Stilgerechte Kruste

Sanierung eines Schulhauses in Kriens (CH)

Bei der energetischen Sanierung des Schulgebäudes in Kriens mit einem WDVS wurden verschiedene Putzstrukturen und ein ausgewogenes Farbkonzept umgesetzt. So entstand ein reizvolles Zusammenspiel des skulpturalen Baukörpers mit einzelnen Fassadenflächen, eine Bereicherung für den Bau aus den 70er Jahren.

  • Architekten: Schnieper Architekten
    Farbgestaltung: Jörg Niederberger
  • Kritik: Manuel Pestalozzi
    Fotos: Ursula Ochsenbein, Marco Homberger
Kriens ist zwar eine politisch autonome Gemeinde, das Siedlungsgebiet ist jedoch mit jenem der nordöstlich benachbarten Stadt Luzern verschmolzen. Wohn- und Gewerbebauten unterschiedlicher Ausmaße und Epochen finden sich zu einem heterogenen, abwechslungsreichen Miteinander zusammen. Darunter auch das 1972 eingeweihte, vom ortsansässigen Architekten Ernst Müller entworfene Primarschulhaus. Es biedert sich nicht an die gebaute Umgebung an, sondern verweist vielmehr auf seine Nutzung und den vorherrschenden gestalterischen Geist seiner Entstehungszeit. Es handelt sich um ein ehrgeiziges Architekturprojekt eines engagierten Architekten, und als solches um ein wichtiges bauliches Zeugnis für Kriens.
An der ansteigenden Straße zum Pilatus gelegen, markiert das Schulgebäude den südlichen Abschluss des historischen Ortskerns. Sein ausgedehntes Sockelgeschoss nimmt eine Turnhalle und ein Hallenbad auf und bildet so dank der Hanglage ein in Teilen begehbares, gestaffeltes Plateau. Hierüber »schwebt« der Klassentrakt in Form zweier paralleler Riegel mit je zwei Etagen. Die insgesamt acht Unterrichtsräume können dadurch von zwei Seiten mit Tageslicht versorgt werden. Zwischen dem Klassentrakt, angehoben durch ein System von Y-Stützen und Unterzügen, und den Sporthallen ergibt sich ein teils offener, teils überdachter Freibereich. Das vertikal verbindende, mittig angeordnete Treppenhaus mit den Schülergarderoben mündet oberhalb des Klassentrakts in einem Staffelgeschoss. Hier oben, wo vormalig die Wohnung des Hausmeisters untergebracht war, haben heute Schulleitung und Lehrer ihre Räume. Das streng symmetrisch gestaltete Bauwerk mutet einerseits archaisch und monumental an und bietet andererseits, dank seiner Plastizität, ein abwechslungsreiches Licht- und Schattenspiel.
Den Charakter wahren
Schäden im Dachbereich, undichte Fenster sowie eine unzureichende Dämmung der Sichtbetonkonstruktion veranlassten die Gemeinde, eine Sanierung in die Wege zu leiten. Sie hatte dem Bauherrenwunsch entsprechend kostengünstig zu sein und sich auf das Wesentliche zu beschränken: Zwischen 2009 und 2011, immer während der Sommerferien, wurden Fenster und Fassaden gemäß den aktuellen Standards erneuert, Schäden repariert und die Innenräume zurückhaltend renoviert.
Die Schwimmhalle des Schulhauses war bereits zu einem früheren Zeitpunkt energetisch saniert und mit Aluminiumplatten bekleidet worden. Die Vertreter der Gemeinde fassten auch für die übrigen Fassaden eine ähnliche Materialisierung ins Auge. Doch Architekt Patrick J. Schnieper, der mit der Planung und Ausführung der Arbeiten im Rahmen eines Ausschreibungsverfahrens betraut wurde, hatte anderes im Sinn: Er war überzeugt davon, dass sich mit einem verputzten WDVS der Charakter des Bauwerks besser wahren ließe. Schließlich war es ja gerade das massive, skulpturale Erscheinungsbild, welches die Qualität dieser Architektur ausmacht. So begutachtete er zusammen mit dem Künstler und Farbgestalter Jörg Niederberger in Luzern verschiedene Putzfassaden, insbesondere solche von Häusern aus den 20er und 30er Jahren, die sich durch ihre besondere Plastizität auszeichnen.
Auf Grundlage des gemeinsam erarbeiteten Gestaltungskonzepts wurde schließlich die Fassadensanierung entwickelt: Auf die 24 cm dicke EPS-Dämmung wurde eine mineralische Einbettung von 7 mm aufgebracht, es folgten der Deckputz, der je nach Bearbeitungsweise 2 bis 20 mm aufträgt, sowie die mineralische Farbe in drei Schichten. Die Gestalter wollten dem Putz unterschiedliche Oberflächenqualitäten geben, mit dem Ziel, das Erscheinungsbild des Sichtbetonbaus zu erhalten. Doch im Grunde handelt es sich bei jeder verputzten Fläche um eine Veredelung mit ornamentalen Qualitäten, aufgetragen in Handarbeit, die Arbeitsspuren zurücklässt. So verdeckt die applizierte Kruste in ihrer eigenen Echtheit den »wahren« Kern sowie das Tragwerk. Es waren auch solche vermeintlich widersprüchlichen Überlegungen zu den Eigenschaften des Materials Putz, die die Gestalter dazu animierten, für die Fassaden des Schulhauses unterschiedliche Oberflächen zu wählen.
Das Sanierungskonzept, das die sinnlichen Qualitäten des Gebäudes neu belebt, fand auch die Zustimmung der Gemeinde. Selbst die Denkmalpflegebehörde des Kantons, die sich nach dem Sanierungsbeschluss meldete, um den nichtsahnenden Bauherren mitzuteilen, dass sie mit dem Schulhaus im Besitz eines bereits inventarisierten und damit schützenswerten Objekts seien, hatte gegen die vorgeschlagene Putzlösung keine Einwände.
Werfen und Kratzen
Nachdem zunächst eine Erprobung an Mustern erfolgt war, schrieb der Architekt als Teil der Fassadenarbeiten insgesamt vier verschiedene Putzstrukturen aus. Bewerber hatten anhand von Arbeitsproben nachzuweisen, dass sie in der Lage waren, die Fassaden wunschgemäß zu bearbeiten. Der letztlich beauftragte regional tätige Generalunternehmer hatte sich sehr um den Auftrag bemüht, da er die anspruchsvolle Putzgestaltung der Schulhausfassade als wertvolles Referenzobjekt für seine handwerkliche Kompetenz nutzen wollte.
Der Sockelbau erhielt einen Deckputz aus Kellenwurf, dessen grobe und doch regelmäßige Struktur entfernt an etwas Gestricktes erinnert. Trotz der gut erreichbaren Position dieser Putzflächen entlang der Freibereiche war auch der Architekt beim neuerlichen Besuch einige Jahre nach Fertigstellung von der Unversehrtheit der Oberflächen überrascht und beeindruckt: von mechanischen Einwirkungen oder Graffiti keine Spur!
Die Untersicht des Klassentrakts erhielt eine eigene Putzstruktur, eine eher glatte Oberfläche, die dezente handwerkliche Spuren aufweist. Gänzlich glatter Putz wurde für die Y-Stützen und Unterzüge verwendet. Durch ihre rote Signalfarbe heben sie sich von den in Grautönen gehaltenen großen Flächen ab. Die eigentlichen Fassaden sind abwechselnd als vertikaler Rillenputz oder als Kratzputz mit horizontaler Richtung ausgeführt. Hier lassen sich die Spuren der Bearbeitungsinstrumente, anders als beim Kellenwurf, gut erkennen.
Der Systemwechsel über die Kanten zerlegt das Volumen in unterschiedliche Flächen, unterstützt von den grünlichen, gelblichen, rötlichen und bläulichen Farbnuancen, die den Grautönen der Fassaden beigemischt sind. So soll ein Gegengewicht zur Symmetrie der Anlage mit ihrer einst fast bedrohlichen Schwere geschaffen werden, was durchaus gelingt – trotz des »Zusatzgewichts« von WDVS und expressiver Putzschicht. •
  • Standort: Krauerstraße, CH-6010 Kriens
    Bauherr: Gemeinde Kriens, Stephan Buser
    Architekten: Schnieper Architekten, Kriens
    Patrick J. Schnieper, Cornelia Keller
    Baumanagement: Battagello + Hugentobler, Stansstad
    Farbgestalter: Jörg Niederberger, Büren; Jörg Niederberger / Muriel Stern
    BGF: 1 260 m² (ohne Pausenhalle)
    BRI: 4 550 m³ (ohne Pausenhalle)
    Baukosten: ca. 2,6 Mio. Euro
    Bauzeit: Juni 2009 bis August 2011 (jeweils nur während der Sommerferien)
  • Beteiligte Firmen:
    Putz: Keim Burrito, Keimfarben Diepoldsau, www.keim.ch
    Fassadenfarbe: Keim Soldalit®, Keimfarben Diepoldsau, www.keim.ch
    WDVS: Sarna-Granol, Sarnen, www.sarna-granol.ch
    Fensterprofile Holz-Metall: Fenster Bünter, Büren, www.fensterbuenter.ch
    Beschläge Fenster, Türen: Glutz Edelstahl, Solothurn, www.glutz.com
    Beschläge Möbel: Schlossfabrik Heusser, Murgenthal, www.heusser-schloss.ch
    Leuchten Pausenhalle: Bega, Menden, www.bega.de
    Leuchten Schulzimmer: Solo, Regent, Basel, www.regent.ch
    Sonnenschutz: Ausstellstoren, Schenker Storen, Schönenwerd, www.storen.ch
    Linoleumbelag Schulzimmer: Forbo-Giubiasco, Giubiasco, www.forbo.com

Schnieper Architekten

Patrick J. Schnieper
1968 geboren. Hochbauzeichnerlehre. 1991-96 Architekturstudium am Abendtechnikum der Innerschweiz in Horw (CH). 1998-99 Praktikum beim Fotografen Alex Kayser in New York. 1999-2006 Schnieper Keller Architekten, seit 2007 Schnieper Architekten. Seit 2014 in der Fachkommission Architektur der Gemeinde Wolhusen.

Der Autor: Manuel Pestalozzi
1962 in Zürich geboren. 1991-97 Architekturstudium an der ETH Zürich. 1997-2013 Redakteur der Schweizer Fachzeitschrift Architektur & Technik. Seit 2013 eigenes Textbüro Bau-Auslese.

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