Sonderlabore der Universität Leipzig

Von Mikrowelten zum urbanen Raum

Bei dem Entwurf von Laborgebäuden werden gegensätzliche Forderungen offenkundig: Es werden Räume benötigt, die von der Alltagswelt hermetisch abgeschlossen und gesichert sind, zugleich verlangt der räumliche Kontext eher nach Integration als nach isoliert-introvertiertem Ausdruck. Den Versuch, Funktion und Ort gleichermaßen gerecht zu werden, unternimmt das neue Sonderlaborgebäude im Leipziger Universitätsklinikviertel mit Erfolg.

  • Architekten: schulz & schulz architekten Tragwerksplanung: Staupendahl und Partner
  • Kritik: Annette Menting Fotos: Werner Huthmacher
Um dem Anspruch an einen Standort für medizinische Spitzenforschung gerecht zu werden, wurden im Leipziger Universitätsviertel mehrere neue Klinik- und Laborbauten realisiert. In diesem Kontext entstand auch das Laborgebäude an der Stephan-, Ecke Liebigstraße nach dem Entwurf der Architekten Ansgar und Benedikt Schulz. Es stellt sich funktional betrachtet als eine reine Erweiterung der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie dar. Aus städtebaulicher Perspektive ist gleichwohl ein eigenständiger Kubus entstanden, der in räumlicher Distanz zum neoklassizistischen Bestandsgebäude positioniert ist. Das Raumprogramm forderte ausnahmslos Laborräume für molekularbiologische und gentechnische Versuche mit einer durchschnittlichen Größe von 20 m², nur einige sind zu Doppeleinheiten zusammengefasst. Außerhalb des Neubaus befinden sich sämtliche zugehörigen Gemeinschaftsräume, Büros und Seminarräume im vorgeschalteten Fakultätsgebäude. Aus dieser eindeutigen Programmvorgabe entwickelten die Architekten eine klassische Dreibundanlage, die sich mit ihrer rationellen Struktur in den Fassaden widerspiegelt. Die Anlage von beidseitig fünf Einzellaboren pro Etage zeigt sich in der Fensterreihung zur Stephanstraße und Hofseite, während die mittlere Versorgungszone mit Doppelfenstern zur Liebigstraße ihren Abschluss findet.Da der Zugang zu den Laboratorien streng kontrolliert erfolgen muss, war bei diesem ›
› Spezialbau kein prägnanter Eingang gewünscht, denn die Fakultätsangehörigen und Studierenden erschließen die Sonderlabore über eine Brücke vom Bestandsbau. Hieraus erklärt sich auch die zurückhaltende Gestaltung des zweiten Zugangs im Erdgeschoß, der von der Straße zurückgesetzt und bündig in die Fassade integriert ist.
Sicherheitsverordnungen und urbaner Raum
Obgleich innovative Forschungen mit molekularbiologischen und gentechnischen Versuchen den Inhalt des Gebäudes bestimmen, setzen die Architekten beim gestalterischen Ausdruck weder auf demonstrativen Innovationscharakter noch auf isolierende Abschottung. Als eine wesentliche Entwurfsintention erweist sich die Integration des Neubaus als Teil des Universitätsensembles in den stadträumlichen Kontext. Der helle Kubus markiert die Ecksituation zwischen seinen gründerzeitlichen Nachbarn. Zur Stephanstraße setzen großformatige Fenster die Lochfassade des angrenzenden Bestandsbaus präzise fort, indem die Höhen der Fensteröffnungen und Attika von den Bestandsproportionen abgeleitet sind. Die Verbindung von Labor- und Fakultätsgebäude findet mit diesem dialogischen Prinzip auch in der Fassadengestaltung eine Übersetzung. Das Konzept erscheint für das Klinikviertel mit seinen anspruchsvollen Bauten aus der Gründerzeit und den 50er Jahren als adäquate Haltung. Die Architekten schreiben die Tradition des Ortes fort, allerdings mit erkennbar zeitgenössischen Mitteln und Methoden.
Für architektonische Gesten mit einladendem Charakter oder akzentuierte Gemeinschaftsbereiche bot das Raumprogramm keine Möglichkeiten. Im Gegenteil – das Wesen des Laboratoriums ist durch die hermetische Abgeschlossenheit gegenüber der Außenwelt bestimmt; dies wird auch in den Sicherheitsverordnungen für Räume der Schutzstufen 1 bis 3 über zahlreiche Auflagen definiert, denen die biochemischen und radionukliden Labore unterliegen. Aus diesen Grundbedingungen entwickelten die Architekten das architektonische Motiv, das in einem kontrastreichen Wechselspiel zwischen der räumlichen Wirkung von Öffnung und Betonung des kubischen Gesamtkörpers zum Ausdruck kommt.
Abstraktion, Präzision und Geometrie
Auch bei dem hohen Fensteranteil wird die Körperhaftigkeit des Baus spürbar und durch den Einsatz des Fassadenmaterials Sichtbeton unterstützt. Das bewusste Absetzen von der konventionellen Bauweise des Bestands wird deutlich, indem eine elementierte Außenhaut zum Einsatz kam. Die präfabrizierte Fassade zeigt sich mit präzisen Fertigteiltafeln und einem klaren Fugenbild. In hochwertiger Qualität sind großformatige Betonfertigteilplatten in Weißzementbeton eingesetzt, der einen leicht changierenden Gelbton aufweist und so mit den hellfarbigen Putzfassaden des Bestands wunderbar korrespondiert. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, ›
› dass es sich bei dem Gebäude um einen Sonderbau handelt. So finden sich im Unterschied zum neoklassistischen Nachbarn mit seinen feinen plastischen Details beim Neubau keine üblichen Fensteröffnungen mit tiefen Laibungen, sondern eine bewusst flächenbündige Gestaltung. Diese quadratischen Fenster von 3 x 3 m Größe dienen allein der Belichtung, doch kann das Gebäude nicht wie sein Nachbar natürlich be- und entlüftet werden. Die äußeren fassadenbündigen Glasscheiben bilden den Abschluss einer effizienten Sonnenschutzschicht, die den Energieaufwand für das Kühlen des Gebäudes minimiert. So sind im Zwischenraum der sonderangefertigten »Kastenfenster-Konstruktion« metallene Sonnenschutzlamellen integriert, die auch bei stärkeren Windkräften ausgefahren bleiben können, da sie durch das äußere Glas geschützt sind. Gegenüber dem hellen Beton setzen sich die Glasflächen dunkel ab und reflektieren die Umgebung, was zu Spiegelungen der Nachbarn im Neubau führt. Dieses Nebeneinander von Beton und Glas erfährt keine Zäsur durch Fensterrahmen, nur eine schmale Luftfuge trennt die Flächen. Die großen Glasscheiben weisen an ihren Rändern lediglich einen dunklen Siebdruckstreifen auf, hinter dem sich der Trägerrahmen befindet, auf den das Glas geklebt wurde – eine Technik, die Analogien zur Montage von Autoscheiben aufweist. Zur Stephanstraße sind die Glasflächen ungeteilt, doch zur Hofseite weisen einige eine Mittelteilung auf. Hier sind die äußeren Glasflächen öffenbar, allerdings nur zu besonderen Zwecken. In der obersten Etage wurden die Fenster als Festverglasung ausgeführt, da sich hier die hoch gesicherten Labore der Schutzstufe 3 befinden, die keinen Kontakt mit dem Außenraum haben dürfen und daher ›
› mit einer autarken Ver- und Entsorgung ausgestattet und mit einer Nebellöschanlage versehen sind. Während in der obersten Etage die äußeren Glasflügel zu Wartungszwecken öffenbar sind, wurden in den beiden darunter liegenden Geschossen mit geringerer Schutzstufe jeweils die äußeren Glasflächen geteilt, um im Brandfall einen zweiten Rettungsweg zu ermöglichen. Aufgrund dieser Maßnahme konnte auf ein zusätzliches Treppenhaus verzichtet werden.
Integrierte Technik
Im Innern der hochgesicherten Laborräume wirken die Fenster wohltuend großzügig und ermöglichen den Forschern, bei aller Konzentration auf die komplexen Tätigkeiten, eine maximale optische Verbindung zur Außenwelt. Die Fensterhöhe reicht allerdings deutlich über die Unterkante der abgehängten Technikdecke hinaus, da die Proportionen nicht aus den inneren Funktionen, sondern aus den Bestandsfassaden entwickelt sind. Aus diesem Grund enden die Abhangdecken im Abstand von gut einem Meter vor der Fassade, so dass ein Öffnen der Fenster zu Wartungszwecken gewährleistet und der zurückgesetzte Deckenversprung von Außen nicht wahrnehmbar ist. Die Alltagswelt muss konsequent außerhalb des Labors bleiben und zwar so, dass die Be- und Entlüftung mit speziellen Filteranlagen ausgestattet ist, um im Innern optimale Versuchsbedingungen zu schaffen beziehungsweise umgekehrt gefährdende Substanzen nicht nach außen dringen zu lassen. Den Forschern ist erst nach dem Passieren von Sicherheitsschleusen mit Entkontaminierungsanlagen die Verbindung mit dem Außenraum wieder möglich. Diese sehr aufwendige Labortechnik ist in Abhangdecken, Schächten und einem Technikgeschoss hinter der hohen Attika-Brüstung integriert. Durch die baulich integrierte Technik wird das Erscheinungsbild nicht von Rohren und Leitungen dominiert und die klare Raumbildung und Geometrie kann unbeeinträchtigt ihre Wirkung entfalten.
Der Bauaufgabe Laborbau hatten sich Schulz und Schulz mit dem Wolkenlabor Leipzig bereits vor einigen Jahren gewidmet (db 10/2006). Während das Wolkenlabor im Kontext des Wissenschaftsparks als ausdrucksstarker Solitär seiner Bedeutung gerecht wird, erweist sich bei den Sonderlaboren die Selbstverständlichkeit und gestalterische Zurückhaltung als adäquate Entscheidung. Denn über die Aufgabenstellung hinaus, innovative Forschungslabore mit höchsten sicherheitstechnischen Anforderungen an Bauwerk und Ausstattung zu erstellen, ist ein städtisches Haus entstanden, das den Menschen eine hohe Aufenthaltsqualität bei ihrer Spezialarbeit ermöglicht und zugleich in dieser räumlich sensiblen Situation einen anspruchsvollen urbanen Baukörper bildet. •