben als die Aufenthaltsräume. Gleichzeitig gibt es nur zwei kleinere Fenster, eines davon belichtet den Wartebereich der Gemeindeverwaltung. Doch einen Nachteil hat die innere Grundrissaufteilung: Der Dorfladen besitzt nur einen eingeschränkten Sichtkontakt zur Straße und zum Vorplatz. In dieser ländlichen Situation fällt das allerdings nicht sonderlich ins Gewicht – schließlich wissen hier alle, was sich im Gebäude befindet. •
  • Bauherr: Gemeinde St. Gerold Architekten: cukrowicz nachbaur architekten, Bregenz Mitarbeiter: Andreas Cukrowicz, Anton Nachbaur-Sturm, Stefan Abbrederis (Projektleitung), Christian Schmölz, Michael Abt Tragwerksplaner: M+G Ingenieure, Feldkirch Haustechnik: Technisches Büro Werner Cukrowicz, Lauterach Elektroplanung: Elplan Elektroplanung Elmar Lingg, Schoppernau Bauphysik und Simulation: Technisches Büro Bernhard Weithas, Hard Ökologische Beratung: Spektrum – Zentrum für Umwelttechnik & -management Gesellschaft, Dornbirn, sowie Energie & Ökologie, Bludenz; Energieinstitut, Dornbirn; Umweltverband, Dornbirn Brandschutz: Institut für Brandschutztechnik, Linz Örtliche Bauaufsicht: Albrecht Bau- und Projektmanagement, Dornbirn BGF: 773 m² BRI: 2 890 m³ Baukosten: 1,9 Mio. Euro (Kostenbereiche 1-6) Wettbewerb: Mai 2007 Bauzeit: April 2008 bis Januar 2009 Primärenergiebedarf: 120 kWh/m²a (Wohn-/Nutzfläche für Heizung, Warmwasser, Hilfs- und Haushaltsstrom berechnet nach PHPP) Heizwärmebedarf: 10,7 kW/m²a Ökologische Kriterien: PVC-, FCKW- und HFKW-frei, tropenholz- und schwermetallfrei
  • Beteiligte Firmen: Konstruktiver Holzbau: ARGE Nigsch/Berchtel; Edelbert Nigsch, Blons; Zimmerei Berchtel, Schnifis (Holz-)Fassade: Zimmerei Heiseler, Sonntag, www.heiseler.at Decken und Wände, innen: Leidinger, Bludenz, www.heiseler.at Böden: Fröwis Fußbodenprofi, Bezau, www.heiseler.at Verglasung: Hartmann Fensterbau, Nenzing, www.heiseler.at
Weitere Informationen finden Sie auf dem Detailbogen, S. 83