Neugestaltung der Plaza de la Encarnación, Multifunktionsgebäude »Metropol Parasol« in Sevilla (E)

Schattiger Schaulauf

Der Versuch, einen zentralen Platz mitten im Herzen Sevillas durch eine aufsehenerregende bauliche Intervention zu neuem Leben zu erwecken, ist gelungen. Architekten und Ingenieure haben in enger Zusammenarbeit ein innovatives, wenngleich umstrittenes Wahrzeichen für die Stadt geschaffen, das nur dank technischer Neuentwicklungen bei den ingenieurbaumäßigen Verbindungsdetails der Holzkonstruktion verwirklicht werden konnte.

  • Architekten: J. Mayer H. Tragwerksplanung: ARUP
  • Kritik: Martin Höchst Fotos: David Franck, Fernando Alda
Biegt man mitten im Gewimmel der schmalen Gassen der Altstadt Sevillas um eine Ecke, kann es passieren, dass man seinen Augen nicht recht traut: Ein Gebilde schwingt sich einige Stockwerke über Straßenniveau ins Blickfeld, frei geformt und streng gerastert zugleich, voluminös und doch aufgelöst, in einer Farbigkeit, die zwar an Holz erinnert, dafür aber zu hell und homogen erscheint. Die mächtige Skulptur thront auf der weitläufigen Plaza de la Encarnación haushoch über den Köpfen der Passanten als eine Art ausschwingende Pergola, die, sich zu sechs kräftigen Stielen verjüngend, den Kontakt zur Erde hält. Das Bauwerk entzieht sich einer einfachen Deutung oder gar einer typologischen Einordnung und möchte – so scheint es – bestaunt, erforscht und in Besitz genommen werden. Passanten halten inne und wenden den Blick nach oben, um die Dimension des Gebäudes abzuschätzen. Oder sie lassen sich auf den Treppen nieder, die das Straßenniveau mit dem erhöhten Platz für Freiluftveranstaltungen verbindet, und beobachten die Wege anderer Besucher, die sich im Schatten dieses baulichen Großereignisses bewegen. Touristengruppen blicken durch amorph geformte Öffnungen im Boden auf die römischen Ausgrabungen im UG, bevor sie über eine Rampe dorthin abtauchen – entweder, um das archäologische Museum zu besuchen oder den Lift zu besteigen. Dieser bringt sie in einem der Stiele ganz nach oben auf die Beschattungskonstruktion zum »Skywalk« mit angeschlossenem Panoramarestaurant. Eiligere steuern die auf Straßenniveau gelegene Passage an, um von dort in die Markthalle zum Einkauf abzubiegen oder geradeaus weiter die fußläufige Nord-Süd-Verbindung durch das »Gebäude« hindurch zu nutzen. Die Überlagerung der verschiedenen Funktionen sorgt für eine stete Belebung und ermöglicht so die Begegnung von Menschen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen hier einfinden. Was könnte einem zentralen Platz in einer Stadt, in der das Leben draußen stattfindet, Besseres widerfahren? ›
Geduld und grosse Geste
Die vormalige auf der Plaza de la Encarnación errichtete Markthalle von 1842 wich schrittweise bis 1973 einem gigantischen Parkplatz. In den 80er Jahren schließlich wollte sich die Stadt dieses Makels im Herzen der Altstadt entledigen und projektierte einen adäquaten Ersatz für die von den Anwohnern vermisste alte Markthalle, ergänzt um eine Tiefgarage. Die dafür ausgehobene Baugrube offenbarte jedoch Reste römischer Grundmauern. Der prompt erfolgte Baustopp währte 15 Jahre, in denen Archäologen die Funde freilegten und dokumentierten. So klaffte also weiterhin eine Lücke mitten in Sevilla – nur eben rund 5 m tiefer. Erst 2003 unternahm die Stadt den erneuten Versuch, der unbefriedigenden Situation Herr zu werden und schrieb einen Wettbewerb aus: Neben einer Markthalle sollte nun auch ein Witterungsschutz der Ausgrabungen und eine (dem andalusischen Sommer durch Verschattung trotzende) Veranstaltungsfläche entstehen. Mit dem von J. Mayer H. verfassten Entwurf »Metropol Parasol«, dessen Bezeichnung sich ebenso wie die Formen seiner überdimensionalen »Sonnenschirme« einprägte, entschied sich die Jury für den spektakulärsten Vorschlag.
Wettbewerb und Wirklichkeit
Um eine optische Teilung des Platzes durch das Volumen der Markthalle im EG zu vermeiden, sah das kostspielige aber schlüssige Wettbewerbskonzept vor, die Oberflächen der beiden Platzniveaus zu verschmelzen. Der Straßenbelag aus grauem Granit zieht sich daher über Treppenanlagen und Rampen 5 m hinauf auf die Decke des EGs und geht in die ebene Veranstaltungsfläche über. Die darüber hinaus geplante Einbindung von Pflanztrögen, Sitzgelegenheiten und Wasserbecken in die Platzoberfläche fiel leider weitgehend dem Rotstift zum Opfer und wirkt daher teilweise recht banal. Die realisierten »Parasoles« – sie heißen bei den Sevillanos mittlerweile »Setas« also Pilze – weichen in Form und Dimension nur wenig von den Wettbewerbsplänen ab. Gebaut wurden sie jedoch nicht als mit perforiertem Blech bekleidetes Stahltraggerüst, wie es das unter Zeitdruck entstandene Wettbewerbskonzept vorsah und was Jürgen Mayer H. bald nicht mehr adäquat schien für die unkonventionelle Formgebung. Die Skulptur sollte konstruktiv homogener werden, und so untersuchten die Architekten zusammen mit den Ingenieuren von ARUP mögliche Alternativen. Nach doppelt gekrümmten zweischaligen ›
› Stahlmembranen und Studien zu Generierungsprozessen von Strukturen, die auf Schäumen basieren, fiel die Entscheidung u. a. aus Gewichts- und Kostengründen auf eine Struktur dünner vertikal angeordneter Scheiben aus polyurethanbeschichteten Schälfurnierschichtplatten. Diese Materialwahl trägt jetzt ganz entscheidend zur außergewöhnlichen Wirkung des »Riesenbaldachins« bei. Dem zuwider läuft allerdings, dass aufgrund erhöhter Brandschutzauflagen zwei der Stiele, in denen sich auch die Aufzüge bewegen, in Stahlbeton und die sie verbindende Plattform für das Panoramarestaurant als Stahl-Beton-Verbundkonstruktion ausgeführt wurden. Hier dient die vorgehängte Holzstruktur nur als Bekleidung. Auf ausdrücklichen Wunsch der Bauherren erweiterten die Architekten die in einem der Pilze integrierte Aussichtsplattform zum Panoramarestaurant mit Rundweg auf der Holzkonstruktion. Es besteht kein Zweifel, dass der beeindruckende auf- und abschwingende stählerne Skywalk »auf dem Dach der Stadt« zwischen 20 und 28 m über Straßenniveau zum festen Programmpunkt jedes Sevillabesuchs wird. Gleichzeitig jedoch bedingt diese Nutzungserweiterung auch Abstriche bei der Reinheit der Konstruktion und somit der Abstraktheit der Verschattungsskulptur.
Ideen, Versuche, Lösungen
Um das auch anhand von Schattenstudien entworfene geometrisch komplexe Volumen der »Setas« zu realisieren, bediente sich das Planerteam eines Rasters von 1,50 x 1,50 m. Die gewählte orthogonale Anordnung der Scheiben – statt einer um die Stämme radialen mit besseren Eigenschaften bei der Lastabtragung – bot die Möglichkeit, aufgrund der einfacheren Geometrie die nötigen Verbindungselemente zu standardisieren. Um unterschiedliche Lastbeanspruchungen berücksichtigen zu können und transportierbare Abmessungen zu gewährleisten, wurden die Scheiben wiederum in Abschnitte unterteilt und in einem digitalen 3D-Modell dokumentiert. Auf dieser Grundlage erfolgte die weitere Entwicklung des Tragwerks bis schließlich das ausführende Holzbauunternehmen insgesamt 3 600 unterschiedliche Holzteile per CNC-gesteuertem Abbundroboter herstellen konnte.
Da die offene Holzkonstruktion der Witterung ausgesetzt ist, besannen sich J. Mayer H. Architekten auf ein anderes ihrer Projekte: Bei der Mensa in Karlsruhe bediente man sich bereits einer 2-3 mm dicken, rissüberbrückenden und diffusionsoffenen Polyurethan-2K-Spritzbeschichtung als Holzschutz. Statt eines grünen wurde in Sevilla ein sandfarbener Ton verwendet, der sich auch in der Spezialbeschichtung der meisten sichtbaren Stahlverbindungsteile wiederfindet. Zusammen mit den Ingenieuren von Arup erarbeiteten die Holzbauer die Kopplungsdetails der Holzscheiben, ›
› die im Baukastenprinzip in über 2 700 verschiedenen Anschlüssen einsetzbar waren (s. Detailbogen, S. 94). Da sich die Befestigung der Momentanschlüsse mittels eingeklebter Gewindestangen an den Stirnseiten der Scheiben als zu hitzeunbeständig für die andalusischen Sommertemperaturen erwies, entwickelte man ein Verfahren zur Verbesserung der Eigenschaften des eingesetzten Epoxydharzes: Nach der sogenannten Temperung, bei der das Bauteil samt verklebtem Anschlussteil langsam auf 55 °C erwärmt wird, konnte eine weitergehende Vernetzung der Klebermoleküle und damit eine auf 80 °C erhöhte Temperaturbeständigkeit nachgewiesen werden. Ringförmig um die Stiele angeordnete Stahldiagonalen bewirken ein Tragverhalten ähnlich dem einer Schale und sorgen so für die Aussteifung der Schirme.
Um die Standsicherheit der gesamten Konstruktion nachzuweisen, mussten die einzelnen Bauteile und Verbindungselemente in einem Gesamtrechenmodell zusammengeführt werden. Darin wurden die Bauteilbreiten und -gewichte schrittweise bis zu ihren endgültigen Abmessungen angepasst. Diese sehr arbeitsintensive aber aufgrund der Komplexität des Projekts unumgängliche iterative Planung erforderte den steten Austausch der aktualisierten Daten und eine kooperative und zuverlässige Zusammenarbeit zwischen Arup, Finnforest und J. Mayer H..
Die mehr als selbstbewusste Geste, mit der »Metropol Parasol« im städtischen Gefüge auftritt, scheint übertrieben zu sein, aber die Rechnung der verantwortlichen Politiker, Sevillas historische um eine zeitgenössische Architekturattraktion zu erweitern, ist aufgegangen – wenn auch für sehr viel Geld, das die Stadt nicht hat. Ungeachtet dessen wich die Skepsis der Sevillanos gegenüber dem teuren Fremdkörper in ihrer Altstadt mit der Einweihung im März einem gewissen Stolz auf ihre Pilze. Die Umsetzung der Idee einer »urbanen Kathedrale« (Jürgen Mayer H.) ist gelungen: Der verschwenderisch großzügig überwölbte Raum mitten in Sevilla bildet tags wie nachts eine einzigartige Bühne für das städtische Treiben. •
  • Standort: Plaza de la Encarnación, E-41003 Sevilla Bauherr: Ayuntamiento de Sevilla und Sacyr Vallehermoso, Madrid Architekten: Jürgen Mayer H. Architekten, Berlin Projektleiter: Jürgen Mayer H., Andre Santer, Marta Ramírez Iglesias Projektteam: Ana Alonso de la Varga, Jan-Christoph Stockebrand, Marcus Blum, Paul Angelier, Hans Schneider, Thorsten Blatter, Wilko Hoffmann, Claudia Marcinowski, Sebastian Finckh, Alessandra Raponi, Olivier Jacques, Nai Huei Wang Wettbewerbsteam: Jürgen Mayer H., Dominik Schwarzer, Wilko Hoffmann, Ingmar Schmidt, Jan-Christoph Stockebrand, Julia Neitzel, Klaus Küppers, Georg Schmidthals, Daria Trovato Tragwerksplanung und Technische Gebäudeausrüstung: ARUP Berlin/Madrid Projektleitung: Jan-Peter Koppitz, Volker Schmid, Carsten Hein Projektteam: Mirko Kabel, Romain Buffat, Senem Gulal, Carsten Hein Holzbau, Bauteil- und Anschlussbemessung: Finnforest Merk, Aichach Projektleitung: Fritz Kunz, Guido Hock Vermessungsplanung: Gestopo, Sevilla Grundstück: 18 000 m² Überbaute Fläche: 5 000 m² Gesamtgeschossfläche: 12 670 m² Baukosten: ca. 90 Mio. Euro Bauzeit: Mai 2005 bis März 2011
  • Beteiligte Firmen: Generalunternehmer: Sacyr Vallehermoso, Madrid, www.gruposyv.com Holzkonstruktion: Finnforest Merk, Aichach, www.gruposyv.com Polyurethanbeschichtung: Logis Solution, Heldenstein, www.gruposyv.com Aufzüge: MP, Sevilla, www.gruposyv.com Stahlkonstruktion: MEGUSA, Sevilla, www.gruposyv.com; Silos Córdoba, Córdoba, www.gruposyv.com Fassadensystem: Schüco, Bielefeld, www.gruposyv.com Bodenbelag, Granit: MARGRASAN, Frenegal de la Sierra Türen: Maprinsa, Gijón, www.gruposyv.com
»Die größte Herausforderung war nicht nur die Komplexität, ein neuartiges Tragwerk zu realisieren, sondern v. a. die Arbeit an einer ›Skupltur‹ die Architektur und Tragwerk gleichzeitig repräsentiert; und diese in engster Kollaboration mit Bauherr, Architekt, Tragwerksplaner und Holzbauer.«
Jan-Peter Koppitz, ARUP
1 Zugang zu Museum und Lift 2 Archäologisches Museum 3 Markthalle 4 Passage 5 Läden 6 Skywalk

Sevilla (E) (S. 30)
J. MAYER H. Architekten
Jürgen Mayer H.
Architekturstudium in Stuttgart, New York und Princeton. Seit 1996 eigenes Büro in Berlin und Lehraufträge u. a. an der UdK Berlin, der Harvard University, der Architectual Association in London, der Columbia University in New York und an der Universität Toronto.
ARUP
Jan-Peter Koppitz
1973 geboren. 1994-2000 Bauingenieurstudium an der BTU Cottbus. Ab 2000 Mitarbeit bei Ove Arup Partners in London, jetzt in Madrid. Seit 2002 Tutor an der AA in London und an der Business School in Madrid.
Jose de la Peña
1962 geboren. 1981-86 Studium an der Escuela Técnica Superior de Madrid. Seit 1995 Mitarbeit bei Ove Arup Partners in Madrid, seit 2011 Abteilungsleitung.
Volker Schmid
1964 geboren. Studium in München, PhD an der Universität Stuttgart. Seit 2000 bei Ove Arup Partners in London, seit 2008 in Berlin. Professur an der TU Berlin.
Martin Höchst (mh)
1968 in Herrenberg geboren. 2001 Diplom an der Universität Stuttgart. Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros und selbstständige Tätigkeit. Seit 2009 Studium an der Freien Journalistenschule in Berlin und Praktikum bei der db, seit Juli 2010 Volontariat.