Umgestaltung des Benthemplein in Rotterdam (NL)

Temporär geflutet

Beim ersten »Wasserplatz« der Niederlande dienen drei Bassins bei gutem Wetter als Spiel- und Sportbereiche, bei Regen jedoch als Auffangbecken für Oberflächenwasser. Bedauerlich nur, dass die Nutzer nicht allzu pfleglich mit ihrem innovativen Platz umgehen.

  • Stadtplaner: DE URBANISTEN
  • Kritik: Anneke Bokern Fotos: Ossip van Duivenbode, pallesh+azarfane, De Urbanisten
Woran denkt man, wenn die Stichworte Niederlande und Wetter fallen? Vermutlich zunächst einmal an Wind und Regen. Viel Regen. Sehr viel Regen sogar, wie manch ein Nordsee-Urlauber bereits am eigenen Leib erfahren musste. Zwar liegen die Niederschlagsmengen pro Jahr im weltweiten Vergleich nur im Mittelfeld, aber dank der Klimaveränderung regnet es auch in den Niederlanden immer mehr: Zwischen 1910 und 2009 hat die Niederschlagsmenge um 25 % zugenommen und ist die Anzahl der Tage mit sehr starkem Niederschlag um 85 % gestiegen. Das sorgt natürlich für Probleme. Wohin mit all dem Wasser in einem dicht besiedelten Land, das an chronischem Platzmangel leidet und ohnehin schon einen immensen Aufwand treibt, um trockene Füße zu behalten?
Die derzeit am meisten gehörte Antwort heißt »meervoudig ruimtegebruik« (mehrfache Raumnutzung). Dazu gehören z. B. Pläne für Wohnbootsiedlungen in Regenauffangbecken und gefluteten Poldern, aber auch eine bereits realisierte Tiefgarage unter dem Museumspark in Rotterdam, die mit einer großen Zisterne kombiniert wurde. Eines der ungewöhnlichsten Projekte ist der neue Wasserplatz, den das Städtebaubüro De Urbanisten auf dem Benthemplein in Rotterdam realisiert hat. In drei Bassins können dort 1,7 Mio. Liter Regenwasser zeitweise aufgefangen werden.
Rotterdam hat besonders stark mit den steigenden Niederschlagsmengen zu kämpfen, weil die Stadt kein Grachtensystem wie Amsterdam, dafür jedoch einen besonders hohen Anteil an versiegelten Flächen hat. Zudem liegt Rotterdam größtenteils unter dem Meeresspiegel: Der mit sechs Metern unter dem Meeresspiegel tiefste bewohnte Punkt des ganzen Landes befindet sich im Rotterdamer Stadtgebiet. Genau genommen kommt hier das Wasser aus allen Richtungen: vom Meer, vom Fluss, als Grundwasser aus dem Boden und als Regen vom Himmel. Die wenigen Kanäle und die Kanalisation können die Wassermengen nicht mehr fassen, sodass schon seit einer Weile immer wieder Straßen und Keller überschwemmt werden. ›
Restraum
Gleichzeitig gibt es in der Hafenstadt Rotterdam aber auch zahlreiche urbane Resträume, die eine Aufwertung nötig hätten. Ein solcher Restraum war bislang auch der Benthemplein. Der Platz versteckt sich zwischen einigen Großbauten unweit des Hauptbahnhofs. An seiner Nordwestecke steht ein neuer Schul- und Bürobau, daneben eine kleine Backsteinkirche aus den 50er Jahren. Die übrige Platzbebauung stammt aus der Feder von Hugh Maaskant, einem der bedeutendsten niederländischen Architekten der Nachkriegszeit, und wurde zwischen 1955 und 1970 als Schulkomplex errichtet. In einem aufgeständerten Block sitzt heute das Grafisch Lyceum, in der riesigen gekrümmten Hochhausscheibe (mit einem Kunstwerk von Karel Appel über dem Haupteingang) das Zadkine College sowie ein Theater. Das bekannteste Bauwerk des Ensembles ist jedoch das Akraton-Hochhaus an der Südecke, das aus gestapelten, kistenförmigen Volumen besteht, in denen früher die Turnhallen der Schulen untergebracht waren. Heute beherbergt es einen Fitnessclub mit Schwimmbad und Squashplätzen.
Den sträflich vernachlässigten Platz zwischen diesen Gebäuden, den bislang nur ein paar Pflanzkübel und zwei Baumreihen zierten, suchten sich De Urbanisten aus, um eine Idee zu realisieren, die sie bereits vor sieben Jahren der Öffentlichkeit vorstellten: Wieso sollte man Regenwasserspeicher unter der Erde verstecken, wenn sie doch so viel Geld kosten? Könnte man sie nicht zum Gestaltungselement und Teil des öffentlichen Raums machen? 2004 konnten sie das Ingenieurbüro der Stadt Rotterdam für ihre Idee gewinnen, bald darauf sprach ihnen der staatliche »Stimulierungsfonds für Architektur« Subventionen zu, dann wies der Gemeinderat einige Plätze für Pilotprojekte aus. Ein erster Versuch wurde jedoch bereits in der Planungsphase aufgegeben, weil auf dem gewählten Platz zu viel herumfliegender Abfall potenziell Leitungen verstopfen könnte und zudem Wasserbecken für dort häufig spielende kleine Kinder eine Gefahr wären. Die Wahl fiel schließlich auf den Benthemplein, auf dem sich so gut wie nie kleine Kinder aufhalten. Der angrenzende Stadtteil Oude Noorden hat ohnehin besonders stark mit Wasserproblemen zu kämpfen und zudem waren sich die Anwohner über die Notwendigkeit einer Neugestaltung einig. Es folgte ein Partizipationsprozess: Nachdem sie 2011 den Auftrag für den Entwurf bekamen, veranstalteten De Urbanisten drei ›
› aufeinander folgende Workshops mit Lehrern, Schülern, Vertretern des Theaters und des Fitnessclubs, Gemeindemitgliedern und Anwohnern. Dabei wurden zunächst die Platzfunktionen definiert und dann der Entwurf ausgearbeitet.
Platz oder Becken
Die Platzgestaltung besteht aus drei Betonbassins, die in verschiedenen Blautönen gestrichen sind und deren Muster ein wenig an die Isobaren auf Wetterkarten erinnern. Hinzu kommen in den Boden eingelassene offene Edelstahlrinnen und schmale Leuchtstreifen sowie einige Grünelemente, zu denen auch die bestehenden Baumreihen gehören. Bei trockener Witterung hat jedes Bassin eine andere Funktion: In einem befindet sich eine kleine Insel, die als »Tanzbühne« dient, das andere hat schräge Wände und kann als Skatebowl genutzt werden. Das größte Becken ist ein Basketball- und Fußballplatz mit tribünenartig abgetreppten Seitenwänden. Bei kurzen Wolkenbrüchen füllen sich nur die beiden kleineren Bassins mit Regenwasser, das von den umliegenden Dächern und einem benachbarten Parkplatz stammt. Erst wenn es wirklich ausgiebig regnet, füllt sich auch der Sportplatz – mit Wasser vom Dach des Zadkine-Hochhauses und aus der weiteren Umgebung.
Das zuvor gefilterte Oberflächenwasser fließt durch offene Edelstahlrinnen im Zickzackkurs in Richtung der drei Platzvertiefungen. Eines der wichtigsten Ergebnisse der Workshops war, dass das Wasser explizit sichtbar sein sollte, wenn es über den Platz geleitet wird – Umwege ausdrücklich erwünscht. Teils wird es unterirdisch zum Platz geleitet und plätschert aus kantigen Edelstahlspeiern in die Rinnen; im Sportplatzbecken läuft es aus einem breiten Schlitz in der Wand. Damit die Schüler nicht auf die Idee kommen, Unrat in die Auslassschlitze zu stecken, liegen sie geschützt hinter einer Stahlplatte. Wenn es aufhört zu regnen, wird das Wasser noch bis zu 48 Stunden in den Becken gehalten und gelangt anschließend entweder direkt ins Grundwasser oder wird in den nahen Noordsingel-Kanal gepumpt.
Trockenes Thema
Genutzt wird der Platz hauptsächlich von den Schülern der angrenzenden Schulen. Ihr direkter Weg vom Bahnhof zum Schuleingang zeichnet sich deshalb zwischen Skate- und Sportplatzbecken ab. In den Pausen sitzen sie aber auch auf den Bänken unter Bäumen und auf den Stufen der Tribünen oder üben sich auf dem Sportplatz im »Slamdunking«. Ein Vorteil des tiefergelegten Sportfelds ist, dass es ohne hohe Ballfangzäune auskommt. Was Barrierefreiheit oder Sicherheit betrifft, sollte man allerdings keine deutschen Maßstäbe anlegen: Diese Themen werden in den Niederlanden allgemein viel lockerer gehandhabt.
Damit der Platz nach Regenfällen leicht zu säubern ist, musste er weitgehend frei von Mobiliar bleiben, sodass Bänke und Abfallbehälter an den Rändern gruppiert wurden. Der vorwiegend jugendlichen Nutzergruppe des Platzes zu eigen ist jedoch, dass sie nicht allzu pfleglich mit ihrer Umgebung umgeht. So liegen leere Chipstüten und Coladosen in den Becken umher, was nicht gerade zum Charme des Orts beiträgt. Dennoch ist der ehemals trostlose Platz durch die Neugestaltung deutlich aufgewertet worden, und gleichzeitig hat das trockene Thema Wassermanagement erstmals einen gehörigen Spaßfaktor erhalten. Damit steht der Benthemplein auch in der Tradition von Willem Nicolaas Rose, der 1854 den »Singelplan« entwarf: ein System von Kanälen, die die Altstadt von Rotterdam umgaben, dadurch für eine Verbesserung der hygienischen Zustände sorgten und zudem schön anzusehen waren.
Der Benthemplein ist ein Paradebeispiel dafür, wie man auf sehr niederländische Art aus der Not eine Tugend macht. Jenseits des Müllproblems, das eher der Stadtreinigung als den Architekten anzulasten ist, bleibt die Frage, ob man sich nicht eins der Bassins hätte sparen können, um den Platz nicht erneut vollständig zu versiegeln. •
  • Standort: Benthemplein, NL-3032 CC Rotterdam Bauherr: Stadt Rotterdam, Rotterdam Climate Initiative unterstützt von Waterboard Schieland & Krimpenerwaard Architekten: DE URBANISTEN, Rotterdam Projektleitung: Florian Boer Mitarbeiter: Roberto Schumacher, Jens Jorritsma, Eduardo Marín, Tim Peeters, Dirk van Peijpe Technische Planung, Projektmanagement, Bauüberwachung: City of Rotterdam: Engineering Bureau Künstlerin (Taufbecken): Anouk Vogel, Amsterdam Gesamtfläche: 9 500 m² (mit Straßen- und Parkierungsfläche) Platzfläche: 5 500 m² (mit bis zu 1 800 m³ temp. Wasserrückhaltevolumen) Bauzeit: Oktober 2012 bis Dezemebr 2013 Gesamtbaukosten: ca. 4,5 Mio. Euro (von umfassender Kanalisationsinfrastuktur bis hin zu Kosten für die Bürgerbeteiligung)
  • Beteiligte Firmen: Tief- und Rohbauunternehmen: Wallaard, Noordeloos, www.wallaard.nl Edelstahlrinnen, LED-Leuchten: ACO, Philippsthal, www.aco-haustechnik.de Farbbeschichtung der Becken: Topcourts, Breda, www.topcourts.nl
1 Becken 1, Skaten 2 Becken 2, Tanzbühne 3 Becken 3, Sportfeld und Theaterbühne 4 Zadkine College und Theater 5 Grafisch Lyceum 6 Akraton-Hochhaus 7 Kirche
A Wasserzufluss aus der Umgebung B Wasserabfluss zum Kanal C Wasserkammer D Wasserfall E Max. Wasserstand: 1,40 m

Rotterdam (NL) (S. 38)

DE URBANISTEN
Florian Boer
1969 geboren. 1987-94 Studium des Umweltdesigns an der TU Eindhoven (NL). 1995-2000 Mitarbeit u. a. in den Stadtplanungsämtern Rotterdam und Groningen. 2000-2006 eigenes Büro SCAPE in Rotterdam. 2006-08 Mitarbeit als assoziierter Direktor im Büro VHP, Rotterdam. 2009 Gründung von De Urbanisten. Lehraufträge an den Architekturakademien von Rotterdam und Amsterdam.
Anneke Bokern
1971 geboren. Studium der Kunstgeschichte in Berlin. Tätigkeit als Internet-Redakteurin bei einer Tageszeitung und einer Nachrichtenagentur. Lebt seit 2001 als freie Journalistin in Amsterdam und schreibt über Architektur, Kunst und Design in den Niederlanden.