… in die Jahre gekommen

Vom Pavillon zum Museum

Der ehemalige Pavillon des Landes Baden-Württemberg auf der Internationalen Gartenbauausstellung in Stuttgart 1993, als temporäres Bauwerk geplant, dient schon seit 16 Jahren an anderem Standort als Ausstellungshalle des Deutschen Landwirtschaftsmuseums. Nur geringfügige Änderungen waren nötig, um den »fliegenden Bau« dauerhaft nutzen zu können – zumindest 20 Jahre sollte er halten, hieß es damals. Zeit also, nachzuschauen, wie das damals viel beachtete Gebäude in die Jahre gekommen ist.

  • Architekt: Peter Cheret Tragwerksplanung: Gunter Steck
  • Kritik: Christoph Gunßer Fotos: Peter Cheret, Christoph Gunßer
Verwittert und an manchen Stellen geflickt, voll gestellt mit alten Gerätschaften und eingerahmt von Neubauten des Museums, lässt der Low- Budget-Bau doch immer noch jene Würde erkennen, die ihm einst den Spitznamen »Halle des Volkes« eintrug. »Rammt man alle paar Meter einen Pfahl in die Erde und legt ein Dach darauf, sieht das eben wie ein Tempel aus«, meint Peter Cheret. Als junger Architekt schaffte er mit den IGA- Bauten den Durchbruch, wurde bald darauf Professor für Baukonstruktion an der Universität Stuttgart. »Billiger kann man nicht bauen«, erklärt er: 2,25 Mio. DM für rund 5000 m3 umbauten Raum, das war »absoluter Anschlag«.
Edle Einfalt, stille Grösse
Es war die originelle Paarung von Größe und Einfachheit, die dem Pavillon die eigentümliche Ausstrahlung verlieh. Am Rande des Rosensteinparks wurde der »Treffpunkt Baden-Württemberg« ein Publikumsmagnet der IGA. Es traten auf: Telegrafenmasten aus Sturmholz, als in die Erde eingelassene, eingespannte Stützen; Nagelplattenbinder als Boden- und Deckenträger, sichtbar belassen; Lärmschutzelemente als Außenwände; Sperrholz-, Span- und neuartige Furnierschichtholzplatten als Bekleidung für Boden und Decke; Einscheibenverglasung als Schaufenster, wie bei Gewächshäusern rahmenlos eingehängt; und einlagige Bitumenabdichtung als Dachpappe.
Die in Längsrichtung bzw. auf drei Längsachsen im Abstand von 3 m aufragenden Masten – dazwischen zwei Felder mit rund 16 m Spannweite, maximal überspannten die Binder 32 m – gliederten die 4 m hohe Halle zu einer lockeren Enfilade aus Empfangs-, Flanier- und Ausstellungsraum, mit einer kleinen Arena in Form eines geschlossenen Kegelstumpfs als plastischem Eckelement. ›
› »Das Ding sammelt die Dinge«, zitiert der Architekt den Philosophen Heidegger: Das große Dach (in den frühen 90er Jahren eigentlich eine geläufige Figur, man denke nur an Behnischs Bonner Plenarsaal) beruhigt, strahlt Würde aus. Gleichzeitig relativiert aber das länd-liche, »arme« Material Holz, höchst effizient und sparsam verwendet, die hehre Geste und lässt keinen Prunk aufkommen. Auch Baden-Württemberg hat sich aus ärmlichen Verhältnissen zum Hightech-Musterland entwickelt, zugleich brachte es Poeten in großer Zahl hervor. Kurz: Das Gebäude verkörperte damals vieles, was bis heute als »typisch schwäbisch« gilt.
Ein »fliegender« Holzbau als Geschenk
Die sympathische Selbstdarstellung war aus einem Bieterwettbewerb hervorgegangen, den der Bauherr, das Land Baden-Württemberg, genauer das Ministerium für den ländlichen Raum, 1991 in Zeitnot ausgelobt hatte. Holz stand damals noch vor seiner jüngsten Renaissance als nachhaltiger Baustoff, und so beteiligten sich v. a. Fertighaushersteller an dem Wettbewerb. Peter Cheret, der damals gerade den Schaubauernhof in der benachbarten Wilhelma bearbeitete (s. db 4/1994), gewann gemeinsam mit der Holzbaufirma Merk aus Aichach, deren neues Produkt Furnierschichtholz auch beim »kleinen Bruder« des Landespavillons, der »Grünen Universität«, Verwendung fand. Beide IGA-Projekte waren als Schaufenster zum Park, als »Loggia im Freien« konzipiert. Eine Wiederverwendung des Pavillons war zwar in der Ausschreibung angedacht, genehmigt wurden die Gebäude jedoch als fliegende Bauten, ohne Berücksichtigung von Schneelasten. Weil viele am »Treffpunkt« Gefallen fanden, das zusätzlich mit einem Holzbaupreis gekürte Gebäude aber im durch die IGA ohnehin arg strapazierten Park nicht bleiben konnte, suchten die Verantwortlichen beim Land nach Ende der Schau Nachnutzer für ein so großes, nicht winterfestes Gebäude. Das Landwirtschaftsmuseum am Rande des Hohenheimer Uni-Geländes brauchte Platz für seine Sammlung und bekam den Pavillon sozusagen als Geschenk.
Sinnvoll verpflanzt, vom Park auf den Acker
So fand sich ein Bauplatz – allerdings in völlig anderer Lage. Hatte der Pavillon, ursprünglich nordwärts ausgerichtet, auf die alten Bäume des Rosensteinparks geblickt und immer etwas von einer schattigen Höhle gehabt, so sollte die 30 x 4 m große Schaufront nun nach Süden auf die offene Landschaft mit Feldern ausgerichtet sein. »Das Licht modellierte den Raum neu und so stark, dass ich den Eindruck eines Neubaus hatte«, erklärt Peter Cheret. Für ihn war es »kurios, dasselbe Gebäude zum zweiten Mal wachsen zu sehen«.
Ein Haufen Holz, abgeladen am Rand von Rübenäckern, war also der Anfang einer unverhofften Wiederauferstehung. Schnee- und höhere Verkehrslasten machten geringfügig dickere Stützen nötig (die alten Masten, »wie Rüben aus der Erde gezogen«, nahm die Holzbaufirma zurück), und die Bodenträger wurden enger angeordnet. Die Zugänge wurden für den Alltagsbetrieb verändert, auf der Rückseite Unterstände angefügt. Das im unbekleideten Holzbau oft heikle Thema Brandschutz regelte man großzügig. Auch als dauerhaftes Gebäude blieb der Pavillon so ein Low-Budget-Bau.
Angemessene »Garage«
Seither füllte sich die Halle mit den Schätzen des Landbaus: Fahr- und Werkzeuge der vorindustriellen Zeit fanden hier eine luftige Remise. Der Hauptraum ist weiterhin unbeheizt, durch die Fugen der Fenster pfeift der Wind, denn rau ist es hier oben, auf den »Fildern« oberhalb und südlich der Stadt Stuttgart. Nur Büro und WCs verfügen über elektrische Heizlüfter. Im Winter öffnet das Haus nur zu besonderen Anlässen, im Sommer kann es trotz des Durchzugs und der (lauten) Lüftungsklappen in den Decken etwas stickig werden.
Die Konstruktion kommt ohne Dichtung und Dämmung aus. Besandete Bitumenpappe, einlagig, schützt bis heute weitgehend erfolgreich vor eindringender Feuchte von oben (die für den guten Wasserabfluss sorgenden 15 % Gefälle nimmt man architektonisch kaum wahr). Seitlich indes nagten Nässe und Bodenflora an den – leichtsinnigerweise – beim Aufbau unbehandelten Fußpunkten der Masten. Nachdem an den der Witterung ausgesetzten Stellen Pilze aufgetreten waren, kappte man vor etwa fünf Jahren einige der bodenberührenden Holzteile und ersetzte sie durch stählerne Laschen. Das sieht nicht mehr so urwüchsig aus, hält aber gewiss deutlich länger. Seither sind diese Masten statisch nicht mehr eingespannt, sondern gelenkig gelagert, was die Standsicherheit jedoch nach Auskunft des Architekten nicht gefährdet.
Auch nach diesen Erfahrungen ist die Mastenbauweise eine genial einfache Erfindung, da sie Eingriffe in den Boden minimiert und einen fast spurlosen Rückbau ermöglicht (der schließlich auch bei »dauerhaften« Gebäuden immer mehr an Bedeutung gewinnt). Ein besserer konstruktiver Holzschutz durch weit auskragende Dächer verlängert auf jeden Fall ihre Lebensdauer – so gibt es beispielsweise im geschützten Bereich unter dem Gebäude in Hohenheim keine Probleme mit der Gründung.
Schwere Landmaschinen neuerer Zeit fanden zunächst im offenen Vorraum des »Schaufensters« Platz. In den letzten Jahren wurden im hinteren Teil des Geländes im Westen zwei große Hallen von ähnlichem Volumen wie der Pavillon hinzugefügt. In gebührendem Abstand platziert, stehlen ihre flachen Zeltdächer dem Hauptgebäude nicht die Schau. Doch mit weniger als 30 000 Besuchern jährlich, davon viele bei Sonderveranstaltungen wie dem »Weltwettpflügen« oder »Faszination Traktor«, führt das Museum am Rande des Campus‘ ein Schattendasein – eine skurrile Bastion gegen das Vergessen in dem sich rücksichtslos modernisierenden Wirtschaftszweig der Landwirtschaft, die doch – bis auf Weiteres – von ihrem Ursprung, dem Land, nicht loskommt. Ein Ersatzbau für die »Traditions-pflege«, wie sie das Deutsche Landwirtschaftsmuseum mit seiner Ausstellung betreibt, ist derzeit nicht in Sicht. So wird der alte IGA-Pavillon wohl noch länger als die veranschlagten 20 Jahre halten müssen. •

in die Jahre gekommen (S. 54) Technik aktuell (S. 70)
Christoph Gunßer 1963 geboren. Architekturstudium in Hannover, Stuttgart und den USA. Büropraxis. 1989 – 92 Assistenz am Institut für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung, Uni Hannover. 1992 – 97 in der Redaktion der db. Seit 1998 als freier Fachautor tätig, zahlreiche Buchveröffentlichungen.