Wohnungsbau in Slowenien

Vom Kollektiven zum Individuellen

Wer den slowenischen Wohnungsbau der letzten Jahrzehnte nachverfolgt und sich die aktuellen Rahmenbedingungen anschaut, kann leicht der Einschätzung verfallen, alles läge unrettbar im Argen. Die privaten Bauträger unterliegen den gleichen wirtschaftlichen Zwängen wie die öffentliche Hand. Gesetzliche Vorgaben setzen enge Grenzen. Viele Architekten im Lande wissen jedoch, die verbleibenden Spielräume zu nutzen.

~Aus dem Slowenischen von Vesna Holzner

  • Architekten: A.Biro; bevk perovic arhitekti; Vodopivec, Medvešek, Gabrovec; Gregorc Vrhovec arhitekti; Enota
  • Text: Anja Planiscek
    Fotos: Miran Kambic, Tomaž Gregoric
Fünfzehn Jahre nach Staatswerdung wird Slowenien mehr denn je mit den Themen Wohnungsmangel und Anstieg der Immobilienpreise konfrontiert – in den letzten drei Jahren haben sich die Preise für Wohnungseigentum um fünfzig Prozent und für Einfamilienhäuser um vierzig verteuert [1]. In Ljubljana, wo sie am höchsten sind, beträgt der durchschnittliche annoncierte Preis einer Zweizimmerwohnung pro Quadratmeter 2750 Euro [2]. Die immer größer werdende ökonomische Ungleichheit wird zu einem ernsten Gesellschaftsproblem. Heute wird die Wohnung, ein Grundbedürfnis des Menschen, zu einem Privileg.
Wohnbau nach dem Zweiten Weltkrieg
Die Wurzeln der heutigen slowenischen Wohnungsproblematik reichen sechzig Jahre zurück, in die Zeit des jugoslawischen Staates und der Gestaltung einer neuen sozialistischen Gesellschaft nach dem Krieg. In dieser Zeit wurden Wohnungen entsprechend der großen Nachfrage und der damals propagierten Vorstellung vom Wohnen meist rational und standardisiert geplant und schnell errichtet.
Die jugoslawische Verfassung hatte das »Recht auf einen sicheren Wohnsitz« als ein Menschengrundrecht, das der Staat zu gewährleisten hatte, zum Gesetz erhoben. Deshalb hatte der Staat in der ersten Nachkriegszeit den Wohnungsbau finanziert, sich dabei aber finanziell übernommen. Erst 1965 als der Staat sich aus dem Wohnungsbau zurückzog und das Feld den Baufirmen überließ, wurden die Wohnungen zur »Marktware«. Die mei- sten Wohnungen sind in den siebziger Jahren entstanden, seither ging die Bautätigkeit erst einmal zurück. Während des Sozialismus’ konnten die Bürger entweder Eigentümer von Wohnungen beziehungsweise Einfamilienhäusern oder Mieter von Kader- oder Solidaritätswohnungen werden. Ein gewisser Individualismus war also auch damals trotz des vorherrschenden Kollektivgedankens gegeben. Das Wohnideal des durchschnittlichen Slowenen war das »eigene Haus mit Garten«. Diese Vorstellung wurde auf-grund des Wohnungsmangels nach dem Krieg zuerst im selbstorganisierten Bau von »Typenhäusern«, seit den sechziger Jahren in Reihen- und Atriumhäusern, realisiert. Die charakteristische Form des kollektiven Bauens in den Städten war seit 1960 die »Wohnnachbarschaft«. Hier wurden Wohnungsbauten, öffentliche Gebäude und Grünräume miteinander vereint. Einige dieser Wohnnachbarschaften boten, zusammen mit komplexem Städtebau, einer Palette von Gebäudetypen (Hochhäuser, niedrige und hohe Blöcke) und innovativen Grundrissen durchaus hochwertiges Wohnen.
Veränderungen nach der Unabhängigkeit
Mit der Unabhängigkeit Sloweniens 1991 und dem Übergang zum Kapitalismus änderte sich die Rolle des Staates im Wohnungssektor. In der Verfassung wurde die »Pflicht zur Gewährleistung von Wohnungen« durch die »Verpflichtung der Ermöglichung des Erwerbs von Wohnungen« [3] ersetzt. Mit dem neuen Wohnungsgesetz gingen zu außerordentlich günstigen Preisen rund neunzig Prozent des Gemeinschaftseigentums (Wohnungsfonds) in Privateigentum über. Mittelfristig hat das Gesetz allerdings einen Preisanstieg ausgelöst: Nachdem die günstig abgekauften Wohnungen auf den Markt kamen, ist ihr Preis aufgrund des Wohnungsdefizits unverhältnismäßig gestiegen und steigt noch heute weiter an.
Mit demselben Gesetz hat der Staat die Gründung eigener städtischer Fonds und des Wohnungsfonds der Republik Slowenien geregelt. Letzterer finanziert als »zentrale staatliche Institution für die Finanzierung von Wohnungen« das nationale Wohnungsprogramm, beziehungsweise regt den Wohnungsbau, die Renovierung und den Erhalt der Wohnhäuser an [4]. Der Republikfonds betreibt in Kooperation mit den Banken seit 1999 das nationale »Bausparschema«, ein mehrjähriges Sparprogramm für Einzelpersonen und Familien. Der Fonds lenkt die ersparten Mittel in den Bau von neuen Wohnungen, wobei dem Sparer der Wohnungskauf zu einem wesentlich niedrigeren Preis (etwa 1400 Euro pro Quadratmeter) als dem Marktpreis garantiert wird. Die meisten Wohnungen verkaufen die Fonds auch tatsächlich an Sparer, behalten aber auch einen gewissen Anteil der sozialen und nicht profitorientierten Mietwohnungen und unterstützen dadurch die wirtschaftlich Schwächeren. ›
› Eine andere Form des Wohnungsbaus wird von den privaten Bauherren – den großen privatisierten Baufirmen aus der Zeit des Sozialismus’ und den neuen Unternehmen, die ausschließlich für den freien Markt bauen – getragen. Die Bürger haben außer der Sparmöglichkeit innerhalb des nationalen Schemas noch die Möglichkeit der Aufnahme von Bankenwohnkrediten, das Hypothekarbankwesen ist allerdings noch nicht ausreichend entwickelt.
Vom Kollektiven zum Individuellen
Slowenien sieht sich heute nicht nur mit politischen und wirtschaftlichen, sondern auch mit Problemen der sogenannten »zweiten demografischen Transition« [5] konfrontiert. Typisch für alle entwickelten Gesellschaften ist das Phänomen der Zunahme von Haushalten bei gleichzeitigem Rückgang der Haushaltsangehörigen und ihrer veränderlichen Zusammensetzung. Zudem macht die Entwicklung der Informationstechnologie das private Heim auch mehr und mehr zur Arbeitsstätte.
Während zur Zeit des Sozialismus’ das Planen von Wohnungen aus der Idee des Kollektivs hervorging und für den durchschnittlichen Bürger konzipiert wurde, würde man heute eine flexible Anpassung an die spezifischen Bedürfnisse der veränderten Gesellschaft erwarten. Außerdem könnte man ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen individuellem und kollektiven Raum vermuten. Die neuen Wohnbauten – öffentlicher sowie privater Bauherren – sind aber in zu großer Dichte geplant, die Außen- und Gemeinschaftsräume verschwunden und die Grundrisse der Wohnungen veraltet und nicht anpassungsfähig. Viele Standorte an den Stadträndern müssen ohne entsprechende soziale Infrastruktur und Verkehrsanbindung auskommen. Bauten, die spezifische Bedürfnisse des Einzelnen berücksichtigen, sind einstweilen nur der reicheren Bevölkerung zugänglich. Diese Wohnungen liegen an prestigeträchtigen Standorten in der Stadtmitte oder nahe dem Zentrum. Aber auch wenn die »maßgeschneiderten Grundrisse« den Bedürfnissen ihrer Bewohner entsprechen, muss dies nicht bedeuten, dass die Gebäude einen Bezug zu ihrer Umgebung herstellen.
Lösungen, die auch den Durchschnittsbürgern ein qualitätsvolles Wohnen bieten, gibt es kaum. Private Bauherren planen rücksichtslos dichte Bebauung, während die öffentliche Hand Wettbewerbe mit zahlreichen Einschränkungen ausschreibt. Wegen der garantierten niedrigen Quadratmeterpreise müssen möglichst viele Wohnungen gebaut werden, das schlägt sich in einer zu großen Dichte, vorbestimmter Wohnungsstrukturen und starren städtebaulichen Bestimmungen nieder.
Die Schlüsselfrage für alle Beteiligten bleibt, wie für das gleiche Geld höhere Qualität und Quantität zu erreichen ist und wie die veränderten Lebensstile und Bedürfnisse der gesamten Bevölkerung – nicht nur einer kleinen, vermögenden Schicht – berücksichtigt werden können, dabei aber ein ausgewogenes Verhältnis zwischen individuell und kollektiv entsteht [6].
Die ausgewählten Projekte zeigen den qualitätvollen Teil des heutigen Wohnungsbaus. Jedes Beispiel illustriert auf seine Art den Zustand und die Probleme der slowenischen Gesellschaft. •
Quellenangaben: [1] http://www.stat.si [2] http://www.stat.si [3] http://jssmol.si [4] http://www.stat.si [5] Mandi`´c, S., »Übersiedlungen und Wohnungsverbesserungen in der Stadt: historische Bestimmungen und Häufigkeit dieser Strategien in Slowenien« Fakultät für Gesellschaftswissenshaften, Ljubljana 2000, S.150 in: Mandi`´c, S., Qualität des Lebens: Zustände und Veränderungen (Kakovost življenja: stanja in spremembe), Fakultät für Gesellshaftswissenschaften, Ljubljana 2000, S. 150. [6] Novak, J., »Begrüßungsrede«, in: Plani`´s`´cek, A., Vodopivec, A. (Red.), Neue Perspektiven des Wohnbaus, Sammelband zum Symposium und zur Ausstellung (Nove perspektive stanovanjske geadnje,Zbornik simpozija in razstave ), Stanovanjski sklad Republike Slovenije, Ljubljana 2004, S. 8.
WIENER ECKE
Der Standort des Gebäudes an der nördlichen Einfallstraße diktierte das Raumprogramm aus Geschäften in den unteren zwei Etagen und Wohnungen darüber. Das Gebäude, das der Straßenecke folgt, schafft durch seine Größe einen neuen Maßstab an der Hauptstraße. Nach vorne entsteht ein öffentlicher Platz, nach hinten ein privater Bewohnergarten. Die Wohnungen haben verschiedene Größen, Organisation und Anordnung folgen der äußeren Erscheinung. Die Wohnungen zur lauten Straße hin sind klein, werden aber optisch durch große Fenster und verglaste Loggien vergrößert, die im rechteckig liegenden Volumen sind um einiges größer, ganz oben sind Maisonette-Wohnungen untergebracht.
Standort: Dunajska cesta (Wienerstraße), Ljubljana Bauherr: Mreža JIT d.o.o. Architekten: A.Biro, Ljubljana Baukosten: 700 Euro/m² Nutzfläche
SOZIALE WOHNSIEDLUNG POLJE
Die Siedlung vereint 78 eher kleine Sozialwohnungen, aufgeteilt auf sechs Blöcke. Der Standort am Stadtrand und ein veralteter, starrer städtebaulicher Plan, bei dem die Architekten keine Möglichkeit hatten einzugreifen, spiegeln die problematische Strategie des Wohnbau-Fonds; die Architekten mussten die im Voraus bestimmten Baufelder überbauen und die Volumina nachzeichnen. Ein Gegengewicht zu den kleinen Wohnungen soll der reich gestaltete Außenraum darstellen – »Sozialer Kitt« zwischen den Blöcken, der Spiel, Sport und Begegnung gewidmet ist.
Standort: Polje, Ljubljana Bauherr: Öffentlicher Fonds der Stadtgemeinde Ljubljana Architekten: bevk perovi´c arhitekti, Ljubljana Baukosten: 750 Euro/m² Nutzfläche
WOHNANLAGE POLJANE
Die Anlage in der Nähe des Stadtzentrums und des Flusses ist eines der größeren Projekte der letzten Jahre, die der Wohnungsfonds in Partnerschaft mit der ausführenden Baufirma finanziert hat. Sie besteht aus vier lang gestreckten Blöcken, deren starre Aufstellung durch die Gliederung ihrer »3D-Fassaden« und die ovalen Gärten im Erdgeschossbereich etwas aufgebrochen wird. Pro Etage liegen die Wohnungen beidseitig gereiht an langen Erschließungsgängen. Die Maisonette-Wohnungen in den obersten Etagen sollen zu Marktbedingungen verkauft werden, alle übrigen sind subventioniert. Das abschließende Stück im Karree wurde kürzlich fertiggestellt. Die Fassadengestaltung ist vom Computerspiel »Tetris« inspiriert.
Standort: Mesarska ulica, Ljubljana Bauherr: Wohnungsfonds der Republik Slowenien, Öffentlicher Fonds/Gradis d.d. Architekten: Ofis arhitekti, Ljubljana Baukosten: 650 Euro/m² Nutzfläche
Stadtvillen
Die Anlage in der Nähe des Stadtzentrums in einer ruhigen Gegend am Fuße der Weinberge bietet eine urbane Variante des Wohnens im eigenen Haus mit Garten. Die Siedlung aus zwei Gebäudereihen und einem Grünraum dazwischen bezieht sich auf die benachbarten Villen. Die niedrigen Wohntürme sind mit offenen Treppenaufgängen, von denen die Wohnungen erschlossen werden, verbunden. Ein durchdachtes Konstruktionskonzept macht die Anpassung der Wohnungsgrößen möglich. Zu jeder Wohnung gehört ein Außenraum – Gärten im Erdgeschoss, in den oberen Stockwerken Loggien beziehungsweise Dachterrassen.
Standort: Serni`´ceva ulica, Maribor Bauherr: Komunaprojekt, d.d., Maribor Architekten (Entwurf): Aleš Vodopivec, Gašper Medvešek, Nena Gabrovec Architekten (Ausführung): Komunaprojekt d.d, Maribor Nutzfläche: 13 515 m² (54 Wohneinheiten)
Studio apartments
Diese fünf Atelierhäuser stehen in einer Villengegend in der Nähe des Stadtzentrums von Ljubljana. Die einzelnen Wohnungen wurden als »Häuser« gedacht, mit kleinen privaten Gärten an der westlichen Seite und einem großen gemeinsamen Garten an der östlichen. Dieser ist eine begrünte Oase, in der sich die Bewohner treffen und die Kinder spielen. Das bringt in die Nachbarschaft individueller Häuser eine neue Form des Kollektiv- gedankens.
Standort: Rožna dolina, Ljubljana Bauherren und Architekten: Gregorc Vrhovec arhitekti, Rok Klanj`´s`´cek Nutzfläche: rund 420 m² Bauzeit: 2004 bis 2005
Wohnungsbau Jur`´Ckova
Die Wohnanlage liegt im südlichen Teil von Ljubljana, wo das Zentrum in den Außenbezirk übergeht und die Umgebung aus Einfamilienhäusern aus den siebziger und achtziger Jahren aber auch neuen Wohnvierteln besteht. Die beiden Gebäuderiegel vermitteln zwischen Zentrum und Stadtrand: Entlang der Straße verläuft der höhere Komplex mit Läden und Büros im Erdgeschoss, der niedrigere Riegel dahinter passt sich höhenmäßig an die Nachbargebäude an. Zwischen beiden befindet sich ein begrünter Hof mit Spielplatz. Die mit etwa 62 Quadratmetern relativ kleinen Wohnungen lassen sich flexibel nutzen. Die großen Fensteröffnungen und »Balkonboxen« erweitern den Wohnraum und prägen das auffällige Erscheinungsbild. •
Standort: Jur`´ckova cesta, Ljubljana Bauherr: Liz-Inženiring d.d., Ljubljana Architekten: Enota d.o.o., Ljubljana (SLO), Dean Lah, Milan Tomac Nutzfläche: 4624 m² Baukosten: 3,8 Mio. Euro