Stoischer Stapel

Verwaltungs- und Geschäftsgebäude »Torre Burgo« in Porto (P)

Hochhäuser sind starke Zeichen. Lange bevor Konstruktion und Details entwickelt werden, haben Marketing und Machtpolitik heutzutage ein Image, ein Bild parat, das ein Gebäude kommunizieren soll. Nicht so in diesem Fall: Der Architekt dieses Turms verweigerte sich den Bildern. Sein Minimalismus wirkt, gemessen an aktuellen Highrise-Kreationen, spröde, als Großform fast plump. Bei der Gestaltung der Fassade spielt er dagegen ein delikates tektonisches Spiel, das als Sonnenschutz sinnvoll ist, konstruktiv aber keineswegs ehrlich.

  • Architekt: Eduardo Souto de Moura
    Tragwerksplanung: AFAconsult
  • Kritik: Christoph Gunßer
    Fotos: Christian Richters
»Sie ist falsch«, sagt der Architekt, auf die viel bewunderte Fassade angesprochen. »Sie ist interessant, aber falsch. »Ich glaube immer noch (ich bin ein Dinosaurier), dass es eine enge Beziehung zwischen Material, Sprache und Gebäudesystem gibt. Diese Beziehung kann verändert werden, versteckt oder umgekehrt, aber sie ist ein Ausgangspunkt. Ohne sie gilt: Anything goes …«
Als Eduardo Souto de Moura Ende der 80er Jahre von einer portugiesischen Großbank den Auftrag für das Hochhaus an der Avenida de Boavista in seiner Heimatstadt erhielt, hatte er bis dahin fast nur Einfamilienhäuser geplant. Sein Respekt vor der neuen Bauaufgabe war entsprechend groß: »Ich wich zurück vor dem ›Skyscraper‹ wie der Stierkämpfer vor dem Bullen. Als ich ihn schließlich bei den Hörnern gepackt hatte, war von den ›Fachleuten‹ bereits alles Wesentliche entschieden: Die Feuerwehrleute hatten die Höhe festgelegt (70 m), die englischen Berater den Stützenabstand (drei Autos), die Ingenieure die Dimension der Träger.« Ein zentraler Kern mit zwei Treppen und vier Liften musste sein, und bei 24 m Seitenlänge endete die maximale Belastbarkeit des Fundaments. »Was übrig blieb, war die Architektur der Außenhaut. Die Besitzer zierten sich, schlugen ein ›prêt-à-porter‹ vor: »Kein Holz oder Stahl (der Architekt, damals gerade Gastprofessor in der Schweiz, hatte als abstraktes Bild einen Stapel Holzpaletten ins Spiel gebracht, später, als Mies-Fan, rostigen Corten-Stahl vorgeschlagen), vorgefertigter Beton ist vulgär. Granit, ja. Wir sind schließlich in Porto, der Stadt aus Granit!« Also schlug Souto de Moura eine tragende, 8 cm dicke Granitfassade vor. Antwort der Ingenieure: »Das Tragwerk steht nicht zur Diskussion, das Gebäude stürzt sonst ein. Das Ingenieurwesen ist im Gegensatz zur Architektur eine Wissenschaft. Lassen Sie uns arbeiten.« So viel zu den bitteren Erfahrungen des Architekten im Hochhaus-Business, die er mit Ironie verarbeitet hat. Das Projekt wurde in den 90er Jahren als Corporate Headquarter ad acta gelegt, erlebte dann aber 2003 mit einem spanischen Investor einen Neuanfang. Dieser erwog für das genehmigte Volumen verschiedene Nutzungen, darunter auch Apartments, entschied sich dann aber für vermietbare Büroflächen mit Ladennutzungen im EG des flachen Riegels, der die Turm-Plattform flankiert.
Learning from Mies
Als Bewunderer des Mies’schen Minimalismus nimmt Souto de Moura mit seinem Ensemble explizit Bezug auf dessen Federal Center in Chicago von 1959-74: Der Hochhausquader ist von der Straße zurückgesetzt und bildet mit einem niedrigen zweiten Quader einen Platz. In Porto ist alles etwas kleiner, der Turm nur halb so hoch wie jener in Chicago, doch das Prinzip der eigenständigen Setzung eines Orts wirkt auch hier: Vom disparaten Umfeld, halb Brache, halb zerbröckelnde Straßenrandbebauung, gewinnt der Torre Burgo durch die erhöhte Plaza eine hehre Distanz. Selbst das Kunstobjekt paraphrasiert Mies: Was in Chicago Alexander Calders Flamingo, ist in Porto Angelo de Sousas Stahlobjekt – ein farbig-frei geformter Kontrast zum monochrom-orthogonalen Umfeld. Allerdings verzichtet Souto de Moura auf die Gliederung des Turms. Kein Sockel, kein oberer Abschluss zieren den »Palettenstapel«, angeblich hat der Architekt die Fassadengliederung aus einem Schrank-Entwurf übernommen …
Wer sich dem Torre Burgo entlang der Avenida de Boavista von Westen oder Osten nähert – die häufigste Wahrnehmung des Gebäudes auf dem Weg von der Stadt zum Meer oder umgekehrt –, der nimmt ein fast geschlossenes, maßstabsloses hellgraues Volumen wahr, eine Kiste. »Noch so eine Bausünde der 60er, wie es sie in der Umgebung einige gibt«, ist man schon geneigt zu denken. Erst auf der Höhe der Plaza, wenn die Brache bzw. das Drive-in-Restaurant passiert sind, werden Feinstruktur und Sinn der Fassade deutlicher: Die Schlitzfassade aus dünnen Steinplatten, getrennt durch »Abstandhalter« aus Aluminium, schützt vor der tiefstehenden Sonne am Morgen und Abend. An der Nordfront zur Plaza sowie auf der Südseite zum Douro-Ufer geben sich die Abstandhalter scheinbar als lagernde Querträger zu erkennen, welche als brise-soleil die Glasvorhangfassade vor der hoch stehenden Mittagssonne schützen. Beides ist hochwirksam für die Innenräume, als konstruktives Bild jedoch falsch: Weder sind die metallenen Abstandhalter Stirnseiten durchlaufender Träger in einem Stapel aus Stäben, noch sind die die Glasfassade flankierenden Granitscheiben die Stirnseiten solider Steinplatten; selbst die Alu-Querträger der Glasfassaden wären ab der vierten Etage statisch nicht notwendig. Der ganze Turm ist als Ortbetonskelett im 3 x 3 x 3 m-Raster errichtet. Die Hülle ist ein plastisch reizvolles, aber tektonisch falsches Spiel. Daraus macht der Architekt auch keinen Hehl: So verschraubt er die keine zwei Zentimeter dünnen Granitplatten sichtbar, klappt ein ganzes Feld der Steinhaut auf, um den Eingang ins Gebäude freizulegen – hier gibt sich der Schwindel klar zu erkennen. Ganz ähnlich verfährt Souto de Moura beim liegenden Quader nebenan. Der soll als Ausschnitt eines räumlichen Bandes wirken. Folgerichtig sind seine Stirnseiten einfach mitten in der Konstruktion abgeschnitten. Das darf man wohl Manierismus nennen.
Zweierlei Anonymität
Gefragt, was er angehende Architekten heute lehren würde, antwortet Souto de Moura, ganz Vertreter der »Schule von Porto«: Zeichnen, Konstruieren und Geschichte. Er plädiert für eine »anonyme« Architektur, die nicht ihren Schöpfer in Szene setzt, sondern zu einem Teil des Gemeinwesens wird. Beim Torre Burgo ist dies schwierig. Die Anonymität ist eher die eines neutralen »spec office building«, das eigenen Regeln folgt, die der Architekt nicht zu bestimmen hat. Die offene Plaza wirkt unbelebt, ohne ausreichenden Schutz, wenn auch der helle Siebzehngeschosser sie keineswegs erdrückt. Fallwinde, hochhaustypische Zugerscheinungen, sind zumindest sommers nicht das Problem. Die Gebäude wirken wie Möbel darauf abgestellt, es fehlen die Übergangsräume zwischen drinnen und draußen – und die Passanten. Denn betreten wird das Anwesen in der Regel von der zweistöckigen Tiefgarage im Sockel – der teure rote Gummiboden spricht hier für sich. Auch weil es im Torre keine öffentlichen Nutzungen gibt (wie etwa eine Dachterrasse, die spektakuläre Blicke bis zum Atlantik bieten könnte, aber mit Klimageräten vollgestellt ist), liegt die Plaza meist verwaist da. Die Aufwertung des Straßenraumes der Avenida, einst eine Prachtstraße nach Pariser Vorbild, kommt nicht in Gang, die geplante Metro-Linie ist nicht in Sicht.
Noch ist unklar, was auf den Brachflächen westlich und nördlich des Torre entstehen wird. Glaubt man seinem Betreiber, markiert der Torre Burgo das Herz des neuen »Central Business District«. Die Finanzkrise hat indes auch Portugal hart getroffen, und so steht der Torre Burgo, vor bald zwei Jahren eröffnet, zu drei Vierteln leer. Gut möglich, dass daran auch die zu wenig repräsentative Gestaltung Mitschuld trägt, der »ehrliche« Eingang etwa, der ungeübten Augen auch wie eine Dauerbaustelle erscheinen mag. Ironie kam in der Geschäftswelt noch nie gut an, Blendwerk dagegen schon.
Leerstand trotz praktischer Grundrisse
Rein praktisch sind beide Gebäude gut nutzbar. Die siebzehn Etagen des Turms lassen sich vielfältig unterteilen. Zielgruppe sind Finanzdienstleister, Anwaltskanzleien und dergleichen. Kehrseite der Flexibilität ist die Erschließung über den finsteren innenliegenden Kern, der – möglicherweise von Rem Koolhaas‘ nahegelegener Casa da Música angeregt – ganz in Edelstahl gekleidet wurde. In die Büros fällt ausreichend Tageslicht, um ohne oder mit nur wenig zusätzlichem Kunstlicht auszukommen. Der Betreiber garantiert den Nutzern eine Raumtemperatur zwischen 19 und 23 °C, was ihm dank der Fassadengliederung auch mit vergleichsweise wenig Klimatisierung gelingt. Auch hier in Südeuropa reagiert man inzwischen sensibler auf gestiegene Unterhaltskosten und rechnet die Verbräuche nicht mehr pauschal pro Fläche, sondern individuell ab. Direktes Sonnenlicht fällt kaum in die Büros, innenliegende Rollos regulieren den Lichteinfall. Einige Fenster lassen sich ausklappen.
So effizient und nutzerfreundlich könnte das Hochhaus eine Zukunft haben. Traurig nur, dass gleichzeitig wenige Kilometer weiter die großartige Altstadt dem Zerfall überlassen wird. Hat da wieder jemand Hochhaus mit Fortschritt gleichgesetzt und falsche Prioritäten gesetzt? Schon das direkte Umfeld des Torre zeugt von einer wenig weitsichtigen Stadtplanung.
»Kleine Länder produzieren immer kleine Architektur«, sinniert Eduardo Souto de Moura noch. »Und als wir groß waren (waren wir das jemals?), wurden ›große Werke‹ an ausländische Architekten vergeben.« Auch unter diesem Aspekt ist der Torre Burgo ein formal bemerkenswert eigenständiger Beitrag des EU-Nachzüglers Portugal zum Thema Hochhaus, selbst wenn er die Grenzen einer »angemessenen Gestaltung« dieser Bauform abermals aufzeigt. •
  • Bauherr: Burgo Fundiários SA Architekt: Eduardo Souto de Moura, Porto Projektleitung: Eduardo Souto de Moura Mitarbeiter: Teresa Gonçalves, Adriano Pimenta, António Dias, Filipe Pinto da Cruz, Francisco Cunha, Francisco Vieira de Campos, Graça Correia, Manuela Lara, Marie Clement, Nuno Rodrigues Pereira, Perdo Mendes, Pedro Reis, Silvia Alves, Diogo Guimarães, Manuel Vasvoncelos, Diogo Morais, Susana Monteiro Tragwerksplanung: AFAconsult, Porto Generalplanung: SANJOSE, Porto Hydrotechnik: Vitor Abrantes Consultores, Porto Elektroplanung: Rodrigues Gomes & Associados, Matosinhos Haustecknik: AFAconsult, Porto BGF: 18 150 m² BRI: 67 400 m³ Baukosten: keine Angaben Planungsbeginn: 1991 Bauzeit: 2004 – 2007
  • Beteiligte Firmen: Vorhangfassade: Inasus, Lalín, www.iansus.com Naturstein: Granitos de Maceira, Pero Pinheiro, www.iansus.com Verglasung: Guardian Industries, Porto, www.iansus.com Aluminiumprofile: Metales extruidos, Valladolid, www.iansus.com Beschichtungen: Sika, Baar, www.iansus.com Brandschutztechnik: Flosagua, Braga Klimatechnik: Politermica Trezzanese, Trezzano, www.iansus.com Aufzüge: Ascensores Enor, Vigo, www.iansus.com Beleuchtung: Iguzzini, Recanati, www.iansus.com