... in die Jahre gekommen

St. Willibrord in Waldweiler

Schon zu ihrer Entstehungszeit in den späten sechziger Jahren mutete die Kirche aus kunstvoll gefügtem, massivem Ziegelmauerwerk wie ein aus der Zeit gefallenes Bauwerk an. Ein erster Besuch vor sechzehn Jahren deckte erste Verfallserscheinungen und unschöne Veränderungen auf, die ihrer Wirkung aber keinen Abbruch taten. Nun hat eine erneute Reise diese Eindrücke bestätigt, gibt aber Anlass zur Sorge.

Text: Wilfried Dechau Fotos: Archiv Sigrid Balke (alt), Wilfried Dechau (neu)

Wo, um Himmels Willen, liegt Waldweiler? habe ich mich sicher gefragt, als ich vor siebzehn Jahren zum ersten Mal hinfuhr. Schon der Name lässt ahnen, das sei hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Ganz so ist es nicht, aber ein bisschen abseits liegt es schon, auf dem Hunsrück, am südwestlichen Rand der Republik, näher an Frankreich und Luxemburg als an Saarbrücken.
Damals diente die Reise der Vorbereitung eines Heftes (db 9/1992), das – ungewöhnlich genug – ausschließlich dem Werk eines Architekten gewidmet war: Heinz Bienefeld (gestorben 1995). Und St. Willibrord, dieses sich jeder Mode, jedem Stil, jedem Klassifizierungsversuch widersetzende Kleinod durfte darin auf keinen Fall fehlen. Genauso wenig wie St. Bonifatius in Reichshof-Wildbergerhütte und die Friedhofskapelle in Lindlar-Frielingsdorf.
Ein paar Fotos – vor allem Außenaufnahmen und Mauerwerk-Detailfotos – hatte ich schon gesehen. Derart »präpariert« hätte mich in Waldweiler eigentlich nichts mehr überraschen dürfen. Aber vor Ort wurde deutlich, dass die Fotos kaum mehr als die Oberfläche gezeigt hatten. Auf den grafischen Reiz eines ungewöhnlichen Mauerwerks war ich vorbereitet, aber nicht auf die Aura des Zeitlosen. ›
› Diese Kirche scheint nicht in eine Zeit zu passen, in der alles nur vorgemauert, vorgeblendet wird. Sie ist unzeit-gemäß, aber nicht altmodisch – auf jeden Fall alles andere als modisch. Das alles kann man auf Fotos bestenfalls ahnen, aber nicht hautnah fühlen. Auf dieses Erlebnis war ich nicht vorbereitet. Diese Aura hat mich überwältigt. Das passiert im
Leben eines Architekturredakteurs nicht so oft. Erstens, weil ungewöhnlich gute Architektur tatsächlich nicht an jeder Straßenecke zu finden ist. Zweitens, weil man sich im Laufe der Zeit eine schützende Distanz zu den Dingen angewöhnt.
Dass Backstein nicht gleich Backstein ist, dass es schon beim Material beginnend sehr viele feine Unterschiede gibt, habe ich – als Nordlicht – gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen. Kindheit und Jugend in einem alten Haus mit meterdicken Wänden aus Ziegeln im Klosterformat, Schulzeit in jahrhundertealtem Gemäuer, in einer Stadt, die sich zu Recht rühmt, eine Perle der Backsteingotik zu sein. Daher kann es durchaus sein, dass vor meiner Reise ein bisschen Hochnäsigkeit im Spiel war: Backstein? Kenn’ ich. Wie will Heinz Bienefeld das denn noch toppen? Aber in Waldweiler wurde ich eines Besseren belehrt. Er hat mit Backstein nicht gemauert, er hat gezaubert. Man steht davor und ist sprachlos, weil die passenden Worte fehlen. Mit den wenigen, bei Herrenberger (TU Braunschweig) in der Baukonstruktion gelernten Begriffen – Binder-, Läufer-, Block-, Kreuzverband, Rollschicht … – lässt sich der Detailreichtum dieser massiven, von wenigen kleinen Fenstern und Türen durchbrochenen Wandflächen nicht hinreichend beschreiben. Man kann sich nicht satt sehen.
Aber an einem zunächst unerklärlichen Detail blieb ich dann doch hängen: Wieso sind die so liebevoll gefassten, facettierten Fensterausschnitte blind? Sind sie natürlich nicht. Um das Geheimnis der Fensternischen zu lüften, muss man hineingehen. Von wegen zugemauert und verputzt – Alabasterscheiben sind es. Sie lassen nicht sehr viel Licht durch, aber was für ein Licht! Honiggelb und schwer tröpfelt es von den kleinen Fenstern herein, taucht die Randzonen des Innenraumes in mythisch-dämmeriges Halbdunkel, kontrastiert von dem durch die mittlere Laterne scharf, schneidend und ungefiltert einfallenden Sonnenlicht. Allein dieses Schauspiel ist die Reise nach Waldweiler wert.
Das alles habe ich bei meinem ersten Besuch in Waldweiler Stück für Stück erkundet und die Kirche dabei in mein Herz geschlossen. Damals war das Dach noch mit Blei gedeckt. Vor drei Jahren musste es neu gedeckt werden. Dass dabei einer Foliendachdeckung der Vorzug gegeben wurde, kann man bedauern (Nikolaus Bienefeld). Natürlich gehört das Dach zum Ganzen dazu. Man würde ja auch nicht – oder nur zur Not – darauf kommen, das Reetdach eines Dithmarscher Bauernhauses mit Folie zu decken. Dennoch ist der – sicherlich aus Kostengründen – eingegangene Kompromiss nachvollziehbar, denn das Dach tritt in Waldweiler kaum in Erscheinung. Man kann es eigentlich nur aus größerem Abstand oder aus der Vogelperspektive wahrnehmen. Viel prägender ist das einzigartige Mauerwerk, das es unbedingt zu erhalten gilt. Mir blieb schon damals nicht verborgen, dass es wohl Probleme mit der Durchfeuchtung bei Schlagregen gibt. Und wo gibt’s Schlagregen? Das wissen nicht nur die Nachbarn im Saarland, die sich mit »Eternit uff de Wedderseit’« sofort zu helfen wissen; das weiß auch der Pfälzer im rauen Hunsrück.
»Nun, man kann sich fragen, ob die paar Feuchteflecken, nachträglich angebrachten Bleche und Flickstellen, die meist nur die Hauptwetterseite betreffen, angesichts des architektonischen Gesamtergebnisses der Rede wert sind.«, schrieb Rainer Oswald damals (db 9/1992, S. 98). Er hatte dabei nicht St. Willibrord vor Augen, sondern St. Bonifatius, eine ebenfalls von Heinz Bienefeld gebaute Kirche. ›
› Doch seine lakonische Feststellung zu unweigerlichen Problemen bei massivem Sichtmauerwerksbau hätte damals genauso gut auch auf St. Willibrord zugetroffen. Heute umso mehr und mittlerweile unübersehbar. Der Fugenmörtel ist an manchen Stellen inzwischen stark herausgebröselt. Das sieht im Streiflicht zwar zauberhaft plastisch aus, entspricht aber keinesfalls der Vorstellung, die Heinz Bienefeld mit einer Mauerwerkswand verbunden hat. Außerdem lässt es den Reigen aus Schlagregen, Mauerwerksdurchfeuchtung und daraus folgenden Ausblühungen auf der Innenseite immer mehr zum Teufelskreis werden. Langsam geht’s an den Nerv, um das Ganze bildlich mit einem gar zu lange hinausgeschobenen Zahnarztbesuch zu vergleichen. Das »kariöse« Mauerwerk muss dringend in Behandlung. Die Methode »Eternit uff de Wedderseit’« wäre bautechnisch wirkungsvoll, architektonisch verheerend. Zum Glück sieht man das – inzwischen – auch beim bischöflichen Generalvikariat in Trier. Zurzeit wird versucht, auf andere Weise Abhilfe zu schaffen. An der im Moment etwas scheckigen Wetterseite kann man es ablesen: Großflächig werden zwei unterschiedlich hydrophob eingestellte Fugenmörtel getestet (Bild 11). Beide Testmörtel sind farblich noch etwas »daneben«. Doch das zu korrigieren dürfte das kleinere Problem sein. Im Laufe des Sommers sollen den Tests Taten folgen. Die Wetterseite wird neu verfugt. Und da im Laufe der Jahre nicht nur Mörtel herausgebröselt ist, wird auch der eine oder andere Ziegel ersetzt werden müssen. Man kann nur hoffen, dass diese – sicher längst überfällige – Behandlung der »kariösen« Wandflächen dazu beiträgt, St. Willibrord trotz Schlagregen in Ehren alt werden zu lassen. •
Literaturverweis: db 9/1992, S. 91-98: Schwachstellen, Detailprobleme – Beispiel: Massiver Sichtmauerwerksbau