… in die Jahre gekommen

Studentenwohnheime in Woluwe (B)

Wohl bei kaum einem zweiten Projekt zeigt sich die Vielfalt, die aus einem partizipatorischen Entwurfskonzept heraus entstand, so plakativ wie bei Lucien Krolls Bauten an der belgischen Universität Louvain bei Brüssel. Bis heute gibt das »unordentliche« Ensemble mit seinen kleinteiligen Fassaden und markanten Terrassierungen Anlass zur Frage, wer denn nun am Bau das Sagen haben sollte: Architekt oder Nutzer?

    • Architekt: Lucien Kroll

  • Kritik: Christoph Gunßer Fotos: Atelier Kroll, Christoph Gunßer
Die Katholische Universität Louvain (Löwen) plante Ende der 60er Jahre am Stadtrand von Brüssel einen neuen Standort für ihre medizinischen Studiengänge (heute etwa 6 000 Studenten). Als rings um den Neubau der Uni-Klinik auch Studentenwohnheime, Mensa und Verwaltung in ähnlich rigidem Duktus errichtet werden sollten, rebellierten die Studenten. Die Uni-Leitung gestand ihnen schließlich zu, da die Pläne auch der studentischen Zustimmung bedurften, ihren Architekten für die Gebäude selbst zu wählen.
In dem 42-jährigen Lucien Kroll fanden sie einen Planer, der – wie sie – genug von »modernen Monsterbauten« hatte. Kurz zuvor hatte er in Ruanda erlebt, wie kreativ die Bewohner afrikanischer Elendsquartiere mit Restmaterialien umgingen. Kroll kombinierte diese Eindrücke mit der Planungs-Methode »SAR« (Stichting Architecten Research) des Niederländers N. John Habraken, die vorsah, den künftigen Nutzern lediglich Plattformen zum individuellen Ausbau bereitzustellen.
»Wiederholung ist ein Verbrechen«
Statt also die Studentenwohnungen zu einer weiteren seriellen Großsiedlung aufzutürmen, die Kroll bis heute als »kriminogen« bezeichnet, verwandelte er das geforderte Bauvolumen von immerhin 40 000 m² Geschossfläche zusammen mit den künftigen Nutzern in eine kleinteilige Gebäudelandschaft. Dazu entwickelten ein gutes Dutzend seiner Mitarbeiter mit jeweils einer Studentengruppe anhand von Modellen voneinander unabhängige Konzepte, die immer wieder weitergereicht und überarbeitet wurden. Hierfür bot eine auf möglichst wenigen Stützen ruhende Struktur aus Ortbeton größtmögliche Freiheiten. Für die Außenhaut legte Kroll ein Raster, je nach Bauteil zwischen 10 und 30 cm, fest, anhand dessen die Nutzer verschiedene Fenster und Wandpaneele frei anordnen konnten.
Leider ließ sich die Forderung der Studenten, Sozialen Wohnungsbau im Quartier zu integrieren und so ein »Ghetto höherer Töchter und Söhne« zu vermeiden, nicht verwirklichen. Das Viertel hatte somit stets Campus-Charakter und leert sich in den Semesterferien auch heute sichtlich.
Am Ende des Entwurfsprozesses standen im Wesentlichen drei Gebäude, die sich um die zentrale und vor Kurzem behutsam renovierte Metro-Station »Alma« gruppieren. Während man das »Centre Oecumenique« stärker der Nachbarbebauung mit ihrer geordneten Geometrie anpasste, kommt die Ästhetik des »Small is beautiful« an den kleinteiligen Fassaden der beiden parallel stehenden und keineswegs kleinen Hauptgebäude »Mairie« und »Mémé« am besten zum Ausdruck. Apartments, Studios und Hochschulverwaltung sowie eine private Schule und ein Kindergarten in der Mairie und etliche Wohngemeinschaften in Mémé sind auf bis zu zehn Stockwerken untergebracht. Hoch oben bekrönen die schindelbekleideten Giebel von Pult- und Satteldächern die Fassadencollagen der beiden Hauptgebäude. Die Staffelung der Fassaden nimmt kleine Balkone, Treppen oder Erker ›
› auf oder bietet gar Raum für großzügige Terrassen wie bei der Mairie nach Süden hin. Einfach gefügte Absturzsicherungen an Balkonen, Fenstertüren und Terrassen aus Metall, Holz und Ziegelmauern bilden dabei eine zweite Schicht und verstärken das ohnehin heterogene Erscheinungsbild. Ursprünglich verbanden noch mehr Treppen und Passagen einzelne Gebäudeteile. Grüne, von den frei auslaufenden Mauern umrahmte Höfe fügten sich an, sodass eine organisch geformte Raumabfolge entstand, die allen offenstand.
Gar nicht so offen gerieten indes mit der Zeit die meisten Grundrisse: Das ursprüngliche System flexibler Trennwände erwies sich schon bald als nicht praktikabel. So liegen heute die entweder nach Osten oder Westen orientierten Wohnräume an langen schlauchartigen Fluren, die wie die Nassräume im tiefen Gebäudeinnern liegen.
So waren es v. a. Außenhaut und Außenraum (mit den skurrilen Formen des niederländischen Öko-Pioniers Louis le Roy), die sich zu einer wundersamen Landschaft verbanden. Im Charakter betont anti-institutionell, wirkten sie aber auch unübersichtlich und verwirrend.
Macht und Ohnmacht einer Ikone
Erst in der Bauphase wurde der damaligen (von den belgischen Bischöfen kontrollierten) Universitätsleitung richtig bewusst, auf welch anarchisches Experiment sie sich mit dem partizipatorischen Projekt eingelassen hatte. Nachdem Kroll zuvor nur hatte zusichern müssen, den Kostenrahmen des Sozialen Wohnungsbaus einzuhalten, machte man ihm fortan das Leben schwer, verwies ihn zeitweise der Baustelle, entzog ihm schließlich den Auftrag. Zu diesem Zeitpunkt war rund die Hälfte des Projekts, realisiert – für den Architekten stand damit jedoch bereits »das Wesentliche«. 1974 zogen die ersten Studenten ein.
Noch in den 70ern wurden große Teile der »wilden« Außenanlagen eingeebnet, und in den Jahrzehnten danach ließ man andere Architekten das Ensemble mit braven rundbogigen Ziegelbauten einhegen. Erst unlängst kam ein schnittiges Hörsaalgebäude hinzu, dessen Spiegelfassade die Mémé-Collage vis-à-vis für den Betrachter in noch mehr Facetten zerlegt – diese zwei Architekturen trennen wahrlich Welten.
An den Wohnheimen selbst wurde die Offenheit über die Jahre mehr und mehr eingeschränkt. Dabei dienten Sicherheitsaspekte als Vorwand, um Zugänge zu sperren, Verbindungen zu kappen. Die Instandhaltung beschränkte sich auf ein Minimum, etwa die unumgängliche Erneuerung der Flachdachabdichtungen.
So stehen die Gebäude, deren informelles Aussehen eigentlich ständige Veränderung suggeriert, heute noch weitgehend im Originalzustand da, nur dem Alter entsprechend abgenutzt: Manche Fensterscheiben sind nach 40 Jahren blind, Holzteile sind mürbe, Farbe blättert, Paneele vergrauen, Schmutzfahnen ziehen sich über die Schindelfassaden.
Fragt man die Studenten vor Ort, ist der Tenor auch eher negativ: Unübersichtlich sei die Anlage, sogar hässlich, und nur wenige verstehen, warum ihr Studentenwohnheim als eine Ikone der jüngeren Architekturgeschichte gilt.
Partizipation in der Generation Facebook?
Der heute 87-jährige Lucien Kroll ist indes weiter überzeugt von seiner Mission. Vergeblich hat er von der Universität mehr Sorgfalt und Pflege für sein Hauptwerk verlangt. Nach Auskunft der Bauverwaltung sind die Wohnungen komplett vermietet (die Warmmiete für ein WG-Zimmer beträgt 243-340 Euro, 350-500 für Studios und Wohnungen). Auch bei den ›
› Läden, Lokalen und Büros ist kein Leerstand zu erkennen – das Quartier wirkt etwas vernachlässigt, aber quicklebendig. Im Sommer sind die Plätze zu Füßen der Häuser beliebte Treffpunkte. Die knallrote Bullaugenfassade der Mairie-Kneipe blieb ebenso erhalten wie das höhlenhafte Interieur der Metro-Station darunter, in der man wirklich gern wartet. Gleichwohl deutet vieles auf eine »Restnutzung« hin. Wartet man womöglich mit einer Sanierung nur, bis der »Meister« abtritt?
Doch der ist wach und agil wie immer. Auch wenn er nie mehr so groß und so radikal bauen durfte wie hier – gefragt ist er weiterhin, wenn es um die Erneuerung, die Humanisierung einer Architektur geht, die nicht nur er für öde und oberflächlich hält. Auch seine späteren Partizipationsprojekte, die er hauptsächlich in Frankreich realisiert hat, sind aus seiner Sicht nicht nur sozialer, sondern auch schlicht schöner als der von Architekten gestaltete Mainstream.
Bei all dem Engagement für sozialeres Bauen war Kroll jedoch nie technikfeindlich und meint, dass Bautechnik nicht per se zu einer Vereinheitlichung der Architektur führen müsse. Er hält es sogar durchaus für möglich, dass Experiment und Partizipation in der »Generation Facebook« eine rechnergestützte Renaissance erleben werden. •
Standort: Promenade de l’Alma, B-1200 Woluwe-Saint-Lambert
Siehe zum Projekt auch: db 3/1978, S. 51-61

… in die Jahre gekommen (S. 62)
Christoph Gunßer
s. db 8/2013, S. 96