Bootshaus in Viljandi (EST)

Sensible Bootsbasis

Die Bauaufgabe ist denkbar klein, ebenso das Budget. Dennoch ist es einem jungen Büro aus Tallinn gelungen, aus einer profanen Garage für Rennboote einen attraktiven Aufenthaltsort am Wasser zu machen, der den Übergang vom Land ins Wasser thematisiert und mit seiner skulpturalen Kraft ein selbstbewusstes Zeichen gegenüber der weithin sichtbaren Burgruine oberhalb des Sees setzt.

~Aus dem Englischen von Dagmar Ruhnau

  • Architekten: PAIK arhitektid Tragwerksplanung: AS YIT Ehitus
  • Kritik: Visvaldis Sarma Fotos: Erik Konze, Arne Maasik u. a.
Menschen sind es zumeist gewohnt, ihre Umwelt durch die Brille gängiger Lehrmeinungen zu betrachten. So werden architektonische Werke gerne unwillkürlich in zwei grundlegende Gruppen aufgeteilt: rationale, verständliche und eher irrationale Schöpfungen – wobei letztere meist mit der Klasse der »feinen Leute« assoziiert werden. 1899, als Thorstein Veblen »The theory of the leisure class« veröffentlichte (deutsch: Theorie der feinen Leute, Fischer 2007), gehörten Ruderclubs definitiv zu dieser Gruppe; Bauten, die jener Teil der Gesellschaft nutzt, für den sinnvolle Tätigkeiten keine dauerhafte Notwendigkeit sind. In herrlichen Formen und an besonders schönen Stellen eines malerischen Ufers gelegen, waren sie (und sind es als kollektive Vorstellung nach wie vor) typische Beispiele für die Ignoranz gegenüber dem sozialen Umfeld, ganz allgemein und besonders auch in architektonischer Hinsicht.
Beim Ruderclub der estnischen Stadt Viljandi liegt der Fall bemerkenswert anders – seine Architektur wird auch ohne Anleitung unmittelbar verständlich und nimmt klare Bezüge zum umgebenden Raum auf. Er wurde 2008, noch zu Zeiten des wirtschaftlichen Booms gebaut, weist aber keine der architektonischen Charakteristika dieser weltweit für ihre kontextlosen Wunderwerke bekannten Zeit auf. Stattdessen hat er den Anspruch, in jeder Hinsicht adäquat zu sein – für die Bedürfnisse der Nutzer, in den Nutzungsmöglichkeiten, in seinem Bezug zur Umwelt, seinen Ausdrucksformen und dem verwendeten Material.
Gruss aus der Metropole
Viljandi, eine gepflegte Kleinstadt im Süden Estlands, liegt weitab der betriebsamen Zentren und führt ein eher beschauliches Leben. Außer für verschiedene kulturelle Einrichtungen ist es für eine Rudermannschaft auf olympischem Niveau bekannt. Nach einem Architekturwettbewerb im Jahr 2007 und langen öffentlichen Diskussionen (die angesichts der Architektursprache des Entwurfs an diesem speziellen Ort dann doch eher kurz ›
› erscheinen) wurde das Projekt von PAIK arhitektid aus Tallinn genehmigt und im Frühherbst 2008 der Grundstein des neuen Ruderclubs gelegt. Die Räumlichkeiten liegen direkt am Ufer, die Slip-Rampen, von denen aus die Boote zu Wasser gelassen werden, scheinen knapp über der Wasseroberfläche zu schweben – Kunststoffelemente lassen sie auf der Wasseroberfläche schwimmen –, wider Erwarten nicht parallel, sondern senkrecht zu den Ufern des schmalen Sees. Die Komposition der Anlage bekommt dadurch eine eigene Dynamik und erscheint auch aus der Ferne als reizvoller Blickfang. Dennoch relativiert sich die auffällige Platzierung durch den dahinter liegenden Burghügel, auf dem sich die beeindruckenden Reste einer Festung aus dem 13. Jahrhundert befinden.
Die Architekten betonen, dass dies nicht in ihrer Absicht lag, doch geriet die Ähnlichkeit von Silhouette und Form der Ruinen mit dem Clubgebäude offensichtlich – gerade noch zurückhaltend genug, denn die leichte und transparente Konstruktion korrespondiert durch vernünftig gewählte Proportionen und Materialien mit der Umgebung.
Aus der nahen Stadt, die ein paar hundert Meter landeinwärts am Seehang liegt, ist der Club hinter einem Hügel nur zum Teil, an seiner Dachlandschaft und vier (!) wehenden estnischen Flaggen, zu erkennen. Einträchtig bestehen hier Angelboote und typische ländliche Bootsstege auf der einen Seite und endlose Binsenflächen auf der anderen nebeneinander. ›
› Selbst der Zaun ist als Fortführung der Dachlinien durchgestaltet und lässt sich in seiner klaren Komposition mehr als eine Caprice eines Hauptstadtarchitekten als ein Instrument der Sicherung verstehen – wenn es das überhaupt sein soll, denn die Ruhe, die hier herrscht, scheint echt zu sein und zeugt vom gegenseitigen Vertrauen der Bürger. Dieses Gefühl wird verstärkt durch die Abwesenheit von Informationsschildern am Gebäude, das Raum für Boote und anderes Rudermaterial bietet, für Werkstätten und Aufenthaltsräume der Sportler, und das sich ganz natürlich zu den schwimmenden Rampen hin entwickelt.
Aus unmittelbarer Nähe wirkt das Clubhaus mehr wie eine Skulptur als wie ein Gebäude mit spezifischer Funktion – vielleicht noch wie ein Aussichtsturm oder eine Kletteranlage. Dennoch überschätzten die Architekten weder ihre eigene Fähigkeit, ihr neodekonstruktivistisches Repertoire kontrolliert einzusetzen, noch die der Einwohner, es zu verstehen und zu akzeptieren. Sie bremsten ihren kreativen Tatendrang an genau dem Punkt ab, wo der Zusammenhang zwischen fraktalen Formen, abfallenden Flächen und dem Rhythmus der diagonalen Linien noch ohne besondere Erklärungen verständlich ist und als organische Architektur gelten kann.
Grob gesägte, mit natürlichem transparenten Öl eingelassene Holzbretter, verzinkte Verbindungen im Tragwerk und Polycarbonatplatten in Fenstern und Türen bilden einen reizvollen Kontrast zu den Edelstahlelementen an jenen Stellen, die man anfassen muss – Geländer, Rahmen, Gitterroste. Die einfachen Lösungen folgen der konstruktiven Logik und sind auf einem so hohen Niveau entwickelt, dass man nicht mehr von »günstig« oder »billig« sprechen darf. Allerdings wirken die wenigen glänzenden Glasscheiben in den Brüstungen zum Wasser hin in diesem sonst so harmonischen Ensemble wie aus einem anderen Projekt hierher versetzt.
Nach etwas mehr als einem Jahr hat sich bereits eine prächtige silbergraue Patina auf dem hölzernen Baukörper gebildet. Hoffentlich erkennen die Clubmitglieder darin und in den neben dem Bau nistenden Wildenten einen zusätzlichen Wert für die Rudertradition und nicht das drohende Vergehen der »gloria mundi«. Doch erst wenn auch Angler ihre Boote an den Slips festmachen können, ist der Ruderclub wirklich in Viljandi angekommen und kein Ableger der Hauptstadt mehr – dann auch mit vier Flaggen. •
  • Adresse: Ranna puiestee, 71020 Viljandi (EST) Architekten: PAIK arhitektid, Tallinn – Indrek Järve, Lauri Saar, Toomas Paaver Mitarbeiter: Jaak-Adam Looveer, Tõnu Laanemäe Tragwerksplanung: AS YIT Ehitus, Tallinn, Dea Kuldorg Nutzfläche: 600 m² Baukosten: 500 000 Euro Bauzeit: Juni 2008 bis Januar 2009
  • Beteiligte Firmen: Bauausführung: AS YIT Ehitus, Tallinn, www.yit.ee Schwimmkörper: Top Marine, Saue, www.yit.ee

  • Viljandi (EST) (S. 46)
    PAIK Arhitektid Toomas Paaver 1976 in Tartu geboren. 2003 Master in Architektur und Städteplanung an der Estnischen Kunstakademie. 2006 Gründung von PAIK.
    Jaak-Adam Looveer 1977 in Tallinn geboren. 2003 Master in Architektur und Städteplanung an der Estnischen Kunstakademie. 2006 Gründung von PAIK.
    Tõnu Laanemäe 1977 in Pärnu geboren. 2003 Master in Architektur und Städteplanung an der Estnischen Kunstakademie. 2006 Gründung von PAIK.
    Indrek Järve 1973 in Tallinn geboren. 2001 Master in Architektur und Städteplanung an der Estnischen Kunstakademie. 2006 Gründung von PAIK.
    Lauri Saar 1973 in Pärnu geboren. 2003 Master in Architektur und Städteplanung an der Estnischen Kunstakademie. 2006 Gründung von PAIK.
    Visvaldis Sarma 1963 geboren. 1982-89 Architekturstudium am Polytechnikum Riga. Seit 1993 eigenes Büro Sarma & Norde. 2007-08 Masterstudium an der TU Riga, seitdem dort Doktorand und Dozent.