… in die Jahre gekommen

Seebad Enge in Zürich

Mit einer Betonkonstruktion interpretierte Robert Landolt vor rund 50 Jahren den Züricher Typus des traditionell aus Holz gebauten Kastenbades neu. 2004 wurde das vom Ufer abgerückt im Zürichsee schwimmende Seebad Enge vom Architekturbüro Meier Hug um eine Sauna erweitert. Dank dem Engagement eines jungen Betreiberteams wandelte sich die schlecht besuchte und um ein Haar stillgelegte Anlage ganzjährig zu einem beliebten innenstadtnahen Treffpunkt auf dem Wasser.

Kritik: Claudia Moll Fotos: Markus Frietsch; Roman Keller

Dass an Christi Himmelfahrt schönes Wetter ist, wünschen sich fast alle Bewohner Zürichs. Nicht weil der Feiertag in der Zwinglistadt speziell begangen würde, sondern weil dann die Badeanstalten – im Volksmund liebevoll »Badi« genannt – zur Badesaison ihre Tore öffnen. Insgesamt zehn See- und Flussbäder liegen zentral in der Stadt und sind so fester Bestandteil des sommerlichen Alltags: Bei Sonnenaufgang bieten die einen Yogastunden an, über Mittag genießen Geschäftsleute vor oder nach dem Bad ein leichtes Mittagessen vom badieigenen Kiosk, nach Schulschluss übernehmen Kinder und Jugendliche das Zepter und abends wandeln sich einige der Anlagen zu Bars, Kulturbühnen oder zum Markt der kreativen Szene.
Beliebter Aufenthaltsort junger Städter ist das ganzjährig geöffnete Seebad Enge. In der kalten Jahreszeit lockt es v. a. mit seiner Sauna. Daneben findet hier eine Vielzahl von Veranstaltungen mit Blick auf See und Alpenpanorama statt: Konzerte, Lesungen und Barbetrieb, der Ort ist für private Anlässe zu mieten und fungiert ab und zu auch als Restaurant. Entstanden ist die zweigeteilte Anlage 1959/60 nach den Plänen des Züricher Architekten Robert Landolt (1907-2004). Sie ersetzte zwei hölzerne Kastenbäder, eine Frauen- und eine Männerbadeanstalt, in unmittelbarer Nähe aus dem Jahre 1888. Beide verschwanden 1958; Abbruch und Neubau standen im Zusammenhang mit diversen, durch die Gartenbauausstellung G|59 initiierten Planungen entlang des Seebeckens. ›
› Die Badi Enge liegt vom Ufer abgerückt im Wasser und ist über einen 30 m langen Steg erreichbar. Die große Distanz zum Ufer war Bedingung – der Neubau durfte die Aussicht vom dahinter liegenden Arboretum nicht beeinträchtigen –, machte jedoch die Fundierung auf Pfählen unmöglich. Stattdessen ließ der Architekt an Land zwei Betonwannen gießen und als oberen Abschluss eine Bodenplatte aus Beton für die leichten Aufbauten darauf setzen. Auf Schienen gelangten die beiden abgedichteten Schalen ins Wasser und seitliche Tanks wurden dann so weit mit Beton gefüllt, dass die Konstruktion bis zur Bodenplatte ins Wasser eintauchte und waagerecht lag. Erst dann entstand darauf je ein filigraner Pavillon aus weißen Stahlstützen und Holzpaneelen. Diese dienen als Wind- und Sichtschutz und beherbergen neben den Umkleiden je einen kleinen Kiosk. Eisenketten verankern die Betonwannen im Grund. Wie alle anderen Elemente schwimmen sie im Wasser. Die Badeanstalt ist dadurch unabhängig von möglichen Schwankungen des Wasserstands und kann somit stets die größtmögliche Nähe zur Wasseroberfläche bieten. Seeseitig sind den Pavillons Holzdecks vorgelagert und davor wiederum über Stege erreichbare, ebenfalls hölzerne Plattformen, in deren Mitte jeweils ein von Metallstäben und einem Gitterrost abgegrenztes Nichtschwimmerbecken eingelassen ist. Von hier aus führen Treppen in den See.
Badewonnen unter wirtschaftlichem Druck
Die Tradition der Zürcher Badeanstalten ist im ausgehenden 19. Jahrhundert verwurzelt. Der industrielle Aufschwung der Schweizer Metropole brachte ab den 1850er Jahren einen Anstieg der Stadtbevölkerung mit sich, schlechte hygienische Bedingungen in der stark wachsenden Innenstadt, Typhus- und Choleraepidemien waren die Folge. Ausschließlich aus Gründen der Volksgesundheit, forderten nun Vertreter der aus der Not entstandenen Hygienebewegung öffentliche Bäder in den natürlichen Gewässern. Zwischen 1883 und 1896 entstanden acht Badeanstalten, fast alle waren Kastenbäder: einfache, auf Pfählen im Wasser stehende Holzbauten. Sie waren streng nach Geschlecht und Altersklasse getrennt. Das Wort Kastenbad bezeichnet den baulichen Umstand, dass ein Kranz aus hölzernen Umkleide- und Einzelbadekabinen die im Inneren liegenden Badebecken im See- oder Flusswasser von außen abschließt.
Aber nicht nur der industrielle Aufschwung veränderte das Gesicht Zürichs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ende der 1880er Jahre wandte sich die Stadt, die entlang der Limmat gewachsen war, erstmals dem See zu: Mit dem Aushubmaterial vom Tunnelbau am Gotthard ließ der Stadtingenieur Arnold Bürkli die neuen Kaianlagen aufschütten – ein zusammenhängendes Band öffentlichen Grüns entlang des Seebeckens. Die neuen Bäder sollten den Blick nicht verbauen und wurden darum im Wasser und nicht am Ufer errichtet. Zu den Kastenbädern gesellten sich im Laufe der Jahre weitere Badeanstalten: Strand- und Parkbäder sowie Wasser-, Luft- und Sonnenbäder zeugen von den gewandelten Auffassungen in Sachen Körperkultur des frühen 20. Jahrhunderts. In den 60er und 70er Jahren entstanden als Schlusspunkt der Entwicklung Freibäder in den Außenquartieren als Teil größerer Schul- oder Sportanlagen. Nach und nach wandelten sich die Badis zu einem Züricher Kulturgut. Dass sie über alle Jahre genutzt werden konnten ist zum einen das Verdienst der Stadtverwaltung, die sie laufend erhielt und stets finanziell subventionierte, zum anderen der guten Wasserqualität des Zürichsees zuzuschreiben.
Aufgrund von Sparzwängen sah sich die Stadt in den 90er Jahren jedoch gezwungen, einige Badeanstalten zu schließen, darunter die vor dem Hafen Enge. Sie verzeichnete geringe Besucherzahlen und war – nicht zuletzt wegen der immer noch praktizierten Aufteilung in einen Männer- und einen Frauenteil – nicht wirtschaftlich. Der Entschluss provozierte in der Bevölkerung einen Sturm der Entrüstung und die öffentliche Hand verlegte sich auf eine flexible Betriebsführungsstrategie: Private sollten die Bäder übernehmen und bekamen grünes Licht, das Angebot weit über den Badebetrieb auszuweiten. Dies auf eigene Kosten und ohne jegliche Subventionen der Stadt. 1999 übernahm ein engagiertes Team – drei Architekten und ein Jurist, die sich unter dem Namen Tonttu [1] zusammenfügten – das stark defizitäre Seebad. Die Stadt erließ ihnen für die ersten zehn Jahre die Miete, seit 2009 erhebt sie einen Zins von 50 000 Franken pro Jahr.
Einerseits aus wirtschaftlichen, andererseits aus ideellen Gründen einigten sich die neuen Betreiber bald auf die Erweiterung zu einem ganzjährigen Angebot. Dazu musste die Anlage zuerst wintertauglich gemacht werden. Heute garantiert eine Wärmepumpe die Warmwasserversorgung. 2002 konnte der Saunabetrieb in provisorisch eingebauten Schwitzkabinen aufgenommen werden. Zeitgleich baute das junge Team eine Gastroküche ein. Die darin frisch zubereiteten, leichten Mahlzeiten sollten mehr Gäste anlocken, zusätzlich konnte hier das Essen für die Abendveranstaltungen produziert werden. Das sich in einem schlechten Zustand befindende Flachdach erneuerte die Stadt 2004, die sanitären Installationen zwischen 2008 und 2010 – die einzigen Sanierungen, die der Vermieter übernahm.
Der große Erfolg, den die Sauna am See hatte, bewog die vier Betreiber zu ihrer bislang umfangreichsten Investition: dem Einbau einer Sauna nach finnischem Vorbild im Herbst 2004. Verantwortlich zeichnete das Züricher Architekturbüro Meier Hug, dessen Entwurf durch seine Schlichtheit besticht und sich behutsam in die bestehende Anlage einfügt. Drei mit Holz bekleidete Saunen und eine Duschkabine entstanden im hinteren Bereich des Pavillons der ehemaligen Frauenseite. Ein umlaufendes Glasband am oberen Raumabschluss lässt den Blick auf den See und das Alpenpanorama frei. Dieser kann auch vom den Kabinen vorgelagerten Ruheraum aus genossen werden. Den Abschluss zum Sonnendeck bildet eine durchgehende Schiebefensterfront, die sich bei Bedarf öffnen lässt. Im UG entstanden neben Garderoben mit Duschen auch zwei Massageräume.
Die große Investition und das viele Herzblut, das die neuen Betreiber in das Seebad gesteckt haben, bereuen sie nicht. Die ungebrochene Beliebtheit des Orts zeigt ihnen, dass sie richtig entschieden haben. Dennoch ist offen, wie sich das Projekt weiter entwickelt. Der Vertrag mit der Stadt läuft noch bis ins Jahr 2013 und nach und nach zeigen sich Altersschäden an der 50jährigen Betonkonstruktion. Ob und wie eine Totalsanierung zu bewerkstelligen wäre, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Dennoch kam die für Zürich einzigartige Anlage in ihrem zweiten Lebensabschnitt zu einer neuen Blüte, an die sich viele noch lange erinnern werden. •
  • [1] Der Tonttu ist ein guter Waldgeist aus der finnischen Mythologie. Er wohnt in der Sauna, beschützt sie und sorgt dort für ein bekömmliches Klima. www.tonttu.ch
  • Adresse: Mythenquai 9, 8002 Zürich (CH)