Markt-/Parkplatz in Berlin-Köpenick

Roter Platz

Ein roter Wohnwagen steht auf rotem Asphalt unter einem überdimensionalen, ebenfalls roten Schirm. Keine Frage: Der wandelbare »MarktParkPlatz« von topotek 1 fällt auf. Der unkonventionelle Umgang mit Farbe und Fläche ist eines der Markenzeichen der Berliner Landschaftsarchitekten, ein weiteres, Räume für Viele und Vieles zu gestalten. Dabei ist das Ergebnis nicht immer unumstritten, so auch im Falle dieses Hybrid-Platzes.

  • Landschaftsarchitekten: topotek 1
  • Kritik: Carsten Sauerbrei
    Fotos: Hanns Joosten
Der Friseur schimpft wegen der Geldverschwendung, die Café-Betreiberin träumt von Sommerfesten und der Parkplatzpächter beantwortet geduldig die neugierigen Fragen der Touristen. Sie alle schauen seit Sommer 2007 jeden Tag auf den roten »MarktParkPlatz«, inmitten der Berlin-Köpenicker Altstadt. Die neue Gestaltung der ehemaligen Brachfläche ist das Ergebnis eines Wettbewerbs mit dem Ziel, Nutzungsmöglichkeiten für Baulücken aufzuzeigen und ihre Wiederbebauung zu fördern.
Fläche und Farbe
Ob er die erneute Bebauung befördert, ist noch nicht auszumachen; Aufmerksamkeit erregt er auf jeden Fall. Wenn die Gewerbetreibenden am Telefon erklären, wie sie zu finden seien, dann verweisen sie auf ihn: Der feuerwehrrote Schirm ist schließlich unübersehbar, wie er acht Meter hoch zwischen den pastellfarbenen Nachbargebäuden aufragt. Unter ihm eine Asphaltfläche, ebenfalls in auffälligen Rottönen. Diese verblassen aber nach 16 Monaten Nutzungsdauer schon. Die kostengünstige Straßenfarbe – die Gestaltung war nur als Zwischennutzung gedacht – müsste dringend erneuert werden. Ein Linienraster in Aubergine legt sich über die gesamte Fläche und trennt hellrote Parkbuchten und dunkelrote Fahrspuren voneinander. Große weiße Zahlen als Nummerierung vervollständigen das Bild. Unauffällig ist anders. Einerseits mache es einfach Spaß so zu arbeiten, sagt einer der Gründer von topotek 1, Martin Rein-Cano auf Nachfrage. Andererseits wolle er die Wahrnehmung von Orten verändern und anregen, über sie nachzudenken. Vorbilder für sein »Zeichnen auf dem Boden« findet er in Peru bei den Inkas oder in barocken Broderieparterres. Nur verwendet er eben zeitgenössische Materialien und Ornamente – Asphalt und urbane Zeichensysteme. Das Urbild für dieses Spiel mit Fläche und Grafik findet sich überraschenderweise auf der Terrasse vor dem Büro von topotek 1. Beim Projekt »Himmelsgarten«, 1997 in vier Stunden entstanden, wurden die Symbole des städtischen Straßenverkehrs – Zahlen, Zebrastreifen, Fahrbahnmarkierungen – aus ihrem gewohnten Umfeld heraus gen Himmel gehoben und bilden heute ein neues, abstraktes Muster auf der alten Dachhaut. So verwandelt sich Alltägliches in Künstliches und es wird ein frischer, unbefangener Blick möglich. Dies ist topotek 1 in Berlin-Köpenick ebenfalls gelungen und darüber hinaus macht dort das kräftige Rot Lust, den Raum in Besitz zu nehmen. An der Stelle einer grauen Abstellfläche ist ein Ort mit heiterem, südländischem Charme entstanden. Kein Wunder also, dass die Café-Betreiberin von einem großen Sommerfest träumt.
Multifunktionalität
Feste und Märkte wünschten sich viele Bürger für die Brache in der Altstadt, als man sie nach ihren Vorstellungen fragte; andere nannten den Erhalt des vorhandenen Parkplatzes. Oft führt das zu Lösungen, die nur »Entweder-Oder« kennen – nicht so bei topotek 1. »Sowohl-als-auch« ist ein Teil ihrer Entwurfsphilosophie. Damit können sie die verschiedenen Ansprüche an öffentliche Räume geschickt befriedigen und garantieren durch Vielfalt ›
› Lebendigkeit. »Gute städtische Plätze lassen immer mehrere Nutzungen zu«, meint Rein-Cano. Auf die Spitze getrieben hat er dieses Prinzip mit dem Projekt »SpielParkPlatz« in Berlin-Marzahn. Hier müssen Kinder und Autofahrer jeden Tag erneut aushandeln, wie jede einzelne Parkbucht genutzt wird, ob als Abstell- oder Spielfläche. In der Köpenicker Altstadt ist es der Schirm, der Multifunktionalität symbolisiert: Ist er geschlossen, wird geparkt; ist er geöffnet, finden Veranstaltungen statt. Dabei verwendet Rein-Cano zwei weitere Entwurfswerkzeuge: Übersetzen und Transformieren. Ein gewöhnlicher Sonnenschirm verwandelt sich so spielerisch in ein Signal für die verschiedenen Nutzungen. Nur, dass er fast immer geschlossen ist. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen lassen die Träume nicht wahr werden, heißt es dazu aus dem Rathaus.
Zwischennutzung und experimenteller Städtebau
Aber längst nicht alle am Platz geraten ins Schwärmen, spricht man sie auf die Gestaltung an. »Wird ja sowieso bebaut!«, argwöhnt der Friseur. Stimmt einerseits. Es ist ungewiss, wie lange die Anwohner noch auf den roten Schirm schauen werden. Im Moment wird der Verkauf des Grundstücks vorbereitet. Andererseits mussten topotek 1 mit minimalem Budget auskommen und doch schufen sie mit wenigen Eingriffen einen Ort mit Identität. Der vorhandene Asphalt ist belassen und nur übergestrichen worden. Anstelle der üblichen Kunststoffbeschichtung mit langer Lebensdauer wurde einfache Straßenfarbe benutzt. Mit einem einzigen, neuen Objekt, dem Schirm, bekommt die Fläche eine Mitte. Er lässt sich herausnehmen und an anderer Stelle wieder aufstellen. Was vorher Brache war, ist jetzt ein Platz. Mehr kann eine Zwischennutzung wohl kaum leisten.
Zwischennutzung bedeutet jedoch begrenzte Lebensdauer. Ist sie erfolgreich, müsste sie dauerhaft bleiben – eine paradoxe Situation, für topotek 1 aber nichts Ungewöhnliches. Widersprüche zu integrieren und für Veränderung offen zu sein, ist für sie selbstverständlicher Teil des »experimentellen Städtebaus«. Ironisch und lustvoll ist ihr Berliner Roter Platz. Qualitäten, die sonst in der Köpenicker Altstadt eher selten sind. Was soll man diesem Grundstück daher für die Zukunft wünschen? Dass es möglichst schnell bebaut wird, um Lücken zu schließen, oder dass es möglichst lange »MarktParkPlatz« bleibt? Für die Anwohner ist die Antwort auf diese Frage auch nicht ganz einfach, vielleicht: Weiterhin anregende Architektur. •
  • Objekt: Kaiak-Kunst+Architektur in Alt Köpenick Bauherr: stadtkunstprojekte e. V. Landschaftsarchitekten: topotek 1, Berlin Gelände: 1 022 m² Baukosten: 105 000 Euro Planungszeitraum: 2006 / 2007, Realisierung: 2008
  • Beteiligte Firmen: Sonnenschirm: MDT Ges. f. Sonnenschutzsysteme mbH, Hardheim Farbauftrag: Firma Wolfgang Weißig, Eichwalde