Schulgebäude in Apples (Waadt)

Volumen und Material

Ein gutes Dutzend kleiner Gemeinden am Fuße des Juras hat sich zusammengetan, um ein neues Schulgebäude zu errichten. Am Ortseingang setzt der massige, mit Kupfer bekleidete Bau ein selbstbewusstes Zeichen. Die Gebäudeform nimmt Bezug auf die traditionellen Gehöfte im Kanton Waadt. Edle Hölzer und großzügige Öffnungen zur Landschaft hin erzeugen im Innern ein Ambiente, das für die Schüler als idealer Nährboden für Offenheit und Lebensmut gelten darf.

  • Architekten: Graeme Mann & Patricia Capua Mann Tragwerksplanung: AIC Ingénieurs conseils
  • Kritik: Tilo Richter Fotos: Thomas Jantscher
Vom Schulgebäude aus, das am Ortseingang des Haufendorfs Apples im Waadtländer Mittelland liegt, weitet sich der Blick nach Süden auf die Bergketten der französischen Alpen jenseits des Genfer Sees. Nördlich des Schulhauses befindet sich die Ortschaft selbst, die etwas mehr als 1 000 Einwohner zählt. Bereits seit 1857 gibt es in Apples eine Schule. Der kleine spätklassizistische Bau wird bis heute seinem ursprünglichen Zweck entsprechend genutzt. 1970 und 1983 folgten in geringer Entfernung Erweiterungsbauten, die die Umgebung seither durch ihr großes Bauvolumen unangenehm dominieren. Mit dem jüngsten Neubau erhielt der Schulkomplex »Collège du Léman« nun eine vierte Zeitschicht. Landflucht gibt es in dieser Westschweizer Region kaum, im Gegenteil: Die Bevölkerungsdichte nimmt zu, es entstand neuer Bedarf an Kindergärten und Bildungseinrichtungen. Für den Neubau, in dem Schüler im Alter zwischen 12 und 16 Jahren unterrichtet werden, hat sich Apples mit elf umliegenden Gemeinden zusammengetan.
Graeme Mann und Patricia Capua Mann setzten ihr Projekt als Sieger eines Wettbewerbs um und konnten ihre Erfahrungen mit vergleichbaren Projekten einbringen, die sie zuvor in der Westschweiz realisiert hatten. 2002 entwarfen sie für Villaz-St-Pierre eine erste Sporthalle, fünf Jahre später eine weitere in Borex-Crassier (s. db 3/2009). 2005 entstand die Sekundarschule Les Tuillieries in Gland, der jene in Apples folgte. Parallel realisierten sie in Cheseaux-sur-Lausanne das Schulzentrum Le Marais du Billet. In ihrem architektonischen Charakter bleiben die Bauten höchst individuell, allen eigen sind jedoch rationale Baukubaturen und eine strenge Linienführung, kontrastiert mit lebendiger Lichtregie im Innern. Ein Kontinuum ist die sorgfältige Auswahl der Baumaterialien, die am ehesten in Deutschschweizer Tradition steht. MCMs dezente Farbpalette präsentiert sich in edlen, meist geglätteten Oberflächen, die als spannungsvolles Nebeneinander weniger unterschiedlicher Materialien inszeniert werden. Das Büro richte sein Hauptaugenmerk auf die nachhaltigen ästhetischen und haptischen Qualitäten seiner Bauten, ›
› betont Patricia Capua Mann. Bei der Materialwahl sei mitentscheidend, wie eine Oberfläche altere, sich ihre Patina im Gebrauch entwickle, und nicht, wie sie sich bei Fertigstellung des Gebäudes präsentiere.
Virtuos komponierte Volumen
Bemerkenswert ist zunächst das behutsame Einfügen des großformatigen Neubaus in seine ländliche Umgebung. Genau jene oftmals asymmetrisch angelegten, flachen Satteldächer bemerkt man an den Rändern der umliegenden Dörfer. Dach- und Giebelformen sind von diesen regionalen Vorbildern übernommen und treten mit dem Vorgängerbau der Schule in Dialog. Damit ist die Schule gekonnt ins vorhandene Westschweizer Landschaftsbild integriert.
Über L-förmigem Grundriss erheben sich drei Vollgeschosse. Das nach Süden gerichtete Volumen nimmt die Turnhalle, einen Refektorium genannten Multifunktionsraum, das große Musikzimmer und unter der höchsten Stelle des Satteldachs den Gemeindesaal auf. Dessen eine ganze Wandfläche ausfüllendes Fenster ist auf den Ortskern gerichtet – ein lesbarer Hinweis auf die kommunale Funktion des Raums. Hinter der Westfassade des 1. OGs befindet sich die Hausmeisterwohnung. Im UG, das nur unter einem Teil der Sporthalle ausgeführt ist, liegen Umkleiden und Duschräume. In dem nach Osten hin platzierten Flügel sind die zehn Klassenzimmer, zwei Werkräume, das Lehrerzimmer, ein Medienraum sowie die Bibliothek mit angeschlossenem Lesezimmer versammelt. An der Schnittstelle zwischen den Flügeln liegt das Refektorium mit angeschlossener Küche, das in seiner Nutzung nicht so eindeutig festgelegt ist. Markantester Zug dieses durch die dreiseitige Verglasung transluziden Raums ist seine auf der Hälfte der Fläche über drei Geschosse reichende Höhe. Beim Eintreten öffnet sich der Raum spektakulär bis hinauf zum Lichtkegel des Dachfensters, das die Raumhöhe quasi ins Unendliche fortsetzt. Die Holzvertäfelung reflektiert warmes Tageslicht in den ganzen Raum.
Beheizt wird die Schule durch die im Vorgängerbau vorhandene Holzheizung, der Neubau entspricht dem Minergie-Standard. Die im Winkel der Gebäudeteile liegende Freifläche ist asphaltiert – eine preiswerte Lösung, die den Wunsch der Architekten nach Waschbeton, einem sinnlicheren Material, das mit den Böden im Innern korrespondiert hätte, ignoriert, sich im Gebrauch aber (z. B. für Dorffeste) zumindest als funktional erweist. Auf dieser Asphaltfläche liegt eine nierenförmige Wiese, umschlossen von einer schlichten Betonsitzbank. Daneben ist eine überdachte Haltestelle für den Schulbus platziert, die die Architekten auf Wunsch der Bauherrschaft dem ursprünglichen Projekt hinzugefügt haben.
Edle Materialien, sensibel kombiniert
Auffälligste Elemente des Neubaus sind die gewählten Oberflächenmaterialien im Innern und an den Fassaden. Hochrechteckige Kupferschindeln bilden zusammen mit den verglasten Flächen die Außenhaut des Stahlbetonbaus und prägen seine Erscheinung ebenso wie die markanten Baukubaturen. Sämtliche Schauseiten – auch die Untersichten von Vorsprüngen des Baukörpers und die Einfassungen der Fenster – sowie die weit gespannten Dachflächen sind auf diese Weise bekleidet. Inzwischen, drei Jahre nach Fertigstellung des Gebäudes, sind diese metallenen Oberflächen oxidiert; der einst feurig schimmernde Kupferton ist einem tiefmatten Braun gewichen. Das opulente Spiel gleißender Reflexe ist damit zwar verloren, dennoch fangen die Kupferplatten je nach Blickwinkel und Jahreszeit das Licht ein und halten die Außenwände lebendig.
Das Kupfer an den Fassaden überrascht, ebenso die Noblesse der Oberflächen im Innern. Die höchst disziplinierte, beinahe asketische Gestaltung der Räume wird durch die hochwertigen Materialien perfekt ergänzt. ›
› Alle »öffentlichen« Räume wie die Flure und die zwei Haupttreppenhäuser haben einen lichten Terrazzoboden aus weißem Zement mit zartfarbigen Einschlüssen von Jurakies erhalten. In den Klassenräumen und in der Turnhalle kam sandfarbener Naturkautschuk zum Einsatz. Wände und Decken präsentieren sich in geschliffenem Sichtbeton. Während die Handläufe wahlweise aus Edelstahl oder Massivholz bestehen, sind die geschlossenen Treppengeländer, alle Türblätter, Sitzflächen und feste Einbauten wie Wandschränke und Regale in MDF-Platten ausgeführt, furniert mit hellgelber Esche.
Die Verwendung von Furnier hat feuerpolizeiliche Gründe – bedauerlich, denn die furnierten Elemente verschleißen deutlich schneller als die sonst konsequent eingesetzten »echten« Materialien.
Gekonnt geführtes Licht
Im Innern des Gebäudes wird das Licht besonders sorgfältig geführt. Große Teile des EGs erhalten durch die Verglasung in Raumhöhe reichlich natürliches Licht. In beide Treppenhäuser fällt durch Dachfenster Tageslicht ein, das die Sichtbetonwände mild reflektieren. Ein zum Genfer See zeigendes, vertikal ausgerichtetes Großfenster öffnet nicht nur den Blick in die malerische, beinahe unwirklich erscheinende Landschaft, sondern lässt bei Sonnenschein zugleich eine Flut von Südlicht in die zwei OGs ein. An der gegenüberliegenden Fassade findet sich eine zweite solche Öffnung. ›
› Die großzügige Anlage des Raumprogramms ist zwar reiner Luxus, allerdings korrespondiert dieser »verschwenderische« Umgang mit den Volumen hervorragend mit dem selbstbewussten Einsatz edler Materialien. Dass beispielsweise teure Terrazzoböden zum Einsatz kamen, liegt an den langfristig niedrigen Kosten dieses Materials, das mehrere Jahrzehnte nahezu verschleißfrei benutzt werden kann und so auf lange Sicht günstiger ist als andere Böden. Vergleichbar großzügig war man auch beim Anlegen der Raumstrukturen. Mit zusätzlichen Begegnungs- und Aufenthaltsräumen eröffnen die Architekten dem Leben an der Schule neue Schauplätze, die von den Schülern, dem Lehrpersonal sowie auch der Gemeinde Apples angenommen werden.
Beides – die Entscheidung für langlebige Oberflächen und das virtuose Spiel von Raum und Licht – erinnert eher an individuell gestaltete Wohngebäude als an einen Schulneubau, der vordergründig funktionalen Ansprüchen gerecht zu werden hat. In dieser irritierenden und positiv überraschenden Kombination entfaltet sich besonderer Reiz: Die Architektur entspricht eben gerade nicht unseren Erwartungen an Masse und Material und unseren in vergleichbaren Kontexten geschulten Sehgewohnheiten. Sie hat ein übergeordnetes Thema, nämlich sich als Artefakt in einer Landschaft zu inszenieren, die mit Farben und Spannungen aufgeladen ist. Die Kontraste der Berg- und Wasserwelt der Schweiz sind von Apples aus besonders gut nachzuvollziehen, die schroffen Bergmassive scheinen zum Greifen nah, davor glitzert der Genfer See. Das Gebäude macht den Gegensatz von Natur und Kultur auf sprechende Weise spürbar. •
  • Standort: Route de Cottens 17, CH-1143 Apples Bauherr: Gemeinde Apples, ASIABE (Association scolaire intercommunale d’Apples-Bière et environs) Architekten: Graeme Mann & Patricia Capua Mann, architectes, Lausanne Mitarbeiter: Dominik Riser (Projektleitung), Sara Gerber, Jean Michael Taillebois Projekmanagement, Bauleitung: Tekhne, Lausanne Tragwerksplanung: AIC Ingénieurs conseils, Lausanne HLS-Planung: Chammartin & Spicher, Lausanne Fassadenplanung: Arteco, Chexbres Akustikplanung: Eco-acoustique. Lausanne Lichtplanung: Aebischer et Bovigny, Lausanne Elektroplanung: Perrin & Spaeth, Lausanne BGF: 9 160 m² BRI: 27 500 m³ Baukosten: 17,5 Mio. CHF (rund 14,5 Mio. Euro) Bauzeit: Oktober 2007 bis Juli 2009
  • Beteiligte Firmen: Rohbau: ADV Constructions, Penthaz, www.advsa.com Zimmerarbeiten: Remund Holzbau, Schwarzenburg, www.advsa.com Fassadenbleche: Marmillod, Lausanne, www.advsa.com Verglasung: Brandt, Bulle, www.advsa.com Trockenbau: A. Buache et fils, Corcelles-près-Payerne Schreinerarbeiten: Gabella, Lausanne, www.advsa.com Türen: Gebhardt Menuiserie & ébénisterie, Romanel-sur-Lausanne Einbauschränke: Röthlisberger, Schüpbach, www.advsa.com Sportboden: Floortec, Arnex sur Orbe, www.advsa.com Sportgeräte: Alder+Eisenhut, Ebnat-Kappel, www.advsa.com

  • Apples (S. 42)

    Graeme Mann & Patricia Capua Mann
    Graeme Mann
    Architekturstudium an der EPFL Lausanne, 1987 Diplom bei Luigi Snozzi und Aurelio Galfetti. Mitarbeit bei Vincent Mangeat, Nyon (Waadt). Seit 1990 gemeinsames Architekturbüro mit Patricia Capua Mann. 2006-07 Gastprofessur an der EPFL.
    Patricia Capua Mann
    Architekturstudium an der EPFL Lausanne, 1987 Diplom bei Luigi Snozzi und Aurelio Galfetti. Mitarbeit bei Vincent Mangeat, Nyon. Seit 1989 Lehrtätigkeit an der EPFL und der ETL. Seit 1990 gemeinsames Architekturbüro mit Graeme Mann. 2000 Gründung des Forum d’Architectures Lausanne. 2006-07 Gastprofessur an der EPFL.
    Tilo Richter
    1968 in Karl-Marx-Stadt geboren. 1991-98 Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und Afrikawissenschaften in Leipzig und Basel. 2004-08 Promotion an der ETH Zürich, Departement Architektur. 2008- 09 Assistenz am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der ETH Zürich. Seit 1995 freiberufliche Tätigkeit als Fachjournalist und Herausgeber. Seit 2011 im Stiftungsrat der Stiftung Architektur Dialoge Basel.