Zwischen Sehnsucht und unausweichlicher Notwendigkeit

Schwimmende Häuser

Das Wohnen auf dem Wasser übt auf Menschen seit jeher eine ganz eigene Anziehungskraft aus. Gefühle wie der Drang nach Freiheit, Ungebundenheit und Weite spielen dabei eine Rolle. Lange Zeit behalf man sich dabei schlicht mit dem Ausbau von Booten und Schiffen. Inzwischen werden neue Techniken erprobt, gestalterisches Neuland tut sich auf. Viele Städte und Gemeinden zeigen sich gegenüber schwimmenden Häusern aufgeschlossen – nicht nur, weil sie mit der alternativen Lebensweise ihr Image pflegen können, sondern auch weil die Klimaveränderungen die klassischen Siedlungsweisen mehr und mehr bedrohen.

Text: Han Slawik, ge

Inzwischen ist der Klimawandel eine Tatsache, der Meeresspiegel steigt, es wird mehr regnen, die Flüsse werden mehr Wasser führen, dazu kommt der steigende Grundwasserspiegel. Es ist höchste Zeit, neue Strategien zu entwickeln, denn wir können nicht immer weiter Deiche erhöhen und müssen auch nicht weiter gegen das Wasser ankämpfen, sondern uns vielmehr mit dem Wasser arrangieren und den Nachteil zum Vorteil machen.
Auch in den Niederlanden sind die Zeiten des unverzagten Eindeichens und Auspumpens von Poldern vorbei, zur logischen Reihe der Landgewinnung gehört nach dem Einpoldern und dem Aufschütten nun das Schwimmen.
Den alten Städten bleibt das Problem vorerst erhalten – man wird kaum anfangen, den Baubestand seetüchtig zu machen. Aber bei Neuplanungen haben wir es in der Hand, neue Wege zu gehen: nicht nur schwimmende Häuser, sondern ganze Städte auf der Wasseroberfläche zu bauen.
In den Niederlanden hat die Regierung die »Neue Wasseraufgabe« zu einer der größten Herausforderungen für das 21. Jahrhundert erklärt. Ziel ist es, dem Wasser bei Überschwemmungen mehr Raum zu geben und den Abfluss zu erleichtern, gleichzeitig wird die Doppelnutzung durch schwimmende Gebäude angestrebt. Ein Beispiel dafür ist die erste schwimmende Stadt auf dem IJsselmeer zwischen Amsterdam und Almere, die ab 2012 unter der Ägide der Architekten und Ingenieure von Royal Haskoning entstehen soll. Auch Rotterdam will in diesem Jahrhundert schwimmende Stadterweiterungen angehen. Geplant wird seit Jahren, die Realisierung allerdings wird wohl die nächsten Jahrzehnte in Anspruch nehmen, schließlich sind Stadt- und Raumplanungen sehr langfristig angelegt.
Das Projekt »Blauwestad« bei Winschoten soll mit Häusern an und auf künstlich gefluteten Flächen – insgesamt 4 000 Hektar – bis 2013 neue Anwohner in die Provinz Groningen bringen. Seit 2003 fließt das Wasser. Anfänglich boomte die Vermarktung der Wassergrundstücke an eher wohlhabende Personen mit einem Einzugsgebiet bis hin nach Belgien. Jetzt aber stagniert der weitere Ausbau – auch als Folge der Finanzkrise.
Schwimmtechniken: Wanne oder Rettungsring?
Bislang gibt es in den Niederlanden rund 500 schwimmende Einzelhäuser, vorwiegend romantisierende, unterhaltsaufwendige, aber trotzdem erschwingliche Wohnschiffe und Hausboote. Bei Neubauten werden sogenannte Woonarken (Wohnarchen) mit einer Wanne aus wasserdichtem Stahlbeton gebaut, so dass auch Raum unterhalb des Wasserspiegels genutzt werden kann. Geschuldet ist dies einer festgelegten maximalen Höhe über der Uferkante in den Innenstädten. Diese Bauart hat allerdings ihre Tücken: Dass man von Zeit zu Zeit in Amsterdam halb abgesunkene Woonarken sehen kann, liegt meist daran, dass Wasser von innen aus defekten Leitungen oder von oben über Leckagen in Dach oder Wand unbemerkt in die untere Ebene dringt. Die fortschrittlichere Methode ist die Kombination eines Schwimmkörpers aus Polystyrol (XPS) mit einem Betonmantel. Diese Schwimmkörper gelten als unsinkbar – wo Styropor ist, kann kein Wasser sein. Dazu gibt es die Wärmedämmung nach unten gratis. Schon seit 30 Jahren in Kanada verwendet und erprobt, ist diese Methode von Niederländern im eigenen Land weiterentwickelt worden. Erstes Demonstrationsobjekt war ein schwimmendes Gewächshaus 2005 in Naaldwijk. Die breiten geschlossenen Flächen erkannte man jedoch als Gefahr für die Sauerstoffversorgung der Fische. Heute werden die Schwimmkörper schmaler oder mit hofartigen Öffnungen gebaut. Im Rotterdamer Rhijnhaven liegt seit dem Sommer eine Anlage mit gleichem XPS-Schwimmkörper (Deltasync/Public Domain Architecten) mit einem Aufbau aus drei ineinandergeschobenen geodätischen Kuppeln und einer Haut aus Luftkissen. Zurzeit werden dort Ausstellungsräume für das »Nationaal Watercentrum« eingerichtet. Bei schwimmenden Wohnhäusern haben sich diese Schwimmkörper bisher allerdings nicht durchgesetzt. Die schwimmenden Gebäude werden in aller Regel von Land aus über die dort geführten Leitungen versorgt, die Zuleitungen werden in Mantelrohren geführt und flexibel gelagert; Abwässer werden vorher gemahlen und dann an Land gepumpt, so sind geringere Querschnitte möglich. Es gibt auch Versuche, schwimmende Häuser autark zu machen – ein bedeutsamer Aspekt bei der Planung größerer Konglomerate und Städte. Bislang ist man dabei noch auf viel Technik und Learning by Doing angewiesen. Geschrieben wurde schon viel darüber, allein, die Praxis hinkt dem noch hinterher. ›
Wasser-Siedlungsbau in den Niederlanden
Die bisher größte zusammenhängende Ansiedlung von schwimmenden Häusern ist in IJburg in der »Waterbuurt« Steigereiland entstanden. Im Westteil gibt es uniforme Systembauten einer Entwicklungsgesellschaft (s. S. 18-24), im Osttteil schwimmende, individuell und von unterschiedlichen Architekten gebaute Häuser. Vorangegangen war 2007 die Verlosung von 38 Grundstücken, es gab ca. 380 Interessenten. Für diese und die zukünftige anschließende Erweiterung – mit etwa 60 weiteren Wassergrundstücken – ist eigens eine Bauordnung für das Bauen auf dem Wasser erarbeitet und erlassen worden. Wesentliche Punkte: Der Schwimmkörper muss unterhaltsfrei sein, d. h., nur wasserdichter Beton kommt in Frage. Weiterhin wurde eine Liste der verwendbaren Materialien erstellt. Durch Regen dürfen keine schädlichen Stoffe abgewaschen werden und in das Wasser gelangen. Letztlich kam unbehandeltes Holz als Fassadenbekleidung am besten weg. Es ist aber viel Kritik von den ersten Bewohnern der Waterbuurt Oost zu hören. Die wichtigsten Punkte: Das Bauen auf dem Wasser ist viel zu teuer (bis 750 000 Euro nur für das Haus, oder gemittelt, 2 500 Euro Miete im Monat). Und es mangelt an Privatheit; der Nachbar sitzt zu dicht auf, man sieht ihm direkt ins Haus und kann auch genauso gesehen werden. Ein Zaun im Wasser ist nicht gut möglich. Die ureigenen Vorteile des Lebens auf dem Wasser kommen zu kurz: Urlaubs- und Freizeitfeeling, die Magie des Wassers, Bewegung, Freiräume, Helligkeit durch Spiegelung des Sonnenlichts …
Die erste kleine Siedlung auf dem Wasser entstand 2001 in Almere-Buiten, wo die Architekten Verheijen/Verkoren/de Haan eine Zeile schwimmender Häuser bauten. Eine Bauordnung für schwimmende Häuser gab es damals noch nicht; angewandt wurden die Bestimmungen für den Bau von Schiffen. Weder Baugesuch noch -genehmigung waren dafür nötig, auch keine statische Berechnung. Die Obergeschosse sind von einem über Deichniveau hinaus aufgeständerten Erschließungssteg aus zugänglich. Diese »Kommandobrücke« entsprang der Grundidee, eine einheitliche Eingangssituation zu schaffen. Der Rest (die Wanne) konnte frei von den Bewohnern ausgebaut werden, was letztlich zu einer großen Vielfalt in der äußeren Gestalt führte.
Wasser-Siedlungsbau in Deutschland
In Deutschland (zumindest im Norden) kommt in Zukunft die gleiche Wasserproblematik auf uns zu. Wir kennen schon heute die jährlich wiederkehrenden Bilder von mit Sandsäcken umwehrten Höfen, wenn z. B. die Elbe über die Ufer tritt. Amphibisches oder schwimmendes Bauen ist dringend angeraten (s. S. 38). Doch hier scheint der Druck, neue Strategien ernsthaft zu bedenken und voranzutreiben, noch nicht groß genug zu sein. Darüber hinaus fehlen bisher auf das Bauwesen abgestimmte Regeln der Wasser- und Schifffahrtsbehörden. Problematisch ist oft der Umstand, dass es sich bei Liegeplätzen an Flüssen und Kanälen um Teile von Wasserstraßen handelt, bei denen zumeist der Bund als Eigentümer in Erscheinung tritt und sich dabei als zäher Verhandlungspartner erweist.
2002 wurde in Berlin der Versuch gestartet, schwimmende Häuser zu entwickeln. Über den Wettbewerb hinaus ist seither nicht viel geschehen. Grüntuch Ernst Architekten hoffen seither auf potente Investoren. Einzig in Eigeninitiative und auf eigenes Risiko haben die Architekten Förster Trabitzsch ihren Berliner Entwurf letztlich im Hamburger Citysporthafen umgesetzt. Dagegen verhandelt der Architekt Arthur Fischer seit Jahren – inzwischen erfolgreich – mit diversen beteiligten Behörden über den Bau von acht schwimmenden Häusern in der Rummelsburger Bucht. Wenn alles glatt läuft und eine Einigung mit dem Bund als Eigentümer der Wassergrundstücke v. a. über eine annehmbare Erbpachtregelung zustande kommt, können die »floatinglofts« im kommenden Jahr gebaut werden, weitere könnten folgen. Derweil liegt in Kiel der Prototyp eines Wohnhauskonzepts noch vor der Werft Gebrüder Friedrich. Die Arbeitsgemeinschaft »Living on Water«, der das Architekturbüro Fischer, Fromm und Partner angehört, hat dort mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, v. a. mangelt es an möglichen Liegeplätzen, die Behördengänge sind ermüdend.
In Hamburg ist man aktiver. Vor Jahren wurde hier eine Karte mit möglichen Wassergrundstücken erstellt. Die Stadt hat zwei Pilotflächen für Hausboote ausgewiesen, das Hochwasserbassin am Berliner Tor/Heidenkampsweg und den Eilbekkanal, wo die ersten architektonischen Wunderwerke bereits zu besichtigen sind – die gestalterischen Möglichkeiten scheinen noch lange nicht ausgereizt.
Tücken des platten Lands
In der Lausitz ist die größte Seen- und Freizeitlandschaft Europas geplant, während die bisherigen Braunkohlegruben mit Wasser gefüllt werden. 2008 ist hier ein Wettbewerb im Rahmen der IBA-See ausgeschrieben worden. Das Preisgericht hat – bis auf vielleicht einen realistischen Entwurf, der die vorgegebenen strengen Restriktionen eingehalten hat – Preise nur für wahrlich gewöhnungsbedürftige Bauformen vergeben. Diese sollten wohl unbedingt futuristisch aussehen und Verwandtschaft mit Formen von Wassertieren haben – gewagte Motive angesichts eines Gewässers, das derweil noch den pH-Wert von Zitronensäure hat. In niederländischen Publikationen ist jetzt zu lesen: MIR Architecten erhielten beim IBA-See Wettbewerb 2008 für ihren futuristischen Entwurf »Coalibri« den ersten Preis. Ein Bootsentwerfer und -bauer hat dem Entwurf letztlich zur Baubarkeit verholfen – einer simpelst-möglichen, modular aufgebauten schwimmenden Box, dem »x-floater«. Dieser hat nichts mehr gemein mit dem preisgekrönten Wettbewerbsentwurf. Das Preisgericht hat sich damit wohl selbst disqualifiziert … Überhaupt macht sich Skepsis breit, ob sich alleine mit dem Freizeitwert der Region genug Menschen dazu bewegen lassen, die entvölkerten Weiten der ehemaligen Tagebaugebiete dauerhaft zu bewohnen. Mitte letzten Jahres eröffnete das Unternehmen steeltec37 ein Musterhaus auf dem Geierswalder See – inzwischen ist immerhin ein Zwilling dazugekommen; je nach Nachfrage sollen weitere Ferienhäuser folgen.
Ohnehin ist Bauen auf dem Wasser noch viel zu teuer. Es wird Zeit, dass auch Bürger mit durchschnittlichem Einkommen sich ein Wasserhaus leisten können. Einen möglichen Weg dahin weist das modulare Bauen mit vorgefertigten tragenden Baumodulen, welche einen individuellen Ausbau zulassen. Auch moderne Bautechnik aus modularen Schwimmkörpern mit Polystyrolkern (XPS) gibt es bereits von einem deutschen Hersteller, leider sind diese bisher nur in Abu Dhabi gefragt.
Das IBA DOCK im Müggenburger Zollhafen in Veddel ist das zur Zeit größte schwimmende Ausstellungs- und Bürogebäude in Deutschland (s. db 7/10, S. 8). Modular aufgebaut, veränderbar, um- und nachnutzbar, de- und remontabel lässt es sich als ein erster Baustein für eine neue Stadtform des 21. Jahrhunderts sehen – einer schwimmenden Stadt mit viel Mobilität und einem »leichten Städtebau«, mit Wohnen, Arbeiten, Freibereichen, v. a. aber unterhaltsarmen öffentlichen Räumen auf dem Wasser. Bei Bedarf lassen sich neue städtebauliche Konfigurationen durch verschieben schwimmender Gebäude und Freiflächen neu zusammenstellen. Anders als beim Bauen auf dem Lande, mit Abbruch und Entsorgung. •

Hausboote (S. 26)
Han Slawik Tätigkeit als Architekt in Deutschland und den Niederlanden, u. a. mit diversen Containerprojekten. Leitung des Fachgebiets Experimentelles Entwerfen und Konstruieren an der Leibniz Universität Hannover.