Das Nachhaltigkeitsverständnis bei Hotelbauten

Schöner reisen mit grünem gewissen?

Öko-, Klima- oder Biohotel? Die Bezeichnungen differieren zwar, doch längst verzeichnet auch Nachhaltigkeit im Tourismus einen Trend und steigert den Umsatz von Hoteliers. Dabei stellt sich die Frage nach inhaltlich einheitlichen Kriterien für die zahlreichen Qualitäts- und Gütesiegel, denn – wie die nachfolgenden Projekte beweisen: die Herangehensweise an das Thema Biohotel ist höchst unterschiedlich.

Text: Rosa Grewe Fotos: Sebastian Schels, Günter Richard Wett u.a.

Öko ist in, es ist gesund, zukunftsorientiert, vernünftig und werbewirksam. Bio sind nicht mehr nur Bioläden – von Fastfoodketten bis zum Waschmittel, alles appelliert an das grüne Gewissen des Konsumenten. Kein Wunder, dass nach der Wellnesswelle nun die Ökowelle auch den Bereich erfasst, in dem man sich eigentlich wenig Gedanken machen möchte: den Urlaub. Statt Bettenburgen und All-Inclusive-Paket boomen derzeit die individuellen Reiseziele. Nicht nur wegen seines Umweltgewissens möchte der Urlauber zurück zur Natur, sondern weil diese Schönheit, Gesundheit und Bodenständigkeit verheißt. Die intakte Region, das Naturhotel und das Ökorestaurant sind die Wellnessziele des kommenden Jahrzehnts. Doch Ökologie im Hotel, einfach ist das nicht.
Allein der Bedarf an Strom und Wärme im Hotel ist enorm: Ein Vier- bis Fünf-Sterne-Hotel verbraucht nach Schätzungen des Schweizer Bundesamtes für Energie rund 85 KWh Energie pro Gast. Der Stromverbrauch beträgt 145-165 kWh/m²a, der Wärmeverbrauch erreicht sogar 240 kWh/m²a. Das liegt auch am Nutzerverhalten der Gäste: Sie verbrauchen z. B. dreimal mehr Wasser im Hotel als zuhause. Massagedusche und Spa, genießen statt sparen. Dazu kommen Minibar, Handtuchwechsel, zentral gesteuerte Klimaanlagen und Heizungen, denen der Gast mit dem geöffneten Fenster entgegenwirkt. Besonders die gesamte Beleuchtung eines Hotels ist ein Stromfresser. Nicht nur ökologisch, sondern auch von den Kosten her gesehen ist das verschwenderisch: Denn seit 1996 hat sich der Strom- und Gaspreis um 50 % verteuert, der Ölpreis verdreifacht. Eine Umstellung auf einen strom-, energie- und wassersparenden Betrieb lohnt sich also auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Das Einsparpotenzial schätzen Experten auf 38 % für Strom und 25 % für Heizung. Dies führt bei tatsächlich immer mehr Hoteliers zum Umrüsten. Als Belohnung winken zahlreiche Auszeichnungen, so wie bei der Hotelfamilie Hörger: Zusammen mit Deppisch Architekten erweiterten sie 2006 das »Biohotel im Apfelgarten« in Kranzberg ›
› bei München (Abb. 1), das nicht nur technisch – mit Solarstrom und Wärme aus Biomasse –, sondern vor allem wegen seiner geradlinigen und lichtdurchfluteten Holzkonstruktion und deren Einbettung in die Landschaft die Kritiker zu gleich sechs Architekturpreisen veranlasste.
Marketingstrategie mit Ökogefühl?
Architekturpreise sprechen meist für sich, doch wofür stehen die Gütesiegel? 2003 waren es rund 40 Zertifikate für gerade einmal 4 000 zertifizierte Hotels in der EU und der Schweiz. Die meisten der Marken kennt der Gast nicht. Sie haben jeweils unterschiedliche Kriterien, deren Vergleichbarkeit schwer fällt. Manche Siegel haben baubiologische Schwerpunkte wie antiallergene Oberflächen oder unbedenkliche Chemikalien, andere machen den Energieverbrauch zum Maßstab. Wieder andere beziehen sich nicht auf das Hotelgebäude, sondern auf Ernährung und Freizeitangebot. Oder auf die Region, so wie Matteo Thun, der den Bezug zu Topografie und dem regionalen Material zum Parameter für seine Hotelentwürfe macht. Er präsentierte vor wenigen Monaten das neue Qualitätssiegel »KlimaHotel«.
Dachverbände bemühen sich indes um einheitliche Zertifikate. Die bekannteste Öko-Marke ist die EU-Blume, in der sich die wichtigsten Gütesiegel und Touristeninstitutionen der EU-Länder vereinen. In 37 einfachen Kriterien kann ein Hotel Punkte erlangen, von Energie-, Wasser- und Abfallmanagement über Dienstleistung, Hotelmanagement, Ökonomie und Mobilität. Erreicht das Hotel die Punktzahl von mindestens 21, darf es mit der EU-Blume werben. Das waren im März 2008 europaweit lediglich 160 Beherbergungsbetriebe. Bis heute gibt es keinen deutschlandweit oder gar EU-weit gültigen Auflagenkatalog, der konkrete Zahlen und Fakten zum Energieverbrauch und Umweltschutz verpflichtend vorgibt. Wie die Klimakonferenz in Kopen- hagen zeigte: Das Ziel zum Umweltschutz liegt allen Beteiligten vor Augen – doch harte Fakten und gültige Zahlen können somit die wenigsten der Labels durchsetzen.
Wien: Mehr als nur drei Sterne
Genau diese Fakten und Zahlen sind aber der Betreiberin des Hotels »Stadthalle« in Wien (Abb. 2 und 3) wichtig. Schon die Hotel-Webseite gibt Auskunft über die technisch-ökologischen Errungenschaften. Der Gast kann über Bildschirme in der Lobby die aktuellen Energiewerte des Hotels ab- lesen – eine Maßnahme, um Gäste vom energieeffizienten Bauen zu überzeugen und zum ökologischen Nutzerverhalten zu animieren.
Die Hotelinhaberin Michaela Reiterer ist Überzeugungstäterin. Als sie das Haus 2001 von ihren Eltern übernahm und Sanierungspläne machte, wollte sie einen ökologischen Pionierbau. Zusammen mit dem Architekten Heinrich Trimmel und Fachplanern sanierte sie den alten Hotelbau auf Niedrigenergiestandard und errichtete auf dem Nachbargrundstück einen Neubau mit Passivhausniveau. Zu den 44 Zimmern kamen 38 im Neubau hinzu. Energietechnisch ist das Hotel extrem aufgerüstet: Die Stromversorgung übernehmen 84 m² PV-Module auf dem Altbau. Ergänzt um drei geplante, aber noch nicht genehmigte Windräder, wird das Hotel eine autarke Stromversorgung haben und kann dann bei Ertragsspitzen seinen Strom sogar an einen Stromversorger verkaufen. Auch der Heizwärmebedarf ist sehr niedrig: Beim Neubau liegt er bei nur 6,8 kWh/m²a. Dort temperiert 12 8 C kühles Grundwasser mittels Niedertemperaturwärmetauscher die Betondecken und die Frischluftzufuhr. »Trotz Lüftungsanlage kann der Gast manuell die Raumtemperatur um 3 8 C plus-minus steuern«, erklärt Trimmel. Der Altbau ist weiterhin auf Fernwärme und auf Heizkörper angewiesen. Dafür heizen 160 m² solarthermische Kollektoren auf dem Altbau das Wasser des gesamten Hotels. Eher aus Prinzip, nicht aus rechnerischen Gründen, ließ Reiterer Regenwasserzisternen einbauen, aus denen nun insgesamt 5 000 l Grauwasser die Toiletten spülen.
Die Betreiberin verzichtet außerdem auf stromfressende Minibars, auf ein Restaurant und ein Spa. Dafür wird der Gast mit Rabattpreisen für seine Anfahrt mit dem Fahrrad oder mit der Bahn belohnt, darf sich am Anblick eines großen Lavendeldaches erfreuen und sein Elektroauto an der hoteleigenen Tankstelle aufladen.
Die Energieeffizienz lohnt sich: Sie spart rund 3 % der gesamten Energiekosten, die ansonsten in einem vergleichbaren Drei-Sterne-Hotel üblich sind; dem stehen allerdings 11 % höhere Baukosten gegenüber. Der Architekt erklärt: »Altbau und Neubau haben zwangsläufig verschiedene technische Standards. Wir planten, die Energie so zu produzieren und zu verteilen, dass die gesamten Energiekosten für das Hotel auf Null sinken«. Die gesamten Baukosten – rund 4,8 Mio. Euro – und ökologischen Maßnahmen stecken bei diesem Hotel v. a. in der Technik. »Rechnerisch amortisieren sich die Investitionen nach ca. sieben Jahren, meist sind die Kosten sogar schneller ausgeglichen«. Dazu lässt sich mit dem grünen High-Tech-Gewissen gut werben. Das Hotel erhielt zahlreiche Auszeichnungen, und auf facebook ereifern sich die Gäste leidenschaftlich über die noch fehlenden Windräder. Außerdem fragen Unternehmer aus der ganzen Welt nach Führungen durch das Hotel, was bei einer hundertprozentigen Zimmerauslastung natürlich kaum geht.
Südtirol: Öko für die Seele
Die Inhaber von »Theiner´s Garten BIO Vitalhotel« in Gargazon (Abb. 4 und 5) verstehen Ökologie dagegen eher unter dem Aspekt Baubiologie. Das Betreiberehepaar unterhält auf 70 000 m2 Südtiroler Land eine Biolandwirtschaft. Auf einer Pfirsichwiese erbauten sie 2009 das Vier-Sterne-Hotel mit 57 Zimmern, indem sie nun Wellness nach der Kneipplehre anbieten. Ihr besonderer Anspruch an den Hotelbau war, biologische und regionale Materialien zu verwenden.
Der Architekt Dominik Rieder vom Brixener Büro baukraft plante eine terrassierte Hotelanlage, mit einem Betonsockelgeschoss und einer massiven Holzkonstruktion darüber. Diese besteht vor allem aus regionalem Lärchen- und Zirmholz. Ein Baubiologe beriet Architekt und die Bauherrn: Man verzichtete auf Metall- und Leimverbindungen, auf Kunststoff, synthetische Dämmungen und Montageschäume. Technisch war der Holzbau schwierig, wie Rieder erklärt: »Seit zwei Jahren erst gibt es ein Holz- ›
› konstruktionssystem, das diese Bedingungen erfüllt. Das mussten wir jetzt aber für die besonderen Ansprüche im Hotelbau weiterentwickeln«. Besonders der Schallschutz benötigte Sonderlösungen: Die Hotelzimmer bilden jeweils voneinander abgekoppelte Boxen. Eine sichtbare Massivholzwand begrenzt die eine Raumseite, ein Holzständerwerk bildet die gegenüberliegende. Diese ist mit einer thermisch aktivierten Lehmputzplatte bekleidet. Die Dämmschicht zwischen den Einheiten bilden Holzdämmplatten. Im Boden liegt mit Vaseline getränktes Baupapier als Trennlage zwischen Estrich und Holz. Hartholzdübel halten die vorgefertigten Außenwandpaneele aus drei Lagen massivem Fichtenholz zusammen.
Auch hier sucht der Gast vergeblich nach einer Minibar, TV fehlt ebenso. Motivation dafür ist nicht nur die Energieeffizienz, sondern vor allem der Wunsch, den Elektrosmog in den Zimmern auf Null zu reduzieren und damit das Wohlbefinden des Gastes zu steigern. Außerdem bestehen sämtliche Stoffe, wie Teppichböden, Vorhänge und Bettbezüge aus Natur- textilien, die Holzmöbel sind metallfrei und Elektroleitungen extra abgeschirmt. Ökologie bezieht sich bei diesem Projekt also auf eine gesunde, naturverbundene Lebensweise, für die die spezielle Gäste-Zielgruppe bereit ist, Kompromisse einzugehen.
Die Holzkonstruktion ist zwar energiesparend, Außenwände und Dach haben einen guten Dämmwert auf EnEV 2009-Niveau. Aber aktive Maßnahmen sind bisher noch in der Planung, etwa die Beheizung des Hotels mittels Erdwärme und die Stromversorgung via PV-Modulen. »Wir mussten Kompromisse machen, um die Investitionskosten im Rahmen zu halten. Daher galt erst einmal: Energie sparen. Die Anschlüsse für Erdwärme sind jedoch schon gelegt, zukünftig soll das Hotel energieautark sein«. Theiner´s Garten ist in den Wintermonaten geschlossen, so dass der Jahresheizbedarf kein Problem darstellt. Der Wellnessbereich mit einem von innen nach außen durchgehenden Schwimmbecken ist energietechnisch aber schon jetzt eine Herausforderung. Selbst mit Dämmung und nächtlicher Abdeckung des Schwimmbades lassen sich hier Wärmebrücken nicht komplett vermeiden. Um Energie alleine geht es hier aber nicht: Vielmehr möchten die Betreiber das Öko-Bewusstsein bei einer anspruchsvollen Klientel etablieren.
Öko auch bei Hotelketten und Resorts?
Manchmal können »Zwerge« auch große Investoren überzeugen: So wie das Hotel Viktoria in Freiburg, das schon seit 1985 als Umwelthotel geführt wird. Die Eigentümer Bertram und Astrid Späth erhielten für ihre Pionierarbeit für ein energieeffizientes und ökologisches Hotel viele Auszeichnungen, u. a. zweimal als bestes Umwelthotel der Welt. Das Hotel ist in jeglicher Hinsicht ökologisch ausgestattet: Eine solarthermische Anlage erzeugt Warmwasser, PV-Module und eine Beteiligung an einer kommunalen Windkraftanlage sorgen für Strom. Eine Holzpelletheizung und ein Grundwasserbrunnen temperieren via Bauteilaktivierung die Räume. Außerdem hat das Hotel eine hochgedämmte Gebäudehülle, ein rechnergestütztes Energiemanagement, eine energiesparende Beleuchtung mit Bewegungsmeldern und Zeitschaltuhren, wassersparende Sanitärarmaturen und Regenwasserversickerung. Kostenfreie ÖPNV-Tickets und ein »Solarmietmobil« für Gäste sorgen für ökologische Mobilität. Mit diesen Maßnahmen haben die Betreiber auch die Hotelkette Best Western überzeugt, in das Hotel zu investieren. Seit 2004 gehört es zur Kette und beweist: Öko rechnet sich.
Auf andere Weise beispielhaft ist das Projekt Mero Beach von Buro II, einem belgischen Architekturbüro. Das erhielt von einem Investor den Auftrag, ein Ferienressort mit 45 000 m² Geschossfläche auf ein 57 000 m² großes Areal der touristisch noch eher unerfahrenen Karibikinsel Dominica zu bauen. Bei diesem Raumprogramm hatten die Architekten ökologische Bedenken. »Wir wollten es wenigstens versuchen«, sagt Brent Turchak vom Buro II, »aber wir sahen schnell, dass ein respektvoller Umgang mit der Umgebung nur mit einem weniger aufdringlichen Raumprogramm möglich ist«. Also überzeugten sie den Investor, optimierten die Fläche auf 26 000 m² und reduzierten damit den Landverbrauch. Ein Steg soll nun den geplanten Yachthafen ersetzen; statt einer Gated Community planten sie Apartmenthäuser, die sich auf einem schmalen Streifen hinter den Strand reihen. Auch die Häuser selbst sollen ökologisch gebaut werden: Sie schmiegen sich an die gegebene Topografie (Abb. 6), haben auf ihrer Bergseite ein Atrium und nutzen so statt Klimaanlage die natürliche Thermik. Eine Lamellenfassade aus lokalen Hölzern gibt Schatten und dient als Rankfläche für Pflanzen. Solarthermie und Regenwassernutzung sollen das Ganze technisch ergänzen. Noch träumen und planen die Architekten, nichts davon ist bisher gebaut und doch, alleine die ökologische Utopie war der Jury des World Architecture Festival 2009 in Barcelona eine Auszeichnung Wert.
Die ökologische Vernunft scheint also auf dem Vormarsch zu sein, bei Gästen wie auch bei Hotelbetreibern. Nicht nur aufgrund drängender klimatischer Fragen, sondern auch, weil es wirtschaftlich gut und zukunftsfähig ist. Fehlen einzig verbindliche Standards und Förderungen, damit Pionierprojekte Nachfolger haben. •