Aktuelle Energiepolitik und Architektur in Vorarlberg

Schlaraffenländle?

Energieautarkie in allen Bereichen – das ist in Vorarlberg weder Utopie noch Größenwahn, sondern ein glaubwürdiges Ziel. Mit dem politisch-initiierten Programm »Energiezukunft Vorarlberg« wird derzeit seine Umsetzung – selbstverständlich auch im Gebäudebereich – untersucht. Die »Neueste« Vorarlberger Bauschule zeigt bereits den Weg in Richtung energieautonomes Bauen.

Text: Christine Fritzenwallner Fotos: Robert Fessler, Christine Fritzenwallner, Bruno Klomfar, Hanspeter Schiess

Während man im Vorfeld der Kopenhagener Klimakonferenz allerorten diskutierte, ob und wie man und wer überhaupt zuerst seinen CO2-Ausstoß verringern sollte, entwickelte sich vergleichsweise still und leise unweit unserer Ländergrenzen ein Vorhaben, das im positiven Sinn ein Exempel statuiert: Im motivierten Vorarlberg hat sich die Regierung bereits im Juli 2009 darauf geeinigt, in Zukunft energieautonom werden zu wollen – und sich so langfristig (bis spätestens 2050) von Preissteigerungen und Versorgungsengpässen bei Öl und Gas unabhängig zu machen. Dass dies keine hohle, politische Absichtserklärung ist, belegt das Initiativprogramm »Energiezukunft Vorarlberg«, Forschungen und Studien dazu laufen bereits. In zehn Werkstätten – Biogas, Biomasse, Sonne, Wasserkraft, Gebäude, Industrie, Raumplanung, Mobilität, Strom-Kleinverbraucher und Kommunikation – untersuchen seit Juli 2008 90 Experten, wie sich ein derart ambitioniertes Ziel umsetzen lässt. Dieser Kernprozess soll in einem Jahr abgeschlossen sein und in eine bis 2020 geplante Umsetzungsphase, die dann die Maßnahmen aus dem Energiekonzept beinhaltet, übergehen.
Damit könnte die ohnehin seit bald einem halben Jahrhundert viel beachtete, Neue Voralberger Bauschule wieder zusätzliche Aufmerksamkeit erlang- gen. Als sich in den 60er Jahren eine kleine Gruppe von Architekten und Bauherren zusammenfand und fortan in reduzierter Formensprache radikal einfach und handwerklich makellos baute, dabei wenig Flächen verbrauchte, »naheliegende« Materialien wie Holz verwendete und so die historische Bautradition in eine zeitgenössische, moderne Architektur adaptierte, drehte sich zwar noch nicht alles ums Klima und CO2. Doch heute passen die Anforderungen einer ökologischen, energieeffizienten Architektur perfekt zur Kompaktheit der Vorarlberger »Bauschul-Bauten« – und dem Selbstverständnis seiner Planer über Nachhaltigkeit. Sowie nebenbei bemerkt auch zu vielen Bauherrn, denn Erkerchen und Giebelchen werden hier seltener als schick empfunden. Und da bei der Vorarlberger Baukultur deutlicher als anderswo die Nutzer und die Gebrauchstauglichkeit eines Gebäudes im Vordergrund stehen, spielen auch die Unterhalts- und Energiekosten eine wesentliche Rolle. Bauherren zu überzeugen, sofern überhaupt notwendig, fällt somit leicht. Gleichzeitig sind bereits jetzt 35 Gemeinden im Land Vorbilder einer zukunftsweisenden, regionalen Energiepolitik: Sie nehmen am sogenannten E5-Programm teil, das in Vorarlberg Gemeinden auszeichnet, die den effizienten Umgang mit Energie und die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energieträger – somit auch bei Gebäuden – forciert [1].
Viele Neubauten haben also bereits mehr als den von der Gesetzeslage vorgegebenen Energiestandard – und wenn nicht, mangelt es zumindest nicht an Architekten, Ingenieuren und Handwerkern, die ihn problemlos und mit Ästhetik umsetzen können. Die Vorarlberger in ihrem Ländle, wie sie es selbst nennen, dürften folglich nur nonchalant die Schultern zucken: Das Land scheint bestens gerüstet für die anstehenden, energie-/baupolitischen Änderungen.
Vielversprechendes Programm
Wie aber soll Energieautarkie gänzlich erreicht werden? Knapp 370 000 Einwohner leben in Vorarlberg, mit 141 EW/km² ist es nach Wien das am zweitdichtesten besiedelte Bundesland Österreichs. Dennoch sind das beispielsweise nur rund zwei Drittel der Einwohnerzahl der Stadt Stuttgart, die dafür mit über 2 800 EW/km2 extrem dicht besiedelt ist. Kann komplette Energieautarkie so »schnell« in einem derart dünn besiedelten Gebiet gelingen, oder eben gerade dort? Wie überall geht es nur mit Zweierlei: Der Senkung des Energieverbrauchs und der Erhöhung erneuerbarer Energien. Voraussetzungen sind daher laut Landesregierung zum einen das Erreichen von Passivhausqualität für Neubau und für Sanierungen aller Art. Statt dem üblichen Heizwärmebedarf von 15 kWh/m²a für Neubauten geht man bei Sanierungen von 20 kWh/m²a aus. Die gesamte Gebäudesubstanz soll auf diese Weise bis 2050 ca. 75 % weniger Energie verbrauchen.
Zum anderen sind die Voraussetzungen der Umstieg auf stromsparenste Haushaltsgeräte oder auf »alternativen Mobilitätsformen« – die Bustaktung wurde bereits erhöht, der Einsatz elektrisch betriebener Fahrzeuge vorangetrieben. Beispielsweise konnten insgesamt 500 elektrisch unterstützte Fahrräder zu einem vergünstigten Preis an Interessierte weitergegeben werden, die sich im Gegenzug bereit erklärten, mit ihren »Fahrdaten« ›
› bei einem Forschungsprojekt teilzunehmen. Dies will bis Ende 2010 klären, wie viele Wege zukünftig durch Pedelacs ersetzt werden könnten [2] – legen die Einwohner Vorarlbergs derzeit doch noch über 60 % aller Wege unter 10 km mit dem Auto zurück, was den Landesvätern zu viel ist.
Auch verspricht die Nutzung von Abwärme im Industrie- und Gewerbebau laut einer Studie [3] allein knapp 60 % »wirtschaftlich sinnvolles« Einsparpotenzial an Wärme und rund 20 % bei Strom. Daneben soll die heimische Wasserkraft noch intensiver genutzt werden, als weitere erneuerbare Energieträger kommen Biomasse, Biogas und Sonnenenergie in Betracht. Für eine Energieautonomie in 30-40 Jahren rechnen die Vorarlberger mit einer jährlichen Reduktion zwischen 2,5-3 % beim Strom- und Wärmebedarf von Gebäuden und Güterproduktionen sowie beim Treibstoffbedarf.
Laut Homepage des Energieinstituts Vorarlberg, das von der Vorarlberger Landesregierung mit der operativen Durchführung des Programms beauftragt ist, wird derzeit schon so viel thermische Energie erzeugt, um rund 7 000 Niedrigenergiehäuser zu heizen, und bereits jetzt soll die Hälfte aller neu gebauter Einfamilienhäuser mit Wärmepumpen ausgestattet sein. Dies ist aber u. a. auch einer anderen Förderlandschaft als in Deutschland geschuldet, seit 1.1.2009 schreibt außerdem die Vorarlberger Wohnbauförderung das Aufbringen einer PV- oder Solarthermieanlage bei Neubauten vor.
Jüngste Bauten – drei Beispiele
Ein plötzlicher oder allzu überraschender Schritt ist der Regierungsbeschluss nicht – zumindest nicht, was das Bauen angeht: Bereits Anfang 2007 gab es eine grundlegende Änderung in Vorarlberg, zukünftig alle »gemeinnützigen Wohnbauten« (dem deutschen sozialen Wohnungsbau entsprechend) in Passivhausbauweise zu errichten.
Die erste, im Anschluss neugebaute Wohnanlage wurde im Mai 2009 eingeweiht und steht in Bregenz (Abb. 6, 7, Arge Architekten Hörburger – Kuess – Schweitzer). Zwei der drei kompakten, zueinander versetzen Baukörper sind viergeschossig konzipiert, der dritte besitzt sechs Geschosse. Die Schiebeläden bringen etwas Bewegung in die klinisch anmutenden, grau-weißen Fassaden, ein leichtes Farbenspiel hätte ihnen noch besser gestanden. Der Heizwärmebedarf ist mit 8-10 kWh/m²a extrem gering (Energiekonzept: E-Plus Planungsteam).
Nicht als sozialer Wohnungsbau, sondern als Eigentumswohnungen konzipiert ist eine ebenfalls in Bregenz errichtete Neubaugruppe im Sandgrubenweg (Abb. 4, 5, Architektengemeinschaft Hörburger/Kuess/Ritsch/Schweitzer). Zwei geschwungene Viergeschosser in Niedrigenergiestandard – der Heizwärmebedarf beträgt rund 32 kWh/m²a – stehen bereits, zwei werden zurzeit gebaut. Der Wille mancher Eigentümer, auf Wunsch in ihren Wohnungen eine kontrollierte Be- und Entlüftung einzubauen, und gute Dämmwerte und Luftdichtheit bei den bereits realisierten Bauten sind Anlass, eines der beiden noch unrealisierten Wohnhäuser direkt in Passivhausstandard zu errichten (Energiekonzept: GMI Ing. Peter Messner). Die geschwungenen Umrisse integrieren sich gut in die parkähnliche Situation – auch wenn ihre Übergänge teilweise weder Ecke noch wirkliche Rundung darstellen – und resultieren u. a. aus städtebaulichen Überlegungen und Beschattungsstudien.
Ein weiteres Beispiel für energieeffizientes Bauen ist das Gemeindezentrum in St. Gerold, im Großen Walsertal gelegen (Abb. 1, 2, Cukrowicz Nachbaur Architekten). Das erste viergeschossige rein in Holz und zugleich in Passivhausbauweise konstruierte Gebäude Vorarlbergs wurde im Mai 2009 fertiggestellt. Sein Heizenergiebedarf beträgt gerade mal 10,7 kWh/m²a, zum Beheizungskonzept gehören u. a. Erdsonden und eine Wärmepumpe sowie die Nutzung von Geräteabwärme (Energiekonzept: Technisches Büro Werner Cukrowicz). Verblüffend ist, was sich in der von außen unschein-baren und kleinen Kiste alles befindet: Ein Kindergarten und ein Mehrzweckraum, die Gemeindeverwaltung, ein Sitzungszimmer, sogar ein kleiner Dorfladen mit Lebensmitteln. Dabei scheinen alle Nutzungen den für sich notwendigen Raum zu haben – ein wahres Wunder komplexer Raumaufteilung, decken-, wand- und bodenseitig umrahmt von massivem, unbehandeltem Weißtannenholz.
erklärbares Phänomen
Nicht nur bei den aktuellen, auch bei bereits älteren Bauten in Vorarlberg [4] lässt sich erkennen, dass Energieeffizienz und Architektur vermehrt ineinandergreifen. Gemeinsam ist allen Gebäuden, dass man ihnen ihre »grüne Architektur« nicht ansieht: Ästhetik wird wie selbstverständlich mit Passivhaus- und Niedrigenergiegebäuden verbunden. Baukultur scheint mit einer Lässigkeit aus dem Ärmel geschüttelt, die man nur bestaunen kann. Das könnte anderen Ländern und Planern die Angst vor energetischen Verschärfungen beim Bauen nehmen. Zugeben muss man allerdings: So gut und eng wie hier arbeiten Handwerker wie etwa Zimmermänner und Fachplaner anderenorts nicht mit Architekten zusammen. Ausreichend Planungszeit, kleine Wege, kooperierende Behörden – anstelle eines »hygienischeren« Belags durfte z. B. der Fußboden des Dorfladens im St. Gerolder Gemeindehaus ebenfalls aus sägerauer Weißtanne hergestellt werden –, wenn‘s denn mal überall so schön (und) einfach wäre wie im Ländle hinterm Bodensee … •
Weitere Informationen: [1] siehe: www.e5-gemeinden.at sowie auch S. 10, Beitrag »LandLuft«, in diesem Heft [2] Mehr zur Initiative unter www.e5-gemeinden.at [3] Die Studie über »Möglichkeiten der Energieeffizienz in der Industrie«, ist auf der Internetseite des Landes Vorarlberg www.e5-gemeinden.at unter Wasser & Energie/Energie/Publikationen veröffentlicht. [4] siehe z. B. Verwaltungstrakt Krankenhaus Dornbirn, s. db 8/2005, S. 44 ff, Gemeindehaus in Raggal. db 12/2007, S. 42 ff, Gemeindehaus in Ludesch db 6/2008, S. 38 ff
Weitere aktuelle Architektur sowie voraussichtlich auch die hier vorgestellten Projekte können während der tri 2010 besichtigt werden: Vom 6.-8. Mai findet in Bregenz das 8. Internationale Symposium für energieeffiziente Architektur statt. Die tri, gegründet und veranstaltetet durch die beiden Firmen Drexel und Weiß und stromaufwärts – Photovoltaik, zählt mittlerweile rund 300 Teilnehmer. Am zweiten Tag findet jeweils eine Architekturexkursion statt.