Medienfassade in Wien

Turmtänzer

Wien ist keine Hochhausstadt. Gerade deswegen kann sich jeder etwas höhere Neubau großer, oft skeptischer Aufmerksamkeit sicher sein. Im zweiten Anlauf hat es der Uniqa-Tower nun aber geschafft, auf echte Begeisterung zu stoßen. Grund dafür ist nicht seine Architektur, sondern wie diese nach Einbruch der Dunkelheit von einer Medienfassade aus LEDs buchstäblich aufgelöst wird. Diese eigenständige, vom Gebäude scheinbar entkoppelte »Medienarchitektur « nimmt unter den ornamentartig gestalteten Oberflächen eine Sonderstellung ein, hat sie sich doch inzwischen von der banalen, fassadenvorgehängten Leuchtreklame zur in die Gebäudehülle integrierten Videochoreografie entwickelt – das Zeitalter der digitalen Ornamentik hat begonnen.

~Oliver Elser

  • Text: Oliver Elser, Holger Mader, Alexander Stublic, Heike Wiermann Fotos: Werner Huthmacher, Berlin
  • Architekten: Neumann & Partner Lichtplanung: Licht Kunst Licht Videobespielung: Mader Stublic Wiermann
Als im Juni 2004 der Uniqa-Tower eröffnet wurde, war das Echo in den Medien eher zurückhaltend. Zwar bietet das 75 Meter hohe Gebäude, in zentraler Innenstadtlage direkt am Donaukanal errichtet, alle Raffinessen eines zeitgenössischen Bürohauses – eine gläserne Doppelfassade mit hoher Transparenz und günstigen Dämmwerten, ein Lichtmanagement-System, das bei zu viel oder zu wenig Sonneneinstrahlung an den Arbeitsplätzen automatisch nachreguliert, ein flexibles Möblierungskonzept, gastronomische Einrichtungen im Fuß des Turmes sowie eine ökologisch zukunftsweisende Erdwärmenutzung – alles gut gelöst vom Wiener Architekturbüro Neumann & Partner und in eine dynamische Form gebracht, so dass das Gebäude regelrecht aus dem Erdboden emporzuwachsen und dann in der Vertikalen leicht zu kippen scheint. Doch das Ergebnis ging nicht um die Welt. Mittlerweile hat sich das geändert. Denn seit einigen Monaten stehen jeden Abend Gruppen staunender Passanten davor und verfolgen ein Lichtspektakel, dass bisweilen ironisch mit dem Gebäude spielt, es in geometrische Formen auflöst, ja sogar zum Tanzen bringt.
Verantwortlich für diesen Coup ist das deutsche Lichtplanungsunternehmen Licht Kunst Licht, das in Zusammenarbeit mit den Architekten und Medienkünstlern Mader Stublic Wiermann die Fassade gut ein Jahr nach der Fertigstellung mit etwa 160 000 einzeln ansteuerbaren Videobildpunkten nachrüstete.
Zwölf Minuten dauert das Programm, dass allabendlich über die Fassade flimmert, dann wiederholt es sich. In diesen zwölf Minuten werden keine Bilder im Sinne gegenständlicher Abbildungen auf den »Riesenmonitor « der Gebäudehülle gebracht. Stattdessen überziehen abstrakte Muster den Baukörper, die manchmal seine architektonische Form betonen oder leicht verändern, dann aber wieder das Gebäudevolumen regelrecht dekonstruieren. Der Höhepunkt der sanften Zerstörungsarbeit ist die Transformation des modernen Verwaltungsbaus zu einem organisch gewundenen Blob, der sich dehnt und streckt wie ein Herzmuskel.
Konsequent weitergedacht, dürfte der Kontrast zwischen eigentlicher Hülle und der medialen Verformung ruhig noch größer sein. Hätte der Architekt des Gebäudes nur einen abstrakten Quader gebaut, wäre es eine noch besser geeignete Leinwand für die pulsierende Nachtansicht. Die in der Postmoderne immer etwas bemüht geführte Debatte über die Aussagekraft von Fassaden gehört mit den Möglichkeiten der frei bespielbaren LED-»Hülle« endgültig der Vergangenheit an. Das Mantra etlicher Werbebotschaften, etwa Microsofts »Where do you want to go today?«, das eine unendliche Freiheit von Entscheidungsmöglichkeiten suggeriert, hat auf dem Gebiet der Architektur einen idealen Resonanzraum gefunden. »Was für ein Gebäude darf es denn heute sein?«, fragen zukünftig die Fassadenprogrammierer und befreien den Architekten von der Aufgabe, gestalterisch tätig zu werden. Zumindest, was die Nachtseite der Architektur betrifft.
Dreidimensionale Videobespielung
Die Videobespielung »Twists and turns« ist als zwölfminütiger Filmloop angelegt und besteht aus abstrakten Strukturen. Hauptmotive sind die Linie, das Raster und amorphe Strukturen, die in etwa zehn ineinander übergehende Szenen unterteilt sind. Kriterium für die nachträglich umgesetzte Medienfassade war, weder die Architektur zu verdecken oder in ihrer Funktion zu beeinträchtigen, noch formal oder inhaltlich ein Informationsscreen zu schaffen. Die Architekten und Medienkünstler Mader Stublic Wiermann entwickelten eine Choreografie, die durch das Medium Video eine dynamische Architektur etabliert und die Zeit als architektonische Komponente begreift. Entsprechend dem Aufbau der Fassade wurde von den Lichtplanern Licht Kunst Licht eine LED-Punktmatrix als Raster so in den Fassadenzwischenraum integriert, dass sie zwar die gesamte Fassadenfläche überzieht, den Blick aus dem Gebäude aber nicht behindert sowie bei ausgeschalteter Anlage von außen nicht wahrnehmbar ist.
Unterschied zu bisherigen Medienfassaden
Vergleicht man die Installation mit anderen realisierten Medienfassaden, fällt auf, dass deren mehr oder weniger gebogene Bildflächen meist filmisch-erzählerisch bespielt und als zusätzliche Schicht auf das Gebäude gelegt sind. Dem Uniqa-Tower sollte allerdings nicht einfach eine weitere Fassade »vorgehangen«, sondern durch die Bespielung alternative Volumina hinzugefügt werden, die dynamisch ineinandergreifen und das reale Gebäude beschreiben, modulieren, dekonstruieren sowie neue Räume simulieren. Die Reduktion der Farbigkeit (Weiß sowie Farbstiche in vorwiegend kalten Tönen) lenkt die Aufmerksamkeit auf die Modulation der Grundelemente, die sich zu räumlichen Konstruktionen formieren und Dreidimensionalität erzeugen.
Entwicklung von Medienfassaden – Leuchtmittel
Die »traditionelle« Lichtfassade wendet das Prinzip der Ausleuchtung von Fassadenteilen beziehungsweise -flächen an, wesentlich sind dabei vor allem Farbwechsel und Intensitäten. Verwendet werden hier entweder die im Gebäude bereits vorhandene, herkömmliche Beleuchtung, um die Fassade zu akzentuieren, zusätzlich angebrachte, oft farbige Leuchtstoffröhren oder beispielsweise Scheinwerfer oder Spots, um das Gebäude von außen zu illuminieren.
Schließlich kann auch das Leuchtmittel selbst zum wesentlichen Teil der Gebäudehülle werden: Etwa an der 2003 fertiggestellten, geschwungenen Fassade des Kunsthauses in Graz oder nun beispielsweise an der »Spots«-Fassade am Potsdamer Platz in Berlin (Park Kolonnaden, Potsdamer Platz 10), beides umgesetzt von den Planern Tim und Jan Edler von realities:united. Dort besteht die temporäre Fassadeninstallation, die seit November 2005 von unterschiedlichen Künstlern bespielt wird, aus etwa 1800 einzeln ansteuerbaren Leuchtstoffröhren, vor die eine farbige Diffusorfolie gespannt wurde. Die Leuchtstoffröhre als Bildpunkt beziehungsweise Pixel eingesetzt ist eine Weiterentwicklung der dimmbaren Neonröhre und kann bei »Spots« mit zwanzig verschiedenen Helligkeitswerten pro Sekunde in Videoqualität angesteuert werden. Trotz eingeschränkter Auflösung durch die großen, etwa ein Meter langen Lichtröhren ergibt sich eine höhere Differenzierung und Bewegtheit als bei der »traditionellen« Lichtfassade. Die Konzepte und Bildinhalte dafür stammen folgerichtig auch eher aus dem Videobereich. Bei »Spots« mischen sich die Lichtröhren mit dem Fassadendesign und weisen selbst verschiedene Formen auf. Fassadenornament, Lichtdesign und Videoscreen überlagern sich. Im Unterschied dazu ist das LED-Punkt-Raster am Uniqa-Tower »neutral «. Tagsüber ist es nicht sichtbar, nur nachts übernimmt das Video die Gestaltung. Die Bildrate beträgt 25 Bilder pro Sekunde, das heißt, eine Bewegung wird als flüssig wahrgenommen. Die Technologie stammt aus dem Bereich der Videoscreens, wie wir sie zum Beispiel aus Fußballstadien kennen. Diese multifunktional einsetzbaren, displayartigen Informationsflächen, auch im städtischen Raum als Werbetafeln eingesetzt, sind mit einem gleichmäßigen Raster aus LED-Modulen überzogen. Ziel ist eine möglichst hohe Auflösung durch engmaschige Anordnung der Bildpunkte und eine große Helligkeit, um Aufmerksamkeit auch bei Tageslicht zu garantieren. Am Uniqa-Tower ist das Raster allerdings entsprechend der Gebäudestruktur zu einem Sonderformat auseinander gezogen. Auf der mehr als 7000 m2 großen Fassadenfläche sind 40 000 Bildpunkt-Module platziert, die sich jeweils aus vier einzelnen LED-Punkten beziehungsweise vier Pixel zusammensetzen. Ein Pixel ist 2–3 mm groß und besteht aus den Grundfarben Rot, Grün und Blau, aus deren Addition sich jeder beliebige Farbton mischen lässt.
Planungsablauf
Schon in der ersten Wettbewerbsphase war es so möglich, die vom Lichtplaner entwickelte, »leere« LED-Punktmatrix inhaltlich mit Motiven zu füllen und eine Vorkonzeption der Videobespielung zu erstellen. Eine Auswahl von Szenen wurde dem Bauherrn anhand von verschiedenen 3D-Simulationsfilmen präsentiert.
Nachdem durch die Ausschreibung der Hersteller für die LED-Fassade feststand, wurde gemeinsam das Format für die Produktion auf den 40 000 Bildpunktmodulen entwickelt und die geplante LED-Punktmatrix realisiert. Nach Fertigstellung der Anlage waren etwa drei Monate Zeit, die Videoszenen umzusetzen. Um Aussagen über die räumlichen Qualitäten der Bespielung zu treffen und sich dem Ergebnis schrittweise anzunähern, wurden die Entwürfe in einem virtuellen 3D-Modell getestet. Dazu musste die Bespielung auf das 3D-gebaute LEDPunktnetz »gemappt«, das heißt der Film um das Gebäude gebogen werden. Hierfür erstellte man vorab eine Abwicklung der Fassade und definierte den Bereich, der mit LED-Punkten besetzt ist. Das Video wurde in diesem »Format« mit einem regelmäßigen und engmaschigen Pixelraster flächig angelegt, unabhängig davon, ob ein Bildpunkt an der Fassade vorhanden ist oder nicht. Mit zuschaltbaren Layern, die Masken zum Abdecken der an der Fassade nicht vorhandenen Bildpunkte enthielten, konnte zunächst ein erster Eindruck über die Bildqualität gewonnen werden, den spätere Tests am realen Gebäude ergänzten. Um das Video vor Ort abzuspielen, war die Erstellung eines komprimierten Quick-Time-Filmes notwendig. Dazu wurden die virtuellen Pixel »von Hand« herausgeschnitten, so dass ein »Videostreifen« mit jeweils einem Pixel für den tatsächlich vorhandenen LED-Punkt vorlag, der in das endgültige Produktionsformat eingearbeitet werden konnte.
Im Gegensatz zu herkömmlichen Videoscreens mit regelmäßigem Raster und 3:4-Standardformat ist hier also inhaltlich wie technisch eine Maßanfertigung für das Uniqa-Gebäude erstellt worden.
Einbau im Fassadenzwischenraum und Vernetzung
Die LED-Punktmatrix wurde im 40 cm breiten Fassadenzwischenraum an der inneren Gebäudehülle angebracht. Hierzu hat der Lichtplaner gemeinsam mit dem Hersteller eine Sonderleuchte entwickelt, die aus 16 LED-Modulen aus den jeweils vier LED-Punkten/Pixel besteht, die in ein Aluminium-U-Profil eingelassen und mit einer Plexiglasabdeckung versehen wurden (Bild 5). Diese Leuchtenstäbe sind direkt an den raumhohen Fassadenprofilen angebracht; pro Fassadenachse (im Abstand von etwa 1,40 m) und pro Geschoss kommen zwei solcher Stäbe zum Einsatz.
Die Abspieleinheit befindet sich an einem zentralen Ort im Gebäude. Sie besteht aus einem Computer und einem dazugehörigen Digitizer, der das ausgehende Videosignal wandelt. Die Datenleitungen zu den einzeln ansteuerbaren LED-Leuchten wurden im Fassadenzwischenraum verlegt.
Diese hochdifferenzierte LED-Technik, wie sie hier verwendet wurde, ist zur Zeit noch sehr kostenintensiv, wird aber in den kommenden Jahren erschwinglich werden und auch für kleinere Bauvorhaben zur Verfügung stehen.
  • Bauherr: Uniqa Immobilien-Projekteinrichtungs GmbH Architekten: Neumann & Partner, Wien Fertigstellung Uniqa-Gebäude: 2004 Fertigstellung Medienfassade: April 2006 Lichtplanung: Licht Kunst Licht, Bonn/Berlin, Stefan Hofmann (Projektleitung) Videobespielung: Mader Stublic Wiermann, Berlin, 2005/06 Baukosten (Lichtplanung und Videobespielung): ca. 2,5 Mio Euro
  • Ausführende Firmen LED-Technik: Barco, Kortrijk, Belgien