[1] Chinesen erwerben nur Wohnungen, die nach Süden ausgerichtet sind. Die freibleibenden Ost- und Westseiten werden oft kommerziell genutzt
Städtebau in China – ein kultureller Lernprozess

Vom Scheitern lernen

Im Glauben, man könne die europäische Stadt substanziell in den chinesischen Kulturraum transponieren, entstanden einige neue Städte im Sinne deutscher Wert- vorstellungen. Sie sind Fremdkörper geblieben und ließen sich auch durch vielerlei Korrekturen nicht anpassen. Planerischer Erfolg stellt sich nur ein, wenn zuvor die gesellschaftlichen Strukturen chinesischen Stadtlebens verstanden worden sind.

Text: Dieter Hassenpflug

Die Medien berichten immer wieder von Geisterstädten in China – von Planstädten, die nach ihrer Fertigstellung jahrelang verwaist sind. Man mag von der gottverlassenen Retortenstadt Ordos (innere Mongolei) gehört haben, von der englischen Travestiestadt und Hochzeitskulisse Thames Town bei Shanghai oder auch von dem – inzwischen geschleiften – Holland Village in Shenyang (Nordchina), eine der aufwendigsten Stadtkopien Chinas. Den Weg der aktuellen chinesischen Hyperurbanisierung, die den Anteil der Stadtbewohner von 20 auf 50 % katapultierte, säumen gescheiterte Neustädte.
Über kaum eine davon wurde in Deutschland so viel debattiert wie über die »deutsche Stadt« Anting Neustadt in Shanghai. Sie ist Teil der Automobilstadt Anting und zugleich Partnerstadt des Klassikerstädtchens Weimar. Die Grundstruktur des von AS&P entworfenen Masterplans folgt dem Ideal der altbürgerlichen Europäischen Stadt. Dies wird durch die mit Kirche und Marktplatz betonte Zentralität belegt, durch die kleinteilige Mischnutzung von Wohnen und Einzelhandel, Blockrandbebauung, gebogene Straßen und, als Ersatz für eine Stadtmauer, einen landschaftsarchitektonisch hervorgehobenen Stadtrand mit bewässertem Stadtgraben und außenseitig geführter Allee. Die Füllstruktur hingegen orientiert sich bei aller Farbigkeit an einer funktionalistischen Architektursprache, wie sie für das moderne Nachkriegsdeutschland charakteristisch ist.
Als Ursache für den Leerstand wurde in der öffentlichen Debatte lange Zeit die fehlende Anbindung an das Shanghaier Metro-Netz gehandelt. Mittlerweile gibt es eine Metro-Station. Messbare Wirkungen ließen sich jedoch nicht ermitteln. Wie viele andere Neustädte mag auch Anting Ziel von Immobilienspekulation sein, die in Zeiten rapider Urbanisierung auch im Bereich Wohnraum wirtschaftlich rational erscheint. Während andernorts die Wohnraum-Zockerei Ausmaße annahm, die die Behörden zu gegensteuernden Maßnahmen veranlassten, wie z. B. der Verfügung mehrjähriger Verpflichtungen zur Eigennutzung bei Wohnungskauf, wird für Anting kolportiert, dass der Verkauf der Wohnungen schleppend verläuft und der Abschluss von Mietverträgen nur mit einer vergleichsweise kleinen Zahl ausländischer Interessenten gelingt – insbesondere mit westlichen »Expats«. Gelegentlich wird auch auf den Mangel an sozialer Infrastruktur, auf fehlende Kindergärten, Schulen etc. als Ursache für den Leerstand hingewiesen. Im Prinzip könnte die Kommune damit in Vorleistung gehen. Nur ist dies bisher kaum geschehen, und es darf bezweifelt werden, ob derartige Dienste Menschen nach Anting locken können.
Der offene Raum – eine unbekannte Grösse
Vorrangig ist die »deutsche Stadt« durchaus kein Opfer von Wohnraumspekulation, schlechter Anbindung, fehlendem Einzelhandel usw. Das Problem liegt vielmehr darin begründet, dass es sich bei der Grundstruktur Antings um eine deutsche Stadt handelt – um die städtebauliche Transposition des offenen europäischen Stadtmodells nach China. Dieser Stadttyp mit seiner kleinräumigen Mischnutzung, seiner orientierungsfreien Blockrandbebauung, soziokulturellen Zentralität etc. wird von chinesischen Bürgern als städtischer Lebensraum nicht verstanden und daher auch nicht akzeptiert.
Die nach wie vor konfuzianisch geprägte, mit einem starken Familiensinn ausgestattete, entschieden gemeinschaftsorientierte und eher eingeschränkt individualisierte und institutionalisierte chinesische Gesellschaft gibt der geschlossenen Stadt der »urbanen Dörfer« den Vorzug: Über 90 % der mit einer städtischen Wohnberechtigung versehenen Chinesen leben in großen geschlossenen, mit Mauern und Zäunen eingehegten, mit inneren Erschließungswegen ausgestatteten und mit bewachten Toren versehenen Nachbarschaften. In diesen tradiert sich in moderner Form die jahrtausendealte Praxis des Siedelns von Clan- und Familienverbänden oder auch von Produktionsgenossenschaften in eingehegten Quartieren. Die heutigen »compounds« tragen die Bezeichnung MRD (Micro-Residential-Districts) und dienen als unterste Stufe der städtischen Verwaltung. Ihre Architektursprache ist i. a. R. seriell und dient ebenso wie repräsentative Namen, auffällige skulpturale Dachaufbauten, die Gestaltung der Tore und Innenhöfe der kollektiven Identitätsbildung.
Dem geschlossenen Raum der Wohngebiete steht der offene Raum der chinesischen Stadt gegenüber. Bei diesem handelt es sich jedoch nicht um »öffentlichen Raum« im westlichen Verständnis, also um einen – etwa durch Fassaden inszenierten – Stadtraum, der sich als Ort der Aushandlung bürgerschaftlicher Interessenunterschiede verstehen lässt. Der »offene Stadtraum« ist vielmehr ein funktional genutzter Raum, z. B. für Mobilität, für Handel und für informelle Aneignungen aller Art. Während die Regeln des öffentlichen Raums sich im Idealfall an der egalitären Kommunikation aufgeklärter Individuen orientieren, dominieren im offenen Raum die Grundsätze hierarchischer Ordnung. Wo öffentlicher Raum eine scharfe Grenze zu privatem Raum zieht, definiert offener Raum diese Grenze eher schwach, was Intimisierungen aller Art gestattet – von der Wäscheleine zwischen Laternenpfählen über den Spaziergang im Schlafanzug bis zum Nickerchen auf dem Trottoir.
Um das Phänomen des offenen Raums zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte hilfreich: Während in Europa die Märkte sich frühzeitig von den Landesherren emanzipierten, Markt- und Stadtrecht zu Ausgangspunkten städtischer Freiheit und der damit einhergehenden bürgerlichen Öffentlichkeit werden konnten, blieben die Märkte in China Institutionen der zentralistischen Palastökonomie. Weder ein unabhängiges Bürgertum noch öffentliche Räume konnten sich auf diese Weise entwickeln, auch nicht in der Zeit Maos, in der manche kaiserliche Praktiken in neuen Gewändern weiter existierten. Eine grundlegende Änderung ermöglichte erst die Öffnung des Landes mit der Einführung des kapitalistischen Ökonomiemodells. Nun erst kann sich ein unternehmerisch handelndes Bürgertum chinesischer Art entwickeln, das um des wirtschaftlichen Erfolgs Willen nach Rechtssicherheit, politischen Mitwirkungsmöglichkeiten, Zugang zu Informationen etc. verlangt – und auch nach medialen und physischen Räumen, in denen es seine Meinung bilden und ausdrücken kann. Offene Räume können sich nun zu öffentlichen Räumen qualifizieren – und dieser Prozess hat bereits eingesetzt. Noch dominiert allerdings der offene Stadtraum.
Der wichtigste Träger und Garant desselben ist der Einzelhandel. Da dieser nicht an die Orientierungsregel gebunden ist, wird er baulich sehr oft zur Schließung der westlichen und östlichen Blockränder mit den offenen Stirnseiten der Zeilenbauten der Nachbarschaften verwendet. Auf diese Weise tragen die Nahversorgungsspangen nicht unwesentlich zur urbanen Anmutung des chinesischen Stadtraums bei. Einer der größten Fehler europäischer Städtebauer ist es, die Bedeutung dieser kleinräumigen Form der Zonierung von Wohnen und Handel, die sich in ihrer räumlichen Wirkung von der Mischnutzung kaum unterscheiden lässt, nicht verstanden zu haben.
In Anting wurden, dem Leitbild der offenen europäischen Stadt folgend und mit dem Ziel einer »echten« Mischnutzung, Einzelhandelsflächen in die Wohngebäude integriert. Die Wohnbereiche hätten jedoch als geschlossene Nachbarschaften vom Einzelhandel getrennt werden müssen. Versuche, diese Trennung mittels miniaturisierter Tore im Nachhinein zu erreichen, waren von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Denn durch die Tore wurde der Einzelhandel faktisch ausgesperrt. Umgekehrt erschienen den Wohnungssuchenden die Torminiaturen zu schwach, um von der Geschlossenheit der Nachbarschaft zu überzeugen. Grund genug, von einem Wohnungserwerb Abstand zu nehmen. Aus chinesischer Sicht sind die Quartiere in Anting zu offen zum Wohnen und zu geschlossen für den Einzelhandel.
Südorientierung sticht Städtebau
Aus klimatischen, v. a. jedoch aus überkommenen Statusgründen müssen Wohngebäude in China nach Süden ausgerichtet sein. Da die Stadt Shanghai nur 30 % Abweichung von der Südorientierung genehmigte, wurde die für Anting geplante Blockrandbebauung im Nachhinein bis zur Unkenntlichkeit manipuliert: Die Blöcke wurden gestreckt, um längere nord-süd-orientierte und kurze ost-west-orientierte Blockränder zu erhalten, viele westliche und östliche Blockränder wurden entweder in Südausrichtung gedreht oder gleich ganz herausgenommen, sodass nur noch Gebäudezeilen übrig blieben und an den in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straßen deplatzierte Sequenzen von Stirnseiten und Abstandsgrün entstanden. In der Summe dieser Operationen am Organismus der europäischen Stadt wurde deren räumliche Integrität schwer beschädigt.
Eine anderes Städtebauprojekt mit bemerkenswerter medialer Sprunghöhe ist die von gmp entworfene, von Idealplänen der Renaissance inspirierte Satellitenstadt Lingang Neustadt (s. db 11/2011, S. 14-17) im Südosten Shanghais. Der Entwurf verlangt die radiale Ausrichtung der Wohnbauten zum Zentrum hin. Vor Ort wird die komplette Wohnbebauung aber auf Süden getrimmt. Das Ergebnis ist ein korrumpiertes Stadtbild. Gleichwohl fällt die Prognose optimistischer aus, als bei Anting. Denn die Nähe zum Tiefseehafen Yangshan, die Nachbarschaft zur ersten chinesischen Freihandelszone und zahlreiche Arbeitsplätze in den geplanten Zukunftsindustrien und Kultureinrichtungen könnten genug Menschen veranlassen, sich in Lingang niederzulassen.
Der Masterplan des ebenfalls von gmp entworfenen Qingdao Sino-German Ecopark kollidiert bereits im Ansatz mit mehreren Grundregeln des nachhaltigen Städtebaus: Die disperse Struktur von etwa zehn, zumeist klar abgezirkelten Stadtquartieren, die wie Lotusblätter auf dem Land »schwimmen«, widerspricht den Prinzipien der Kompaktheit, der Zentralität, der Vernetzung und der örtlichen Funktionsvielfalt. Diese sind jedoch auch in China Voraussetzung für eine Stadt der kurzen Wege, für effiziente Energieversorgung und logistische Optimierung. Geradezu bedrohlich wirken bereits heute die stark frequentierten Straßen, die die Ökostadt tangieren und zerschneiden, mit Emissionen belasten und mikroklimatisch wichtige Grünkorridore abriegeln. Der chinesisch-deutsche Ökopark steht noch am Anfang seiner Verwirklichung und die eine oder andere intelligente Annäherung an die Grundsätze des ökologischen Städtebaus ist noch möglich. Aber es gilt auch hier: Um erfolgreich zu sein, müssen die beteiligten Akteure die Regeln des chinesischen Städtebaus als einer eigenständigen Kultur der sozialen Raumproduktion beherzigen. •
Zur Vertiefung empfehlen wir die Lektüre der zweiten, überarbeiteten und aktualisierten Auflage der Publikation »Der urbane Code Chinas« von Dieter Hassenpflug. 200 S., 133 Abb., Birkhäuser Verlag, Basel 2013

Städtebau in CHina (S. 42)
Dieter Hassenpflug
1946 in Simbabwe geboren. Studium der VWL, Soziologie und Philosophie in Berlin. Lehraufträge in Berlin, Kassel und Frankfurt a. M. Seit 1993 Professur in Weimar. Gastprofessuren u. a. in Harbin und Shanghai.