Kirche Saint Pierre in Firminy-Vert

Spätzünder

Die Fertigstellung von Kulturhaus, Stadion und Wohnhochhaus hatte er noch erlebt, die Kirche sollte den Abschluss bilden. Doch bevor er sich an die Konkretisierung der Pläne machen konnte, starb Le Corbusier 1965. Die Vollendung des skulpturalen Betonbaus nach seinen Skizzen und Studien zog sich bis ins Jahr 2006.

  • Architekten: Le Corbusier, José Oubrerie Tragwerksplaner: André Accetta, BET Rabeisen
  • Text: Roland Pawlitschko Fotos: Allard van der Hoek
Die Kirche St. Pierre in Firminy ist zweifellos eine architektonische Ausnahmeerscheinung. Erstens, weil sie sich im Spannungsfeld zwischen zartgliedriger Lichtdramaturgie und betonierter Archaik als Sakralraum von bemerkenswerter Sinnlichkeit offenbart. Und zweitens, weil sie als »historischer Neubau« wie kaum ein anderes Bauwerk zur Diskussion von Glaubensfragen in der Architektur geeignet ist. Debattiert wird insbesondere der Bereich zwischen der legitimen Huldigung des baukünstlerischen Genies von Le Corbusier und dem Vorwurf, dieser Kirchenbau fungiere lediglich als seelenlose Markenarchitektur nach dem Bilbao-Modell.
Wissenschaftliche Arbeiten werden noch abschließend klären müssen, ob der am 24. November letzten Jahres eingeweihte Kirchenbau im Sinne der 1964 in Venedig aufgesetzten Charta über den Umgang mit Baudenkmälern als authentisch bezeichnet werden kann. Oder ob er – wie ein ›
› Kritiker anmerkte – lediglich ein »1:1-Modell eines nicht realisierten Projekts« ist. Wie auch immer. Wesentlich faszinierender wäre es ohnehin gewesen, die Kirche als sechs Meter hohen Torso zu erhalten. Gerade so, wie er 1978 nach achtjähriger Bauzeit im Rohbau aufgegeben wurde: unvollendet und doch bereits im Verfall begriffen. Als stummer Zeuge einer bizarren Geschichte, die damit begann, dass die katholische Kirchengemeinde Le Corbusier am 12. Januar 1965 den vier Jahre zuvor erteilten Planungsauftrag entzog und sich unwiderruflich als Bauherr und Nutzer verabschiedete – nachdem sich der Architekt standhaft geweigert hatte, den Standort der Kirche wegen teurer Gründungsarbeiten im Fels zu verschieben.
Ein halbes Jahr später ertrank Corbusier im Mittelmeer. Dennoch kam es am 28. Mai 1970 zur feierlichen Grundsteinlegung, womit unwillkürlich die Frage aufgeworfen wurde, welchen Sinn es ergibt, eine Kirche mit eingegliedertem Gemeindezentrum zu errichten, die weder den Segen der Diözese noch eine Kirchengemeinde hat und deren geistiger Vater obendrein tot ist. Allerdings ging es in Firminy keineswegs allein um ein Kirchengebäude, sondern auch um das kulturelle und soziale Herz des neuen Stadtteils Firminy-Vert. Im größten Ensemble von Le Corbusier-Bauten in Europa – einem Jugend- und Kulturzentrum (1955–65), einer Unité d’habitation (1959–67) und einer Stadiontribüne (1955–68) – sollte die Kirche St. Pierre den alles krönenden Abschluss bilden. »Ich fühle mich mehr denn je an dieses Werk gebunden und ich kann von jetzt an nichts dringlicher erwarten als den Beginn des Baues, zur größten geistigen Freude aller«, schrieb der Architekt kurz vor seinem Tod. Ähnlich erwartungsvoll war auch Eugène Claudius-Petit (1907–89), der damalige Bürgermeister der knapp 20 000 Einwohner zählenden Kleinstadt. Schon bei seiner Wahl im Jahr 1953 hatte er die Vision, die düstere Industrie- und Kohlestadt siebzig Kilometer südwestlich von Lyon von Grund auf zu erneuern und um eine nach den Grundsätzen der Charta von Athen geplante Stadterweiterung zu vergrößern. Vergab er die städtebauliche Planung an, aus heutiger Sicht, namenlose Architekten, so spielte er den Entwurf des neuen Zentrums seinem alten Freund Le Corbusier zu. Ihn hatte er bereits als Wiederaufbauminister beim Bau der ersten Unité d’habitation in Marseille (1945–52) kennengelernt und mit Leidenschaft unterstützt.
1971 wurde Claudius-Petit als Bürgermeister abgewählt und damit zugleich das Ende der persönlichen Protektion des Bauvorhabens eingeläutet. Zudem begann die Euphorie um Le Corbusiers Werk in Firminy abzukühlen. So musste etwa die ganze nördliche Hälfte der Unité mit rund 200 Wohnungen wegen akuten Mietermangels und massiver Vandalismusprobleme zeitweise geschlossen werden. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Vollendung der Kirche auf breites Desinteresse stieß. Hinzu kam, dass sämtliche Spendenaufrufe der als Bauherr eingesetzten »Association Le Corbusier pour l’église de Firminy-Vert« mehr oder weniger ungehört verhallten, so auch jener, der im September 1984 in der deutschen bauzeitung erschien. Von O. M. Müller wurden die Leser damals geradezu beschworen: »Bedarf es – so ist heute, mehr als zehn Jahre nach dem Tode Le Corbusiers, zu fragen – in dem vorbildlichen Stadtteil Firminy-Vert nicht eines Ortes, zu dem die Menschen sich zurückziehen können, um den Wert der Stille und die Werke des Geistes zu finden?«. Dabei hätte es kein symbolischeres Sinnbild für Poesie und Kontemplation geben können als gerade den unvollendeten Betonstumpf. Durch die zugemauerten Fensteröffnungen erschien der Torso von außen zwar abweisend und hermetisch. In seinem Inneren hingegen befand sich schon damals die faszinierende Welt der beiden räumlich subtil verzahnten Sockelgeschosse des Gemeindezentrums. Und darüber lagen die betonierten Sitzreihen und die geschwungene Empore des Kirchenraumes schutzlos unter freiem Himmel. Im Gegensatz zu den leuchtenden Sakralbauten in Ronchamp und La Tourette kauerte St. Pierre als mystische Bauruine im Gras.
Im März 2004 kam es schließlich zur Wiederaufnahme der Bauarbeiten. Wie schon bei allen früheren Bauetappen oblag deren Leitung auch diesmal José Oubrerie, einst als Mitarbeiter Le Corbusiers am Entwurf ›
› der Kirche beteiligt, heute Architekturprofessor in Columbus Ohio. Zuvor wurde der Landkreis Saint-Etienne als neuer Eigentümer und Bauherr eingesetzt, die Finanzierung unter anderem mit Mitteln der EU gesichert und eine neue Nutzung gefunden. Nächstes Frühjahr wird dort eine Außenstelle des Museums für moderne Kunst St. Etienne eröffnet.
Würdig und Fragwürdig
Der Kirchenraum selbst blieb gegenüber der ursprünglichen Planung Le Corbusiers unverändert, seine heutige Einrichtung entspricht voll und ganz der ursprünglichen Bestimmung als Sakralraum. Nicht zuletzt deshalb kam der Architekturhistoriker Gilles Ragot, der die Kirche für die Pariser Le Corbusier-Stiftung untersuchte, wohl zu folgendem Schluss: »Allen Bedenken gegenüber eines posthumen Bauwerks bezüglich Authentizität und Ethik zum Trotz muss man feststellen: (…) Die Kirche selbst ist von einer Qualität und räumlichen Originalität, die in den größten Werken von Le Corbusier und im modernen Kulturgut zu finden sind.« Und tatsächlich entdeckt man im Kirchenraum jenes für Corbusier typische und unvergleichliche Spiel der Formen, Farben und des Lichts – nicht aber eine Seele. Diese hatte das Kirchenprojekt bereits am 12. Januar 1965 verlassen, als die Gemeinde ihr Gotteshaus aufgab und es sich daraufhin in ein sinnentleertes Raumkunstwerk verwandelte. Der unvollendete Torso mit all seinen metaphysisch-ästhetischen Reizen war betongewordener Zeuge dieser zwiespältigen Vergangenheit und als solcher überaus eindrucksvoll und authentisch. Dagegen wirkt der Neubau, der nie eine Kirche war und auch nicht sein wird, lediglich wie eine Attrappe, bis hin zum Kreuz auf dem Dach. Aus dem Entwurf Le Corbusiers und seiner Vision für die Gläubigen von Firminy wurde eine Kulisse, die als zentrale Anlaufstelle für die jährlich erwarteten 100 000 Touristen fungieren wird, wenn die Kirche – wie auch alle anderen Corbusier-Bauten in Firminy – erst einmal auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste steht. •
  • Auftraggeber: Saint-Étienne Métropole Architekt: José Oubrerie, Columbus (USA) Projektleitung: Aline Duverger und Yves Perret, Saint-Étienne (F), mit Romain Chazalon, Saint-Étienne (F) Tragwerksplanung (Rumpf): André Accetta, Nîmes (F) Tragwerksplanung (Hochbau): BET Rabeisen, Saint-Étienne (F)
  • Beton: Der Betonstumpf erwies sich als überraschend gut erhalten und voll tragfähig, so dass der mächtige Betonhut aus selbstverdichtendem Beton – gewöhnliche Methoden der Betonverdichtung waren wegen der geneigten Flächen unmöglich – unmittelbar auf die Ruine aufgesetzt werden konnte. Um die Anschlussbewehrung freizulegen, mussten umlaufend sechzig Zentimeter Beton vom bestehenden Dachansatz abgemeißelt werden. Der Rest des Rohbaus wurde lediglich saniert und an heutige bauphysikalische und haustechnische Standards adaptiert. So wurden etwa die Außenwände des Gemeindezentrums durch innenseitige Aufdopplung nachträglich kerngedämmt und ein behindertengerechter Aufzug eingebaut.