... in die Jahre gekommen

Voliere im Tierpark Hellabrunn in München

Spielerisch leicht umhüllt ein feinmaschiges Edelstahlgewebe im Tierpark Hellabrunn eine Fläche von 5 000 m2 und beherbergt so je nach Sommer- und Winterbesatzung eine unterschiedliche Anzahl und diverse Arten von Vögeln, Enten oder Schwarzstörchen. Noch heute zeigt das Gehege, in dem Landschaft und gebauter Raum ineinander verschmelzen, keinerlei Mängel.

  • Architekten: Jörg Gribl mit Frei Otto Tragwerksplanung: Buro Happold’s Bath
  • Text: Christoph Randl Fotografen: Jörg Gribl, Atelier Frei Otto, Christoph Randl
1976 erhielt der Münchner Architekt Jörg Gribl den Auftrag, eine Voliere für Großvögel zu bauen. Wunsch der Auftraggeber war ein Vogelhaus, das dem Nachdenken der Zoologie über artgerechte Tierhaltung Rechnung trug. Für den Architekten, der als Kind viel Zeit im Tierpark verbracht und die Tiere studiert hatte, wurde diese Aufgabe zur Herzensangelegenheit.
Das damals noch recht neue und aufregende Dach des Münchner Olympia- stadions inspirierte Gribl zu der Idee, die Voliere mit einem Netzwerk zu bauen. Er wandte sich an den Stuttgarter Ingenieur Frei Otto, Gründer des Instituts für leichte Flächentragwerke an der TH Stuttgart und einer der Väter des Olympiadaches, der die Beratung des Bauwerks übernahm. In den englischen Ingenieuren Ed Happold und Michael Dickson fand der Architekt kongeniale Statiker, die seine Vorstellungen mit einem damals völlig neuen Computerprogramm für Netzwerkberechnung umsetzten. »Dynamic Relaxation« heißt die mathematische Methode, die diesem Programm zugrunde liegt. Sie ermöglicht es, das Gleichgewicht der Kräfte in netzartigen Strukturen zu berechnen.
Die Dachkonstruktion wurde mit einem Gitter aus gewellten Edelstahlstäben geplant, die eben ausgelegt ein Raster von 5 x 5 cm bilden. In sich sind diese Stäbe nur verwebt, aber nicht weiter fixiert. Dies ermöglicht eine dreidimen-sionale Verformbarkeit, die die quadratischen Rasterfelder in Rauten mit einer Diagonale von bis zu 8 cm verschieben kann, und gestattet die Konstruktion einer vogelfluggerechten, organisch geformten Haut. Spitze Winkel und Ecken konnten fast vollständig vermieden werden. Vor Ort wurden 2,50 m breite und 40 m lange Bahnen ausgelegt und punktweise zu einer Fläche von fast 6 500 m2 zusammengeschweißt. So entstand ein homogenes Netz; heute noch gelingt es dem Auge kaum, einzelne Schweißpunkte zu finden.
Dieses Netz wurde an zehn, an den Fußpunkten eingeschränkt beweglichen Druckstützen mit Seilen bis zu 22 m hochgezogen. Die am Netz mit Stahlklemmplatten befestigten Seile werden im Innern der Stützen bis kurz über den Boden geführt und können so zum Nachspannen der Konstruktion verwendet werden. Das ausschließlich Zugkräfte aufnehmende und diese in alle Stäbe verteilende Netz ist am Rand rundum in Betonfundamenten verankert; über diesen wurde ein Wall angeschüttet, der eine landschaftliche Barriere innerhalb des Zoos bildet. Die exakte Spannungseinstellung des Netzes erfolgte bei der Errichtung empirisch vor Ort, neben dem Einsatz von Messgeräten diente an manchen Stellen auch die Spannungsprüfung durch die Hand der Erbauer als zusätzliche Entscheidungsgrundlage.
Jörg Gribl, der in der Folge sowohl für den Münchner Tierpark als auch für andere Zoos weitere Anlagen plante, ist nicht nur Hochbauer, sondern auch Landschaftsarchitekt. Er verknüpfte die Konstruktion schon im Entwurf mit einem Stauden- und Baumbepflanzungskonzept, das eine sehr differenzierte, naturnahe Landschaft ergibt. Die Trennung von tierischen Bewohnern und menschlichen Besuchern kann so ausschließlich mit botanischen Mitteln ›
› hergestellt werden, Brüstungen und Absperrungen waren nicht erforderlich. Der durch die Voliere fließende Auer Mühlbach ergänzt das Landschaftsbild mit großer Selbstverständlichkeit. Quasi als Rückgrat der Anlage dient das zurückgenommene Winterhaus aus Sichtbeton im Westen, dessen Grundriss das Bild eines Vogels im Flug impliziert. Es dient auch zum Einfangen der Vögel mittels Futteranlockung – ein Problem, das in Großvolieren zumindest bei Vögeln mit nicht gestutzten Flügeln nicht ganz einfach zu lösen ist. Unter dem Netz tummeln sich Großvögel wie Schwarzstörche, Rote Sichler und Seidenreiher, aber auch viele, oft exotische Entenarten sind hier beheimatet. Die Voliere wurde 1980 in Betrieb genommen, 1981 erhielt sie den Bayerischen BDA-Preis.
Selten ist minimal so funktional
Betritt man heute die Anlage durch eine der beiden Schiebetüren, die in eine organisch geformte Sichtbetonkonstruktion eingelassen sind, fällt einem sofort der sonore Klang der sich selbsttätig hinter einem schließenden Türen auf. Durch eine kaum wahrnehmbare Neigung fallen diese Türen ohne weitere Hilfsmittel zu. Der deutliche, aber keinesfalls störende Ton beim Aufeinandertreffen der beiden Flügel verhindert die Annäherung von Vögeln und damit deren Flucht. Mit dieser Lowtech-Lösung entfiel eine aufwendige Schleusenkonstruktion. Der Mechanismus funktioniert heute noch wie am ersten Tag.
Nirgendwo in der Voliere sind nennenswerte Abnutzungen feststellbar. Die Materialien altern wenig – und wenn, dann zu ihrem Vorteil. Dies ist umso erstaunlicher, als man ursprünglich lediglich von einer 20-jährigen Nutzungszeit ausgegangen ist. Das Alter des Bauwerks könnte ohne Vorwissen allenfalls über die konzeptionelle Ähnlichkeit mit den Olympiabauten bestimmt werden, der Erhaltungszustand liefert hierzu keine Ansatzpunkte, das Bauwerk selbst gibt sich zeitlos. Nichts Überflüssiges findet sich an ihm. Selten war minimal so funktional wie hier; ging es doch darum, Vögeln ab der Größe einer Turteltaube einen Lebensraum zu bieten, der sie so nahe wie möglich an das entgrenzte Dasein in der freien Natur führte. Die Störche lassen im Flug die Schwingen schleifen, fliegen wie geplant die Konturen der Konstruktion aus und bestätigen so zu ihrer eigenen Freude die Überlegungen der Planer. Sorge bereitete nur, als einmal 20 cm Schnee auf dem Netz liegen blieben. Aufgrund des relativ großen Netzrasters kann man jedoch davon ausgehen, dass ein derart extremer Lastfall höchstens 24 Stunden anfällt; das hält die Konstruktion aus. Das einzige wirkliche Problem stellen Marder dar, die bei einer diagonalen Maschenweite von 8 cm in der Lage sind, sich durch die Konstruktion zu zwängen. Ungewollt stellen sie für die Vögel damit eine Naturnähe her, auf die diese sicher gerne verzichten würden.
Noch immer beispielhaft
Laut der Generalkuratorin des Tierparks Beatrix Köhler ist die Münchner Voliere heute international noch immer »State of the Art« für die Beherbergung von Großvögeln. In Genf gibt es eine neue Großvoliere, deren geschwungene, vertikale Netzwände den Qualitäten der Münchner nahe kommen; das als flache Scheibe ausgebildete Dach scheint jedoch wenig vogelfreundlich. 2009 wurden in Barcelona Vogelkäfige gebaut, die mehr an die Zwinger arabischer Märkte im 19. Jahrhundert erinnern als an zeitgemäße Tierhaltung. Bei den unregelmäßigen Umfragen des Tierparks Hellabrunn liegt die Voliere in der Gunst der Besucher immer weit vorne.
Von Adolf Loos stammt die Geschichte von dem Bauherrn, der ihm 30 Jahre nach Fertigstellung eines Auftrags ein zweites Mal das Honorar zukommen ließ. Auf die Frage, was ihn dazu veranlasse, antwortete er, dass alle seine Freunde, die ihre Häuser etwa zur gleichen Zeit bezogen hatten wie er, schon wieder bauen müssten, da ihre Behausungen völlig unmodern geworden seien. Er hingegen könne sich diesen Prozess ersparen, sein Haus sei brauchbar und schön wie am ersten Tag. Der Münchner Tierpark kann trotz Erreichen dieser 30 Jahre sicher nicht so handeln, in der Logik des Loos’schen Bauherrn wäre es in diesem Fall allerdings nur konsequent, diesem Vorbild zu folgen. •

… in die Jahre gekommen (S. 50)
Christoph Randl
1955 in München geboren. Architekturstudium in Innsbruck und Berlin. Architekt und Autor in München.