Umspannstation in London (GB)

Star auf Zeit

Die Großbaustelle »Olympischer Park« im Nordosten von London, wo u. a. Stadion, Olympisches Dorf und die nötige Infrastruktur entstehen, gleicht derzeit noch einem Schlachtfeld. Der erste Pionier auf dem Gelände ist ein technisches Bauwerk, das den lauten Gesten der zukünftigen Großbauten ordnende Klarheit und ein bescheidenes, aber gleichsam bezugreiches wie auch handwerklich fein gearbeitetes Kleid entgegensetzt.

  • Architekten: NORD, Glasgow Tragwerksplanung: Andrews Associates
  • Kritik: Ellie Stathaki Fotos: Andrew Lee, Getty Images
Das ausgedehnte Gelände zwischen der geplanten Stratford City und dem Entwicklungsgebiet Lower Lea Valley wird in weniger als drei Jahren als Herz der Olympischen Spiele 2012 im Fokus eines globalen Publikums stehen. Schwer vorstellbar, wenn man das Areal noch als die wohl schlimmste Ansammlung alter und oft auch baufälliger Industrieanlagen im östlichen London kennt. Dennoch schreitet die Transformation jeden Tag sichtbar weiter fort. Mit dem Ende der Bauarbeiten am Umspannwerk (s. auch db 12/2009, S. 10), wurde eine ganze Reihe feierlicher Eröffnungen und zugleich der Countdown zur großen Eröffnung der Spiele eingeleitet.
Das preisgekrönte Glasgower Architekturbüro NORD (»Northern Office for Research and Design«) errang diesen Auftrag Anfang 2007. Es wurde damit betraut, eines der wichtigsten Infrastrukturgebäude für das olympische Gelände zu entwickeln: eine Umspannstation für EDF Energy. Zweieinhalb Jahre später steht das erste olympische Gebäude an der nordwestlichen Kante des Olympiageländes, neben der Baustelle der Energiezentrale Kings Yard von John McAslan Architects (s. ebenfalls db 12/2009/ebd.).
Gefordert war ein Gebäude für den Energieversorger, das sowohl Effizienz in Bezug auf Umwelt und Unterhalt als auch hochwertige Ästhetik demonstrieren sollte; alles Aspekte, die NORD mit großer Sorgfalt bedacht haben. Dieses spezielle Projekt mag weniger bemerkenswert erscheinen als die olympischen Sportstätten selbst – z. B. das kurvenreiche Schwimmstadion von Zaha Hadid oder das Hightech-Olympiastadion –, aber es galt dennoch, viele Elemente zu berücksichtigen; schließlich versorgt der Bau nicht nur die Olympischen Spiele mit Strom, sondern wird nach deren Ende im Rahmen des Masterplans Olympic Legacy eine wesentliche Rolle in der Versorgung des Bezirks spielen. Da das Gebäude, in dem sich eine ganze Energieanlage nebst Zubehör befindet, nicht öffentlich zugänglich ist, müssen Volumen und Oberfläche die gesamte architektonische Vermittlungsarbeit übernehmen; NORD konzentrierte sich daher auf die feine Ausbildung der Form und das Material.
Obwohl die Umspannstation groß ist, wirkt sie dennoch bescheiden. Ruhig und graziös, wie eine diskrete, abstrakte Ziegelskulptur, bildet sie einen Kontrast zum dynamischen Treiben auf der riesigen olympischen Baustelle.
In Bezug auf die Form entschieden sich die Architekten für geometrische monolithische Schlichtheit, so bescheiden wie es bei dieser Größe eben möglich war, was zu einem eindruckvollen asymmetrischen Block führte. Indem sie das Gebäudevolumen intelligent mit der langen Seite an der Grenze des rechteckigen Grundstücks platzierten, konnten sie alles im Innern verstecken und machten einen Zaun überflüssig. Auf diese Weise wurden die Formen optisch klarer: eine einzige, fast fensterlose, allumfassende Hülle, die die drei Transformatoren, ihre Kühlvorrichtungen und einen Steuerraum im Herzen des Gebäudes umfasst. So lässt sich die Umspannstation auch besser warten. Die Kühlaggregate befinden sich in den »Türmen« und stellen ein konstantes Klima für die Transformatoren sicher.
Im Gegensatz dazu erwies sich die Gestaltung der Oberfläche als sehr viel komplexer. Der Wunsch, den benachbarten Industriebauten aus Ziegel Respekt zu zollen, führte zur detaillierten Untersuchung von Ziegelkonstruktionen. Schließlich kam der Baustoff nicht nur in der ›
› lokalen Architektur, sondern auch über die ganze Geschichte von Umspannwerken und anderer Nutzbauten hinweg zur Anwendung. Ziegel gelten als das »bevorzugte Material der industriellen Revolution in Großbritannien« [1]. »Materialität war ein Thema, das wir schon sehr früh diskutierten. Es war sehr wichtig, da das Gebäude sowohl auf den lokalen Kontext als auch auf britische Traditionen bei Nutzgebäuden reagieren sollte«, sagt einer der Partner von NORD, Alan Pert.
Durch die Drehung einzelner Ziegel entstanden 20 000 feine Löcher für die Belüftung der Kühlanlagen; die Fassade bekam dadurch einen zarten, dekorativen Aspekt, der zugleich eine ganz klar definierte Funktion erfüllt. Der Ziegel bildet an den meisten Stellen auch das Tragwerk – obwohl die Transformatoren in lastabtragenden Ortbetonwannen stehen, die mit dem Ziegel nur verkleidet sind – und trägt dadurch zur Materialehrlichkeit des Gebäudes bei. Um diese Absicht zu unterstreichen, ließen die Architekten auf der Außen- und Innenseite der »Kühltürme« den Ziegel ebenfalls sichtbar.
Auch wenn man nicht umhin kann sich zu fragen, ob Ziegel angesichts der historischen Assoziationen nicht eine gar zu naheliegende Wahl waren, genügt ein kurzer Rundgang durch die Umgebung der Umspannstation, um die Logik der Architekten zu verstehen. Sie betrachteten die Station im Kontext der überall in London verbreiteten Infrastrukturbauten, gleichzeitig aber auch als Teil des Olympiaparks und der wiederum eher kleinen Familie olympischer Nutzbauten, von denen bislang noch keiner fertig ist. Eine Verbindung zu einer noch nicht vorhandenen urbanen Umgebung herzustellen, macht jede Gestaltung doppelt schwierig. Mit dem Ziel, eine Architektursprache für ihr Gebäude zu etablieren und damit auch den wegweisenden Impuls für die Gestaltung des restlichen Olympiageländes zu geben, »verankerten« NORD ihren Entwurf in den benachbarten Lagerhäusern aus Ziegel.
Die Materialwahl erscheint auch unter den strengen Sicherheits- und Technikanforderungen als sinnvoll und veranlasste NORD zugleich, die Anwendung von Ziegeln neu zu denken. Pert erläutert: »Wir wollten Farbe und Textur von schwarzem oder schwarz gestrichenem Ziegel erforschen – einem Material, das in erster Linie dem Kantenschutz dient – um es als einheitliche Haut über ein Gebäude zu spannen, das eines hohen Maßes an Schutz bedarf.«
Sogar unter Umweltschutzaspekten war die Verwendung von Ziegel sinnvoll. Den Architekten lag der ökologische Masterplan des Bauherrn London 2012 Olympics vor, der festschreibt, aus dieser Industriebrache ein wertvolles Ökosystem zu machen. Zu den grünen Aspekten der Umspannstation gehören ein »braunes Dach« – eine dünne Schicht aus zermahlenem Ziegel und Kies, die die Artenvielfalt erhöht und lokalen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum bietet – sowie eine natürliche Belüftung, die durch das raffinierte Ziegelgespinst im Bereich der Türme verstärkt wird. Diese Öffnungen tragen auch zur optischen Wirkung bei; sie lassen sanftes natürliches Tageslicht ins Innere und verleihen den Türmen bei Nacht, von innen beleuchtet, ein elegantes Aussehen.
Teil des ursprünglichen Entwurfs war die Wiederverwendung von Ziegeln aus Abbruchgebäuden, doch leider verhinderten das u. a. die Anforderungen an die Tragfähigkeit. Das Gebäude besteht jetzt aus 130 000 Ziegeln und wurde vor Ort von 14 Maurern errichtet; es ist 70 m lang, im Westen 16 m und im Osten 9 m hoch.
Man kann ohne weiteres behaupten, die Umspannstation von NORD sei nicht unbedingt eins der spektakulärsten Gebäude im Londoner Olympiapark, doch man darf nicht vergessen, dass sie das auch nie sein sollte. Stattdessen bereichert sie die Ostlondoner Skyline mit ihrer durchgängig subtil-raffinierten Haut aus Ziegel um kultivierte Verspieltheit, ergänzt durch historische und lokale Verweise. Sie ist pragmatisch, unprätentiös und feinfühlig experimentell und dennoch vor allem eins: ein funktionales Nutzgebäude. •
Aus dem Englischen übersetzt von Dagmar Ruhnau [1] Sergison Bates Architects, Brick-work: Thinking and Making, gta Verlag, Zürich, 2007
Bauherr: EDF Energy und Olympic Delivery Authority (ODA) Architekten: NORD, Glasgow Tragwerksplanung: Andrews Associates, Croydon Nutzfläche: 1 811 m² Umbauter Raum: 8 738 m³ Bauzeit: Herbst 2007 bis Oktober 2009
Beteiligte Firmen: Bauausführung: Kier London, Loughton (GB), www.kier.co.uk Ziegel: Ibstock, London, www.kier.co.uk