Landschaftshotel Juvet in Valldal

Raum ist in der kleinsten Hytte

Die malerische Schlucht Gudbrandsjuvet lockt jährlich rund eine halbe Million Besucher in die Wälder südwestlich von Trondheim. Der norwegischen Tradition, die Freizeit in einer Hütte auf dem Lande zu verbringen, folgt das Hotel »Juvet«, indem es seine Räume auf einfache Pavillons verteilt, die als minimale Eingriffe in die Natur mit der Landschaft verschmelzen. Die Architektur unterwirft sich ganz dem Hauptzweck: dem Erleben der Natur.

  • Architekten: Jensen & Skodvin Tragwerksplanung: Finn Erik Nilsen
  • Kritik: Bernd Hauser Fotos: Jensen & Skodvin
Nur einen Steinwurf von der Scheibe entfernt brüllt der Fluss Valldøla in ewigem Zorn. Weiß vor Wut hat er sich in den harten Gneis gebissen und eine schroffe Schlucht geschaffen, an der das Auge sich lange nicht satt sehen kann. Am Hang, direkt vor dem Fenster, krallen sich Birken und Kiefern in mannsgroße Felsblöcke und strecken ihre verwachsenen Glieder. Üppiges Moos versteckt hier und da die graue Nacktheit der Blöcke, die dem Berg Alstadfjellet irgendwann lästig geworden sind und von ihm abgeworfen wurden. Jetzt liegen sie hier wie ein Würfelspiel von Riesen. Hinter dem Fluss erhebt sich der Berg steil wie eine Wand – auf seiner flachen, schneebedeckten Kuppe kann man selbst im August skifahren.
Das ist der Blick, der den Gast im Hotel Juvet (auf deutsch: »Das Schlucht-Hotel«) gefangen nimmt. Das Hotel liegt auf dem Land eines alten Bauernhofes oberhalb des Dorfs Valldal am Norddalsfjord im Bezirk Møre und Romsdal. Anders gesagt: ganz weit draußen. Attraktionen gibt es hier nicht. Außer einer: Landschaft. Und so nennt der Besitzer Knut Slinning seine Herberge gerne auch »Landschaftshotel«.
Knut Slinning, ein drahtiger, unrasierter Mann von 59 Jahren, war früher Lehrer für Betriebswirtschaft. Heute kann man ihn oben auf dem Alstadfjellet auch mal mit Schrotflinte auf der Jagd nach Schneehühnern sehen.
Zwei Verse begleiten sein Leben, erzählt er, und beide passen auf sein Hotelprojekt. Der eine stammt aus Goethes »Schatzgräber«, dem er im Deutschunterricht begegnete: »Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste! Sey dein künftig Zauberwort.« Der andere Vers stammt von Pippi Langstrumpf: »Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut.«
Das Hotel besteht aus nur sieben einzeln stehenden Bungalows, ›
› erreichbar über Pfade aus knirschendem Kies, die zwischen den Felsblöcken mäandrieren. Die Bungalows scheinen wie zufällig zwischen Felsen und Bäumen verstreut, doch in Wahrheit ist die Position jedes einzelnen mit Bedacht gewählt. Die Glasfronten bieten zumeist den aufregenden Blick auf Schlucht und Fluss, andere haben eine kontemplativere Aussicht auf Moos und Felsen, die an japanische Gärten erinnern. Aber kein Bungalow stört den anderen durch seine Anwesenheit: Sie sind alle so platziert, dass jeder Gast die Natur scheinbar für sich allein hat.
Naturschauspiel in der camera obscura
Der Blick auf die Natur ist der Hauptzweck der Bungalows, alles andere ist diesem untergeordnet. Das Bad ist lediglich ein an den Hauptraum angegliederter Schlauch von nur 2 m² Größe, je nach Baumbestand geht das Bad in einem anderen Winkel vom Wohnraum ab. Man könnte fast glauben, die Häuser wären vor den Bäumen da gewesen.
Es gibt keine separate Duschkabine, die Brause ist einfach hinter der Tür an der Wand angebracht. Das Fenster muss ohne Sichtschutz auskommen: »Eine Reminiszenz an die alten Latrinen in den norwegischen Fjellhütten, von denen man auch zumeist eine tolle Aussicht hat«, sagt Knut Slinning und lächelt. Die Wände im Bad sind mit einer Farbe auf Wasserbasis aus dem Baumarkt knallig gelb gestrichen – sie erinnert an den Huflattich, der nach den langen Wintern hier oben als erstes vom Frühling kündet.
Auch der Schlafbereich ist so spartanisch wie in einer Bauernkate. Das Doppelbett passt genau in die Nische hinein, die sich offen an den Wohnbereich anschließt. Die Leselampen sind an die Wände geschraubt. Wer mehr Luft oder mit dem Rauschen des Valldøla in den Schlaf dämmern will, der öffnet einfach eine CD-große Schiebeluke, die an beiden Kopfenden der Betten in den Wänden angebracht sind.
Die Bettnische und auch der Wohnbereich sind mit Fichtenholz ausgekleidet. Aber anders als in traditionellen norwegischen Hütten ist das Holz nicht naturbelassen. Der gesamte Raum ist mit einer Farbe gestrichen, die an reife Oliven erinnert. Durch den dunklen Anstrich fühlt man sich in der Bettnische wie in einer gemütlichen Höhle. Im Wohnraum dagegen wähnt man sich im Innern einer riesigen alten Kastenkamera, die ja auch den Zweck hat, das Draußen nach Drinnen zu holen.
Aber will der Mensch wirklich in dunklen Höhlen wohnen, zumal im hohen Norden? »Architektur ist mehr als Konvention. Im besten Fall ist sie Poesie«, erklärt der Architekt Jens Olav Jensen. »Wir wollten unser Ziel, nämlich den Gast der Natur auszusetzen, nicht nur halbherzig verfolgen: Dazu brauchten wir die dunklen Wände.« ›
› Kennengelernt haben sich Architekt und Bauherr, weil Jens Olav Jensen im Rahmen des Ausbaus der Nationalen Touristenstraßen ein paar hundert Meter oberhalb von Slinnings Hof Aussichtsplattformen über die Schlucht Gudbrandsjuvet baute – so spektakulär, dass sie 2009 für den Mies-van-der-Rohe-Preis nominiert waren.
Bei Knut Slinning zündete die Idee des Architekten von den über die Landschaft gewürfelten Hotelbungalows, die in der Realität tatsächlich funktioniert: Die Natur erstrahlt hell wie auf einer Theaterbühne mit ausgefeilter Lichttechnik, stündlich, minütlich wechselt die Atmosphäre nach Tageszeit und Wolken, während der Gast im abgedunkelten Theatersaal sitzt. Obwohl die Bungalows nur zwischen 27 und 30 m² Fläche haben, fühlt sich der Gast nicht beengt: Die Glasfronten geben das Gefühl von Platz, Licht und Luft.
Der Natur ausgesetzt sein: Das bedeutet auch, dass es im Sommer nur vier, fünf Stunden dunkel ist. Jetzt überlegt Knut Slinning, ob er die Bettnische mit einem Vorhang ausstatten soll. Aber vielleicht reichen ja auch Augenmasken, wie man sie im Flugzeug bekommt? »Wir müssen aufpassen, dass wir unser Konzept nicht verwässern.«
Test auf kleiner Flamme
Aufgrund des äußerst unebenen Terrains stehen die Bungalows alle auf 14 im Fels verankerten Metallstelzen: Würden die Häuser wieder entfernt, gäbe es so gut wie keine Narben in der Landschaft. Der Aufbau der Bungalows ist denkbar einfach: Ein Rahmen aus Kanthölzern liegt auf den Stelzen, darauf sind Boden und 10 cm dicke Wände aus Vollholz-Elementen geschraubt. Die Flachdächer sind mit besonders widerstandsfähiger Dachpappe abgedichtet.
Für die Fassaden schraubten Slinnings Helfer auf Querlatten ein Längsgitter aus 5 cm dicken Kanthölzern, zwischen ihnen ließen sie Raum von 1 cm zur Belüftung. Das Kiefernholz ist mit Eisenvitriol gestrichen, das die natürliche Vergrauung beschleunigt und so die nagelneuen Häuser farblich mit den Birkenstämmen und dem Bruchholz am Boden verschmelzen lässt.
Unter dem Kies der Zugangspfade verlaufen Stromkabel und Wasserleitungen. Weil man in dem Fels nicht tief genug graben kann, liegen die Leitungen dicht unter der Oberfläche und werden von einem elektrischen Heizkabel begleitet.
Obwohl mit einer elektrischen Fußbodenheizung geheizt wird, sind nur Boden und Dach mit einer Wärmedämmung aus Styropor bzw. Stein- ›
› woll-Dämmplatten versehen, die Wände nicht: Was in Mitteleuropa als Klimasünde gälte, stört in Norwegen kaum jemanden, der Strom kommt zu fast 100 % aus Wasserkraft.
Zunächst waren bis zu 16 Bungalows geplant, aber »zusätzliche Räume müssten weit in den Wald hineingebaut werden, wir bräuchten lange Zuleitungen für Strom, Wasser und Abwasser, das würde sehr teuer«, erklärt Slinning, der erst einmal sehen will, wie sich die Nachfrage entwickelt:
»Wir setzen auf eine besondere Zielgruppe: Poor on time and rich on cash«, sagt Hotelier Slinning. 2 500 norwegische Kronen (313 Euro) kostet ein Bungalow pro Nacht, sicher zu teuer für den gewöhnlichen Urlauber. »Aber wenn nur 1 % der Touristen Interesse an meinem Konzept findet, bin ich immer ausgebucht«, sagt Slinning. Jeder Bungalow habe 125 000 Euro gekostet, doch insgesamt beliefen sich die Investionen auf 2,5 Mio. Euro; vor allem das Spa, das er ebenfalls mit breiten Glasfronten in den Hang baute, schlug zu Buche. Eine halbe Mio. Euro kamen aus staatlichen Fördertöpfen, den Rest habe er selbst investiert.
Es gibt Zeichen, dass sich der Einsatz lohnen wird. Bekannte Lifestyle-Magazine wie Wallpaper haben über das Konzept geschrieben, »Le Figaro« und »The Times« waren zu Besuch, und eine Dame aus Amerika insistierte, dass sie noch vor der ersten offiziellen Saison in diesem Sommer 2010 kommen dürfe. Daneben setzt der Hotelier vor allem auch auf den einheimischen Markt, er hofft auf Hochzeitsreisen und Konferenz-Gäste, die ihre Powerpoint-Vorträge in der hergerichteten Scheune des alten Bauernhofs halten können, dort, wo auch das Frühstück serviert wird. Bei den Norwegern dürfte das Hotelkonzept auf fruchtbaren Boden fallen, ist doch die Bewunderung für die Natur ein wesentlicher Bestandteil der nationalen Identität. Über die Hälfte der Bevölkerung hat die Möglichkeit, die Wochenenden und Ferien in einer eigenen »Hytte« zu verbringen – idealerweise eine einsame Blockhütte ohne Komfort. Tatsächlich bauen sich immer mehr Norweger jedoch luxuriöse Zweitdomizile, es entstehen ganze Hütten-Siedlungen aus uniformen Blockhäusern, die den ursprünglichen Gedanken des Alleinseins mit der Natur pervertieren.
Das Hotel Juvet setzt auf das Reine und Wahre der norwegischen Hüttenkultur; Exklusivität wird nicht nur durch Quadratmeterzahlen und Ausstattung bestimmt. Und bei Knut Slinning und seinem Landschaftshotel haben nicht nur Pippi und Goethe Platz, sondern auch dessen Dichterfreund Schiller: »Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar.« •
  • Adresse: Burtigard, Alstad, N-6210 Norddal Bauherr, Bauausführung: Knut Slinning, Valldal Architekten, Außenraumgestaltung: JSA Jensen & Skodvin Arkitektkontor, Oslo Mitarbeiter: Jan Olav Jensen (Projekleitung), Børre Skodvin, Torunn Golberg, Helge Lunder, Torstein Koch Tragwerksplanung: Siv. Ing. Finn Erik Nilsen, Oslo Anzahl Pavillons: 7 (realisiert), 28 (geplant) Bauzeit: 2007-09 (Planung: 2004-07) Fläche: Bestandssanierung: 600 m², Pavillons: 200 m² BRI: Bestandssanierung: 1 500 m³, Pavillons: 500 m³ Baukosten: 3 Mio. Euro (inkl. Bestandssanierung)
  • Beteiligte Firmen: Holzelemente: Moelven limtre, Moelv, www.moelven.com Verglasung: Norske Metallfasader as, Stange, www.moelven.com