Seestern mit Bullaugen

Handgefertigte Backsteine und im strengen Raster angeordnete Reihen tönerner Fensterlaibungen prägen das Erscheinungsbild der Tagesstätte, die sich als eigenwilliger Ort in der Parklandschaft behauptet. Aus dem Spiel zwischen großem Volumen und kleinteiligen Elementen, rigider Ordnung und rauem Stein ist eine lebendige Fassade entstanden, die ihren Hautcharakter selbstbewusst zur Schau stellt.

  • Architekten: Architectenbureau Marlies Rohmer Tragwerksplanung: Adams Bouwadviesbureau BV
  • Text: Anneke Bokern Fotos: Daria Scagliola und Stijn Brakkee, Luuk Kramer
Direkt hinter den Dünen, am südlichen Rand des niederländischen Seebads Noordwijk, liegt ein großer Campus mit Wohnungen und Einrichtungen für Geistigbehinderte. Auf einem 55 Hektar großen Areal ist dort über viele Jahrzehnte hinweg ein komplettes Dorf entstanden, dessen Gemeinschaftsbauten und Bungalows teils auf der grünen Wiese, teils im Wald verstreut stehen. Gegründet wurde es 1924 von der christlichen Stiftung ’s Heeren Loo, die diesen Ort wegen der gesunden Seeluft, aber auch wegen seiner abgeschiedenen Lage auswählte und die Kolonie nach ihrem Stifter Willem van den Bergh benannte.
So schön die landschaftliche Lage der Kolonie ist, hat sich seit ihrer Gründung im Umgang mit Behinderten glücklicherweise einiges geändert. Glaubte man damals noch, dass Geistigbehinderte möglichst vom Rest der Bevölkerung getrennt ›
› leben sollten, ist nun Integration das Stichwort, und im Falle der Willem van den Bergh Stiftung sogar »umgekehrte Integration«. Bis 2012 sollen deshalb zwei Drittel der ursprünglich 1400 Bewohner in normale Wohngebiete umgesiedelt, ein Großteil der Gebäude abgerissen und im Gegenzug 500 Wohnungen für Nicht-Behinderte auf dem Campus errichtet werden. Auch die Willem van den Bergh Stiftung wird auf dem parkähnlichen Gelände noch einige Neubauten erhalten.
Den Masterplan für die Neuentwicklung haben Claus en Kaan Architecten aus Amsterdam entwickelt. Im Plan war unter anderem ein neues Tagesheim für fünfzig Menschen vorgesehen, das Claus en Kaan als kubischen Solitär, in verdrehtem Winkel zur umliegenden Bebauung, am Südwestrand des Geländes platzierten. Mit der architektonischen Ausarbeitung des Gebäudes mit dem Namen »De Zeester« (»Der Seestern«) wurde das Architekturbüro Marlies Rohmer aus Amsterdam beauftragt. Das Budget hierfür betrug etwa 1,5 Mio. Euro und lag damit für niederländische Verhältnisse im Mittelfeld.
ziegelkubus mit Rosetten
Rohmer hat die kubische Grundform in einen ebenso kompakten wie verspielten Backsteinbau übersetzt. Wie eine kantige Skulptur thront das überraschend kleine, fast pavillonartige Gebäude auf der Wiese und zieht mit seiner von Bullaugen durchlöcherten Haut alle Blicke auf sich. Zwischen gesichtslosen Bungalows aus der Nachkriegszeit und einem wenig inspirierten neuen Wohnkomplex gelegen, ist es das expressivste Bauwerk weit und breit. Seine plastische Wirkung ist neben der auffälligen Bullaugenhaut aber auch der Behandlung des Volumens zu verdanken: Aus dem zweigeschossigen Kubus hat Rohmer alle Ecken herausgeschnitten und dort auf beiden Stockwerken die Außenräume angeordnet. Dabei ist ein symmetrisches, allseitiges Objekt herausgekommen, das von der ästhetischen Spannung zwischen Kreuzform und Punktmuster profitiert – und angenehm wenig institutionell aussieht. Mit typischer niederländischer Pflegeheim-Architektur hat das robuste kleine Bauwerk jedenfalls kaum etwas gemeinsam.
Im Inneren der Tagesstätte befindet sich ein breiter Erschließungsraum, der vom Foyer in eine tribünenartige ›
› Treppe übergeht und hinter einer Glastür in der Kantine im Obergeschoss endet. Um diesen herum liegen auf beiden Geschossen jeweils hufeisenförmige Erschließungsflure, von denen man Räume für verschiedene Aktivitäten – Kerzenzieherei, Bastelräume, Ruheräume, Bäder, Therapieräume – betritt, die alle mit Niedrigenergie-Fußbodenheizung ausgestattet sind. Die Flurwände wurden besonders dick ausgeführt und nehmen zum Teil Einbauregale und Teeküchen auf. Da die Erfahrung lehrt, dass gerade Behinderteneinrichtungen räumlich flexibel sein müssen, um bei Bedarf an veränderte Therapiemethoden und andere Entwicklungen angepasst werden zu können, wurde der Konstruktion des Gebäudes ein Stützenraster von 7,20 Meter zugrunde gelegt. Dadurch kann die räumliche Einteilung im Inneren variiert werden, sind aber auch An- und Umbauten relativ einfach zu bewerkstelligen und, so hofft man, wird die Lebensdauer des Gebäudes verlängert. Spannender als die innere Einteilung des Gebäudes ist jedoch der Umgang mit den Öffnungen und die Wahl des Materials der Fassade. Das einzige große Fenster befindet sich dort, wo der Erschließungsraum im Obergeschoss in die Kantine übergeht und die Fassade berührt. Sonst gibt es nur die Glastüren, die auf die Terrassen und Dachpatios führen sowie natürlich die Bullaugen, die das gesamte Gebäude überziehen, inklusive der hohen Brüstungen der Dachpatios. Dafür, die Außenräume innerhalb des Gebäudevolumens unterzubringen, gab es einen guten Grund: Da einige der Tagesgäste das Gebäude nicht ohne Begleitung verlassen dürfen, ihnen jedoch auch ein Zugang nach außen ermöglicht werden sollte, konnte durch die ins Obergeschoss gelegten Patios auf absperrende Zäune rund um die Tagesstätte verzichtet werden.
lehmVariationen: Backstein und »Blumentöpfe«
Zur Abtrennung der ebenerdigen Terrassen vom öffentlichen Raum haben die Architekten »höchstens einen transparenten Maschendrahtvorhang« vorgesehen. Momentan hat die Willem van den Bergh Stiftung offenbar andere Prioritäten und hat die Terrassen zeitweise mit billigen, nostalgisierenden Holzzäunen aus dem Baumarkt verunziert.
Das ist schade, denn eigentlich sah der Entwurf vor, dass die Landschaft bis unter die Auskragungen fließen sollte, was die ohnehin objekthafte und monolithische Wirkung des Gebäudes noch verstärken würde. Aber auch so ist bemerkenswert, dass die gesamte Haut des Baus im Grunde aus einem einzigen Material, nämlich Lehm in unterschiedlichen Verarbeitungsformen besteht. Die Fassaden sind mit einem schrundigen, handgefertigten, und dadurch leicht unregelmäßigem dunklen Backstein verkleidet. Darüber sind in einem gleichmäßigen Raster die insgesamt 275 Bullaugen verteilt. Sie wurden in tiefe, dicke Rahmen aus glasierter Keramik gefasst, deren Farbton von Karamell bis Ziegelrot changiert und sich in das lebendige Farbspiel der Backsteine einfügt (siehe hierzu auch Detailbogen, Seite 105).
Passend zur Funktion des Gebäudes, wurden diese »Rosetten«, die an Blumentöpfe ohne Böden erinnern, von behinderten Angestellten des niederländischen Keramikproduzenten Cor Unum von Hand hergestellt. Im Hinblick auf den Namen des Gebäudes könnte man sie auch als Saugnäpfe des Seesterns interpretieren; gleichzeitig sehen die Bullaugen aber auch ein bisschen wie dicke Brillengläser aus. Sie gewähren den Benutzern auch auf Rollstuhlniveau zahlreiche Ausblicke, ohne dass die Außenwelt dabei zuviel Einblick in das Gebäude bekäme. Obwohl es außen sehr geschlossen wirkt, erweist es sich im Inneren dank der Rosetten, der Terrassen und eines großen Oberlichts über der Treppe als erstaunlich lichtdurchflutet.
Dort, wo die perforierte, irdene Haut des Gebäudes ›
› aufgeschnitten wurde, also bei den Terrassen, wurden die Schnittflächen mit weißen Gipskartonplatten verkleidet. Das schmälert die monolithische Wirkung zwar ein wenig, betont dafür aber den Membran-Charakter der Fassade, die sich so, trotz ihres augenscheinlich massiven Materials, als dünne Verkleidung zu erkennen gibt. Ähnliches geschieht bei den Brüstungen vor den Dachpatios, wo man unvermutet von außen durch die Bullaugen hindurch in den Himmel sehen kann. Zur Spannung zwischen Kreuzform und Punktmuster kommen so weitere Kontraste zwischen schwer und leicht, massiv und dünn, handwerklich und abstrakt, uniform und nuanciert, innen und außen hinzu.
Ein Störfaktor in dieser Balance ist allerdings der Eingang des Gebäudes. Während der gesamte Bau eine abstrakt-moderne Formensprache spricht, wurde dort ein trichterförmig abgetrepptes Portal eingefügt, das sehr an die Art-Deco-Architektur der dreißiger Jahre erinnert. Es bringt ein kleinmaßstäbliches, historisierendes Element in das maßstabslose, abstrakte Volumen, das dadurch etwas von seiner Wirkung einbüßt. Eine schlichtere Lösung, die ein Pendant zum großen Fenster in der gegenüberliegenden Fassade gebildet hätte, hätte dem Seestern besser gestanden. •
  • Bauherr: s‘ Heeren Loo West Nederland Willem van den Bergh Stiftung, NoordwijkArchitekten: Architectenbureau Marlies Rohmer, Amsterdam Projektarchitektin: Marlies Rohmer Mitarbeiter: Floris Hund, Joost Mulders, René van Zoeren, Klaas Nienhuis Projektkoordination: Michiel van Pelt Tragwerksplanung: Adams Bouwadviesbureau BV, Druten Landschaftsarchitekten: Niek Roozen, Weesp Innenarchitektur: Architectenbureau Marlies Rohmer, Amsterdam Beratende Ingenieure: Caelum Energiemanagement, Zevenaar Bauunternehmen: Bouwonderneming Stout BV, Hardinxveld-Giessendam Fertigstellung: Oktober 2007 Baukosten: 1,5 Mio. Euro (netto)
  • Beteiligte Firmen: Keramikrosetten (nach einem Entwurf von Marlies Rohmer): Cor Unum, ‘s-Hertogenbosch, NL, www. corunum.com Ziegel (Fassade), handgefertigt: Steenfabriek Vogelensangh, Deest NL, www. vogelensangh.nl Holzböden, -wandpaneele und -decken (Bambus): Moso Bamboo, Zwaag NL, www. moso.nl
1 Gruppenräume 2 Ruheräume 3 Teeküche 4 Terrasse/Patio 5 Isolierzelle 6 Schlafräume 7 Büro 8 Personalraum 9 Küche 10 Restaurant 11 Kerzenzieherei 12 Große Halle