Neues Rathaus in Kufstein (A)

Vielfältiges Ganzes

Aus drei Häusern im Stadtzentrum Kufsteins machten die Architekten eins. Durch beherzte Eingriffe und den Einsatz weniger, aber ausgesuchter Materialien entstand mit großer Selbstverständlichkeit ein zeitgemäßes, offenes Rathaus, das die Bedürfnisse von Verwaltung und Bürgerschaft gleichermaßen ernstnimmt.

  • Architekten: Arge Rainer Köberl, Thomas Giner + Erich Wucherer
    Tragwerksplanung: Dibral, Prostatik
  • Kritik: Dagmar Ruhnau
    Fotos: Lukas Schaller
Kufstein erneuert sich: Im Stadtzentrum wachsen die Fachhochschule und die Musikschule, neue Geschosswohnungsbauten und ein Einkaufszentrum wurden gebaut, und die Stadt öffnet sich mit einem neuen Platz zum Inn. Auch der zentrale Untere Stadtplatz ist seit Kurzem in einen gepflasterten »shared space« verwandelt, mit zahlreichen Restaurants und Möglichkeiten, draußen zu sitzen. Am oberen Ende des Platzes am Fuß des Festungsbergs steht seit Jahrhunderten das Rathaus, das nun von der Arge Rainer Köberl mit Giner + Wucherer intelligent erweitert und modernisiert wurde. Durch den Zukauf der Nachbarbauten Bildsteinhaus und Paramentenstöckl konnte der Hauptzugang von seiner eher introvertierten Lage zum Unteren Stadtplatz weg und hin zur Hauptstraße Oberer Stadtplatz verlegt werden. Diese Veränderung war ein Hauptziel des Wettbewerbs, den die stadteigene Immobiliengesellschaft 2008 ausschrieb: Das bisherige Rathaus sollte mit den Nachbarbauten »zu einer architektonisch wertvollen Einheit verschmelzen«, um als multifunktionales und kundenfreundliches Rathaus mit Bürgerservice, Repräsentationsräumlichkeiten und Geschäftsflächen zu funktionieren. Der von der Architektengemeinschaft eingereichte Entwurf fand sofort die Zustimmung der Jury unter dem Vorsitz von Walter Angonese, und selbst die wenigen Elemente, mit denen sich die Bauherrin zunächst nicht anfreunden konnte – etwa die Verlegung des Bürgersaals aus der angestammten spätgotischen Gewölbehalle im EG aufs Dach –, haben mittlerweile überzeugt.
Mehr Präsenz
Dieser Saal wird nach außen deutlich durch die »Krone« aus gefalteten weißen Sonnenschutzelementen und stellt gemeinsam mit dem neuen Portal in der Längsfassade des Bildsteinhauses eine der wesentlichen Veränderungen dar. Bislang war die Fassade – in der sich die ehemalige Stadtmauer fortsetzt – im EG geschlossen und mit einem banalen eingeschossigen Vorbau verunziert. Durch Abriss dieses Vorbaus entstand (wieder) ein Platz mit angenehmen Proportionen, für den die Fassade einen klaren Abschluss bildet. Gleichzeitig wuchs das Gebäude durch die »Krone«, die ein eher flaches Grabendach ersetzt, in die Höhe, sodass es sich nun zwischen den umgebenden, vier- bis fünfgeschossigen Häusern und der Festung im Hintergrund besser behauptet. In die geschlossene Straßenfassade setzten die Architekten das neue Portal, hinter dem direkt der Bürgerservice angeordnet ist, ein kurzerhand in den Berg gegrabener Raum mit einem langen Tresen als erste und zentrale Anlaufstelle. Das Portal wirkt, als sei es seit jeher hier gewesen und bildet den Auftakt für die geradlinige Erschließung quer durch das ganze Ensemble.
Licht im Herzen des Bergs
Die Erschließung ist das wesentliche Element für die innere Neuordnung des Rathauses. Horizontal führt sie vom Portal in die »Herzzone« des Ensembles, in der der Aufstieg nach oben beginnt, über die jetzt als Trauzimmer genutzte Gewölbehalle ins alte Rathaus hinein und hindurch, bis zum alten Zugang vom Unteren Stadtplatz. Die vertikale Erschließung mit Treppenhaus und Aufzug wurde zwischen die drei Häuser und in den hinteren Teil des Bildsteinhauses gesetzt und ist durch die Ausführung in Sichtbeton klar als neu erkennbar. Zwischen den Fassaden von altem Rathaus und Paramentenstöckl sitzt das neue Treppenhaus und öffnet sich mit einer Glasfassade zum Pfarrplatz, sodass von hier viel Licht in die Tiefe des Hauses fallen kann. Noch mehr Licht kommt durch das nun geöffnete Dach des Bildsteinhauses. Zentral werden von hier sowohl das alte Rathaus mit seinen eher zurückgezogenen Verwaltungsräumen und dem Stadtratssaal erreicht als auch der öffentliche Bürgersaal auf dem Dach des Bildsteinhauses, außerdem eine externe Kanzlei, die sich im 1. und 2. OG des Bildsteinhauses zwischen den Empfang und den Bürgersaal schiebt. Um der Erschließung ihre helle und großzügige Wirkung zu geben, waren diverse Gespräche mit dem Brandschutzbeauftragten notwendig. Statt das Treppenhaus komplett abzuschließen, bildet es nun mitsamt dem Eingangsbereich einen Brandabschnitt. Der Bürgerservice bekam wie die Fenster aus der Kanzlei ins Treppenhaus einen Brandschutzvorhang, die Brandschutztüren zum alten Rathaus wurden in die Flure hineinversetzt und die Verglasungen an der Tür zum Trauzimmer und am Aufzug bestehen aus Brandschutzglas. Der Aufzug führt über das 3. OG hinaus an der »inneren« Fassade des alten Rathauses in dessen beide Dachgeschosse, von der Straße unsichtbar hinter der »Krone«. Seine Lage ist zwingend, doch im EG schwer zu finden, und so müssen Besucher durch ein nachträglich aufgestelltes Schild und Zurufe geführt werden; das konterkariert etwas das elegante, gegenüber dem Empfang in die Wand eingelassene elektronische Panel.
Verbindende Elemente: Gesten, Materialien und Farben
Allerdings ist das ein nur kleines Manko angesichts des fast schon goldschmiedhaften Umgangs, mit dem die Architekten den Umbau durchführten. Z. T. entwickelten sie die Details auf der Baustelle, weil etwa die Wände und Decken des Bildsteinhauses und des Paramentenstöckls in unnachvollziehbarer Weise aufeinandertreffen und ihre Substanz außerdem schlecht war, oder sie stellten sich Diskussionen über verglaste Bürotüren, eine unerhörte Neuerung, kann doch nun die Bürgerin den Beamten beim Arbeiten beobachten. Trotz der vielen einzelnen Eingriffe wirkt das neue Rathaus bemerkenswert einheitlich, was sich der konsequenten Behandlung beispielsweise von neuen Öffnungen verdankt – klar und geradlinig aus dem Bestand herausgeschnitten – und dem durchgängigen Materialeinsatz. So bestehen sämtliche neuen konstruktiven Teile aus Sichtbeton, die Böden in den Erschließungszonen aus weißem bzw. betongrauem Gussterrazzo und die in den Büros inklusive Kanzlei aus Kupfereiche, eine Holzart aus dem niederösterreichischen Waldviertel, die ihre rötliche Färbung einem (unschädlichen) Pilz verdankt. Aus diesem Holz sind auch die Handläufe im Treppenhaus sowie die Brandschutztüren und die Flurwände zum alten Rathaus hinüber gefertigt. Die Farbe Weiß verbindet sämtliche Bereiche – vom Portal über die Wände und Bürotüren bis zum Sonnenschutz der »Krone«. Klar dagegen abgesetzt ist die ehemalige Außenwand des alten Rathauses: mit Rauputz, dessen Ockerton die Farbe der Fassade draußen fortführt. Diese Entscheidung irritiert angesichts der fein austarierten sonstigen Gestaltung. Um etwa passende Leuchten für die Verkehrsbereiche des alten Rathauses zu finden, nahmen die Architekten einige Mühen auf sich. Nun hängt hier ein Sondermodell, das in seinem von den 50er Jahren angehauchten Ausdruck gut zu den verschiedenen Zeitschichten des Baus passt: zum Bewusstsein, sich in einem Gebäude des 15. Jahrhunderts zu befinden, zu den barocken Treppen und zu den dezenten modernen Einbauten wie den verglasten Bürotüren oder den abstrakten Bildern, die der Maler Arthur Salner eigens für diesen Bau anfertigte.
Zwei Teile des Ganzen: Verwaltung und Bürger
Eine weitere Zeitebene eröffnet der Stadtratssaal im 3. OG des alten Rathauses. Er wurde in den 20er Jahren mit einer repräsentativen Kassettendecke aus Holz ausgestattet und war seit einem Umbau in den 60er Jahren fast vergessen. Im Zuge der jetzigen Sanierung wurden die damals eingebauten drei Zellenbüros wieder aufgelöst und eine abgehängte Decke auf Höhe der Fensterkämpfer entfernt. Damit erstand der würdevolle Raum wieder, an einer Stirnseite etwas eingekürzt und dadurch intimer – was die einheitliche Gestaltung in Kupfereiche unterstreicht. Das Büro des Bürgermeisters befindet sich unmittelbar nebenan. Gegenüber, im Bildsteinhaus, bildet der Bürgersaal das Gegenstück. Hier tagt der Gemeinderat, doch er dient auch für andere Veranstaltungen. Die Gestaltung ist deutlich moderner: mit Sichtbetonflächen und (preisgünstigen) Pappelsperrholzplatten an der Wand, geradlinigen schwarzen Tischen und Stühlen sowie quadratischen Aluminium-Downlights, die bereits im Vorbereich des Bürgersaals einen diskreten Auftakt bilden. Die zwei offenen Seiten des Saals sind mit raumhohen Elementen verglast, die sich komplett öffnen lassen. Richtung Stadt schützen die faltbaren Sonnenschutzelemente der »Krone« vor Aufheizung, bei zusammengefalteten Läden verleiht die Aussicht in die Berge dem Raum große Luftigkeit. Durch das hohe Gesims, das aus Denkmalschutzgründen zusammen mit dem Giebel erhalten bleiben musste, ist die Atmosphäre hier sehr konzentriert, auch auf der Dachterrasse, die die Architekten zwischen den Saal und die Brandmauer des Paramentenstöckls setzten.
Mehr als Zufall
Dass dieses Rathaus so gelungen ist, so das Resümee des Architekten Erich Wucherer, verdankt sich mehreren »Zufällen«. Dazu gehören die Mitglieder der Jury, der gute Kontakt zum Bundesdenkmalamt und zum Stadtamtsdirektor, und dass aus der Politik nur der Bürgermeister an der wöchentlich tagenden Projektsteuerungsgruppe beteiligt war. Wesentliches Element jedoch war letzlich, dass die Architekten auch mit der Generalplanung und der Bauleitung beauftragt wurden und es somit in der Hand hatten, ihren Entwurf in dieser Konsequenz und Qualität zu realisieren. •
  • Standort: Oberer Stadtplatz 17, A-6330 Kufstein Bauherr: Kufsteiner Immobilien GmbH & Co. KG Wettbewerb: Herbst 2008 Architekten: Arge Rainer Köberl, Thomas Giner + Erich Wucherer, Innsbruck Mitarbeiter: Robin Peer, Julia Oberhofer, Richard Weiskopf Tragwerksplanung: Dibral, Natters; Prostatik, Kufstein Bauleitung: BMJ Baumanagement Martin Juffinger, Thiersee HKSL-Planung: Tivoliplan, Innsbruck Lichtplanung: Conceptlicht, Mils Archäologie: Dr. Alexander Zanesco, Hall in Tirol Nutzfläche: ca. 2 200 m² Bauzeit: September 2009 bis Februar 2011 Baukosten: 4,5 Mio. Euro Auszeichnungen: auszeichnung des landes tirol für neues bauen 2012, ZV Bauherrenpreis 2012
  • Beteiligte Firmen: Sichtbetonarbeiten: Rieder Bau, Schwoich, www.riederbau.at Spezialtiefbau: Keller Grundbau, Innsbruck, www.riederbau.at Zimmerer: Johann Huter & Söhne, Innsbruck, www.riederbau.at Fenstersanierung/Bautischler: Bau- und Möbeltischlerei Friedrich Wieser, Strassen, www.riederbau.at Fenster neu: Tischlerei Greiderer, Kufstein, www.riederbau.at Aufzug: Schmitt + Sohn, Innsbruck, www.riederbau.at Putzrestaurierung/Fassade: Franz Niederhauser, Thaur Glasbau: Glas Keil, Villach, www.riederbau.at Holzfußböden: Würtl Bodenverlegung/Tischlerei, St. Ulrich am Pillersee, www.riederbau.at Terrazzo: Fußbodenbau Ing. Maikl, Salzburg, www.riederbau.at Holz-Restaurierung: Gombocz Kunst- und Möbeltischlerei, Hall in Tirol, www.riederbau.at Brandschutzvorhänge: Simon RWA Systeme, Passau, www.riederbau.at Leuchten: Leitner Electro, Bruneck, www.riederbau.at; Birke Leuchten, Pegau, www.riederbau.at Sondermöbel: Werkstatt Höckner, Innsbruck, www.riederbau.at
Das geruhsame Treiben der Kufsteiner auf dem neu entstandenen Platz vor dem Rathaus beeindruckte Dagmar Ruhnau – ebenso die Selbstverständlichkeit, mit der Räume und Details im Gebäude gefügt sind. Zum Abschluss des Besuchs gab es einen Cappuccino mit Architekt Erich Wucherer auf der sonnigen Terrasse des MPreis, den das Büro im übernächsten Ort realisiert hat.

Dagmar Ruhnau (dr)
1968 in Stuttgart geboren. Studium der Kunst, Anglistik, Architektur. 2001 Diplom. Berufstätigkeit in Büro, Redaktion und PR-Agentur. Seit 2006 bei der db.

Rainer Köberl
1956 in Innsbruck (A) geboren. 1976-84 Studium in Innsbruck und Haifa (IL). 1986-99 Assistenz und Lehrtätigkeit an der TU Innsbruck. 1998 Gründung der Akademie für Design in Bozen (I), bis 2002 dort Dozent.
Giner + Wucherer
Thomas Giner
1961 in Innsbruck geboren. 1979-86 Studium an der TU Innsbruck. 1987-92 Mitarbeit im Architekturbüro. Seit 1988 Zusammenarbeit mit Erich Wucherer.
Erich Wucherer
1958 in Zams (A) geboren. 1979-87 Studium an der TU Innsbruck. 1987-92 Mitarbeit im Architekturbüro. Seit 1988 Zusammenarbeit mit Thomas Giner.