Was zählt, ist der Name

Ausländische Architekten in Korea

Text: Mathias Remmele

Das Engagement ausländischer Architekten in Korea ist ein recht junges Phänomen. Es begann in den neunziger Jahren, als das Land den Anschluss an die führenden Industrienationen geschafft hatte. Ebenso, wie damals begonnen wurde, westliche Mode oder Autos nicht mehr nur krude zu kopieren, sondern auch zu importieren, fand man es plötzlich reizvoll, für bestimmte Projekte ausländische Architekten ins Land zu holen. Nicht irgendwelche natürlich, sondern die großen Namen der internationalen Architekturszene, deren Renommee auf die Bauherrschaft zurückstrahlt. Ausnahmen wie die Paju Book City, in der auch weniger prominente Büros zum Zuge kamen, bestätigen nur die Regel. Und das erklärt auch, weshalb deutsche Architekten in Korea bisher nur eine marginale Rolle spielten. Das in Deutschland viel beachtete und an sich sehr bemerkenswerte Trutec Gebäude von Barkow Leibinger steht keineswegs im Widerspruch zu diesem Befund. Denn es war nicht seine internationale Bedeutung, die dem Büro zu diesem Auftrag verhalf. Vielmehr ist das im Sommer dieses Jahres eingeweihte, in Seouls aufstrebender »Digital Media City« realisierte Bürogebäude eng mit der Firma Trumpf verbunden, die auch sonst als der wichtigste und treueste Auftraggeber von Barkow Leibinger gelten darf.
Zwar ist im Zusammenhang mit der Arbeit ausländischer Architekten in Korea nicht von spektakulären Großprojekten zu berichten wie sie Herzog & deMeuron oder Rem Koolhaas derzeit in Peking verwirklichen, trotzdem lässt sich hier manche Entdeckung machen. Das mit Abstand ungewöhnlichste Projekt in diesem Kontext ist das 2004 eröffnete Leeum in Seoul. Dabei handelt es sich um ein privates, von einer reichen Industriellen-Familie (Samsung-Konzern) gestiftetes Kunstmuseum, dessen merkwürdiger Name sich aus dem Wort Museum und dem Familienname Lee zusammensetzt. Als Architekten konnten hier mit Rem Koolhaas, Jean Nouvel und Mario Botta gleich drei ausländische Großmeister gewonnen werden. Man mag sich angesichts dieser aus europäischer Perspektive überraschenden Kombination verwundert, gar ungläubig und ein wenig amüsiert die Augen reiben. Gelingen konnte sie wahrscheinlich nur, weil hier jeder quasi sein eigenes Gebäude bauen durfte: Botta das Museum eins: einen mit Terrakotta verkleideten umgekehrten Kegelstumpf, in dem traditionelle koreanische Kunst ausgestellt wird. Nouvel das Museum zwei: eine tiefschwarze, kantige Stahl-Glas-Konstruktion, in der man die internationale und koreanische Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts präsentiert. Koolhaas schließlich das Samsung Child Education & Culture Center: eine dem Straßenverlauf und der Topografie des Geländes folgende, verglaste Betonkonstruktion, in deren Zentrum sich ein unregelmäßig geformter, schwarz gestrichener Betonkörper befindet, der für Wechselausstellungen und sonstige Veranstaltungen konzipiert wurde. Die Erschließungszone, die das Bindeglied zwischen den drei Solitären bildet, liegt nicht von ungefähr im Erdreich verborgen – zu unvermittelt träfen hier, bei allem gegenseitigen Respekt, die unterschiedlichen Architektursprachen aufeinander.
Für das illustre Architekten-Trio haben sich in Seoul übrigens weitere Projekte ergeben: Botta konnte ein Bürohochhaus realisieren – immerhin das größte Bauwerk, das der Tessiner Altmeister je entwarf, Nouvel, wie es gerüchteweise heißt, eine noble, sündhaft teure Villa für die Familie Lee und Koolhaas ein Museum auf dem Campus der angesehenen Seoul National University. Einmal mehr bestätigt sich also in Korea, dass kulturelle Institutionen wie Museen und Universitäten eine Vorreiterfunktion für anspruchsvolle Architektur übernehmen. In diesem Kontext sei auf das kurz vor der Fertigstellung stehende, von Dominique Perrault entworfene, multifunktionale Campus Center der Ewha Womans University in Seoul und das im Bau befindliche, von Kirsten Schemel und Marina Stankovic geplante Nam June Paik Museum (s. db 4/2007) in Yong-In verwiesen.
Ging es bei den bisher erwähnten Projekten darum, ein Gebäude als Ganzes zu entwerfen, wurden einige andere Brand-Architekten in erster Linie als Fassadengestalter engagiert.
So durfte etwa Ben van Berkels UN Studio eine Kaufhausfassade hübsch herausputzen und Daniel Libeskind seine Kreativität als Oberflächendesigner an einem schnöden Bürohochhaus ausprobieren. Während es UN Studio im Jahr 2003 immerhin gelang, die West Hall des edlen Mode-Kaufhauses »Galleria« mit einem seiner Nutzung adäquaten glamourösen Glas-Pailletten-Kleid zu schmücken, das seinen Reiz vor allem in der Dunkelheit entfaltet, sticht einem im Fall von Libeskinds im Jahr 2005 vollendeten »Tangent«-Projekt die Kluft zwischen seiner mit hehren Ansprüchen vertretenen Architekturideologie und dem hier ausgeführten Fassadenzauber recht unangenehm ins Auge. Aus schierem Renommiergehabe hat der Bauherr, die Hyundai Development Corporation, für die Fassade seiner Hauptverwaltung den »Architekten des neuen World Trade Center« engagiert. Das war freilich lange bevor Libeskind dieser prestigeträchtige Auftrag Stück für Stück entglitt … •