Grand Theater in Qingdao (CN)

Umwölkte Felsen

Ikonische Kulturbauten sind gemeinhin nicht unbedingt das, was man vom Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner erwartet. Dass das Büro auch diese Spielart der Architektur beherrscht, beweist das Ende 2010 fertiggestellte Grand Theater in der ostchinesischen Millionenstadt Qingdao. Beispielhaft gelang es hier, eine vom genius loci inspirierte Metaphorik in eine markante architektonische Form zu bringen.

  • Architekten: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner Tragwerksplanung: ECADI
  • Kritik: Ulrike Kunkel Fotos: Christian Gahl
Die Umgebung der Stadt Qingdao gehört zu den bekanntesten Landschaften Chinas. Die schnell wachsende Metropole am Gelben Meer, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein deutscher Kolonial-Handelsstützpunkt und Hauptstadt des »Deutschen Schutzgebiets Kiautschou« war, ist ein beliebtes Seebad und der nahe gelegene Berg Laoshan gehört zu den heiligen Bergen Chinas. Seinen mystisch-geheimnisvollen Charakter verdankt er wesentlich einer klimatischen Besonderheit: Wegen der Nähe zum Meer nämlich sind seine Gipfel oft in Wolken gehüllt und genau so ist der Berg durch zahlreiche Abbildungen ins kollektive Gedächtnis des Land eingegangen.
Von dieser auf den Ort bezogenen landschaftlichen Charakteristik ließen sich gmp beim Entwurf des als Grand Theater bezeichneten Gebäudekomplexes leiten. Aus dem Bild umwölkter bzw. von Wolken durchzogener Berggipfel generierten sie eine metaphorisch aufgeladene und zugleich funktional überzeugende architektonische Form, die Identifikationspotenzial bietet und einen hohen Wiedererkennungswert besitzt.
Das aus einem internationalen, 2004 durchgeführten Wettbewerb hervorgegangene Grand Theater von Qingdao umfasst ein Opernhaus, einen ›
› Konzert- sowie einen Multifunktionssaal, außerdem ein Medienzentrum und ein Hotel mit Restaurant. Um das umfangreiche Programm zu bewältigen, entschlossen sich die Architekten, den Komplex in vier Baukörper mit jeweils rautenförmigem Grundriss zu gliedern. Zwei annähernd gleich große Volumen nehmen die Oper respektive den Konzert- und Multifunktionssaal auf. Zwei deutlich kleinere Körper beherbergen das Medienzentrum und das Hotel. Zusammengehalten wird der Komplex auf struktureller Ebene durch einen gemeinsamen Sockelbereich sowie durch eine zwischen den Volumen aufgespannte und über sie hinausragende Dachzone. Auf der gestalterischen Ebene dient diesem Zweck ein aus der Region stammender hellgrauer Granitstein, der hier als Fassadenbekleidung und als Bodenbelag im Außenraum sowie in den Foyers Verwendung findet.
Inszenierung des landschaftlichen
Als Solitär inmitten eines neu geschaffenen Grünzugs gelegen, der sich vom Ufer des Gelben Meers bis zum Fuß des Laoshan erstreckt, thematisiert der Entwurf für das Grand Theater die landschaftlichen Reize der Stadt, die sich aus dem Gegensatz von Meer und Berg ergeben. Dies gelingt v. a. durch die Anlage des 4,5 m hohen Gebäudesockel auf dem gleichsam wie auf einem Hochplateau die einzelnen Baukörper platziert sind. Zwischen den Volumen ergibt sich so ein über breite Freitreppen erschlossener, überaus großzügig dimensionierter »Terrassenraum«. Von dieser als Plaza bezeichneten Plattform aus, die als allgemein zugänglicher öffentlicher Platz konzipiert ist, bietet sich ein architektonisch gerahmter und inszenierter Blick auf die Naturphänomene der Umgebung. Nach Süden hin rückt das Gelbe Meer in den Fokus des Betrachters, nach Norden das Massiv des Laoshan. Der Sockel leistet aber noch weit mehr: Zum einen nimmt er sekundäre Funktionen wie Anlieferung, Umkleiden und Proberäume auf, zum anderen ermöglicht er eine ganz selbstverständlich wirkende Trennung des Publikums- und des internen Verkehrs.
Das markanteste Merkmal des Grand Theater ist freilich sein Dach. Wie eine riesige Pergola überspannt es, stützenfrei und bisweilen enorm weit auskragend, den gesamten Komplex. Abgeleitet vom Bild einer zwischen den Berggipfeln dahinziehenden Wolke, die in eine architektonische Form transferiert wurde, scheint es tatsächlich zwischen den Baukörpern des Komplexes zu schweben. Die rippenartig gegliederte Struktur des nach dem Prinzip eines Flächentragwerks konstruierten Fächerdachs – im Kern ein mit Naturstein ummantelter Stahl-Leichtbau – verschleiert dabei erfolgreich seine wahre Dimension. Immerhin beträgt seine Dicke an der Vorderkante bereits 4 m und wächst an den Stellen, an denen 60 m überspannt werden müssen, auf bis zu 7 m an.
Nichts weniger als eine selbstverliebte konstruktive Spielerei, dient das ›
› »Wolkendach« neben seinen ideellen Werten recht handfesten Zwecken: Es beschirmt die darunter liegende Plaza und spendet dabei den v. a. in der Sommerzeit willkommenen luftigen Schatten, durch den die Aufenthaltsqualität der Besucherterrasse sichergestellt wird.
Genau damit leistet es auch einen Beitrag zum Energiekonzept des Komplexes. Klimaschutz ist mittlerweile in China nicht weniger gefragt als im Westen und die entsprechende Bilanz des Neubaus ist schon deshalb günstig, weil die solide gedämmten Fassaden relativ wenige Öffnungen besitzen und der Sonneneintrag entsprechend gering ausfällt. Eine Solarthermie-Anlage auf den Dachflächen der Baukörper tut ein Übriges, um dem ökologischen Anspruch der Bauherrschaft gerecht zu werden.
Gross aber nicht monumental
Die Dimensionen des Grand Theater sind – v. a. aus mitteleuropäischer Perspektive betrachtet – gewaltig. Aber einmal abgesehen von der Tatsache, dass Größe relativ ist und in China eine andere Maßstäblichkeit gilt als hierzulande, gelang es gmp, mit architektonischen Mitteln jeden Eindruck von kalter Monumentalität zu vermeiden. Dazu leistet die sorgfältige, oft fast filigrane Detaillierung des Gebäudes einen wesentlichen Beitrag. Die leicht geneigten Außenwände mit ihrem abgetreppten, horizontal geschichteten Steinkleid, die vielfach abgerundeten Ecken und Kanten der Baukörper, die Feingliedrigkeit des Dachfächers, die fast demonstrative Anti-Monumentalität bestimmter architektonischer Elemente wie etwa der gläsernen Geländerbrüstungen und nicht zuletzt das ausgefeilte Beleuchtungskonzept – im Zusammenspiel nehmen sie dem Gebäude alles vermeintlich Schwere und Bedrohliche. Hinzu kommt, dass die Architekten in den Foyerbereichen und bei der Erschließung der Hauptsäle auf repräsentative, Ehrfurcht heischende Gesten verzichteten. Ganz im Gegensatz zur Großzügigkeit der Plaza sind hier die räumlichen Dimensionen, nicht zuletzt auch aus finanziellen Gründen, in erster Linie von funktionaler Notwendigkeit bestimmt.
Herzstück des »Felsenmassivs«
Die Herzstücke des Komplexes sind die beiden großen Säle für musikalische Darbietungen, das Operntheater und der Konzertsaal. Sie beherrschen jeweils einen der Hauptbaukörper und setzen sich gestalterisch deutlich voneinander ab. Eines ist ihnen freilich gemeinsam: Die Innen- und Außenhüllen der Säle wurden formal in beiden Fällen gleich behandelt. Schon von der Plaza aus ist so dank der großflächig verglasten Foyers die unterschiedliche Materialisierung bzw. Farbstimmung der Säle ersichtlich. Der Opernsaal, bei dessen Bau Betonfertigteile zum Einsatz kamen, ist in dunklem Rot und in Schwarz gehalten. Das folgt klassischen (westlichen) Vorbildern, nimmt Bezug auf den emotionalen und dramatischen Charakter der Oper und weckt zugleich Assoziationen an chinesische Lackarbeiten. Typologisch betraten die Architekten hier kein Neuland. Sie schufen eine traditionelle Guckkastenbühne und einen 1 600 Personen fassenden Zuschauerraum mit zwei hufeisenförmigen Rängen.
Auch der für 1 200 Besucher ausgelegte Konzertsaal entspricht in seiner Struktur der klassischen Typologie derartiger Räume, bei der sich Konzertpodium und Zuschauerbereich gegenüberliegen. Ganz anders als das Operntheater präsentiert sich der Konzertsaal als vergleichsweise nüchterner Holzkörper. Die Inspirationsquelle für seine Ulmenholz-Vertäfelung, die Wärme und Wertigkeit zugleich ausstrahlt, war der Korpus einer Violine. Die Holzpaneele, die das ›
› Motiv der horizontalen Schichtung der Außenfassade wieder aufnehmen, prägen aber nur den unteren Bereich des Saals. In seiner oberen Zone erregen ondulierende Gipskartonbekleidungen der Wände die Aufmerksamkeit des Publikums. Effektvoll unterstützt vom Beleuchtungskonzept, verleihen sie dem Saal Dynamik und festliche Eleganz. Ob die Besucher in den gewellten Wänden das ihnen zugrunde liegende Motiv entdecken – das von der Brandung geschaffene Sandrelief am nahe gelegenen Strand, sei dahingestellt.
Versteht sich, dass bei der Gestaltung und Detaillierung der beiden Säle akustischen Belangen höchste Priorität eingeräumt wurde. Die funktionalen Aspekte drängen sich aber nie in den Vorderrund, sondern ordnen sich harmonisch in den Gesamteindruck ein. Das lässt sich beispielhaft an der von gmp eigens für dieses Projekt entwickelten Saalbestuhlung ablesen. Sie dient dem Komfort des Publikums, sorgt für eine ausgewogene Raumakustik und enthält zugleich die geräuschlos funktionierende Belüftung der Säle.
Mit dem Grand Theater in Qingdao ist es dem Büro von Gerkan, Marg und Partner in bemerkenswerterweise gelungen, einen Kulturkomplex zu schaffen, der bei aller Größe und Monumentalität, dennoch den menschlichen Maßstab wahrt. •
  • Standort: Qingdao, Laoshan District, V.R. China Bauherr: Qingdao Conson Industrial Corporation Architekten: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner Entwurf: Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz mit Nicolas Pomränke Projektleiter: Nicolas Pomränke Mitarbeiter Wettbewerb: Clemens Kampermann, Sophie v. Mansberg, Li Ling Mitarbeiter Ausführung: Clemens Kampermann, Annette Löber, Li Ling, Lin Wei, Thomas Krämer, Johannes Erdmann, Kian Lian, Gerd Meyer, Helga Reimund, Chongsong Dong, Xin Meng, Jochen Sültrup Tragwerksplanung, Haustechnik: ECADI, Shanghai Raumakustik: Müller-BBM, München, Berlin Lichtplanung: Schlotfeldt Licht, Berlin Konzeption Wegeleitsystem: mischen, Berlin Landschaftsplanung: Rehwald Landschaftsarchitekten, Dresden BGF: 59 000 m² oberirdisch, 21 000 m² unterirdisch BRI: keine Angaben Baukosten: 130 Mio. Euro Bauzeit: 2006-10
  • Beteiligte Firmen: Steinfassade und Lamellendach: Hanart, Shanghai, www.hanart.com Glas: China South Glass, Shenzhen, www.hanart.com Fassadenbeleuchtung: AD Toyo Lighting, Guangzhou, http://toyo.gmc.globalmarket.com Innenausbau Konzertsaal und Multifunktionssaal: DECAI, Qingdao Innenausbau Oper: Shenzhen Building Decoration Group, Shenzhen Trockenbau: Long Hua, Peking Karusselltüren: Gretsch-Unitas, Ditzingen, www.hanart.com Parkettsystem: Uzin Utz, Ulm, www.hanart.com Wandbespannungen Opernsaal und Stuhlbezüge: kvadrat, Ebeltoft, www.hanart.com Bestuhlung Säle: Quintette Greatwall, Peking Orgel (2012): Jäger & Brommer, Waldkirch, www.hanart.com
1 Konzertsaal 2 Multifunktionssaal 3 Operntheater 4 Restaurant und Hotel 5 Medienzentrum

Qingdao (CN) (S. 18)

gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner
Meinhard von Gerkan
1935 in Riga (LV) geboren. 1965 Gründung des Architekturbüros von Gerkan, Marg und Partner mit Volkwin Marg. 1974 Berufung an die TU Braunschweig als ordentlicher Professor. Mitglied der Freien Akademie der Künste zu Hamburg. 2005 Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Chung Yuan Christian University in Chung Li/Taiwan, 2007 Verleihung der Ehrenprofessur durch das East China Normal University College of Design, Shanghai/China. 2007 Gründung der Academy for Architectural Culture (aac).
Stephan Schütz
1966 in Duisburg geboren. Dipl.-Ing. Architekt, seit 2006 Partner im Büro von Gerkan, Marg und Partner, Leitung der gmp-Büros Berlin, Peking, Shenzhen. Projekte u. a. Weimarhalle; Christliche Kirche, Peking; CYTS Plaza, Peking; Opernhaus Qingdao; Chinesisches Nationalmuseum, Peking.
Nicolas Pomränke
1970 in Wuppertal geboren. Dipl.-Ing. Architekt, seit 2010 assoziierter Partner im Büro von Gerkan, Marg und Partner. Projektleitungen u. a. Zhongguancun Cultural Center; Kulturpalast Dresden.
Ulrike Kunkel (uk)
1969 in Berlin geboren. Studierte Germanistik, Architektur, Städtebau, Stadt- und Regionalplanung sowie Kunstgeschichte an der TU Berlin und am IUAV di Venezia. 1998 Diplom. 1999-2004 Kuratorin am Vitra Design Museum und freie Autorin für Architektur- und Designthemen; 2002-04 zudem Assistentin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel. Seit 2005 Redakteurin der db, seit 2009 Chefredakteurin.